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Kirche in WDR 3 | 14.04.2022 | 07:50 Uhr

Keine Likes mehr

Jesus Christ. 489 782 Personen gefällt der so sehr, dass sie ihm folgen. Daumen hoch. Jedenfalls auf Facebook. Das ist nicht besonders viel. Christiano Ronaldo folgen 151 Millionen, Helene Fischer 2,2 Millionen, dem Magier David Copperfield immer noch 1,1 Millionen. Die sind besser im Geschäft. Nur mal so als Beispiel. Ich könnte mir vorstellen, dass Jesus da etwas tun könnte, um mehr Likes zu bekommen. Es wäre vielleicht mal wieder Zeit für ein großes Wunder, etwas Spektakuläres. Ich will da jetzt gar nicht komisch werden, aber von Jesus-Tatoos, die heilende Wirkung haben, habe ich noch nichts gehört. Oder von Kreuzen, die in den Kühlschrank gelegt, über Nacht die Lebensmittel verdoppeln.

Ist ja auch alles Unsinn. Das war nicht sein Stil. Und es ging auch nie darum, Likes zu bekommen, also von anderen gemocht zu werden. Erst recht nicht, wenn man sich dafür anbiedern musste.

Das hat er in einer klassischen Szene aus der Passionsgeschichte im Johannesevangelium auch klar formuliert. Pilatus ist mit Jesus in seinem Amtssitz. Draußen rufen alle: „Kreuzigen! Kreuzigen!“ Und der römische Statthalter Pilatus spielt seine Spielchen. Als Jesus ihm keine Antwort mehr gibt, fragt er ihn: „Weigerst du dich mit mir zur reden? Weißt du nicht, dass es in meiner Macht steht, dich freizulassen? Ich habe aber auch die Macht, dich kreuzigen zu lassen!“ Nur um das klar zu haben: Es geht hier nicht mehr wirklich um Wahrheitsfindung. Pilatus will, dass seine Macht anerkannt wird. Sonst nichts. Nicht aber mit Jesus: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“ Und das war’s. Kein Eingehen auf diese Machtspiele. Auch in dieser ausweglosen Situation gibt es da keine Kompromisse. Niemand wird über Jesus Macht haben. Noch nicht einmal ein Like für den, der da gerade über Leben und Tod entscheidet.

Das ist eine Haltung Jesu, die schon sehr früh im Christentum von den sogenannten Wüstenvätern übernommen wurde. Einsiedler waren das, die sich in die Wüste zurückzogen, um ihr Ideal vom Christsein in möglichst großer Einsamkeit zu leben. Klingt erst einmal seltsam, weil man da ja niemandem helfen kann, was doch so der Kern des Christlichen ist. Für die Wüstenväter ging es aber darum, sich von allen Mächten unabhängig zu machen. Das war einfacher, wenn man so ganz auf sich gestellt war. Keine Menschen mehr, auf deren Lob oder Kritik man wartete, keine Aufgaben und keine Ziele, kein Funktionieren in einer Gemeinschaft.

Und gleichzeitig dann doch wieder sehr schwierig, denn in der Einsamkeit wurden sie dann mit all ihren Bedürfnissen konfrontiert, die sie so hatten: allen voran Hunger und Durst, das Bedürfnis nach Gesellschaft und Intimität, das Bedürfnis nach Lust und Geltung. Es gibt da sehr fantasievolle Gemälde von solchen christlichen Einsiedlern, wie sie allein in der Wüste sitzen, umlagert von den wildesten Dämonengestalten – die sich natürlich in echt nur in ihrem Kopf befanden.

Das Ziel aber war, von nichts und niemandem mehr abhängig zu sein, ganz ICH zu sein, ohne dass einen irgendeine innere oder äußere Macht bestimmt. Keine Likes mehr. Das geht soweit, dass man so gar nicht mehr am Leben hängt. Todessehnsucht. Klingt gefährlich – und ist es vermutlich auch. Der Effekt aber ist: keine Ängste mehr, keine Wut. Leben in vollkommener Freiheit. Die Psychologie nennt das Disidentifikation. Man macht sich von allem frei, worüber man sich bisher definiert hat, wovon man also abhängig war. Man identifiziert sich nicht mehr über den eigenen Beruf, die eigene Familie, die Freundinnen und Freunde, den Wohlstand, das Ansehen, selbst nicht mehr über das eigene, nackte Leben. Zurück bleibt – so der Gedanke – nur die Würde des Ichs, die durch Gott in die Welt gesetzt wurde. Anders ausgedrückt: Es bleibt nur ein einziger Like. Der göttliche.

Darauf ist auch Jesus zugesteuert. Am morgigen Karfreitag blieb nur ein einziger Like. Doch der reichte für das Osterfest.

Einer der Wüstenväter schrieb, man solle als Christ so bedürfnislos leben, als ob man schon drei Tage im Grab liege. Klingt in meinen Ohren furchtbar und ist für mich auch nicht machbar. Mir ist aber klar, dass das ein gewaltiger Schritt auf meinem Weg als Christ wäre.

Ihr Christoph Buysch aus Krefeld.

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