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Sonntagskirche | 23.03.2014 | 08:55 Uhr

Vier Kreuze

Vier Büßer waren einst auf dem Weg ins Heilige Land. Jeder von ihnen trug auf seinen Schultern ein großes Kreuz. Schon nach einem Tag wurde dem ersten das Kreuz zu schwer. Heimlich ließ er sich in der Herberge eine Säge geben und sägte rechts und links ein Stück vom Querbalken ab. Der zweite machte es in der zweiten Nacht mit dem Längsbalken ebenso. In der dritten Nacht nahm der dritte einen Hobel und hobelte die Balken dünner. Niemand sollte auf den ersten Blick sehen, dass auch er es sich leichter gemacht hatte.

Am vierten Tag kamen die vier Büßer an eine tiefe Schlucht. Wie nur hinüberkommen? Weit und breit kein Baum, kein Strauch und erst recht keine Brücke. Da legte der vierte, der bis dahin treu seine Last getragen hatte, sein Kreuz über die Schlucht und ging hinüber.

Die anderen wollten es ihm gleichtun, doch das Kreuz des einen war zu kurz, das des anderen hatte nicht genug Halt, das des Dritten war nicht stabil genug. Der aber den Abgrund glücklich überquert hatte, nahm sein Kreuz und ging seiner Wege.

Leiden vermeiden oder verringern - das ist ein uraltes Anliegen der Menschheit. Das Kreuz lindern - das ist ein berechtigtes Anliegen. Viel Energie hat die Menschheit darauf verwendet, Schmerzen zu mindern, Krankheiten zu bekämpfen und Mühen zu sparen. Da kann Gott nichts gegen haben. Nicht alle Qual muss ich bis zur Neige auskosten. Ich darf mir helfen. Ich darf mir helfen lassen von denen, die zu helfen wissen. Trotzdem bleiben in meinem Leben Dinge übrig, derer ich nicht Herr werde. Krankheiten, die kein Arzt begreift. Trauer, die die Seele nicht verwindet. Ängste und Verhaltensmuster, die immer wieder kommen und kaputtmachen, was an Beziehung so mühsam aufgebaut wurde.

In jedem Leben gibt es solch eine Last. Sie ist gemeint, wenn vom „Kreuz“ die Rede ist, das ein Mensch trägt.

Manchmal frage ich mich, wozu? Wozu ist es gut, dass ich mich so quäle? Wozu hat Gott mir diese Plage auferlegt? Ist es nicht besser, wenn ich mein Kreuz kleiner mache? Ich möchte nicht so viele Lasten mit durch mein Leben tragen. Ich möchte frei sein und selbstbestimmt leben, und je weniger Ballast ich mitschleppe, desto leichter fällt mir das. Ich möchte die Krankheit weghaben, die in meinem Körper sitzt. Ich möchte die alten Geschichten loswerden, die Niederlagen vergessen, die Trennungen endlich verschmerzen. Ich möchte die Trauer nicht mehr spüren, den Schmerz nicht mehr empfinden. Ich möchte unbelastet durchs Leben gehen.

Wenn ich mir solche Gedanken mache, tröstet mich die Legende von den vier Büßern. Denn sie erzählt davon, dass mein Kreuz einmal zum Schatz werden kann. Irgendwann auf meinem Weg werde ich an eine Stelle kommen, an dem das, was ich bisher geduldig getragen habe, umgekehrt mich tragen wird. Ich habe meine Eltern lange gepflegt. Wie getrost kann ich nun für mich sorgen lassen. Ich habe die Angst ausgehalten, die immer wieder Besitz von mir ergriffen hat. Wie gut kann ich nun meine Freundin trösten, die mir von der gleichen Angst erzählt. Ich habe mich durchs Examen gekämpft, obwohl ich nahe daran war aufzugeben. Wie gut kann ich nun dem Freund Mut machen, der vor dem gleichen Abgrund steht.

Das was ich durchstehe, kann einmal zur Brücke werden. Nicht nur für mich selbst. Auch für andere. Deshalb gebe ich der Legende von den vier Büßern in meinen Gedanken immer ein anderes Ende:

Einer der vier hatte sein Kreuz ungeschmälert getragen und den Abgrund heil überquert. Als er sah, dass die anderen Kreuze nicht reichten, winkte er seinen Gefährten: „Kommt auf meinem Kreuz über den Abgrund. Es war stark genug für mich, es wird auch euch tragen.“ Und so geschah es. Zu viert setzten sie den Weg fort und kamen schließlich gemeinsam ans Ziel ihrer Reise.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Ulrich Pohl aus Neuss.

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