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Das Geistliche Wort | 22.12.2013 | 8:40 Uhr

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Geboren auf der Flucht

Musik 1 Track 4 Spor von CD Magico, Komponist: Jan Garbarek, Interpreten: Jan Garbarek, Charlie Haden, Egberto Gismonti, produziert von Manfred Eicher, ECM 1151, 1980 ECM Records München, LC 02516

Autor: Fatma und Imam, ein junges Ehepaar, leben im Nahen Osten, nicht weit von der syrischen Grenze. Fatma ist hoch schwanger. Da müssen sie sich auf die Reise machen. Ungewollt. Das Kind wird fern der Heimat geboren. In einfachsten Verhältnissen. Bald nach der Geburt muss die Familie weiterziehen. Nicht zurück nach Hause, sondern an einen unbekannten Ort. Denn sie sind auf der Flucht. Das Kind wächst in einer fremden Umgebung auf. Es wird behütet durch Menschen, die wie Engel für die Familie sorgen. Und die Eltern können langsam ihre Angst überwinden.

Musik 2 Track 5 Palhaco von CD Magico, Komponist: Egberto Gismonti, Interpreten: Jan Garbarek, Charlie Haden, Egberto Gismonti, produziert von Manfred Eicher, ECM 1151, 1980 ECM Records München, LC 02516

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Sven Keppler. Ich bin Pfarrer der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Als ich diese Geschichte hörte, musste ich sofort an die Heilige Familie denken. Auch Maria und Josef mussten ihren Heimatort Nazareth verlassen. Es war ein beschwerlicher Weg über’s Gebirge nach Bethlehem. Nicht nur für die hochschwangere Maria. Auch für Josef.

In einem Stall gebar Maria ihr Kind. Sie nannten es Jesus. Kurz darauf musste die Familie weiterziehen. Auf der Flucht. Weil der Machthaber ihrem Sohn nach dem Leben trachtete. Seine ersten Lebensjahre verbrachte Jesus in Ägypten. In einer völlig andersartigen, fremden Kultur als die seiner Eltern. Diese Welt wird ihn geprägt haben. Ihre Bräuche. Ihre Umgangsformen.

Was für ein Leben mag das gewesen sein? Wie mag sich seine Mutter gefühlt haben, als sie die Heimat verließ? Vielleicht so wie Fatma.

Fatma: Ich war sechs Monate schwanger. War nicht so einfach alles. War schwierig. Ich konnte keine Sprache. Ich konnte auch nicht mit jemand reden. Und alles war fremd für mich. Und es war nicht meine Heimat. Ich hab meine Eltern dagelassen und meine Familie und alles Mögliche. Und ich musste hier neu anfangen.

Autor: Fatma und Imam sind Kurden. Sie sind Aleviten, das ist eine islamische Glaubensrichtung. 1992 haben sie die Türkei verlassen. Sie fühlten sich dort nicht mehr sicher. Sie durften ihre Sprache nicht sprechen, ihre Religion nicht ausüben. Ein Jahr nach ihrer Heirat beschlossen sie, nach Deutschland zu flüchten. Imam erinnert sich an die beschwerliche Flucht.

Imam: Ja, ganz schwierig für Fatma. Schwanger. Und immer sitzen. Und Angst.

Autor: Mit einer großen Willensleistung haben sie die Flucht überstanden.

Fatma: Die Reise war auch nicht so einfach gewesen. Aber ich war stark. Ich wusste genau: Ich musste weg. Und wegen das habe ich alles durchgemacht.

Musik 3 = Musik 2

Autor: So kamen Fatma und Imam nach Deutschland. Ihr Bethlehem war Castrop-Rauxel. Ein Lager für Asylbewerber.

Imam: Dann wir hatten ein Zimmer. Also ungefähr fünf Meter oder so. Ein Schrank. Nur ein Bett. Keine Toilette. Keine Duschen. Also.

