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Das Geistliche Wort | 13.12.2015 | 08:40 Uhr

„Vorfreude“

Guten Morgen!

"Vorfreude ist doch die schönste Freude!" so pflegte meine Großmutter zu sagen und sie musste es wissen. Nicht allzu viele große Freuden sind ihr in ihren 95 Jahren zu teil geworden. Zwei Kriege und Nachkriegszeiten hat sie miterlebt und viel Arbeit und Mühe in ihrer Familie gehabt. Da musste man schon die kleinen Freuden des Lebens erkennen und wertschätzen und durfte die Hoffnung auf die große nicht verlieren.

"Vorfreude ist die schönste Freude!" hat Oma darum oft gesagt, besonders im Advent. Ich erinnere mich, wie sie damals in ihrer Küche stand. Der alte Kohleherd verbreitete wohlige Wärme, im Radio lief vielleicht gerade "In der Weihnachtsbäckerei" oder sie sang selbst "Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab". Einmal habe ich sie überrascht, als sie gerade mit zwei schweren Eimern voller Kohle aus dem Keller kam und dabei vor sich hinsummte "Vom Himmel hoch, da komm ich her!"

Im Advent backte Oma für die ganze Familie Weihnachtsplätzchen oder, wie wir damals im Ruhrgebiet sagten "Oma war am Backen". Die unterschiedlichsten Arten von Teig wurden angerührt, abgeschmeckt und auf dem Backblech verteilt.

Während wir Enkelkinder die Schüssel unter Warnung vor Magenschmerzen ausschlecken durften, hatte sie ihr Werk schon in den Backofen geschoben:

"Vorsicht Kinder: Der Ofen ist ganz, ganz heiß!"

Dann hieß es abwarten und den richtigen Zeitpunkt für das Herausnehmen erkennen: nachdem alles gut durchgebacken war und bevor es verbrannte.

Doch auch da hatte Oma alles im Griff.

Danach konnte man das Ergebnis noch in flüssige Schokolade tauchen oder mit Zucker bestreuen, dann aber musste es – noch bevor richtig abgekühlt – von den Anwesenden erst einmal verkostet werden. "Oma, die sind Dir dieses Jahr aber wieder ganz besonders gut gelungen!" war jedes Mal das einhellige Urteil und große Zufriedenheit breitete sich aus. Oma hatte recht: "Ja, die Vorfreude ist doch immer die schönste Freude!"

Später am Heiligen Abend und an den Weihnachtstagen zwischen Geschenken, Abendessen und dem süßen Teller ging das Weihnachtsgebäck immer ein wenig unter, aber das Vorkosten am Backtag war Vorfreude pur, es war im wahrsten Sinne des Wortes immer schon ein kleiner Vorgeschmack auf das ersehnte, große Fest.

MUSIK I

Ich weiß nicht, ob Vorfreude wirklich die schönste Freude ist, aber eine schöne ist sie bestimmt. Auf jeden Fall ist sie eine verhaltene und geduldige, die nicht immer schon alles vorweg nimmt, sondern abwarten kann; darum passt sie auch so gut in den Advent. Vorfreude hat auch etwas mit Zurückhaltung zu tun: Wer im September schon Mengen an Marzipan, Spekulatius oder Dominosteinen isst, hat an Weihnachten längst den Geschmack daran verloren.

Die Vorfreude auf ein Fest, die Vorbereitung einer Feier, die Planung des nächsten Urlaubs, das Basteln eines Geschenkes für einen lieben Menschen, die Vorbereitung einer Mahlzeit für gute Freunde – sie können selbst schon Freude machen und Freude bereiten – und vielleicht ist solche "Vorfreude" auch das eigentliche Geheimnis der Religion.

Denn echte Freude führt den Menschen wohl immer irgendwie ein Stückweit über sich selbst hinaus. Freude ist wohl immer ein kleiner Vorgeschmack auf eine große Weite, die noch aussteht. Nichts um satt zu werden, sondern um Appetit zu bekommen; mehr Verheißung als Erfüllung, aber doch schon ganz ganz wirklich. Freude spannt einen Bogen auf, dass am Ende das Ganze gut sein wird, auch wenn ich nie alles in seiner Ganzheit und Schönheit überblicke und mein Blick manchmal gebannt ist vom Bösen, getrübt durch das Schwere oder fixiert auf das Zerbrochene. Das Ganze, das Gute steht noch aus.

MUSIK II

Ein Bild der Vorfreude ist in den Tagen vor Weihnachten die schwangere Maria.

Sie ist "guter Hoffnung" heißt es. Sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen, auf dem eine große Verheißung ruht: "Sohn Gottes" soll es genannt werden und der "Immanuel" sein, der Mensch in dem Gott selbst ganz bei den Menschen ist.

Jedes Kind, das geboren wird, ist für mich ein Zeichen. Es zeigt, dass der Schöpfer die Freude an seiner Schöpfung noch nicht verloren hat und die Hoffnung nicht aufgibt, dass sie einmal so wird, wie er sie gemeint und gemacht hatte: eben sehr gut. Mit jedem Kind bekommt das Leben, bekommt der Friede, bekommt die Gerechtigkeit eine neue Chance. Jedes Kind ist ein Hoffnungszeichen und jedes Kindergeschrei ist Zukunftsmusik.

