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Das Geistliche Wort | 24.07.2016 | 08:35 Uhr

„Tut Gott, worum ich ihn bitte?“

Da war was los. Tausende von Fans des 1. FC Köln waren gekommen. Nicht ins RheinEnergieSTADION, das wäre zu erwarten gewesen. Nein, sie kamen zum Mittagsgebet in den Kölner Dom. Und der ganze Dom voll mit Menschen in rot-weißer Kleidung. Stark!

Der Grund dafür? Der Saisonbeginn der Fußballbundesliga letztes Jahr. Und es war beeindruckend, dass so viele Fans der Einladung zu einem guten Saisonverlauf gefolgt waren. Lauthals und aus vollem Herzen ertönte dann auch am Ende des Gebets, begleitet von der Domorgel, die Hymne des 1. FC Köln: „Mer schwör dir he, op Treu un op Ihr! Mer stonn zo dir, FC Kölle“. Wir schwören dir, auf Treue und auf Ehre, wir stehen zu dir, FC Köln.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

mein Name ist Pfarrer Mike Kolb. Ich bin Diözesanjugendseelsorger im Erzbistum Köln – und ich war bei so einem Mittagsgebet der FC Köln-Fans dabei – auch wenn ich selbst kein FC Fan bin.

Was sich vielleicht zunächst für außergewöhnlich anhört oder auch befremdlich, das ist im Kölner Dom gar nicht so unüblich. Auch außerhalb des besagten Mittagsgebets zum Start in die neue Saison findet man gerade vor Heimspielen des 1. FC Köln immer wieder Fans, die in den Dom gehen und vor der Schmuckmadonna eine Kerze anzünden.

Ich bin felsenfest überzeugt, dass nicht wenige Fans Gott darum bitten, dass der 1. FC Köln gewinnt, dass er vielleicht sogar nach vielen Jahren einmal wieder Meister wird. Sicher beten auch manche darum, dass fair gespielt und keiner verletzt wird, dass es keine Ausschreitungen oder Terroranschläge geben möge. Aber ein echter Fan hat beim Gebet sicherlich auch immer die Hoffnung im Herzen: Lieber Gott, lass meine Mannschaft gewinnen! Was aber, wenn die Fans der vielen anderen Clubs genau um das Gleiche bitten, um Sieg und den Meistertitel? Es kann immer nur einer gewinnen und es kann auch nur einer die Meisterschale holen. Hat dann das Gebet des einzelnen überhaupt einen Sinn? Grundsätzlich gefragt: Tut Gott, worum ich ihn bitte?

Musik I

Tut Gott, worum ich ihn bitte? Erhört Gott eine solche Bitte wie die, der 1. FC Köln möge Meister werden? Augenscheinlich hat Gott sie in den letzten Jahren nicht erhört. Hatten die Fans der Meistervereine einen besseren Draht zu Gott? Wie ist das überhaupt, wenn Menschen in viel größerer Not ihre Bitten an Gott richten? Tut Gott, worum er gebeten wird? Dass man zum Beispiel wieder gesund wird; dass die eigenen Kinder vor einem Unfall bewahrt werden mögen; dass der Krieg in der Welt endlich aufhört; dass die eigene Ehe, die vor dem Aus steht, gerettet wird; dass Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen, irgendwo ein Licht am Ende des Tunnels sehen; dass man von irgendwoher Geld bekommt, um für die eigenen Kinder etwas zu essen kaufen zu können.

Menschen tragen ihre ganz persönlichen Nöte, ihr Schreien, ihre Angst, ihre Verzweiflung vor Gott. Und da geht es in der Regel um existentiellere Dinge als den Sieg in der Bundesliga. Anders kann ich mir nicht erklären, warum so viele Menschen Tag für Tag in den Kölner Dom kommen oder auch sonst wo in Kirchen gehen, eine Kerze anzünden und zum Gebet verweilen und das nicht erst in unserer Zeit. Aber es bleibt doch die bohrende Frage: Na und? Tut denn Gott, worum ihn die Menschen bitten? Setzt er um, was an ihn herangetragen wird? Nimmt er sich der himmelstürmenden Gebete an, die Menschen in Verzweiflung an ihn richten? Und ist er sich auch nicht zu schade, das inbrünstige Gebet eines Fußballfans zu erhören?

Musik II

Tut Gott, worum ich ihn bitte? Im Evangelium nach Lukas gibt Jesus eine scheinbar sehr eindeutige Antwort: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“ (Lk 11,9f).

Aber stimmt das denn? Der Blick auf unsere Welt, auf das eigene Leben oder das vieler bekannter und geliebter Menschen spricht doch eine ganz andere Sprache. Da scheint es nur nebensächlich zu sein, dass der 1. FC Köln seit vielen Jahren, Jahrzehnten nicht mehr Meister geworden ist. Frustrierender machen doch die Erfahrungen: Krankheiten bleiben ungeheilt. Kriege gibt es weiterhin in der Welt. Beziehungen zerbrechen immer wieder. Operationen missglücken. Menschen sterben bei Unfällen, unerwartet. – Obwohl Menschen um Gottes Hilfe und Schutz gebeten haben.