Autor: „Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ – heißt es in der Weihnachtsgeschichte. Für Maria und Josef blieb nur der Stall. Für Fatma und Imam immerhin ein einfacher Raum. Die letzten Wochen der Schwangerschaft verbrachten sie in dem Lager. Dann setzten die Wehen ein. Aber Fatma konnte das niemandem sagen, denn ihr fehlten die deutschen Worte dafür. Als die Wehen stärker wurden, fand sich zum Glück ein anderer türkischer Mann, der etwas Deutsch konnte. Der benachrichtigte die Verantwortlichen. Ein Notarzt brachte sie ins Krankenhaus.

Fatma: Da bin ich zwei Tage geblieben. Da habe ich eine türkische Frau kennen gelernt. Und sie hat mir geholfen. Gesagt: Ich helf dir. Ich kann deutsch sprechen. Und ich bin auch selber schwanger. Aber wenn du Wehen hast oder irgendwie Probleme, kannst Du mit mir sprechen. Und ich hab mit ihr immer unterhalten. Und sie hat mir geholfen.

Autor: Nach zwei Tagen wurde Özlem geboren. Ein Mädchen. Die Eltern waren überglücklich: Trotz der schwierigen Umstände war alles gut gegangen. Natürlich kamen keine neugierigen Hirten wie damals, als Jesus geboren wurde. Und auch keine Könige aus dem Morgenland, die wertvolle Geschenke brachten. Aber es waren immer Menschen da, die im richtigen Moment helfen konnten. Zehn Tage blieb Fatma im Krankenhaus. Danach brach die Familie wieder auf. In Ostwestfalen kam ihre Flucht zu einem Ziel. In Versmold kamen die drei in ein Heim für Asylbewerber.

Imam: Also diese Zeit auch schwieriger wir gehabt. Weil wir zwei Familien ein Zimmer gehabt haben. Also in der Mitte nur zwei Schränke. Ein Zimmer, aber in der Mitte nur zwei Schränke. Unser Bett diese Seite. Sein Bett andere Seite. Der auch ein Kind. Wir auch ein Kind. Ungefähr haben wir zwei Monate zusammen gelebt in einem Zimmer.

Fatma: Wenn ich Licht angemacht und stillen möchte, und dann wachte von denen das Kind auf. Dann musste ich mit dem kleinen Kind in die Küche rennen, da stillen. Das war nicht so einfach.

Autor: Und irgendwann konnten die jungen Eltern auch Kontakt mit der Familie in der Türkei aufnehmen. Sie konnten erzählen, dass sie sicher untergekommen waren. Auch wenn es noch viele Jahre dauerte, bis ihr Antrag auf Asyl anerkannt wurde. Sie hatten eine gesunde Tochter, die sich frei entwickeln konnte. Fatma erzählt von der Reaktion ihrer Verwandten.

Fatma: Die haben sich so gefreut. Wie alles da, wir haben gesagt: Alles ist okay. Kind ist da, alles gesund, wir freuen uns.

Musik 4 = Musik 2

Autor: Die Bibel schweigt darüber, wie lange die Heilige Familie in ihrem Asyl in Ägypten blieb. Auch die Orte, an denen sie wohnte, werden nicht erwähnt. Bis heute werden im Nildelta viele Legenden über diese Reise erzählt.

Für den Evangelisten Matthäus, der von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten erzählt, ist etwas anderes wichtig. Diese Flucht nach Ägypten bringt Jesus in Zusammenhang mit zwei großen Persönlichkeiten und damit zwei großen Traditionen des Alten Testaments. Die eine ist die Geschichte von Josef, dem Sohn Jakobs. Auch er schwebte in einer tödlichen Gefahr, weil seine neidischen Brüder ihn ermorden wollten. Doch er wurde gerettet und nach Ägypten gebracht. Dort reifte er zu einer bedeutenden Persönlichkeit.

Das andere Vorbild ist Mose, die zentrale Gestalt des jüdischen Glaubens. Er war wie Jesus als Säugling in höchster Gefahr. Auch zu seiner Zeit sollten die männlichen Kinder seines Volkes getötet werden. Und auch er wurde wie durch ein Wunder gerettet und wuchs in Ägypten zum Knaben heran.

