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Das Geistliche Wort | 26.10.2014 | 08:40 Uhr

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„Von Nähe und Distanz“

Guten Morgen!

Dürfen Schüler auf einem Klassenausflug ein Handy mitnehmen? Die Diskussion darum ist umstritten auch unter Lehrern. Ich bin Seelsorger an einem katholischen Gymnasium in Duisburg. Einmal im Jahr mache ich einen Ausflug mit der Jahrgangsstufe 5 nach Essen. Und jedes Mal führen wir eine Diskussion um genau diese Frage. Die Schüler können die Frage eindeutig beantworten: natürlich wollen sie ihr Handy mitnehmen. Das ist ja klar: Das Handy gehört für sie einfach zum Alltag, es gehört zu ihrem normalen Lebensvollzug. Es ist für die allermeisten Schüler das Kommunikationsmittel schlechthin.

Musik I

Was für Klassenfahrten diskutiert wird, ist allerdings in unserem Schulgebäude entschieden: Hier herrscht Handy-Verbot. Das Handy-Verbot durchzusetzen ist dann jedoch eine mühsame Aufgabe. Da frage ich mich manchmal schon: Warum tue ich mir das eigentlich an? Was stört mich an den Handys – genauer an der Kommunikation übers Handy?

Für mich hat das der Sänger Lenny Kravitz vor ein paar Wochen gut auf den Punkt gebracht. Er sagte: „Der Technik-Kram erschwert es den Menschen, im Hier und Jetzt zu sein“. Er hat recht in Bezug aufs Handy. Wenn ich mit dem Handy kommuniziere, bleibt immer eine Distanz zum Gesprächspartner. Das ist ja etwas ganz anderes, als ob ich meinen Gesprächspartner anschauen kann, ihm die Hand geben kann. Mit dem Handy kommuniziere ich zwar, aber es geschieht keine unmittelbare Begegnung, sondern nur eine mittelbare.

Hinzu kommt noch etwas weiteres: Die Distanz besteht ja nicht nur zum Gesprächspartner, mit dem ich mittelbar über das Handy spreche. Ich beobachte auch, dass dann, wenn Schüler zusammen stehen und sich jeder mit seinem Handy beschäftigt, sie sich isolieren von den Personen, die gerade neben ihnen stehen; der Nächste wird zum Fernsten.

Das Handy-Verbot an unserer Schule hat ein Ziel: Unmittelbarkeit. Immer wieder die unmittelbare Begegnung mit anderen erleben, Nähe einüben, in der unmittelbaren Begegnung Neues entdecken, Verantwortung übernehmen, zuerst aber: den Nächsten neben mir überhaupt wahrnehmen.

Musik II

Aber ist der, der neben mir steht, wirklich mein Nächster? Oder, ganz grundsätzlich gefragt: In welchen Beziehungen lebe ich eigentlich? Für mich ist klar: Die erste und wichtigste Beziehung ist die zu meiner Frau. Dann kommen die Kinder, die Geschwister, Freundinnen und Freunde, Arbeitskolleginnen und -kollegen. Sie alle stehen mir unterschiedlich nahe. Ist ja auch klar, denn Beziehungen haben mit Nähe und Distanz zu tun. Ich stelle mir das so vor: Es ist wie bei konzentrischen Kreisen: von mir als Mittelpunkt aus gesehen gibt es Menschen, die sind ganz nah dran, weiter weg bis ganz weit weg – also von intimer Nähe bis hin zu großer Distanz. Übrigens schon in der frühen Menschheitsgeschichte findet die Pflege von Beziehungen in konzentrischen Kreisen statt: Wer gehört da zu meiner Familie? Wer gehört weiter zu meiner Gruppe, zum Stamm und wer nicht? Für das Überleben in der Gruppe und im Stamm war es wichtig, wie Nähe und Distanz organisiert waren Wer zum Stamm gehörte, der lebte im Schutz der Gemeinschaft, wer nicht dazu gehörte, war ungeschützt. Nähe und Distanz entschieden also im Zweifelsfalle über das eigene Überleben. Keine Frage, dass der Nächste für einen selbst in diesen archaischen Gesellschaftsformen sehr wichtig war. Der Nächste im Sinne der konzentrischen Beziehungskreise, der war wirklich ganz nah.