Das Kind der Maria jedoch bringt eine besondere Verheißung. Christen glauben:

In ihm ist Gott selbst mit seiner Liebe und Wahrheit an die Seite aller Menschen getreten. Es ist das, wozu alle noch unterwegs sind: Ebenbild des unsichtbaren Gottes. In ihm strahlt Gottes Licht ganz klar und rein auf. Von dieser Erwartung ist Maria erfüllt. Davon erzählt sie weiter und davon kann sie schon voller Freude singen: "Meine Seele preist die Größe des Herrn ..." (Lk 1,46)

MUSIK III

Und was, wenn alle Freude Vorfreude wäre? Denn kein Besitz bringt ja letzte Sicherheit, keine Liebe absolute Erfüllung, kein Erfolg volle Zufriedenheit.

Auch nach einem Fünf-Sterne-Menü werde ich irgendwann wieder hungrig, das rauschendste Fest mündet am Ende in den Alltag, die große Liebe bringt nicht den Himmel auf die Erde, sondern muss sich auf Dauer auf der Erde bewähren.

Wer hier und jetzt schon das Große, Ganze und Endgültige erwartet, überfordert sich und seine Mitmenschen maßlos und wer die Qualität der Freude durch die Quantität der Freuden ersetzen will, macht sie nur banal.

Wenn aber meine Freude immer zugleich Vorfreude ist: Vorgeschmack auf eine noch ausstehende letzte große Erfüllung, dann kann ich gelassen mit ihr umgehen.

Ihr Wert besteht dann gerade darin, dass sie noch nicht letzte und absolute Glückseligkeit bringt, sondern Raum lässt für ein Später-mehr.

Genau das hat der Mann aus Nazareth in seinen Seligpreisungen verheißen. Auch er sprach von der Vorfreude: "Freuen dürfen sich alle, die noch etwas erwarten, bei denen noch etwas aussteht!" (Vgl. Lk 6,21-23; Mt 5,3-12)

Diese Art von Freude hat noch eine besondere Qualität: Sie befreit mich auch von mir selbst. Ich muss dann nicht mehr perfekt sein. Ich darf mir zugestehen, niemals alle Erwartungen meiner Mitmenschen erfüllen zu können. Weil alles, was ich tue, vorläufig ist und auf etwas anderes verweist: Und gerade dadurch wird das, was ich hier und jetzt tun und geben kann, etwas ganz Einmaliges und Besonders. Es wird zur Verheißung: Meine kleine zerbrechliche Liebe erzählt dann von einer großen und ewigen. Meine Versuche gerecht zu handeln, verweisen auf eine endgültige Gerechtigkeit und mein Helfen und Heilen erzählen von ihrer Vollendung in der Fülle Gottes.

MUSIK IV

Die Wochen des Advent sind die Zeit der Vorbereitungen auf Weihnachten.

Viele Menschen planen den Ablauf der Feiertage, besorgen Geschenke, beschaffen alles Nötige und oft noch mehr als das. Sie wünschen sich "frohe Weihnachten" und ahnen doch, dass man sich Freude irgendwie nicht selbst machen kann, sondern eigentlich nur einander bereiten – und das könnte ein weiteres Geheimnis der Freude sein: Sie vermehrt sich, indem sie geteilt wird. Sie kehrt zurück, wenn man sie verschenkt.

Dazu gibt es in diesem Jahr mit so vielen Flüchtlingen doch eine besondere Gelegenheit. Wie damals das heilige Paar oder später die Heilige Familie, suchen Hunderttausende Aufnahme und ein Zuhause. Auch wenn mir vielleicht keine großartigen Hilfen möglich sind, so sind es doch oft die kleinen Zeichen, die gut tun: Freundlichkeit und Beachtung, Respekt und Anteilnahme.

Umgekehrt misstraue ich allen, die die absolute Freude und totale Erfüllung versprechen, wenn ich nur ihr Produkt kaufe oder mich ihrer Meinung anschließe. Aber hoffen darf ich, dass noch etwas aussteht für mich und auch für die anderen. Auch wenn ich – wie meine Großmutter damals – meine Last zu tragen habe: Ich darf doch schon vom Himmel singen!

Übrigens: Nichts anderes ist mit dem Wort "Advent" gemeint. Es lässt sich übersetzen als – "bald bevorstehende Ankunft". Advent ist eben auch Verheißung und spannt einen Bogen aus, auf das was kommt, und worauf ich mich freuen darf. Gerade der heutige dritte Advent bringt Freude und Verheißung zusammen. Er hat einen besonders schönen Namen: "Gaudete!" Das heißt: "Freut euch!"

"Gaudete" meint keine oberflächliche "Gaudi". "Gaudete" kommt von dem Satz, den der Apostel Paulus einmal an die Philipper geschrieben hat: "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Denn der Herr ist nahe!" (Phil. 4, 4-5)

Paulus meint damit: Weil die Welt trotz aller Abgründe und Dunkelheit, trotz aller Rätsel und Schmerzen nicht von Gott und allen guten Geistern verlassen ist, weil ER gut zu den Menschen ist und ihnen immer wieder nahe kommt, darum ist schon hier und jetzt Grund zur Freude: Zur Vorfreude auf die große Freude, von der der Engel im Weihnachtsevangelium sagt, dass sie einmal allen Menschen widerfahren soll (Vgl. Lk 2,10).

Ihnen noch ein verbleibende frohe Adventszeit, in der sie hoffentlich erfahren können, dass Gott schon mit uns lebt und wir Grund haben, uns zu freuen und einander Freude zu bereiten.

MUSIK V

Es grüßt Sie aus Köln – Pfarrer Jürgen Martin.

Bildrechte: CCO Pixabay

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