Tut Gott, worum ich ihn bitte? Die Antwort scheint einfach: In der Regel tut er es nicht. In der Regel erhört er mich nicht. In der Regel empfange ich nicht, worum ich bitte. In der Regel wird mir nicht geöffnet, wenn ich anklopfe. Das ist die ganz alltägliche Erfahrung.

Ist damit die ganze Sache also mit dem Bitten und dem Beten, mit dem Glauben an einen Gott, der mich sieht und erhört, ja, mit dem Glauben an die Macht Gottes nicht verkehrt, eine Einbildung vielleicht? Viele Menschen antworten auf diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“. Sie haben längst einen Haken gemacht an den christlichen Glauben vom liebenden und helfenden Gott. Sie vertrauen lieber auf ihre eigenen Kräfte.

Musik III

Tut Gott, worum ich ihn bitte? Die Erfahrungen sprechen in der Regel dagegen. Aber vor einiger Zeit hat ein Jugendlicher mir einmal etwas sehr bemerkenswertes gesagt: „Das habe ich kapiert: Wir glauben nicht an einen Automaten-Gott!“

Automaten-Gott! Ich war verwundert über dieses Bild, das ich nicht verstand. Aber er erklärte es mir: „Na klar, Gott ist eben kein Automat. Bei einem Automaten werfe ich oben etwas rein, drücke eine Taste oder drehe eine Kurbel, und unten kommt das raus, was ich gewählt habe. So ist Gott eben nicht.“

Das Bild leuchtete mir ein. Der Jugendliche hatte es auf den Punkt gebracht: Genau, bei Gott funktioniert kein Automatismus. Er ist kein Automaten-Gott, bei dem ich eine Bitte hineinwerfe und unten das gewünschte Ergebnis herauskommt.

Nein, der Gott, von dem die Bibel spricht und den Menschen bitten, ist ein Gott, der zwar das Glück des Menschen will, aber der ein Glück will, das anders ist, als wir Menschen es uns oft vorstellen.

Im ersten Satz des Katechismus der katholischen Kirche steht: „Gott ist in sich unendlich vollkommen und glücklich. In einem aus reiner Güte gefassten Ratschluss hat er den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit er an seinem glückseligen Leben teilhabe.“ So atemberaubend und unfassbar dies klingt im Blick auf die reale Situation dieser Welt und vieler menschlicher Schicksale: Gottes Wille ist es, dass jeder einzelne Mensch glücklich wird – indem der Mensch an Gottes Glückseligkeit Anteil hat. Aber – und das macht die Sache für mich so verständlich: Gott ist mit seiner Welt noch nicht fertig. Er leidet selber darunter, dass Menschen anderen Menschen den Weg zum Glück verbauen, den Weg zu einem erfüllten Leben, zu einem Leben, das den Tod nicht kennt und ohne Klage, Trauer und Schmerzen ist. Trotz dieser Widerwärtigkeiten, dass Menschen selbst dem Glück der anderen Menschen im Wege stehen, lässt Gott nicht nach in seiner Leidenschaft, das Glück für jeden einzelnen Menschen zu eröffnen.

Musik IV

Was ist das Glück für den Menschen aus der Sicht Gottes? Was ist das Glück für den Menschen aus der Sicht des Menschen? Ich glaube, dass menschliches Glück und göttliches Glück darin zusammen kommen können, wenn das Beten, das Bitten, das inbrünstige Sich-Wenden an Gott eines zum Ziel hat: dass ich seinen Willen erkenne, welchen Weg er für mich auch immer erdacht hat, damit ich mit ihm glücklich werde. Übrigens sagt Jesus nicht, was wir empfangen, was wir finden und was uns geöffnet wird, sondern nur, dass wer bittet, auch empfängt, wer sucht, auch findet und wer anklopft, dem auch geöffnet wird.

Eigentlich kommt das schon im Vater unser zum Ausdruck, dem großen Gebet, das Jesus den Menschen hinterlassen hat, wenn es da heißt: „Dein Wille geschehe“ (Lk 11,2). Gott zu bitten: „Dein Wille geschehe!“ weil ich darauf vertraue, dass sein Wille mich zum Glück führt, das ist die Antwort auf die Frage: Tut Gott, worum ich ihn bitte?

Konkret heißt das für mich: Immer wieder Gott die Möglichkeiten, die Schwächen, die Stärken des eigenen Lebens hinzuhalten, sich ihm, gerade in Not, zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass er da ist, mitgeht und trägt und mich zum Glück, zum Leben führt.

Immerhin verheißt Jesus an anderer Stelle im Lukasevangelium eine Gabe für alle, die Gott in den unterschiedlichsten Anliegen bitten: „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten?“

Der Heilige Geist, Gottes Geist also, das wäre dann die Gabe zum Glück. Der Heilige Geist ist nichts anderes als die Anwesenheit Gottes im Leben eines jeden Menschen. Diesen Geist gilt es letztlich zu erbitten, damit Leben gelingen kann, damit es glücken kann. Ich verstehe die Aussage Jesu im Lukasevangelium als Einladung an mich: Ich darf immer wieder Gott bitten und mich Gott mit den kleinen und großen Sorgen meines Lebens anvertrauen, weil ich davon überzeugt bin, dass Gott das Gute, was er einmal in mir begonnen hat, auch zur Vollendung führen wird.

Musik V

Einen schönen und gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Mike Kolb aus Odenthal-Altenberg.

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