Aktuelles

Beiträge auf: wdr4 

evangelisch

Kirche in WDR 4 | 18.06.2022 | 08:55 Uhr

Erinnerung

Guten Morgen.

Ich bin erleichtert und freue mich. Sie hat mich erkannt. Sie scheint noch kleiner und schmaler geworden zu sein, wie sie so in ihrem Bett im Zimmer des Altenheims liegt. Aber ihre Augen leuchten und sie lächelt, als sie mich erkennt. Nach zwei Schlaganfällen ist sie nun hier. Ihre Familie kümmert sich liebevoll um sie, aber in ihren eigenen vier Wänden konnte sie nicht mehr bleiben. Wir kennen uns seit über 20 Jahren, haben manches miteinander erlebt und ich fühle mich ihr sehr verbunden. In diesem Jahr wird sie 88. Durch die Schlaganfälle ist auch ihr Gedächtnis betroffen – das weiß sie sehr genau, als sie traurig lacht und sagt: „Wenn Sie mir jetzt etwas erzählen, Frau Krumbach, ist alles klar; aber heute Nachmittag habe ich es wieder vergessen.“ Wir unterhalten uns darüber, wie es ihr jetzt geht, über vergangene Erlebnisse und über ihre Familie – einiges davon weiß sie, anderes nicht. Im Lauf unseres Gespräches sage ich zu ihr: „Ich habe Sie immer dafür bewundert, dass Sie nichts auf die lange Bank geschoben haben. Dass Sie trotz Ihrer Herzerkrankung regelmäßig Urlaub mit Ihrer Freundin gemacht haben, dass Sie mit der Kirchengemeinde unterwegs waren und so manches Fest gefeiert haben. Sie haben so viel Schönes erlebt. Das kann Ihnen niemand mehr nehmen.“ – Da blickt sie mich wehmütig an und sagt leise: „Ja, aber was nützt mir das, wenn ich mich nicht mehr daran erinnere?“

Ihre Worte machen mich betroffen, und wir schweigen eine Weile, bevor wir das Gespräch wieder aufnehmen.

Nach meinem Besuch denke ich über ihren Satz nach: „Was nützt mir das, wenn ich mich nicht mehr daran erinnere.“
Wie leicht sagen wir das: „Die Erinnerungen kann uns niemand nehmen.“? Die Erinnerung an eigene Erlebnisse oder die Erinnerung an geliebte Menschen, die gestorben sind. Wie oft lese ich unter einer Traueranzeige die Worte: „In unserer Erinnerung lebst du weiter“. Natürlich, viele Erinnerungen bleiben eine lange Zeit lebendig, aber sie können auch verblassen oder sogar gänzlich verschwinden. Ausgelöscht aus dem Gedächtnis, als hätte es sie nie gegeben.

Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, sind die Worte Jesu Christi zu lesen: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Die Bibel, Offenbarung 22,13) Das bedeutet für mich, dass Jesus Christus alles umfasst: die gesamte Schöpfung, die Dimension der Zeit und sogar jedes einzelne Menschenleben. Von A-Z hat er alles im Blick, vom Kleinen bis zum Unendlichen. Er weiß um alles, was geschehen ist, Schönes wie Trauriges, Gutes wie Schlechtes. Bei ihm gerät nichts in Vergessenheit oder geht verloren. Bei ihm ist alles aufgehoben – auch das, was wir längst vergessen haben. So unvorstellbar dieser Gedanke ist, so tröstlich finde ich ihn.

Einige Tage später treffe ich sie im Dorf. Ihre Tochter schiebt sie im Rollstuhl und beide genießen das schöne Wetter. Auch diesmal erkennt sie mich sofort. Wir unterhalten uns einige Minuten.

Ob sie sich an unser letztes Gespräch erinnert, weiß ich nicht. Aber das ist auch nicht so wichtig. Jesus Christus ist der Anfang und das Ende – bei ihm ist alles aufgehoben.


Gott befohlen! Ihre Johanna Krumbach, Pfarrerin in Augustdorf.



Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen