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Das Geistliche Wort | 19.10.2014 | 08:40 Uhr

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Marias Testament

Musik 1: Leonard Cohen, Dance me to the end of love

Autor: Eine große Hochzeitsfeier. Immer noch kommen Gäste in Kana an. Maria ist schon dort. Sie möchte ihren Sohn Jesus treffen. Auch er soll nach Kana kommen. Seine Mutter hat ihn lange nicht mehr gesehen. Sie muss ihn warnen.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Sven Keppler. Ich bin Pfarrer der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Die Geschichte von der Hochzeit in Kana ist mir seit langem vertraut. Der Evangelist Johannes hat sie überliefert: Irgendwann geht den Gastgebern der Wein aus. Die Bediensteten bringen Krüge mit Wasser zu Jesus. Als sie dann daraus schöpfen, ist es der beste Wein des Abends. Dass Maria ihren Sohn auf der Hochzeit vor etwas warnen will, berichtet der Evangelist jedoch nicht. Davon erzählt Maria selbst in „Marias Testament“, einem Buch des irischen Schriftstellers Colm Tóibín.

Sprecherin: Als ich aufstand, um ihn zu umarmen, wirkte er seltsam fremd, seltsam förmlich und von oben herab, und ich dachte, dass ich jetzt sprechen sollte, flüsternd sprechen, ehe andere zu uns stießen. Ich drückte ihn an mich. „Du schwebst in großer Gefahr“, flüsterte ich. „Du stehst unter Beobachtung. Wenn ich den Tisch verlasse, musst du ein paar Minuten warten und mir dann folgen, und du darfst keinem etwas sagen, und wir müssen von hier weggehen, müssen noch in dieser Stunde hier weg sein.“ Noch ehe ich ausgeredet hatte, war er von mir abgerückt. „Weib, was geht’s dich an, was ich tue?“, fragte er, und dann noch einmal lauter, sodass es überall zu hören war: „Weib, was geht’s dich an, was ich tue?“ [Seite 59]

Autor: Maria scheitert. Sie muss scheitern mit dem Versuch, ihren Sohn zu warnen. Jesus lässt sich nicht von seinem Weg abbringen. Für seine Mutter ist er unerreichbar geworden.

Musik 2: Cohen, Dance me to the end of love

Autor: Colm Tóibín erzählt die Geschichte Jesu aus Marias Sicht. Es ist nicht Maria, die Himmelskönigin im blauroten Gewand, die wir hier hören. Nicht die von Katholiken verehrte Fürsprecherin, die immer ein offenes Ohr bei Jesus findet. Sondern eine leidende Mutter. Eine Frau, die nie den Schmerz überwunden hat: über den Verlust ihres Sohnes; über seinen grausamen Tod. Und die im Rückblick alles aus dieser Trauer heraus wahrnimmt.

Sprecherin: Ich atmete heftig, um zu zeigen, dass ich die Schatten angenommen hatte, die Last, das Düstere, das sich jeden Tag auf mich senkte, als ich meinen Sohn gefesselt und blutig sah, und als ich ihn aufschreien hörte […] Ich täuschte mich, als ich dachte, Schlimmeres könnte nicht mehr kommen, und alles, was ich tat, um es zu verhindern, scheiterte, und alles, was ich nicht tat, um nicht daran denken zu müssen, versagte ebenfalls, bis es mich ganz mit seinem Klang erfüllte. [20]

Autor: Wo hatte das Unglück angefangen?, fragt sich Maria. Mit dem Tod ihres Mannes? Mit Abscheu erinnert sie sich an die …

Sprecherin: … Gruppe von unrasierten Rüpeln und Zitterern, Männer, die keine Frau ansehen konnten, die nach dem Tod meines Mannes in mein Haus kamen und bei meinem Sohn saßen und die ganze Nacht durch Unsinn redeten. [125]

Autor: Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Die Wirtschaft Palästinas ist in Schwung gekommen. Handwerker und Händler zieht es nach Jerusalem. Dort machen sie ihr Glück. Veränderung liegt in der Luft: Alles wird besser.

Sprecherin: Genau eine solche Idee fegte damals durch die Dörfer wie ein trockener heißer Wind und riss jeden, der zu irgendetwas taugte, mit sich fort. Sie riss auch meinen Sohn mit sich fort, und das war für mich keine Überraschung. […] Aber ich hätte dieser Zeit, bevor er wegging, mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, darauf achten sollen, wer ins Haus kam, worüber an meinem Tisch gesprochen wurde. […] Es redeten zu viele von ihnen gleichzeitig. Noch schlimmer war es, wenn mein Sohn sie anhielt zu schweigen und dann anfing, mit ihnen wie vor einer Volksmenge zu reden. [21-23]

Musik 3: Cohen, The partisan

Autor: Colm Tóibíns Maria beschreibt die Anhänger ihres Sohnes voller Abscheu. Sie kann nicht anders. Denn sie gibt diesen Menschen die Schuld daran, dass sie ihr Kind verloren hat. Dabei ist sie nicht blind für all das Großartige, das Jesus auf seinem ungewöhnlichen Weg bewirkt. Sie weiß, er hat einen Gelähmten und einen Blinden geheilt. Sie hört von einer hungernden Menschenmenge, die er satt gemacht hat. Als seine Gefährten in Seenot gerieten, rettete er sie.

