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Das Geistliche Wort | 26.05.2016 | 08:35 Uhr

Das Brot des Lebens

Guten Morgen!

Gott sei Dank ist heute frei – jedenfalls für viele Menschen in unserem Land – immerhin, dieser Donnerstag ist ein gesetzlicher Feiertag. Und das verdanken wir dem Fest Fronleichnam – Gott sei Dank.

Für mich als katholischem Priester ist dieser Feiertag etwas Besonderes, nicht weil ich heute frei hätte. Nein, ganz im Gegenteil, heute ist in der katholischen Kirche Großeinsatz, aber mir macht es richtig Freude heute dieses Fest zu feiern: Fronleichnam. Ich weiß natürlich, dass vielen Menschen in unserm Land das Fest selbst ebenso fremd ist wie sein Name. Kein Wunder, denn der kommt schon aus dem Mittelhochdeutschen. „Fron“ ist ein anderes Wort für „Herr“ und „Leichnam“ bedeutet „Körper oder Leib“ – Es geht an Fronleichnam also um den Leib des Herrn, genauer gesagt: um den Leib Jesu Christi. Und genau dieser Jesus Christus steht im Mittelpunkt des Festes, genauer gesagt um seine Gegenwart in der Gestalt des Brotes.

Musik 1

Am heutigen Fronleichnamsfest geht es um Jesus Christus. Von ihm wird im Neuen Testament eine wundersame Begebenheit erzählt: die wunderbaren Brotvermehrung Jesus hatte am Seeufer gepredigt und viele Männer und Frauen waren gekommen, um ihn zu sehen und zu hören. Sie blieben den ganzen Tag. Da ist es Abend geworden und sie haben nichts zu essen bei sich. Nur fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat ein Junge bei sich. Im Johannesevangelium heißt es: „Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten.“ (Joh 6,11). Dann geschieht das Wunder: Es wurde ausgeteilt und alle wurden satt.

Hier geht es im wahrsten Sinne des Wortes um das Brot als Lebensmittel: Das Brot ist ein Mittel, um zu leben- und Jesus schenkt das Brot in Fülle – so viel sie wollten! Das heißt doch Jesus schenkt das Leben in Fülle!

Die Menschen erfahren das Wunder, das Jesus tut, sie hören seine Worte und sie gehen jetzt nicht nur zu Jesus, sie gehen sogar mit ihm. Sie gehen mit ihm bis, ja, bis er im Anschluss an diese wunderbare Brotvermehrung in dem Ort Karphanaum am See Genezareth seine nächste Rede hält. Und hier deutet er das ganze Geschehen noch einmal. Jesus ruft seinen Zuhörern zu: „Das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben“ (Joh 6,33). Die Leute denken sich zunächst: Was mag das für ein besonderes Brot sein? So wie das Gerstenbrot am Vortag? Oder ist es wie das Manna in der Wüste nach dem Auszug aus Ägypten, als Gott sein Volk nicht verhungern ließ, wie es im Alten Testament beschrieben wird?

Vordergründig werden die Leute gesättigt. Und darum bitten die Leute Jesus: „Herr, gib uns immer dieses Brot“ (Joh 6,34). Aber Jesus geht es nicht um das vordergründige Sattwerden. Er gibt ihnen kein Brot mehr, sondern sagt ziemlich unvermittelt: „Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern“ (Joh 6,35). Missverständlicher könnte es wohl kaum zugehen: Jesus selbst ist Brot? Die Reaktion der Zuhörer, die ihm bisher immer freundlich zugehört haben, ist lautes Murren: Was soll das denn heißen? Wie kann ein vernünftiger Mensch von sich behaupten, er sei Brot?

Aber Jesus setzt noch eins drauf und sagt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch“ (Joh 6,51). Für normale Ohren geht es wohl kaum noch krasser! Die Reaktion: Nicht wenige seiner Zuhörer wenden sich da von Jesus ab: „Was der für Unsinn redet….“ Vordergründig endet die wunderbare Brotvermehrung in Unverständnis und Ablehnung. Kein Wunder angesichts eines Wunders!

Musik 2

Das Jesus sich selbst als das lebendige Brot bezeichnet findet noch eine Fortsetzung: Einige Zeit später, in einem Saal in Jerusalem. Jesus sitzt mit seinen zwölf Jüngern bei Tisch. Es ist das Abendmahl: Jesus nimmt das Brot, spricht das Dankgebet, bricht das Brot und reicht es seinen Jüngern (vgl. Lk 22,19). Es sind dieselben Worte und Handlungen wie bei der Brotvermehrung: Jesus nimmt das Brot, spricht das Dankgebet, bricht das Brot und reicht es seinen Jüngern.

Aber es gibt doch einen Unterschied: Im Abendmahlssaal ergänzt Jesus dann die Worte, die später in jeder Heiligen Messe ein Priester sprechen wird: „Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird!“ (Lk 22,19).

Es klingt für mich wie eine Reihe, wie eine Steigerung, die eng zusammengehört: Das Brot wird erst bezeichnet als lebendiges Brot und es wird verheißen: „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben“. Und diese Verheißung aus der Brotrede wird gesteigert durch Jesu Selbstbezeichnung des Brotes als sein Leib beim Abendmahl. Jesus hat beim letzten Abendmahl wahrgemacht, als er das Brot brach und sprach: Das ist nicht Brot. Das bin ich. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Und er fügt als Auftrag hinzu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19).

