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Kirche in WDR 3 | 08.10.2015 | 07:50 Uhr

Denn ihr selbst seid Fremde gewesen! (Ex 22,20)

Liebe Hörer und Hörerinnen,

ein Gottesdienst für die Toten, die vor 70 Jahren auf der Strecke geblieben sind. Für die, die nicht bestattet werden konnten, weil der Boden Pommerns gefroren war. Für die, die mit Schiffen wie der „Gustloff“ auf dem Grund der Ostsee den Tod fanden. Im Frühjahr dieses Jahres habe ich eine Gedenkfeier in Köln veranstaltet, bei der an die vielen Namenlosen und Vergessenen von Flucht und Vertreibung gedacht wurde. In diesem bewegenden Gottesdienst konnte denen ein wenig Würde wiedergegeben werden, die so würdelos zurückgelassen werden mussten.

Flucht und Vertreibung aus der alten Heimat war eine Grunderfahrung der jungen Bundesrepublik Deutschland: Am Ende des Zweiten Weltkrieges mussten etwa 12-14 Millionen Menschen fliehen oder wurden vertrieben. Der überwiegende Teil von ihnen waren Mütter, Kinder und Greise, die aus den deutschen Ostgebieten flohen und in die vier Besatzungszonen kamen. Meine Eltern, die auch zu dieser Generation gehören, flohen aus Ostpreußen und Pommern über zahlreiche Stationen, bis sie im Westen eine neue Heimat fanden.

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe im Erzbistum Köln habe ich mich intensiv mit diesen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt. Auch wenn man insgesamt von einer gelungenen Integration nach 1945 sprechen kann, wurde ein Teil der Geschichte noch kaum erzählt, weil sie immer noch mit Trauer und Scham verbunden ist. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die Flüchtlinge und Vertriebenen, die die Strapazen überlebt hatten, zunächst von ihren deutschen Landsleuten überwiegend schlecht behandelt, beschimpft und diskriminiert wurden. Während die Vertriebenen schon alles verloren hatten, fühlten sich die Einheimischen durch den „Zustrom der Fremden“ bedroht. Das wenige, das sie im Krieg bewahren konnten, jetzt teilen mit den Flüchtlingen? Viele empfanden das als Zumutung.

Heute, liebe Hörerinnen und Hörer, scheinen sich die Erfahrungen zu wiederholen: Hunderttausende von Kriegsflüchtlingen kommen aus Syrien, dem Irak und anderswo zu uns und fühlen sich von Teilen der deutschen Bevölkerung abgelehnt und ausgegrenzt. Dabei haben es die Flüchtlinge unserer Tage vielleicht noch schwerer, denn sie sprechen eine andere Sprache und haben andere religiöse und kulturelle Wurzeln. Nach 1945 kamen ja Deutsche zu Deutschen. Aber was diese vorfanden, erlebten sie häufig als „Kalte Heimat“; so lautet bezeichnenderweise das Buch, in dem Andreas Kossert die schwierige Ankunftsgeschichte der Vertriebenen aufgeschrieben hat. Darin wird deutlich, wie sehr die Vertreibung mit ihren Folgen unsere Gesellschaft bis heute beeinflusst.

Ich wünsche mir, dass die Aufarbeitung dieser Erfahrungen uns heute hilft, mit der aktuellen Herausforderung von Flucht und Vertreibung würdiger umzugehen. Daher hat mir Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Rede zum ersten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni aus der Seele gesprochen. Gauck wünschte sich dabei eine Erinnerungskultur der Empathie, die mit Blick auf damals das Verständnis für Flüchtlinge heute vertieft. Und er beendete die Rede mit den folgenden Worten: „Vor 70 Jahren hat ein armes und zerstörtes Deutschland Millionen von Flüchtlingen zu integrieren vermocht. Denken wir heute nicht zu klein von uns. Haben wir Vertrauen in die Kräfte, über die dieses Land verfügt“.

Vielleicht zählen Sie zu denen, die vor 70 Jahren selbst vertrieben wurden und hier Zuflucht suchten. Vielleicht haben Sie wie ich in ihrer Familie davon aus nächster Nähe gehört. Es ist höchste Zeit, diese Geschichten zu erzählen, bevor diese Generation abtritt, denn sie zeigen uns, dass viele von uns selbst einmal als Fremde hier angekommen sind. Das dürfen wir Deutschen nicht vergessen! Und wir sollten der Menschen gedenken, die damals wie heute die Flucht nicht geschafft haben. Über das würdevolle Erinnern hinaus vertrauen Christen darauf, dass bei Gott niemand verloren geht.

Aus Köln verabschiedet sich Eva-Maria Will.

Kossert, Andreas, Kalte Heimat. Die Geschichte der Vertriebenen nach 1945 (München: Siedler Verlag 2008).

Zur Rede von Joachim Gauck: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2015/06/150620-Gedenktag-Flucht-Vertreibung.html

Copyright Vorschaubild: Bundesarchiv_Bild_183-R77448,_Berlin,_Flüchtlinge_aus_dem_Osten

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