Sprecherin: Da geschah es, erzählte man mir, dass er ihnen im Mondlicht erschien, und er ging tatsächlich, so murmelte jedenfalls meine Nachbarin, auf dem Meer daher, als ob es ebenes trockenes Land wäre. Und durch seine Macht beruhigte er die Wellen. Er tat, was niemand sonst tun konnte. [69]

Autor: Das Wunder der Wunder geschieht vor der Hochzeit zu Kana. In der Nachbarschaft des Brauthauses hat es einen Todesfall gegeben. Eine Woche vor der Feier. Ein junger, anmutiger Mann namens Lazarus ist gestorben. Vier Tage lang hat er schon im Grab gelegen. Da trifft Jesus mit seinen Anhängern ein. Die Schwestern von Lazarus bedrängen ihn: „Du allein hast die Macht, unseren Bruder zu retten. Du, der Sohn Gottes.“ Laut sagen sie das, vor aller Ohren. Da befiehlt Jesus, das Grab zu öffnen. Er ruft: „Lazarus, komm heraus!“

Sprecherin: Das war der Augenblick, wo der Vogelgesang verstummte und sich die Vögel aus der Luft zurückzogen. Seine Schwester Martha glaubte außerdem, dass in dem Moment die Zeit stillgestanden hatte, dass während dieser zwei Stunden nichts wuchs, nichts geboren wurde oder entstand, nichts starb oder in irgendeiner Weise welkte. Langsam begann sich die lehmbeschmierte und mit Grabtüchern umwickelte Gestalt in dem Raum, den sie ihr frei geschaufelt hatten, mit großer Unsicherheit zu regen. Wie ein seltsames neues Geschöpf, das dem Leben entgegenzuckte und sich wand. [44]

Autor: Das Wunder der Wunder: Ein Toter kehrt zurück ins Leben. Aber mit der Zeit entpuppt es sich als ein zwiespältiges Wunder. Denn Lazarus findet nie wieder wirklich zurück ins Leben. Er bleibt vom Tode gezeichnet: blass, geschwächt, scheu vor dem Licht. Der Schriftsteller Tóibín zeichnet Lazarus wie einen Untoten aus einem Gruselfilm. Denn aus dem Tod sollte man nicht in dieses Leben zurückkehren. Das ist auch nicht die christliche Auferstehungshoffnung. Die richtet sich auf einen neuen Leib, auf eine gänzlich neue Existenz.

Dieses zwiespältige Lebenswunder hat Folgen. Für die Gegner Jesu bringt es das Fass zum Überlaufen. Es spricht sich herum, dass Jesus als Sohn Gottes bezeichnet worden ist. Dass er sich angemaßt hat, als Schöpfer neuen Lebens aufzutreten. So beschließen sie seinen Tod. Das erfährt auch Maria. Und deshalb geht sie zur Hochzeit, um ihren Sohn zu warnen. Jedoch ohne Erfolg.

Musik 4: Cohen, The partisan

Sprecherin: Nach meiner Rückkehr verbrachte ich beschauliche Tage, ich betete jeden Morgen, so wie ich es immer gemacht hatte, ich ging einmal am Tag aus dem Haus, um Wasser zu schöpfen und die Tiere zu füttern. […] Ich dachte an den Mann, der auf der Hochzeit zu Kana neben mir gesessen hatte, den Mann, der mich nicht beachtete, der auf niemanden hörte, einen Mann voller Macht, einer Macht, die scheinbar keinerlei Erinnerung an frühere Jahre zuließ, da er die Milch meiner Brust brauchte, meine Hand, die ihm beim Laufenlernen half, das Gleichgewicht zu bewahren, oder meine Stimme, die ihn in den Schlaf wiegte. Und das Seltsame an der Macht, die er ausstrahlte, war die Tatsache, dass durch sie meine Liebe zu ihm und mein Wunsch, ihn zu beschützen, tiefer wurde. [66-68]

Autor: Bald darauf wird Maria nach Jerusalem gerufen. Dort wird sie erneut scheitern bei dem Versuch, ihren Sohn zu beschützen. Alle scheinen schon zu wissen, dass Jesu Ende beschlossen ist. Nur sie hofft bis zuletzt auf Rettung. Warum ruft man sie nach Jerusalem? Warum mutet man ihr zu, den grässlichen Tod ihres Sohnes mit anzuschauen? Weil seine Anhänger Zeugen brauchen?

Nach Jesu Tod gelingt Maria gemeinsam mit einer Schwester von Lazarus die Flucht. Schließlich gelangt sie nach Ephesus, an der Westküste der heutigen Türkei. Von da an ist sie eine Frau voller Bitterkeit. Den Tod ihres Sohnes kann sie nicht verwinden. Die Bitterkeit ist die Frucht ihrer Liebe. Der hilflosen Liebe einer Mutter, die ihren Sohn nicht beschützen konnte.

