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Kirche in WDR 3 | 05.02.2022 | 07:50 Uhr

Das Leben der Kleinen

Als Kind hasste ich die kleinen Quälgeister, die manchmal im Sommer in meinem Zimmer herumkrabbelten. Jeden Abend kontrollierte ich vor dem Einschlafen die Wände, ob ich sogenanntes Ungeziefer entdeckte. Ihre Schleichwege verfolgte ich minutenlang, damit mein Pantoffel im geeigneten Moment zuschlagen konnte. Mein Zimmer sollte eine ungezieferfreie Zone sein. In seinem Zimmer herrschte das Kind über Leben und Tod. Als mir jetzt im Alter der Wert des eigenen Lebens bewusst geworden ist, kam ich ins Grübeln. Leben ist Leben. Auch die Winzlinge, die auf den Tapeten herumkriechen, besitzen ein schützenswertes Leben. Sind sie noch so klein, sie wollen nur leben und ihr Sterben mit aller Gewalt verhindern.

Mit dieser neuen Erkenntnis fuhr ich in Urlaub. Im Hotelzimmer angekommen wanderte mein erster Blick wie gewohnt umher. Ich suchte nach den Störenfrieden. Da, in einer zugänglichen Ecke entdeckte ich einen Ohrenkneifer, ein Tier, das mich immer abgestoßen hat. Als Kind hatte ich mir seine angebliche Gefährlichkeit fantasievoll ausgemalt. Die vielfüßigen Zwerge kriechen nachts in meinen Gehörgang, klammern sich dann mit ihren Zangen fest und legen vor meinem Trommelfell ihre Eier ab. Schon vor seinem Namen ekelte ich mich. Zunächst wollte ich wie in meinen Kinderjahren den Abwehrkampf beginnen. Aber ich hatte gelernt, und mein neues Verständnis bremste mich aus. Der Ohrenkneifer krabbelte ruhig in die nächste Ecke, ohne den Riesen, der in sein Zimmer eingebrochen war, zu beachten. Die schützenden Zangen an den Hinterbeinen fuhr er gar nicht aus. Er wanderte ohne Angst, obwohl ich mich vor ihm aufgebaut hatte. Doch mein Bein, mit dem ich früher losgetreten hätte, blockierte. Bewegungslos verharrte ich im Zimmer und beobachtete ein quicklebendiges Insekt. Da ein Ohrenkneifer mit Ohren und Kneifen nichts zu tun hat, gefährdete er mich nicht. Es gelang mir, aufmerksam und liebevoll das Leben des Winzlings zu betrachten. Früher hätte ich wie der römische Kaiser im Gladiatorenkampf gehandelt und den Daumen nach unten gesenkt. Jetzt hob ich ihn nur noch nach oben. Der Ohrenkneifer, der Schneider und selbst die Spinne sollen leben. Ihr Leben habe ich zu schützen, so wie mein Leben zu schützen ist. Ein Kind trampelt die Insekten tot, der alte Mann lässt sie leben. Trotzdem fiel es mir schwer, an jenem Abend einzuschlafen. Ich hörte nichts, ich sah nichts, aber ein Mitbewohner krabbelte in meinem Zimmer herum. In der Nacht jedoch beruhigte sich der Atem, und ein Riese und ein Zwerg schlummerten behaglich ein. Anderntags habe ich meinen Zimmergenossen nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich genoss er das Licht des Tages genauso wie ich. Ich bin froh, im Alter den Vers aus der Schöpfungsgeschichte verstanden zu haben (Gen 1,24f): „Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es….Gott sah, dass es gut war.“

Albert Damblon wünscht Ihnen ein lebendiges Wochenende aus Mönchengladbach.

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