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Das Geistliche Wort | 12.04.2015 | 08:40 Uhr

Aber, aber – vom Lob des Zweifels“

Guten Morgen!

Fakten, Fakten, Fakten! – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!

Wer möchte nicht Fakten, wer sucht nicht die Wahrheit? Wer möchte sich nicht auf etwas verlassen können? Deswegen stecken die Menschen viel Energie in die Suche nach Tatsachen. Sie erforschen das Universum von den fernsten Galaxien bis zu den kleinsten Elementarteilchen. Vor Gericht sind verlässliche Zeugen wichtig. Nach einem Unglück wird alles daran gesetzt, die Verstorbenen zu identifizieren. Radio, Fernsehen, Zeitungen und Internet sind wichtige Informationsquellen. Fakten, Fakten, Fakten. Zusammengetragen und in größere Zusammenhänge eingeordnet, verschaffen sie ein größeres Bild von der Wirklichkeit. Dabei wird zunächst darauf vertraut, dass Fakten stimmen, dass Tatsachen wahr sind. Zum menschlichen Leben gehört doch das Vertrauen, dass Tatsachen richtig sind und dass andere mir die Wahrheit sagen. Wenn alles immer bezweifelt würde, dann würde gesellschaftliches Zusammenleben nicht funktionieren.

Doch Zweifel sind berechtigt: Stimmt immer alles, was die Medien mir präsentieren? Sagen andere Menschen immer die Wahrheit und nichts als die Wahrheit oder verfolgen sie eigene Interessen? Die Menschheit weiß zwar vieles, aber oft bleiben dennoch Unschärfen, Unsicherheiten. Ich kann einem Menschen nicht in den Kopf schauen, ich kann seinen Charakter nie voll und ganz erkennen. Die Medien liefern immer wieder einmal Falschmeldungen, und je mehr die Wissenschaftler forschen, desto mehr erkennen sie, was sie alles nicht wissen.

Mir geht es dabei so: Manchmal fällt es mir leicht, mit den Unsicherheiten und Zweifeln im Leben klar zu kommen, manchmal lassen sie in mir aber ein ungutes Gefühl zurück.

Fakten, Fakten, Fakten. Gut, wenn ich sie kenne, gut, wenn sie dann auch noch stimmen.

Musik I

Fakten, Fakten, Fakten. Das große Feld der Religion scheint da anders zu ticken. Oft ist zu hören: Glauben ist eben nicht Wissen. Und das stimmt ja auch. Dennoch gibt es genug Fakten, auf die man sich – auch als Nichtgläubiger – verlassen kann. Ganze Bibliotheken sind mit theologischer Fachliteratur gefüllt, und auch die Forschung findet immer neue Tatsachen heraus. Aber es ist doch merkwürdig: Da können noch so viele Fakten über den Glauben und seinen Inhalt zusammengetragen werden, aber der Glaube selbst, also die lebendige Beziehung zu Gott, entzieht sich allen überprüfbaren Fakten. Im Glaubensvollzug geht es letztlich nicht um nachprüfbare Fakten, sondern um eine innere Haltung: Ich vertraue darauf, dass diese Welt nicht alles ist, und dass es einen Gott gibt, der mit mir eine lebendige Beziehung pflegt. Was ich auch alles über Religion wissen mag, was ich auch alles gelesen haben mag, es kann mir diese Beziehung nicht ersetzen. Auch das ist natürlich eine Form von Wahrheit. Nur ergibt sich diese Wahrheit für mich aus der Beziehung zu Gott heraus. Der Glaubensvollzuge ist nicht der Schlussstrich unter eine Materialsammlung, aus der ich meine Schlüsse ziehe und dann sage ich glaube oder ich glaube nicht.

