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Kirche in WDR 5 | 26.09.2026 | 07:55 Uhr
»Kann leider nicht«
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Oder auch Bilder oder Ereignisse. Heute ist es eher ein Satz. Eigentlich nur drei Wörter: „Kann leider nicht.“
So steht es manchmal auf dem Handy. Als Antwort auf eine Einladung. „Wir wollen am Wochenende zusammen essen gehen. Kommst du mit?“ – „Kann leider nicht.“ – Kein „Ich“. Keine Erklärung. Nur diese drei Wörter.
Man nimmt das zur Kenntnis. Vielleicht ist man sogar ein bisschen enttäuscht. Schon wieder eine Absage: Hat sie keine Lust? Will er mit uns nichts mehr zu tun haben? — Irgendwann fragt man gar nicht mehr.
Dabei kann sich hinter diesem „Kann leider nicht“
etwas ganz anderes verbergen. Beschämt, ganz leise…nämlich: Ich hab kein Geld
für das Essen. Ich hab nicht mal Geld für ein Mitbringsel. Ich muss
absagen, aber ich muss es irgendwie anders ausdrücken. Armut macht sprachlos. Für
Armut gibt es keine schönen Worte. Keine elegante Ausrede. Armut ist einem
peinlich. So fühlt sich das jedenfalls an. Bislang ließ sich der Schein wahren. Aber jetzt könnte es auffliegen.
Dann lieber nicht, lieber absagen, lieber zu Hause bleiben.
Armut trägt selten ein Schild. Sie tarnt
sich als Unlust. Als Desinteresse. Als Rückzug. Und irgendwann wird aus dem „Kann
leider nicht“ ein Fragt mich besser gar nicht mehr.
Armut macht Menschen unsichtbar. Über 13
Millionen Menschen in Deutschland leben in relativer Einkommensarmut. Rund 6
Millionen Erwachsene sind überschuldet. Die Zahlen steigen.
Millionen Menschen. Wir sehen die Zahlen. Aber wir
sehen nicht die Gesichter. — Keine Zahl erzählt, wie es sich anfühlt, wenn das
Geld schon vor Monatsende aufgebraucht ist. Wenn dringend Nötiges warten muss.
Wenn man absagt, obwohl man gern dabei wäre.
Armut braucht mehr als Mitgefühl. Sie braucht
politische Antworten. Gerechte Löhne. Bezahlbare Wohnungen. Verlässliche
Hilfen. Und Menschen, die nicht wegsehen.
An diesem Wochenende ist Caritas-Sonntag. Alle
Spenden in katholischen Kirchen gehen an ein Hilfswerk, das die Nächstenliebe im Namen trägt: Caritas. Kein Anlass für große Worte. Eher für einen genauen, zweiten
Blick.
„Zusammen geht was“, heißt das Motto in diesem
Jahr. — Was soll da gehen? —
Dass Menschen mit ihrer Armut nicht länger allein bleiben.
Dass wir einander wahrnehmen. Dass aus verschämtem Schweigen eine gemeinsame
Stimme wird. Dann sind Menschen, die arm sind, keine Fälle. Keine
Bedürftigen. (Wie gönnerhaft!) Sondern Menschen, die sagen, was sie zum Leben brauchen.
Aus dem verstummten Ich kann ein
hörbares Wir werden. Das ist Solidarität. — Ja —, da geht
was.
Ludger Verst aus Köln
