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Das Geistliche Wort | 15.12.2013 | 08:40 Uhr

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Rosa Rätsel im Advent

Rosa ist wohl kaum die Kleidungsfarbe für Männer. Aber meinen ersten ganz in rosa gekleideten Mann, liebe Hörerinnen und Hörer, habe ich in Paderborn gesehen, in der Kirche. Es war am dritten Advent 2003. Ich besuchte damals die Studentenmesse am Sonnatgabend. Als der Studentenpfarrer aus der Sakristeitür trat, hat es mich fast umgehauen: Statt des im Advent üblichen violetten Gewandes trug er ein Messgewand in Schweinchenrosa. Daneben hätte selbst eine Barbiepuppe blass ausgesehen. Dem Pfarrer selbst muss es wohl auch komisch vorgekommen sein – an einen ernsten Gottesdienstbeginn war kaum noch zu denken. Auch meine Mitstudenten konnten sich ein Lachen nicht verkneifen: Was hat der sich dabei jetzt wohl wieder gedacht? Ernstere Stimmen wurden klaut: Rosa Kleidung beim heilig-ernsten Ritual– wo gibt es denn so was? Ist denn in der Kirche nichts mehr heilig?

Ich musste unwillkürlich an meine Oberstufenfahrt nach Florenz denken. Beim Besuch der Uffizien in Florenz sah ich die Ognissanti-Madonna von Giotto. Ein prächtiges Gemälde der Muttergottes, die in ihrem Arm das Jesuskind hält. Und das Kind ist rosa. Genauer: Nicht die Haut, sondern das Gewand, das es trägt, genauso schrill wie das Messgewand des Studentenpfarrers. Ich fand das damals schon sehr ungewöhnlich, kannte ich rosa doch hauptsächlich als Kleiderfarbe für kleine Mädchen oder Babys und hätte sie nie am Jesusknaben erwartet. Wer malt schon kleine Jungs in rosa? Erstaunlicherweise wohl doch einige Maler, wie ich später erfuhr. Das Motiv des rosa gewandeten Jesuskindes lässt sich durch die Geschichte bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein verfolgen, vor allem in frommen Andachtsbüchern. Ein rosa Jesuskind war scheinbar lange Zeit überhaupt nichts Ungewöhnliches.

Musik I

Jahrhunderte lang war das Jesuskind rosa gekleidet. Das allgemein Babys in rosa gekleidet sind, ist an und für sich nichts besonderes. Ich habe es bei meinen kleinen Schwestern erlebt. Aber eben nur bei den Mädchen. Auch Spielzeug oder andere Verpackungen von Babyartikeln waren so codiert: für Mädchen rosa und für Jungen himmelblau. Aber das war nicht immer so. Ein Portrait des englischen Baron Arthur Capel und seiner Familie von 1640 zeigt den ätesten Sohn in rosa Kleidung. Und diese Darstellung ist gar nicht mal einzigartig. Rosa kleidete jahrhundertelang die Jungen. Blau dagegen war damals die Mädchenfarbe.

Aber woher kam die ursprüngliche Farbgebung?

Kinder wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts wie kleine Erwachsene gesehen und gekleidet. Und für einen erwachsenen Mann, der Macht hatte und sich das leisten konnte, war das Teuerste gerade gut genug: und das war unter anderem die aus der Purpurschnecke gewonnene rote Farbe für seine Gewänder.

Seit der Antike kann man sagen, dass umgekehrt die teuerste aller Farben für Macht und Herrschaft stand, aber auch für Leidenschaft, Blut, aktiven Eros und Kampf. Wenn also der erwachene Mann das Rot wählte, bekam der kleine Mann, der Junge, das kleine, etwas abgeschwächte Rot verpasst, eben das Rosa.

Ähnlich war das auch bei den Mädchen. Nur hier wurde das Hellblau vom Dunkelblau des Mantels der Gottesmutter Maria abgeleitet. Auch das war sehr teuer in der Herstellung: Lapislazuli, ein Edelstein wurde dazu verwandt – eben auch das Teuerste für die Darstellung der Gottesmutter. In der christlichen Tradition war sie lange Jahrhunderte das Maß aller Dinge für alles Weibliche und bescherte den Mädchen hellblaue Kleider.