Glaube ist immer ein Wagnis. Ich wage zu glauben, dass es Gott gibt, ich kann es aber nicht wissen und beweisen. Irgendwann in meiner Entwicklung habe ich den inneren Schritt gemacht und Ja gesagt, Ja zu Gott, Ja zum Glauben. Ich weiß aber auch, dass dieser innere Schritt aufgrund der Glaubenserfahrungen anderer Menschen erfolgt ist. Weil sie den Glauben gelebt und davon erzählt haben, deshalb glaube ich heute. Eigentlich verrückt: Ich könnte einen großen Stammbaum des Glaubens zeichnen: Von wem habe ich den Glauben gelernt? Von wem haben wiederum diese Menschen den Glauben gelernt? Und von wem diese? Und so weiter, und so weiter. Irgendwann wäre ich bei den ersten Christinnen und Christen angekommen. Das Verrückte daran ist: Mehr habe ich nicht. Ich habe keine Fakten vorzuweisen, dass Gott wirklich existiert, auch hat sich Gott mir nie persönlich gezeigt. Ich habe nur die Kette der ersten Glaubenszeugen bis zu mir, aufgrund ihres Glaubens glaube ich heute.

Musik II

Ich glaube heute, weil ich den Glauben gelernt, besser geerbt habe von Genration zu Generation, seit den ersten Zeuginnen und Zeugen des Glaubens. Das führt mich zu dem Ereignis zurück, das diesen Glauben ausgelöst hat und auf dem meine Glaube heute gründet.

Da steht am Anfang ein Fakt, eine Tatsache: Der grauenhafte Tod Jesu am Kreuz. Nach einiger Zeit ereignet sich allerdings etwas, das nur schwer in Worte zu fassen ist und den Boden faktischer Überprüfbarkeit verlässt. Mehrere Menschen aus dem Kreis Jesu berichten, sie hätten ihn gesehen und seien so zum Glauben gekommen, dass dieser tote Jesus jetzt ein neues und unzerstörbares Leben hat. Sie drücken das so aus: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.

Dieser Satz ist die Grundlage des christlichen Glaubens. Ich kann ihn nicht beweisen, ich kann nur daran glauben, dass es so ist. Die Auferweckung Jesu ist keine beweisbare Tatsache. Aber der Glaubensvollzug seit Generationen an die Auferweckung, der ist eine Tatsache, sogar nachprüfbar durch die gesamte Kirchengeschichte. Seit damals hat es immer wieder Menschen gegeben, die diesen Satz von der Auferstehung geglaubt und weitergegeben haben. Und damit gibt es eine Kette der Weitergabe die Glaubens – bis heute.

Aber schon damals war der Inhalt schwer zu begreifen… Es war etwas geschehen, dass es so noch nie gegeben hatte. Und wenn man bedenkt, wie ungeheuerlich dieses Ereignis ist, kann ich durchaus verstehen, dass der innere Schritt zum Glauben damals auch schon nicht so einfach passierte wie wenn man einen Lichtschalter umlegt.

Wie schwer das damals gefallen ist, zeigt ein Bericht aus dem Das Johannesevangelium. Hier wird berichtet von einem Mann, von Thomas (Joh 20,24-29), der zum engen Kreis der Vertrauten von Jesus von Nazareth gehörte. Dieser Thomas bekam von den anderen Jüngern erzählt: Jesus lebt, wir haben ihn gesehen. Für sie war es eine Tatsache – und für Thomas? „Fakten. Fakten. Fakten“, höre ich ihn innerlich sagen. „Ich will Fakten, ich will die reine Wahrheit.“ Deswegen nimmt er jetzt eine skeptische Haltung ein nach dem Motto: Ihr könnt mir ja viel erzählen… Und er fordert Fakten: Er möchte ihn selbst sehen. Mehr noch: Er möchte die Wunden der Kreuzigung an Jesu Händen sehen. Er möchte sogar seine Finger in die Wunden Jesu stecken. Das wär’s für ihn! Das wäre der Beweis, die reine Wahrheit. Ansonsten will er den anderen nicht glauben.

Ist das so abwegig? Ich finde diesen Wunsch durchaus menschlich und verständlich.: Nicht einfach alles ungeprüft zu übernehmen, gerade wenn es um Ereignisse geht, die so außergewöhnlich zu sein scheinen und eventuell mein Leben, meine Sicht auf diese Welt verändern könnten. Weniger verständnisvoll springt die Tradition mit diesem Thomas um, sie nennt ihn den „ungläubigen Thomas“ oder „Thomas, den Zweifler“. Dabei will er es doch nur ganz genau wissen. Bevor er sich mit seinem Inneren auf die neue Situation einlässt, muss er im Inneren ganz sicher sein.

