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Kirchweih und Kirmes
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Das Geistliche Wort | 20.09.2026 | 08:40 Uhr

Kirchweih und Kirmes

Am kommenden Sonntag, also am 27. September, lassen wir in Köln ein ganz besonderes Geburtstagskind hochleben. Es wird in diesem Jahr schon siebenhundertvier Jahre alt. Ja, Sie haben richtig gehört. Aber es ist auch kein Mensch, der Geburtstag feiert, sondern ein Gebäude:

Der Kölner Dom.

Mein Name ist Robert Kleine und ich darf seit 14 Jahren als Domdechant die Geschichte einer der bekanntesten und bedeutendsten Kirchen in Deutschland mit begleiten. Hier wurde ich 1993 zum Priester geweiht. Hier feiere ich Messe.

Der Dom liegt mir am Herzen – und so vielen anderen Menschen, nicht nur in Köln.



Musik 1: Willi Ostermann, Refrain aus „Heimweh nach Köln“ – ab 0’39 https://www.youtube.com/watch?v=ECZ7-V5G0AI )



Den Geburtstag des Doms feiern Katholiken an seinem Weihetag. Richtig gehört: Wie ich einst geweiht wurde zum Priester, so wird eine neue Kirche oder Kapelle nämlich nicht einfach eröffnet. Sie wird ebenfalls geweiht. Das heißt, der Kirchenraum wird für den Gottesdienst bestimmt.

Eine Kirche ist zunächst ein Gebäude aus Stein. Darin unterscheidet sich der Dom nicht von einem Reihenhaus in Köln-Marienburg oder vom Kaufhof-Gebäude in der Schildergasse. Aber der Dom hat eine andere Bestimmung: Er ist weder Konsumtempel noch Eigenheim: er ist eben ein „Gotteshaus“. Und diese Bestimmung hat er im Jahre 1322 erhalten, durch die feierliche Weihe. Was für ein Jahr! Kaiser im Deutschen Reich war damals – wer? Keiner! Darum stritten sich zwei:
Noch am Tag der Weihe regierte der Habsburger Friedrich, genannt „der Schöne“ als König; unterlag aber einen Tag später seinem Konkurrenten, Ludwig IV, genannt „der Bayer“ in einer Schlacht, der sollte später Kaiser werden.

Bewegte Zeiten, in denen der Dom geweiht wurde. Und Sie werden es wissen: Der Dom war damals keineswegs fertig. 1248 begannen die Bauarbeiten, erst 1880 war der Dom vollendet. Aber: eine Kirche ist der Dom seit seiner Weihe. Damals wie heute steht im Mittelpunkt der Weihe einer katholischen Kirche die Weihe des neuen Altares. Und im Mittelpunkt dieses besonderen Gottesdienstes steht das Weihegebet. Der Bischof, der oberste Hirte des Bistums – und in Köln, heute wie damals: der Erzbischof –
bittet Gott darum, diesen Altar zu heiligen und ihn für die Feier der Eucharistie zu bestimmen. Ein noch heute sehr feierlicher Moment…


Musik 2: Elgar: Lux Aeterna von Edward Elgar https://youtu.be/i1S8Pkl0ol0?si=fh8GSAzcO-BuKa1w


Ein besonders eindrucksvoller Moment bei der Weihe einer Kirche ist die Salbung des Altares mit Chrisam. Wenn man so will: der wichtigste Kultort in einer Kirche wird eingecremt. Und das nicht von ungefähr. Chrisam ist ein kostbares, vom Bischof geweihtes Öl. Mit Chrisamöl wurden schon im alten Israel Könige gesalbt. In jüngster Zeit wurde Charles von England zum König gesalbt. Mit dem Chrisamöl werden in der katholischen Kirche aber auch die gesalbt, die das Sakrament der Taufe, der Firmung und der Priesterweihe empfangen. Die Salbung ist ein Zeichen dafür, dass etwas oder jemand Gott besonders anvertraut und für eine heilige Aufgabe bestimmt wird. So wird auch der Altar durch die Salbung Gott übergeben. Danach wird auf dem Altar Weihrauch verbrannt. Der aufsteigende Rauch ist ein wunderschönes Bild: So wie der Weihrauch aufsteigt, so sollen auch die Gebete der Gläubigen zu Gott aufsteigen. So heißt es schon im 141. Psalm der Bibel: „Nimm mein Gebet an wie den Duft geopferten Weihrauchs.“

Dann wird der Altar für die Eucharistie vorbereitet: Das Altartuch wird aufgelegt, Kerzen werden entzündet. In diesem Moment wird der Altar zum „Tisch des Herrn“ – denn auf ihm wird nicht, wie auf Altären in antiken Tempeln ein Tier geopfert, oder sonstiges, sondern ein Mahl bereitet: die Eucharistie, jenes Gedächtnismahl, das Jesus in der Nacht vor seinem Tode stiftete. Und so wird auf dem neu geweihten Altar zum ersten Mal die Eucharistie gefeiert. Damit wird sichtbar, wozu der Altar bestimmt ist: Er ist Mittelpunkt der Mahlgemeinschaft, die sich bei jeder Messfeier versammelt um den „Tisch des Herrn“.

