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Kirche in WDR 5 | 23.05.2014 | 06:55 Uhr

König der Straße

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.

Kölner Hauptbahnhof. Ich habe einen Termin in der Stadt. Rauf zur Domplatte. Rechts kniet eine alte Frau, links kauert ein Mann. Ein paar Meter weiter zwei Punks mit einem Hund, auf der anderen Seite eine Frau mit Kopftuch, tief ins Gesicht gezogen. Alle paar Meter ein Mensch, der in irgendeinen Abgrund gefallen sein muss. Ich komme mir vor, als ginge ich durch ein Spalier, durch ein Spalier zerknautschter Coffee-to-go-Becher.

Jeder von uns kennt diese Situation. Was tun? Ich kann da nichts schönreden. Ich versuche, mich möglichst in der Mitte des Spaliers zu halten, meinen Blick in die Ferne zu richten, erst mal keinem Coffee-to go-Becher zu nahe zu kommen. Wie anstrengend! Mich überfordert diese Situation kolossal. Ich laufe nicht gern durch solch ein Spalier.

Das Schlimmste ist, dass ich mich in dieser Situation wie gelähmt fühle. Unfähig, mir eine wirklich sinnvolle Tat vorzustellen. Stattdessen werfe ich einem von ihnen schließlich einen Euro in seinen Becher. Etwas verschämt, und in der Hoffnung, dass es niemand bemerkt, weil es mir peinlich ist, keine bessere Antwort zu haben. Warum ich das tue? Nicht in der naiven Hoffnung, dass dieses Almosen etwas verändert. Nein, wohl allein aus dem einen Grund: um mein Gewissen zu beruhigen, um irgendwie damit fertig zu sein, wenigstens für diesen Tag.

Neulich habe ich in einer Zeitungsreportage gelesen, was ich längst wusste, aber immer wieder verdränge: Obdachlose finden es am schlimmsten, von den Passanten ignoriert und verachtet zu werden. „Ein ganz normaler Blick und ein freundlicher Gruß wäre diesen Menschen manchmal lieber als jede milde Gabe und würde ihnen helfen, das zu bewahren, wofür sie so erbittert kämpfen: ihre Würde.“ Stand da.

Sie kämpfen also um ihre Würde. Und ich? Ich frage mich zunehmend, ob das Thema Würde wirklich allein ihr Thema ist. Ich befürchte nämlich, es ist auch mein Thema. Auch meine Würde steht auf dem Spiel. Ich kämpfe nicht um sie. Ich merke nur, ich dabei bin, ein Stück meiner eigenen Würde zu verlieren, zu verspielen. Ein abstruser Gedanke? Klar ist, dass niemand mir Würde abspricht, weil ich nicht jedem Bettler ein Almosen gebe. Aber um die anderen geht es mir in diesem Moment gar nicht. Da oben auf der Domplatte bin ich konfrontiert mit meinem Wegschauen, meiner Ohnmacht, mit meiner Unfähigkeit zu handeln. Das bedrängt mich sehr.

Da ruft mir plötzlich jemand zu: „Hey Du, freu Dich doch mal mit mir!“ Ich bleibe stehen. Überrascht und neugierig halte ich Ausschau nach dem Rufenden. Da sehe ich in ein leuchtendes Gesicht. Er sitzt da, als wäre er der König der Straße und der Schlafsack auf dem er sitzt der rote Samtbezug seines Throns. Sein Zepter: ein zerknautschter Coffee-to-go Becher. Wir sehen uns in die Augen und ich, ich muss plötzlich befreit auflachen. In diesem Moment hat mir dieser fremde Mensch etwas gegeben: Kein Almosen, sondern eine Kostbarkeit.

Kommen Sie gut in den Tag! – Ihre Katharina Klöcker aus Münster

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