Das Evangelium erzählt weiter, dass Thomas bei der nächsten Erscheinung Jesu im Kreise der Jünger anwesend war. Und jetzt fordert Jesus den Thomas tatsächlich auf: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ (Joh 20,27) Hier friert die Erzählung wie bei einem Standbild im Film ein. Das Angebot Jesu steht, aber das Johannesevangelium lässt offen, ob Thomas es auch tatsächlich annimmt. Hat er seinen Finger in die Wunde gelegt oder hat er nicht?

Musik III

Hat Thomas das Angebot Jesu angenommen, seinen Finger in Jesu Wunde zu legen oder nicht? Niemand weiß es. Und ich meine, dass es am Ende auch nicht entscheidend ist. Gerade weil der Text keine Antwort gibt, gibt er doch eine Antwort. Nämlich: Auf das faktische Wissen kommt es hier nicht an, sondern auf den Glaubensvollzug. Und so spricht Thomas einen Satz, der für mich zu den schönsten Sätzen der Bibel gehört. Er sagt zu Jesus: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28) Auf einmal geht es nicht mehr um Tatsachen, sondern um den Glauben, um die lebendige Beziehung von Thomas zu Jesus. Aus dem Verlangen nach Fakten ist ein Glaubensbekenntnis geworden. Das ist der innere Weg des Thomas zum Glauben.

Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Aber es folgt nun noch ein Satz, der wie ein Tadel klingt: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29) Ist das ein Tadel an all denjenigen, die doch auf Tatsachen setzen wollen? Gäbe es dann so etwas wie einen Glauben mit Tatsachenbeweis und ein Glauben ohne Tatsachenbeweis, wie ein Glaube erster und zweiter Klasse?

Das wäre für mich furchtbar. Ich verstehe den Satz Jesu so, dass er die Zweifel von Thomas ganz ernst nimmt, aber auf die Bedeutung des Glaubens als ein nicht Wissen hinweist. Jesus geht auf die Zweifel des Thomas ein, er bietet sich sozusagen selber als Beweis an: Hier, prüf es nach. Aber darum geht es eigentlich nicht.

Thomas braucht keine Fakten mehr. Offenbar hatte er das auch erkannt, als er sein Bekenntnis von Jesus als Herrn und Gott sprach.

Aber wichtig daran ist für mich: Thomas darf durfte seine Zweifel an den Erzählungen der anderen Jünger haben. Thomas durfte seine Wünsche nach Sehen und Berühren äußern. Und Jesus führt ihn dann auf den Weg zur inneren Einsicht. Thomas wollte Jesus von außen berühren, jetzt wird er von Jesus von innen berührt.

Das wünsche ich mir eigentlich bis heute, dass Zweifel ernst genommen werden und ich letztlich von Jesus berührt werde.

Thomas ist daher für mich ganz aktuell, wie einer, der den Dingen auf den Grund gehen möchte, einer der sich nicht mit den erstbesten Informationen zufrieden gibt. Auch im Glauben darf es Wenn und Aber geben. Gerade ein Glaube mit Wenn und Aber ist ein Glaubensvollzug, ist eine lebendige Gottesbeziehung – und zwar eine sehr lebendige. Deswegen heißt für mich zum Beispiel Beten auch nicht nur Danken und Bitten, sondern genauso auch Klage, Anklage und Fragen gegenüber Gott auszudrücken. Deswegen heißt für mich Glauben auch, dass ich nicht meine, die Wahrheit gepachtet zu haben und andere Menschen in ihrem Glauben verachte. Deswegen heißt für mich Glaube auch: Ich entwickle mich weiter, ich lasse mich von Gott verändern, aber vor allem lasse ich mich im Inneren berühren so wie Thomas.

Musik IV

Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Thomas Rhein aus Köln.

Copyright Vorschaubild: Public Domain Pixabay

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