Der Evangelist Matthäus spielt auf diese Vorbilder an, wenn er das Alte Testament zitiert, wo Gott sagt: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ Wie Jesus die ägyptische Kultur erlebt hat, wissen wir nicht. Jakobs Sohn Josef und Mose übernahmen Teile ihrer Sitten. Josef wurde sogar zu einem der Großen des Landes. Dafür brauchte es Menschen, die ihn aufnahmen und prägten.

Özlem: Ich hatte dann hier Ersatzoma und -opa, das waren dann Brigitte und Hermann, da hat mir nichts gefehlt, also Deutschland war immer schon meine Heimat, bezeichne ich auch heute noch als meine Heimat. Und die Türkei war für mich die Heimat meiner Eltern. Und da sind meine Wurzeln.

Autor: Özlem ist heute 21 Jahre alt und studiert Jura. Dankbar erzählt sie von den Menschen, die sie in Versmold aufgenommen haben. Fatma berichtet, wie sie Özlems „Ersatzoma“ kennen lernte. Die meisten Deutschen warten, bis neue Nachbarn sich vorstellen. Brigitte Holschermann aber tat das, was in der Türkei üblich ist: Sie besuchte die neuen Nachbarn in ihrem Zuhause.

Fatma: Brigitte Holschermann kommt einen Tag zu uns und möchte gerne Ausländer kennen lernen. Dann ist sie zu mir gekommen. Dann hat sie mit mir Kontakt gehabt. Nach und nach sie kam immer und immer. Aber für mich ist sie der einzige Mensch gewesen, der mir hat die Tür aufgemacht. Und ich hab mir gesagt: Warum kommt keiner hier rein? Warum sagt keiner, auch Nachbarschaft, warum sagt keiner: Wie geht’s Euch? Braucht Ihr irgendwas? Oder nur einfach auch die Sprache was. Und sie kam so, weiß nicht, wie ein Engel. Sie kam zu mir und seitdem ist sie für mich so wie ein Engel gewesen.

Özlem: Und die haben viel für mich getan. Ja, und daher kann ich mich zu den wenigen ausländischen Migrantenkindern schätzen, die ja zwischen zwei Welten leben durften. Weil, Brigitte war Realschullehrerin und die ganze Nachbarschaft besteht aus Lehrern und da kriegt man natürlich viel mit. Und da wurde natürlich darauf geachtet, dass ich mich auch richtig artikulieren kann und auch viel von der deutschen Kultur mitkriege. Also das typische Sonntagsessen. Und Weihnachten feiern. Das wäre für mich total fremd, wenn ich das nicht feiern dürfte.

Autor: Bei Brigitte und Hermann lernte das kurdische Mädchen die deutsche Weihnacht kennen. Mit all ihren Bräuchen. Ihre Eltern erlaubten ihr das. Auch weil sie wussten, dass ihr Kind dennoch an ihrem alevitischen Glauben festhalten würde. Özlem entdeckte die Weihnachtsgeschichte für sich, die ihrer eigenen so ähnlich ist.

Özlem: Ich finde, wenn man einfach diese weihnachtliche Atmosphäre kennt und weiß, wie viel Liebe und wie viel Zeit man da investieren kann. Gemeinsam – wir durften dann immer zusammen den Weihnachtsbaum schmücken. Auch das Krippenspiel und selber Krippen basteln. Und Weihnachtslieder zu singen. Meine Eltern waren einfach total offen. Und das ist eigentlich das – da kann ich ihnen gar nicht dankbar genug sein. Weil, hätten die mir das vorenthalten, wie es viele tun, das ist ja leider so, dann hätte ich gar nicht die Erfahrung machen können. Und wahrscheinlich mich auch nicht so weiterentwickeln können und wäre jetzt auch nicht die Person, die ich heute bin.

Autor: Durch die Geschichte von Fatma, Imam und Özlem habe ich neu gelernt, was Weihnachten bedeutet. Es ist das Fest einer Rettung aus Not. Und es kann zu einem Fest werden, in dem die unterschiedlichsten Menschen etwas von Gottes Liebe spüren - einander zu Engeln werden und einander Liebe schenken.

Einen gesegneten Sonntag und ein glückliches Weihnachtsfest wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Kirche.

Musik 5 = Musik 2

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