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Kirche in WDR 3 | 16.03.2022 | 07:50 Uhr

Wie Gilgamesch mein Studium rettete

Aufgeben oder Weitermachen? Eine Frage, die gegen Ende des Studiums vielleicht besser nicht aufkommen sollte. Aber: Bei mir war das so. Vier Jahre ist das jetzt her. Und mein Theologiestudium hab‘ ich da schon fast in der Tasche.


Mit einem Freund laufe ich durch die Stadt. Und mit uns läuft das, was bisher passiert ist im Studium: Die ersten Vorlesungen. So viele neue Menschen, spannende Gespräche. Wir beide sind vom Land und kommen das erste Mal in die große Stadt. Partys, die Suche nach sich selbst und Freiheit. Also wo ist eigentlich das Problem? Hört sich doch gut an – oder?


Die Sache ist: Je mehr wir sprechen, umso mehr fühlt sich das an wie eine Flucht. Viele Worte, wenig Gehalt. Augen zu und durch?


Worüber wir nicht sprechen: Die zerbrochenen Freundschaften, die unerwiderte Liebe, der Druck. Was zu der Zeit zusätzlich bedrückt: Mein Vater war drei Jahre vorher an Krebs gestorben. Auch mein Bild von Kirche ist nicht mehr rosarot. Mit jedem neuen Skandal stirbt ein bisschen Idealismus. Der Geist des Anfangs ist weg. Die Realität kalt, die heile Welt ist zerbrochen.

Aufgeben oder Weitermachen?

Zum Studienabbruch fehlt nicht mehr viel, aber das Fass ist damals noch nicht übergelaufen. Neues Seminar, neues Glück: Bibelwissenschaften – Altes Testament. Die Vortragsthemen verteilt. Mehr als Kompromiss finde ich mich mit meinem Thema ab: Das Gilgamesch-Epos.

Dunkle Erinnerung ans erste Semester, Vorlesung Altes Testament. Gilgamesch, da war doch was: 4.000 Jahre alte Worte aus Babylon, mehr als 1000 Jahre älter als der älteste Text in der Bibel.

Abends sitze auf der Couch und fange an zu lesen: Es geht um diesen Gott-König. Es geht um Freundschaft, Tod, Trauer und Verzweiflung. Selbst Gilgamesch wird vom Leben nicht geschont. Er sucht nach Sinn. Und das Einzige was er findet? Die Gegenwart. Am Ende steht er da, wo er gestartet ist.

Ich klappe das Buch zu, es ist mitten in der Nacht. Seit dem Tod meines Vaters frage ich mich: Wenn am Ende doch eh nichts bleibt, warum das alles? Wo ist der Sinn? Oft fühle ich mich leer, bin lustlos. Aber von dieser Geschichte bin ich völlig überwältigt. Absolut unerwartet erkenne ich mich wieder im Gilgamesch, in seinem Trauern, in seiner Verzweiflung. Und am Ende stehe ich wieder genau da, wo ich angefangen habe. Oder?

Nicht ganz. Denn diese Erfahrung lässt mich nicht los. Sie ist mir einfach so passiert – aus heiterem Himmel. Ich fühle mich verstanden – von einem Text, der nach 133 Generationen noch immer da ist. Von Erfahrungen, die trotz der Zeitspanne von 4000 Jahre noch immer gemacht werden. Ich komme mir vor wie ein Zeitreisender. In den folgenden Wochen vertiefe ich mich immer mehr in diesen uralten Text. Ich gehe darin auf. Er wird zum Wendepunkt und rettet mein Studium – denn plötzlich brennt da wieder etwas in mir. Ich kann etwas anfangen mit meinen Erfahrungen und Gefühlen. Sie sind nicht sinnlos.

Es gibt Momente im Leben, da gibt es nur zwei Optionen. Aber manchmal hab‘ ich es gar nicht in der Hand. Dann passieren Dinge, die nehmen dir die Entscheidung ab. So hat mir Gilgamesch mein Studium gerettet.

Alles Zufall oder doch Gott?

Was auch immer Sie zum Weitermachen motiviert – oder zum Aufhören: Ich wünsche Ihnen, dass sie es finden – oder sich finden lassen.

Ich grüße Sie aus Duisburg. Ihr Stephan Orth.

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