Sie merken es: eine katholische Kirchweihe ist eine komplexe Abfolge von Ritualen; von Zeichenhandlungen, die sichtbar, riechbar und auch hörbar deutlich machen: Dieser Ort ist jetzt Gott übergeben. Vom Augenblick der Altarweihe an soll das Kirchengebäude ein Ort sein, an dem Menschen Gott suchen und finden können. Ein Ort, an dem Menschen ihre Freude und ihre Trauer vor Gott bringen. Ein Ort des Gebetes. Ein Ort der Stille. Ein Ort des Lobpreises in der Musik. Und vor allem ein Ort der Mahlgemeinschaft in der Eucharistie. Kurz: ein Ort zur Höheren Ehre Gottes


Musik 3: Gloria (Antonio Vivaldi) RV 589 https://youtu.be/RSbkKFViZPo?si=znDXhkNiJ8PKUtNu (bis 1’16)


Wie mag es zugegangen sein in Köln, am 27. September 1322? Ich versuche den Blick zurück von 700 Jahren; im Wissen um das, was bis heute überliefert wurde: Köln ist damals nicht nur die größte Stadt im deutschen Reich, Köln ist bedeutende Bischofsstadt. Schon der Vorgängerbau, der „alte Dom“, 870 geweiht, wurde „Mutter aller Kirchen Germaniens“ genannt. 1164 ziehen dann die Reliquien der Heiligen Drei Könige in Köln ein und spätestens damit wird die Metropole zu einem echten Pilgerzentrum in Europa. Ein neuer Kirchenbau soll das verdeutlichen.

1322 wächst seit Jahrzehnten das gewaltige Bauwerk in den Himmel: Der neue gotische Dom. Er ist lange noch nicht fertig. Die Türme sind noch nicht errichtet. Viele Generationen werden noch kommen, bis der Dom seine heutige Gestalt erhalten sollte. Aber sein Chor ist vollendet, also der östliche Teil, in dem auch der Altar steht. Der Chor des Kölner Doms ist 1322 ein abgeschlossener Raum, in dem man schon Gottesdienst feiern kann. Und so steht am 27. September 1322 der Erzbischof von Köln, Heinrich II. von Virneburg, der Weihe des Altars vor.

Es ist der Augenblick, in dem diese größte Kirchenbaustelle ihrer Zeit zugleich ein heiliger Raum ist. Aber mit der Weihe ist in Köln damals das Fest noch nicht beendet. Denn: Nach der Altarweihe wird der Dreikönigenschrein in einer feierlichen Prozession in den Chorraum getragen. Dieser Schrein war der größte seiner Art im Mittelalter. Es ist schwer vorstellbar, wie mächtig allein der Eindruck dieses Schreins des Goldschmiedes Nikolaus von Verdun auf die damaligen Menschen gewesen sein muss. Seit der Ankunft der Reliquien der Heiligen Drei Könige pilgerten Menschen aus ganz Europa nach Köln. Die Gläubigen wollten jenen legendären Königen nahe sein, die einst so nah dabei waren bei der Menschwerdung Gottes in Bethlehem.


Am 27. September 1322 ziehen diese hochverehrten Reliquien endlich in den neuen Dom ein. Man kann sich den Moment kaum groß genug vorstellen: Der fertiggestellte Chorumgang ist festlich geschmückt. Eine beeindruckende Prozession bewegt sich durch das mittelalterliche Köln.

Geistliche und Gläubige begleiten den Schrein, während die Glocken aller Kirchen läuten. Der Legende nach standen im mittelalterlichen Köln 365 Kirchen – eine für jeden Tag des Jahres…. Das mag übertrieben sein. Aber das Geläut aller Kölner Kirchen war sicher ergreifend.



Musik 4: Boris Godunow - Krönungsszene im Moskauer Kreml - Theo Adam https://www.youtube.com/watch?v=uiPDs8kPFro



Heiliger Schauder und Kölsche Wein- und Bierseligkeit – das wird damals nah beieinander gelegen haben. Eine mittelalterliche Stadt kennt keine klare Trennung zwischen „religiös“ und „weltlich“. Wenn im Mittelalter eine Kirche geweiht wird, ist das ein Fest für alle Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Und nicht nur für die: Pilger kommen von außerhalb und Händler nutzen die Gelegenheit für Geschäfte.

