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Sonntagskirche | 09.01.2022 | 08:55 Uhr

Vom Zählen und Messen

Guten Morgen!

Als Kind habe ich mit bunten Murmeln Zählen gelernt. Wie viele habe ich meiner Faust? Bis zu vier durften drin sein. Hatte mein Freund richtig geraten durfte er alle Murmeln behalten, die ich in der Hand hatte. Hatte er falsch geraten, musste er die Differenz ausgleichen – und ich umgekehrt. So lernten wir das Zählen, Vergleichen und Messen ganz spielerisch. Beim Basteln lernten wir Formen zu unterscheiden, auch Längen und Breiten. Selbst beim Backen mussten wir die Zeit messen, damit die Plätzchen nicht schwarz wurden. Ohne Zählen und Messen können wir den Alltag nicht bewältigen und die Welt nicht verstehen. Für Erwachsene hört das Zählen und Messen nie auf, weder beim Tempolimit noch bei Urlaubstagen und Überstunden und erst recht nicht beim Geld, beim Auskommen mit dem Einkommen. Eigentlich zählen und messen wir rund um die Uhr, auch wenn wir’s gar nicht mehr wahrnehmen.

Und doch ist das Wesentliche im Leben nicht messbar. Nicht messbar, wieviel Liebe in einem Kuss ist, wieviel Verlässlichkeit in einer Freundschaft, wieviel Trauer in einer Träne, nicht messbar, wieviel Entsetzen aus einem Alptraum kommt, wieviel Fassungslosigkeit aus einem Schicksalsschlag, wieviel Trost aus einem guten Wort. Wie auch ehrfürchtiges Staunen unter einem Sternenhimmel nicht messbar ist, nicht die ausufernde Freude beim Torjubel, oder die grenzenlose Erleichterung nach überstandener Gefahr. Alles unberechenbar. Und was unberechenbar ist, geht nun mal nicht auf in einem Wieviel.

Als Kinder haben wir das gelebt. Wir konnten selbstvergessen ins Spiel versinken und die Zeit Zeit sein lassen. Als Kinder tauchten wir ein mit Haut und Haar in die Geheimnisse des Lebens und spürten ihnen nach.

Wie anders tickt unsere Erwachsenenwelt. Da haben Zahlen das Sagen allüberall. Quer durch die Medien werden wir tagtäglich überhäuft mit Daten, Diagrammen, Werten. Davon sind manche bestimmt wichtig, wie die Blutwerte beim Arzt, die Impfraten in der Pandemie, die Zahlen vom Arbeitsmarkt, vielleicht auch das Politbarometer und manches mehr. Aber müssen wir wirklich wissen, wieviel Suppe im Durchschnitt konsumiert wird, oder wieviel Popcorn man mit mitnehmen darf in ein Flugzeug? Gar ratlos macht mich die Statistik, wie oft 55-Jährige heutzutage Sex haben. Geht’s beim Sex wirklich um ein „Wie oft“, ums Zählen und Messen? Oder geht’s ums Erleben, um Hingabe, ja, um ein geheimnisvolles Versinken mit einem geliebten Menschen.

Ob Winterabende mit Freunden, Naturerlebnisse, Musik: Wo das Leben noch geheimnisvoll ist, gibt es Augenblicke, in die wir versinken und dann die Zeit vergessen, wie früher als Kinder. Augenblicke, die die Grenzen des Alltags weiten, mich im Innersten berühren und eine geheimnisvolle Tiefe des Lebens zum Leuchten bringen.

Es sind Augenblicke, die ich wieder wachrufen kann, von ihnen zehren in trüben Tagen. Augenblicke, in denen ich Gott auf der Spur bin, dem Geheimnis der Welt, aus dem ich lebe, webe und bin.

 

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen.

 

  

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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