Musik 5: Cohen, So long, Marianne

Sprecherin: Es gibt Zeiten in diesen Tagen, ehe der Tod kommt und meinen Namen flüstert, da ich weiß, dass ich mehr von der Welt verlange. Nicht viel, aber mehr. Es ist ganz einfach. Wenn Wasser in Wein verwandelt werden kann und die Toten zurückgeholt werden können, dann will ich, dass sich die Zeit zurückdreht. Ich will noch einmal leben, bevor sich meines Sohnes Tod ereignete, oder bevor er von zu Hause wegging, als er noch ein Kleinkind war und sein Vater lebte und es Behagen in der Welt gab. [119]

Autor: Die Zeit zurückdrehen. Das ist Marias Sehnsucht. Sich zurückziehen in eine bessere Zeit. Den Tod ihres Sohnes kann sie nicht annehmen. Kann keinen Umgang mit ihm finden. Keine Hoffnung fassen, die über seinen Tod hinaus weist.

Mich berührt diese Maria sehr, die Colm Tóibín in seinem Roman gezeichnet hat. Sie ist nicht die Himmelskönigin der Dogmatik. Sondern eine Schmerzensmutter. Die von ihrem eigenen Sohn Zurückgewiesene, so wie es auch in den Evangelien mehrfach berichtet wird. Eine durch und durch glaubwürdige Frau voller Liebe und Trauer. Die Anhänger ihres Sohnes haben erzählt: Jesus ist auferstanden. Er eröffnet allen, die mit ihm verbunden sind, ein neues Leben. Ein erlöstes Leben, nicht einfach als Rückkehr ins Alte wie bei Lazarus. Aber Maria sieht diese Hoffnung ganz mit den Augen der trauernden Mutter:

Sprecherin: Wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert. [125]

Autor: Ich hätte dieser Maria gewünscht, dass sie irgendwann aus ihrem Schmerz heraus gefunden hätte. Einem Schmerz, für den der Tod des Sohnes schwerer wiegt als die Rettung der gesamten Welt. Vielleicht aber gab es doch auch Momente, in denen ihre Seele von einem Traum zehrte. Colm Tóibín erzählt, dass sie ihn nach Jesu Tod gleichzeitig mit Maria, der Schwester des Lazarus, geträumt hat. Und mit diesem Traum der beiden Marias vom neuen Leben, das Gott schenkt, verabschiedet sich von Ihnen: Pfarrer Sven Keppler von der Evangelischen Kirche in Versmold.

Sprecherin: Wir träumten beide, dass wir schliefen, und da war ein Brunnen aus Holz und Stein. Und plötzlich wurden wir beide vom Geräusch von aus der Erde emporgurgelndem Wasser geweckt. Es quoll in gewaltigen Stößen hervor und floss über den Rand. Und dann drehte ich mich um, und ich sah ihn, er stieg mit dem Wasser empor, als ob dessen Kraft ihn aus der Erde heraufdrückte. Er war nackt, und die Stellen, an denen er verletzt worden war, waren blau gerändert und klafften offen. Sein übriger Körper war weiß. Eine Weißheit, die nur schwer zu beschreiben ist. Beide äußerten wir uns über ihre Reinheit und glatte, leuchtende Schönheit. Er schien frei von Schmerzen zu sein. Wir hielten ihn einfach, und er schien lebendig zu sein. [110-112]

Musik 6: Cohen, Hallelujah

Musikinformationen:

Track-Name: Dance me to the end of love

Interpret:Leonard Cohen

Komponist:Leonard Cohen

Textdichter:Leonard Cohen

Dauer:4:39

Verlag:Stranger Music

Labelcode:00149

Label:CBS

WDR-Archiv-Nr.:5029300110

Best.Nr.:CBSA4895

EAN:unbekannt

Track-Name: The partisan

Interpret:Leonard Cohen

Komponist:Anna Marly

Textdichter:Joseph Kessel, Maurice Druon, Hyman H. Zaret

Dauer:3:25

Verlag:Stranger Music

Labelcode:00162

Label:COLUMBIA

WDR-Archiv-Nr.:5111881107

Best.Nr.:COL497995

EAN:5099749799516

Track-Name: So long, Marianne

Interpret:Leonard Cohen

Komponist:Leonard Cohen

Textdichter:Leonard Cohen

Dauer:5:41

Verlag:Stranger Music

Labelcode:00162

Label:COLUMBIA

WDR-Archiv-Nr.:57740254106

Best.Nr.:7047422

EAN:0886970474221

Track-Name: Hallelujah

Interpret:Leonard Cohen

Komponist:Leonard Cohen

Textdichter:Leonard Cohen

Dauer:4:35

Verlag:Stranger Music

Labelcode:01626

Label:CHRYSALIS

WDR-Archiv-Nr.:5529639103

Best.Nr.:6587602

EAN:5099765876024

Literatur: Colm Tóibín, Marias Testament, München (Hanser) 2014

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