Übrigens: praktische Anforderungen verhinderten oft die Verwendung gefärbter Stoffe für Babykleidung: Die Wäsche musste zu oft gekocht werden, als dass sich die Farbe lange gehalten hätte. Und außer bei den reicheren Familien wurden Babys im Regelfall nur mit bunten Bändern über den weißen Babykleidern geschmückt. Diese waren dann aber auch wieder: rosa für Jungs und blau für die Mädchen.

In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts kippte dann diese Tradition ins Gegenteil. Die christliche Symbolik der Farben interessierte nur noch wenig. Plötzlich war Blau die Männerfarbe: Der Blaumann auf der Arbeit kam auf, die „Blue Jeans“ wurde aus Indigogefärbten Segeltuch entwickelt und die blauen Matrosenanzügen der Marienebegeisterten Deutschen taten das Übrige. War Blau nun die Männerfarbe galt Hellblau für die Jungen.

Also weg von der christlichen Farbsymbolik hin zu einer Ästhetik, die auf der Industrialisierung und den militärischen Traditionen fußte. Ich frage mich, ob sich im Farbwechsel von rosa auf hellblau für Jungen nicht bereits etwas von der Säkularisierung abzeichnet, d.h. die Entchristlichung der modernen Welt?

Wie dem auch sei: Das Jesuskind ging wohl mit der Mode. Oder besser: Die Darstellungen des Jesuskindes durch die Jahrhunderte berücksichtigten die jeweilige Mode. Und so kommt es, dass das Jesuskind auf den Bildern durch die Jahrhunderte hindurch jeweils die normale Kleiderfarbe für Jungen trägt.

Musik II: Vivaldi, vier Jahreszeiten, der Herbst.

Zurück aber zur liturgischen Kleiderfarbe der Priester am dritten Adventssonntag. Hat die Rosafarbe auch etwas mit dem Jesuskind oder gar mit der Mode zu tun? Die Spur des rosa gewandeten Priesters führt wieder in die Vergangenheit, in die Zeit des Spätbarocks und des Rokoko, ins achtzehnte Jahrhundert und in die gesellschaftlichen Kreise des Hochadels.

Bildliche Darstellungen dieser Zeit zeigen nicht nur erwachsene Männer, sondern auch Frauen in rosa Gewändern. Die Farbe scheint in dieser Zeit für beide Geschlechter akzeptabl gewesen zu sein. Und das erstaunliche: Es ist jetzt nicht mehr nur die Farbe der Jungen, sondern der Erwachsenen.

Warum dieser Wechsel in der Farbintensität vom Purpurrot zum zarten Rosa in der Welt der Erwachsenen des Hochadels? Wurde der Anspruch auf Macht und Reichtum – verbunden mit der teuren Farbe aus der Purpurschnecke – nicht mehr verstanden? Er wurde gerade verstanden. Aber es gab eine neue Konkurrenz. Nicht nur der Adel konnte sich die teuren Kleider aus echtem Farbstoff für die Primärfarben leisten.

Auch das Bürgertum war zu dieser Zeit immer mehr zu Besitz und Wohlstand gelangt. Und das zeigte es auch durch ihre Kleidung. Zunehmend erwarben zahlungskräftige Kaufleute und Beamte diese kostbaren Stoffe. Und damit war das äußere Alleinstellungsmerkmal des Adels gefärdet! Was tun? Die Lösung wurde in Pastellfarben gefunden. Helle Mischfarben, kompliziert und teuer herzustellen, mit denen sich der Adlesstand optisch wieder vom Bürgertum abheben konnte. Und so machten sie es dann auch.

Übrigens: Pastellfarbene Kleider waren zu nichts anderem zu gebrauchen als für das Kokettieren am Hofe und damit für die Bürgerliche Welt ungeeignet.

