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Sonntagskirche | 16.03.2014 | 08:55 Uhr

Lücke lassen

In einer ärmlichen Bambushütte am Ausgang des Dorfes Mang Tao lebte einmal eine alte Frau. Jeden Morgen, während das Dorf im Schatten des Berges lag, machte sie sich auf den Weg hinunter zum Fluss. Auf ihren Schultern balancierte sie eine Holzstange, an deren Enden links und rechts zwei große Wasserschalen hingen. Der Weg war steinig, und zurück führte er steil bergauf. Hinzu kam, dass eine der Schalen einen Riss hatte, durch den unablässig Wasser tropfte. Zu Hause angekommen enthielt die eine Schale, sie war makellos, stets die volle Portion Wasser. Die andere mit dem Riss war nur noch halb voll. So geschah es Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, immer brachte die alte Frau nur eineinhalb Portionen Wasser heim.

Die makellose Schüssel war stolz auf ihre Leistung. Die mit dem Sprung war betrübt wegen ihres Fehlers. Nach einer Zeit fasste sie sich ein Herz und sprach ihre Besitzerin an: „Nicht wahr, ich habe da den Riss an der Unterseite, durch den auf dem ganzen Weg das Wasser tropft. Ich bin nicht viel wert.“

Die alte Frau lächelte: „Nein, es stimmt nicht, dass du nicht viel wert bist! Du bist mir sogar die liebere. Ist dir nicht aufgefallen, dass rechts und links unseres morgendlichen Weges Blumen blühen wie sonst nirgends an diesem felsigen Hang? Du bist es, die diese Blumen hervorbringt, denn du gießt sie jeden Tag, mal zur rechten, mal zur linken Seite. Wenn du nicht wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren. Und alle Menschen, die den Weg in unser Dorf gehen, kommen fröhlich bei uns an…“

Ich sähe mich gerne wie die makellose Schale: Leistungsfähig und erfolgreich. Aber ich bin es nicht. Ich sehe, was ich alles müsste und was ich alles nicht schaffe. Ich sehe, was ich alles will, und wie vieles davon nicht gelingt. Ich sehe, wie unvollständig ich bin. Wie die Schüssel mit dem Sprung, die ihre Arbeit nicht schafft, weil Wasser durch den Riss tropft.

Der Apostel Paulus kannte dieses Gefühl auch. Im zweiten Korintherbrief zählt er alles auf, worauf er stolz sein könnte. Und kommt am Ende zu dem Ergebnis, dass alles das nicht wichtig ist. Das Entscheidende sind nicht seine Heldentaten, nicht seine Erfolge, ist nicht seine Herkunft. Das Entscheidende sind seine Fehler, seine Handicaps. Auf die will ich meinen Stolz aufbauen, mein Selbstbewusstsein, schreibt er. Denn so hat es Gott mir befohlen, als er gesagt hat: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig…

Wie oft hat mich dieser Vers getröstet. Wenn ich wieder einmal nicht diszipliniert genug war und hinter meinen eigenen Erwartungen zurückgeblieben bin. Oder hinter den Erwartungen anderer. Wenn ich eine Predigt halte und ganz am Ende, wenn ich von der Kanzel steige, erkenne, wie ich das alles viel überzeugender hätte sagen können. Ich tröste mich dann mit einen „Wer-Weiß?“. Wer weiß, was bei meiner Gemeinde wirklich angekommen ist. Wer weiß, was Gott alles entstehen lässt, während ich Fehler mache? Wer weiß, was alles wachsen soll, während ich etwas schuldig bleibe?

Ach, wir müssten so vieles richtig machen und bleiben so vieles schuldig! Wie die Wasserschale mit dem Riss im Boden. Sind wir deshalb fehl am Platze? Nein, Gott fügt es so, dass unsere Fehler zu etwas Schönem beitragen, zum Guten ausgehen. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Die wunderbarsten Blüten treibt das Leben da, wo die Schalen einen Riss haben. Und wo wir Menschen eine Lücke lassen…

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Ulrich Pohl aus Neuss.

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