Rund um den kirchlichen Anlass wird also gefeilscht, gefeiert, gegessen, getrunken und Musik gemacht. So ist es auch in Köln an diesem 27. September im Jahr 1322. Und weil der Weihetag der Geburtstag der Kirche ist, wird jedes Jahr gefeiert.

Der Festtag beginnt natürlich mit der Messe zu Kirchweih, kurz „Kirchmesse“. Und nach dem Festgottesdienst startet das große Fest für die ganze Gemeinde oder sogar die ganze Stadt. Mit Musik und Tanz, Essen und Trinken, und Unterhaltungsspielen für die Kinder.

So entwickelt sich vielerorts aus der „Kirch-messe“ die „Kir-messe“ und schließlich die „Kir-mes“. So spielte die Kirchweihe eine zentrale Rolle im Aufkommen des bis heute bestehenden Jahrmarktswesens.


Musik 5: Being For The Benefit Of Mr. Kite! (Remastered 2009)
https://youtu.be/bJVWZy4QOy0?si=O0KdPbsqEsA4chM7


Aber genug vom Jahrmarktstreiben. Kommen wir zurück ins Jahr 2026, ins Treiben auf der Domplatte. Die 1880 fertiggestellten Türme des Doms sind längst zum Wahrzeichen Kölns geworden, ein Weltkulturerbe. Dass wir vom Kölner Dom inzwischen Eintritt nehmen müssen, um die Kosten der Instandhaltung zu decken, das haben Sie sicher mitbekommen. Nach bald drei Monaten hat sich dieser auch für uns schwere Schritt etabliert.

Menschen bestaunen weiterhin dieses Bauwerk, das als „die Vollendung der Gotik“ bezeichnet wird. Wenn auch der Großteil der Kathedrale in der Preußen-Zeit fertiggestellt wurde, so ist der Chorumgang noch immer derselbe, der 1322 geweiht wurde. Und auch der Weihetag ist natürlich geblieben: der 27. September. Dieser erinnert besonders daran: Auch heute ist der Dom nicht zuvorderst ein Museum, sondern ein Gotteshaus.

Rund um den Weihetag findet die Dreikönigswallfahrt statt.
Und dann ist der Dom „in seinem Element“: Menschen aus dem ganzen Erzbistum Köln und darüber hinaus kommen als Pilgerinnen und Pilger zum Dom. Sie singen und beten gemeinsam, entzünden in Stille eine Kerze am Dreikönigenschrein und feiern die Festgottesdienste anlässlich der Kirchweih unseres Domes. Natürlich wird der Zugang zum Dom an diesen Tagen, da er „in seinem Element ist“, kostenfrei sein!

Und auch bei uns gehört zur Kirchmess eine kleine Kirmes. Zugegeben, ziemlich klein, ganz ohne Karussell und Zuckerwatte. Aber wir laden Groß und Klein auf dem Roncalliplatz am Dom ein zum Pilger- und Begegnungsfest.

Der 27. September 1322 und der 27. September 2026 liegen mehr als sieben Jahrhunderte auseinander.


Die Welt hat sich verändert. Die Stadt Köln hat sich verändert. Die Kirche hat sich verändert. Die Menschen haben sich verändert.

Aber eine Sache ist über die Zeit erstaunlich konstant geblieben: Die Menschen kommen im und am Kölner Dom zusammen, um diesen Ort zu feiern. Was damals geschah, wirkt bis heute. Damals zogen Menschen mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige in den neuen Chor. Heute kommen wieder Menschen aus aller Welt hierher. Als Gläubige und als Touristen. Damals wurde der Hochaltar geweiht. Heute wird an genau diesem Altar weiterhin Eucharistie gefeiert. Das ist der tiefere Sinn dieses grandiosen Bauwerks.

Wir feiern nächsten Sonntag im Kölner Dom kein historisches Ereignis. Wir feiern Gott. Wir feiern Christus, der seine Kirche begleitet. Wir feiern die Menschen, die über Jahrhunderte hinweg geglaubt, gebetet und diesen Dom mit Leben erfüllt haben. Und wir feiern die Hoffnung, dass auch kommende Generationen hier beten und Eucharistie feiern werden.


Musik 6: (vielleicht eine gute Version – instrumental? – von “ein Haus voll Glorie schauet“? Ansonsten: G.F. Händel: La Réjouissance. Allegro aus der „Feuerwerksmusik“ 13:03 https://youtu.be/x5Ek5uJLI3U?si=uQOv-sMU99gzlXJi )



Und falls Sie Lust bekommen haben auf die Kirchmess und Kir-mes am Kölner Dom, dann fühlen Sie sich herzlich willkommen!

Aus der Domstadt grüßt Sie Dom- und Stadtdechant Robert Kleine.



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