Aber gilt so ein Denken auch noch heute und in unserem Kulturkreis? Entscheidet da auch noch Nähe und Distanz über das eigene Überleben? Anders gefragt: Wer ist eigentlich mein Nächster unabhängig von Familie, Gruppe oder Stamm?

Wer ist mein Nächster? Das ist eine uralte Frage. Im Neuen Testament gibt es einen Antwortversuch, der eine andere Perspektive eröffnet: die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37). Ein Mann, so heißt es da, ist auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho. Räuber überfallen ihn, plündern ihn aus, schlagen ihn nieder und lassen ihn halbtot liegen.

Dann kommen ein Priester vorbei und danach noch ein Levit. Dass sind Leute, die damals im Tempel arbeiteten. Von ihnen würde man eigentlich erwarten, dass sie helfen. Aber sie sind wohl nur am Tempelkult interessiert, nicht an den Menschen. Deshalb lassen sie das Opfer einfach liegen und gehen weiter.

Und dann kommt noch ein dritter vorbei, ein Mann aus Samarien, ein Mann aus einem anderen Stamm und – was noch viel schwerer wiegt – mit einer anderen Religion. Von ihm ist eigentlich aus den Augen der damaligen Zuhörer Jesu nichts zu erwarten, denn die Samariter waren damals Feinde der Juden. Im jüdischen Gottesdienst wurde sogar dafür gebetet, dass die Samariter nicht in den Himmel kommen.

Und dann die Überraschung: Der Samariter geht nicht weiter, sondern er hilft. Er versorgt das Opfer und bringt es dann sogar noch in eine Herberge, damit es gepflegt werden kann.

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter mit dem überraschenden Ende hat übrigens eine Vorgeschichte. Sie ist die Antwort Jesu auf die Frage eines Gesetzeslehrers, man könnte sagen, eines Theologen, der es doch wissen müsste: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen – oder anders formuliert: wie komme ich in den Himmel? Die Antwort Jesu stellt ihn nicht zufrieden: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Jetzt will der Gesetzeslehrer es genau wissen, wer denn nun sein Nächster ist. Und dann erzählt Jesus eben die Geschichte vom barmherzigen Samariter.

Musik III

Wer ist mein Nächster, wer ist meine Nächste? – Eigentlich beantwortet Jesus die Frage gar nicht. Jesus dreht nämlich die Frage am Ende der Geschichte einfach um und tauscht damit die Rollen aus. Er fragt: Wer hat sich dem Verletzten als Nächster erwiesen? Der Hilfebedürftige ist nicht mehr der Nächste, der sich Hilfe erwartet vom Helfer, sondern der Helfer ist dem Bedürftigen ein Nächster geworden.

Das Modell der Beziehungen in konzentrischen Kreisen ist zwar wichtig. Aber es denkt immer nur von einem selbst als dem Zentrum der Beziehungskreise. Jesus sieht den anderen im Zentrum der Beziehungskreise und fordert mich auf, dem anderen nahe zu kommen. Echter Perspektivwechsel:

Wem kann ich zum Nächsten werden, heute, jetzt gleich? Und zwar unabhängig davon, ob er mit mir verwandt ist, ob er mein Freund ist, ob Deutscher oder Ausländer, Mann oder Frau, Christ oder Muslim.

Wem kann ich zum Nächsten werden – das ist eine Haltung, die nicht selbstverständlich ist, eine Haltung, die sicherlich auch eingeübt werden muss.