Zu allem Überfluss verschenkten die Adeligen schließlich sogar pastellfarbene Kleider an die katholische Kirche – allerdings erst als sie etwas abgetragen waren. Die Kirche sollte sie umarbeiten und bei der Liturgie benutzen. Aber damit sah sie sich nun mit einem Problem konfrontiert: Nur weiß, grün, rot, schwarz und violett waren als Farben für die Gottesdienstgewänder zugelassen. Diese Regelung war verbindlich seit fast zweihundert Jahren. Jede Farbe hatte eine besondere symbolische Bedeutung, von der nicht so leicht abzurücken war. Wie aber sollte die Kirche nun mit den Geschenken umgehen, wenn sie nicht in dieses Farbprogramm passten? Genauer: Wann sollten denn die rosafarbenen Gewänder verwandt werden, wenn rosa keine liturgische Farbe war? Gab es eine Möglichkeit die rosafarbenen Gewänder in die bestehenden Symboliken einzufügen? Wenn ich heute auf das Farbspektrum und die Symbolsprache schaue, dann hat die rosa Mode damals tatsächlich eine Lücke in der Symbolik der Messe gefüllt.

Musik III Vivaldi "Der Frühling"

Wie konnte die Farbe Rosa zur liturgischen Gewandfarbe der Priester werden? Offiziell hat die katholische Kirche 1729 die rosa Gewänder eingeführt. Diese konnten in den Kanon der Farben so problemlos eingefügt werden, weil sie eine Leerstelle in der Symbolik der Liturgie zu füllen halfen. Die Farbe der Gewänder symbolisert nämlich die Stimmung des Anlasses bzw. der Zeit des Kirchenjahres. Weiß oder Gold steht für die großen Herrenfeste, für die freudigen Anlässe. Rot weißt auf das Feuer von Pfingsten oder das Blut der Märtyrer hin. Schwarz steht für Tod und Trauer und Grün bezeichnet das gewöhnliche Kirchenjahr. Violett ist die Farbe der Besinnung und der Buße. Der katholische Kalender kennt genau zwei solcher Besinnungs- bzw. Bußzeiten: Den Advent und die Fastenzeit. Beide bereiten jeweils die größten Feste der Christen vor: Weihnachten und Ostern. Gegliedert werden diese Zeiten durch die Sonntage – wie man es z.B: an unseren heutigen Adventskränzen noch erkennen kann. Und jede dieser Zeiten hat eine Art "Bergfest". Den Sonntag, an dem mehr als die Hälfte geschafft ist. An diesen Sonntagen ist die Vorfreude auf das kommende Fest das dominierende Thema. Bis 1729 musste man sich aber auch an diesen eigentlich recht optimistisch gestimmten Tagen in das ernste und schwere violett hüllen – eigentlich ein Widerspruch. Die rosa Gewänder des Barock und Rokoko waren da die Lösung: Rosa wurde hier als aufgehelltes Violett verstanden. Ein violett, durch dass die Helligkeit von Weihhnachten und Ostern schon zu erahnen ist. Also: die Ideale Farbe um den Stimmungswechsel für diese Sonntage auszudrücken. Die Ideale Farbe, um die Vorfreude auf die großen Feste sinnlich erfahrbar zu machen. Seither können sich alle katholischen Priester am dritten Adventssonntag und am vierten Fastensonntag ein rosa Gewand für den Gottesdienst anziehen, wenn ihnen eines zur Verfügung steht – und sie sich trauen.

Musik IV "Pink Panther Theme"

Rosa Gewänder im Gottesdienst am dritten Sonntag im Advent: So drollig man in so einem rosanen Gewand aussieht – glauben Sie mir, ich weiß das aus Erfahrung – so sehr ist mir diese Tradition ans Herz gewachsen. Für mich symbolisiert sie eine wertvolle Kunst: Die Kunst der Vorfreude. Übrigens: Psychologisch betrachtet macht diese Vorfreude auch gesund, indem sie Stress abbaut und so die Leistungsfähigkeit fördert. Ich würde sagen: Vorfreude macht das Leben lebenswert. Sie zeigt mir, wie wertvoll damit auch meine Ziele sind und das hilft mir, meine Kräfte zu mobilisieren, um diese Ziele auch zu erreichen. Was wäre Weihnachten ohne die Zeit der Vorbereitung, ohne das Aufbauen der Spannung, ohne die Vorfreude? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass sie diese Vorfreude auch erleben können – vor allem in den kommenden Tagen bis Weihnachten.

Ihr Vikar Jörg Heinemann aus Attendorn.

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