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Kirche in WDR 3 | 20.01.2023 | 07:50 Uhr

Ohrenreise nach Jaffa

Ein israelisches Sprichwort sagt: In Jerusalem wird gebetet, in Haifa wird gearbeitet, in Tel Aviv wird gefeiert. Und ich bin wahrscheinlich nicht der einzige Pilger, der sich nach ein paar Tagen an den Heiligen Stätten noch eine Nacht in Tel Aviv gönnt zum Ausgehen, Shoppen, Bummeln.

Und so ein Bummel in Tel Aviv, der führt zum Strand. Und so ein Bummel am Strand entlang, der führt oft nach Jaffa. Und wer durch Jaffa bummelt und die steilen Treppen zum Hafen hinabsteigt, der wird vielleicht an einem kleinen, verfallenen Haus vorbei kommen: Dort steht auf Hebräisch, Englisch und, ja auch auf Deutsch mit Farbe ungelenk gepinselt: Haus von Simon, dem Gerber.

Jedes Mal, wenn ich dort vorbeibummele, wundere ich mich. Denn: Die Kirche hat nun wahrlich an allen möglichen Stellen aus der Bibel Kirchen errichtet, Klöster, Meditationszentren. Aber nicht beim Haus von Simon, dem Gerber. Dabei geschah hier der religionsgeschichtlich entscheidende Schritt. Ohne Untertreibung ist das der Ort, von dem aus das Christentum zur Weltreligion werden konnte.

Denn: Mit diesem Ort sind zwei Erkenntnisse verbunden, die Petrus hatte – laut katholischer Tradition der erste Papst. Zwei Sätze sind von ihm überliefert, die wären es mal sehr wert, dass jeder Papst sie regelmäßig reflektiert, jeder Bischof auch. Leider kommen sie noch nicht einmal regulär sonntags in den Gottesdiensten vor.

Was sind das für zwei Sätze? Der erste lautet (Apg 10,28): „Mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.“ Und der zweite handelt von Menschen, die Gott gerufen hat (Apg 11,17): „Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe verliehen hat wie uns; wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?“

Zwei Hammer-Sätze, finde ich. Wer die beiden Sätze mal reflektiert auf die katholische Sexualmoral hin oder in Bezug auf die Frage, ob auch Frauen zum Priestertum berufen sind, bei dem klingeln die Glocken. Beide Sätze folgen einer mystischen Erfahrung, die Petrus gemacht hat, auf dem Dach von Simon dem Gerber, in Jaffa. Laut Apostelgeschichte hatte Petrus kurz zuvor ein Mädchen von den Toten erweckt. Ich kann mir nur denken, was das mit seinem Ego gemacht hat. Immerhin wird Petrus, der Fischermann allzu oft in der Bibel als eher unsicher beschrieben.

Wie auch immer: Danach geht Petrus zur Mittagsstunde aufs Dach und will beten. Aber Hunger überkommt ihn und eine Vision: Aus dem Himmel senkt sich ein Tuch. Auf ihm alle unkosheren Köstlichkeiten, die für einen frommen Juden so tabu sind, wie scheinbar für den Papst, übers Frauenpriestertum nachzudenken. Und eine Stimme sagt: „Nimm und iss“ – und Petrus will standhaft bleiben. Und sagt: Nein, darf ich doch nicht. Drei Mal geht das Spiel so. Bis es der Stimme zu viel wird und sie ruft „Was Gott für rein erklärt hat, das erkläre Du nicht für unrein.“

„Und während er noch darüber nachdachte“, heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 10,19) kommt eine Jüngergesandschaft vom Haus des heidnischen Hauptmanns Kornelius. Der will nämlich getauft werden. Auch das bis dahin: Ein Tabu. Bislang sind nur Juden getaufte Anhänger von Jesus. Aber Petrus reflektiert über die Vision: Kategorien wie rein – unrein gelten genauso wenig wie Jude oder Heide zu sein. Und er geht mit zu Kornelius. Und er hört dem Heiden zu. Und dann tauft Petrus den Hauptmann und dessen ganzen Haushalt. Ohne jemanden zu fragen. Er macht das einfach. Und damit handelt er sich von seinen jüdischen Apostel-Kollegen in Jerusalem mächtig Ärger ein. Denn das verstößt gegen die damaligen Religionsgesetze. Und er verteidigt sich mit einer Rede, die das Geschehene noch einmal erzählt. Und am Ende dieser Satz: „Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte.“

Nach jüdischem Maßstab hatte Petrus seine Religion verraten. Er hatte den „Zaun um die Tora“ durchbrochen. Aber: Mit dieser Taufe öffnete Petrus die Jesusbewegung hin zu allen Menschen. Und das war der religionsgeschichtlich entscheidende Schritt. Der spricht von einer ungemeinen Weite. Und vielleicht hat Jesus deshalb den Petrus berufen als Fels. Weil er wusste: Dieser Fischermann hat die innere Weite und den Mut, im entscheidenden Moment genau das einzusehen und zu religiös unkonventionell zu handeln. Ich gestehe: In diesem Sinne wünsche ich mir in meiner Kirche mehr Männer wie Petrus – und ja, auch Frauen. Mit Mut, mit Weite, mit der Gabe den Anderen anzuhören, und von der Erkenntnis geleitet, dass vor Gott kein Mensch unrein ist. Aus Köln grüßt Sie herzlich,


Klaus Nelißen


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