An unserer Schule ist das Thema. In der 10. Klasse zum Beispiel wird die Frage, wem ich zum Nächsten werden kann, konkret angegangen. In einem Sozialpraktikum sollen die Schüler unmittelbar in Berührung kommen mit Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben, weil sie behindert sind oder einen Migrationshintergrund haben. Das löst bei manchen Schülern erst einmal Ängste aus. Sie fragen: Was erwartet mich da? Kann ich das überhaupt?

Mona Deichsel, eine unserer Schülerinnen, war im Rahmen des Sozialpraktikums in einer Schule für geistig behinderte Kinder.

Ich hab erst richtig Angst gehabt und auch gesagt ich will das eigentlich nicht machen und hatte da wirklich absolut keine Lust drauf.

Natürlich ist der Umgang mit geistig behinderten Menschen nicht einfach, vor allem, wenn man das überhaupt nicht kennt und das für einen neu ist:

…ich hab mir das halt vorher nicht vorstellen können, dass ich das Sozialpraktikum irgendwo mit behinderten oder alten Menschen machen sollte wie das von der Schule her vorgeschrieben wurde... ich hab eigentlich schon ein Jahr vorher geplant: ich geh in den Kindergarten und mach da was mit in Anführungsstrichen normalen Kindern und war da erst ein bisschen skeptisch. Der erste Tag fiel mir schwer, weil ich mit den Eindrücken, was alles auf einmal auf mich zukam, nicht ganz klar kam. Und sonst schwierig war auch manchmal mit den Behinderungen umzugehen, da auch manche Kinder dabei waren, die nicht sprechen konnten.

Mona hat sich auf die Nähe zu den behinderten Schülern eingelassen und staunte schließlich nicht schlecht:

Schöne Erfahrungen waren, dass die Kinder eigentlich immer hoffnungsvoll waren. Es war ein Kind, die hat die Teller beim Essen ausgetragen, ein Teller ist runtergefallen, ist se mit der Hand da reingefallen, komplett blutig, alle anderen Kinder stumm und gucken sie an. Aber das Mädchen kam nach 2 Tagen wieder und hat gelacht wie sonst was. Das würd mir vielleicht nicht so passieren.

Wenn man Mona heute fragt, was ihr die Nähe zu diesen Menschen vermittelt hat, dann sagt sie:

Also ich seh jetzt Menschen eigentlich ganz anders. Ich war auch letztens noch auf nem Festival und hab da nen kleines behindertes Kind gesehen. Und: Ich seh halt nicht die Behinderung in dem Menschen, sondern einfach diese Lebensfreude. Und das ist so, manche Menschen sagen so, na: lieber Abstand und Distanz halten, aber bei mir ist das nicht mehr so. Das Kind kam auch auf mich zu, hat mich am Arm gepackt, mir leider in den Oberarm gebissen, wo der Vater noch sagte: Nicht beißen, aber das hat mir nichts gemacht. Es war einfach nicht mehr schlimm. Es hat mir diese Angst vor diesen Menschen genommen, weil sie sind nicht wirklich anders als wir.

Wem kann ich zum Nächsten werden? Eine Frage, die mit unmittelbarer Nähe zu tun hat. Da geht es um meine aktive Zuwendung zu anderen Menschen. Da geht es darum, die Blickrichtung zu wenden – eben erst einmal vom andern her zu denken. Dabei muss ich nicht derjenige sein, der sich jetzt für den Anderen opfert, sondern kann derjenige sein, der sogar vom anderen beschenkt wird, durch ein Lächeln, durch Vertrauen, durch Freude.

Musik IV

Ich freue mich, dass Mona von unserer Schule bei ihrem Sozialpraktikum genau so eine Erfahrung gemacht hat. Und die wünsche ich allen: Einem anderen zum Nächsten zu werden und dabei selbst beschenkt zu werden.

Aus Duisburg grüßt sie Hermann-Josef Grünhage

* Aussage in der Zeitschrift „Freundin“, zitiert in der Rheinischen Post m 10.09.2014, Seite A6

Copyright Vorschaubild: CCo Public Domain Pixabay

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