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Kirche in WDR 3 | 19.02.2022 | 07:50 Uhr

Jubb Yousef

Guten Morgen!

Viele Ortsnamen am See Gennesaret kannte ich, bevor ich von Paris oder New York gehört hatte: Magdala, Kafarnaum, Betsaida...

Andere habe ich erst entdeckt, seit ich hier in Israel lebe und arbeite. Dazu gehört "Jubb Yousef" – die Zisterne des Josef. Der Name bezieht sich nicht auf Josef, den Mann von Maria, sondern auf den Josef aus dem Alten Testament. Nur zehn Autominuten vom See Gennesaret entfernt, liegt die Zisterne etwas abseits der Hauptstraße Richtung Norden, Richtung libanesische Grenze.

Auch wenn die biblische Erzählung von Josef und seinen Brüdern den Ort weiter südlich verortet: Seit dem Mittelalter verehren Muslime hier den Ort, wo Josef von seinen Brüdern in eine leere Zisterne geworfen wurde.

Josef hatte es seinen Brüdern nicht leicht gemacht. Er war von seinem Vater bevorzugt worden. Und jetzt waren die wütenden, eifersüchtigen Brüder ihn losgeworden. Als wenig später eine Karawane von Kaufleuten vorbeikam, wurde er aus der Zisterne herausgeholt und nach Ägypten verkauft – so erzählen ausführlich die Josefsgeschichte im Buch Genesis und der Koran. Sie endet aber versöhnlich damit, dass Vater und Brüder zu ihm nach Ägypten ziehen, wo er am Hof des Pharao Karriere gemacht hat.

Zwei Dinge faszinieren mich an dieser Geschichte. Einmal: Sie ist eine Gegengeschichte. Denn an prominenter Stelle erzählt die Bibel vom "Auszug aus Ägypten", der großen Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei der Israeliten. Und daran wird immer wieder erinnert – auch im Christentum. Die Josefsgeschichte dagegen erzählt von einem "Einzug nach Ägypten". Und damit wird all denen gesagt, die meinen, dass man "Ägypten", also die böse Welt, verlassen muss, um gottgefällig zu leben: Nein, es geht auch anders herum: Hinein in die scheinbar böse Welt – dort kann und muss man Gutes tun! Josef hat schließlich ganz Ägypten gerettet vor einer Hungersnot in sieben dürren Jahren.

Und dann fasziniert mich, wie Thomas Mann in seinem Roman "Joseph und seine Brüder" die Szene von Jakob in der Grube, in der Zisterne, eindrucksvoll nacherzählt. Er versetzt sich in Josef hinein, schildert die Qual, die Schmerzen, die Tränen und die Angst. Da heißt es:

Sprecher: "Es war ihm in der Seele schrecklich, in seinem Loche allein zu bleiben..."[1]

Josef jammert und fleht – und doch ist unter dem Unerträglichen, das doch ertragen werden muss, noch etwas anderes, eigentlicheres: – wie bei einem Dreiklang unter der Oberstimme noch andere, tiefere Töne sind.

Josef erkennt, was er angerichtet hat – und dass er es angerichtet hat. Aber noch darunter ist eine Art "Hoffnung gegen alle Hoffnung": Mag sie auch – so Thomas Mann – als eine "Maßnahme der Natur verstanden werden, ihm über das Unerträgliche hinwegzuhelfen" – in Josef ist diese Hoffnung lebendig. Thomas Mann schreibt:

Sprecher: "Die Grube war tief und an eine Rettung zurück in das Leben, das vor dem Sturz in die Tiefe lag, war nicht zu denken. Sie war solch ein Ungedanke, wie dass der Abendstern zurückkehren möchte aus dem Abgrund, darein er gesunken. Aber die Vorstellung des Sternentodes, der Verdunkelung und des Hinabsinkens des Sohnes, dem zur Wohnung die Unterwelt wird, schloss diejenige ein von Wiedererscheinen, Neulicht und Auferstehung. Und darin rechtfertigte sich Josephs natürliche Lebenshoffnung zum Glauben."[2]

Mir gehen diese Zeilen nicht aus dem Sinn. Stimmt das? Ist da immer, unter all den Schmerzen, Ängsten, wenn ich ganz unten bin, noch diese Hoffnung, dieser Glaube? Kann ich diesen Ton, diese Stimme nur manchmal nicht hören? Und ertrage ich das Unerträgliche doch nur mit seiner Hilfe?

Ach, wie sehr wünsche ich diesen Glauben, diese Hoffnung all denen, die heute in einer Grube sitzen – denn Jubb Yousef, die Zisterne des Josef, liegt nicht nur in den Hügeln von Galiläa...

Vom See Gennesaret grüßt Sie Georg Röwekamp.


[1] Joseph und seine Brüder. Der zweite Roman: Der junge Joseph (TB-Ausgabe), Frankfurt 11. Aufl. 2003, S. 184-196.

[2] Joseph und seine Brüder. Der zweite Roman: Der junge Joseph (TB-Ausgabe), Frankfurt 11. Aufl. 2003, S. 184-196.

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