Ein Blick in die Anfänge der Kirche zeigt, dass die ersten Christen von Anfang an diesen Auftrag erfüllt haben. Es heißt dazu in der Apostelgeschichte: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.“ (Apg 2,42).

Das Brechen des Brotes, das ist der erste Ausdruck für das, was später Eucharistiefeier oder heilige Messe genannt wird. Von Anfang an war dieses Brechen des Brotes ein wesentliches Merkmal der christlichen Gemeinde. Und dieses Brot nennt man dann auch folgerichtig den Leib Christi.

Musik 3

Das Brechen des Brotes, die Eucharistiefeier hat im Laufe der Kirchengeschichte eine reiche Ausgestaltung und Kultur hervorgebracht. Trafen sich die ersten Christen zuhause in ihren Wohnungen wurden seit dem 4. Jahrhundert eigene Kirchräume gebaut: Seit dem 12. Jahrhundert wurden in den Kirchen eigene Aufbewahrungsorte für das Brot, den Leib Christi, gestaltet: der sogenannte Tabernakel. Heutzutage weißt eine rote Lampe auf ihn hin. Das Licht brennt ununterbrochen, um auf die Gegenwart Gottes an dieser Stelle hinzuweisen und heißt folglich das „ewige Licht“.

Den Menschen früherer Jahrhunderte reichte es nicht zu wissen, dass der Leib Christi in Gestalt des Brotes zwar anwesend im Tabernakel war, aber verschlossen und nicht sichtbar. So kam es, dass mit einem wachsenden Schaubedürfnis vor fast 800 Jahren man damit begann, den Leib Christi, den Leib des Herrn in einem Schaugefäß in den Kirchen auszustellen und zu zeigen. Aber was konnte man da sehen? Bis heute wird lediglich ein Stück Brot gezeigt, kreisrund wie eine kleine Scheibe. Aber für die katholischen Christen ist es viel mehr: Es ist für sie das Brot des Lebens, der Leib des Herrn, eben Christus selbst: ganz abstrakt als runde Scheibe, ganz konkret als Brot und ganz nah als Gott bei den Menschen.

Als Domdechant in Köln bin ich oft im Kölner Dom. Ich staune immer wieder, wie viele Menschen tagtäglich im Gewühl der Touristen die kleine Seitenkapelle des Doms aufsuchen. Denn hier ist der Leib Christi in dem Schaugefäß ausgestellt zur persönlichen Verehrung, zum Gebet. Mein Eindruck ist es, dass ganz ungebrochen Viele den Kontakt suchen zu Jesus Christus, in dem sie das Brot des Lebens sehen. Sie gehen zu ihm und suchen die Begegnung mit ihm in der Stille, im Gebet, im Gottesdienst. Sie gehen zu ihm und haben Gemeinschaft, indem sie dieses lebendige Brot auch empfangen.

Nicht nur im Kölner Dom ist das zu beobachten: Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche gehen in die Kirchen, in den Gottesdienst oder zum Tabernakel, um bei Jesus zu sein. Um zu beten, Dank zu sagen, still zu werden, Kraft zu tanken, Mut zu schöpfen. Sie kommen auch, um ihre Fragen, Sorgen, Ängste, Freuden, Dankbarkeit, Enttäuschungen, Bitten und Hoffnung vor Jesus Christus, den Herrn zu tragen.

Ich kann nur erahnen, welche Bedeutung diese innige Verbindung zwischen Mensch und Gott im Gebet hat. Immerhin: Edith Stein hat einmal in einem Brief geschrieben: „Der Herr ist im Tabernakel gegenwärtig mit Gottheit und Menschheit. Er ist da, nicht seinetwegen, sondern unseretwegen: weil es seine Freude ist, bei den Menschen zu sein. Und weil er weiß, dass wir, wie wir nun einmal sind, seine persönliche Nähe brauchen.“

Musik 4

Ob im Kölner Dom oder ob in einer anderen Kirche: Kirchenbesucher verlassen die Straße und suchen und finden hier oft einen Ort der Begegnung mit Gott, suchen den Ort auf, wo er verehrt wird in der Gestalt des Brotes. Aber an einem Tag ist es genau anders herum. Da kommt das Brot des Lebens zu den Menschen, geht auf die Straße. An diesem Tag wird das Schaugefäß, die Monstranz mit dem Leib des Herrn durch die Straßen unserer Städte und Dörfer getragen. Und Gläubige folgen dann der Monstranz, betend und singend in einer Prozession. Und das geschieht genau am heutigen Tag, an Fronleichnam. Das Fest Fronleichnam wurde im Jahr 1264 in der Kirche eingeführt. Und das Fest setzte sich schnell in der Christenheit Europas durch – vor allem wegen der Prozession mit dem Leib Christi in der Monstranz. Auch heute werde ich mit der Kölner Stadtprozession durch die Straßen ziehen, so wie es in ähnlicher Weise an vielen Städten und Dörfern geschieht.

Die Prozessionen sind aber nicht nur eine jahrhundertealte Tradition oder gar eine folkloristische Angelegenheit. Sie sind auch kein Demonstrationszug für oder gegen etwas. Wenn wir Katholiken heute im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße gehen, feiern wir das Fundament unserer Berufung als Christen – und in diesem Feiern erinnern wir uns selber daran, wozu wir berufen sind. Christus schenkt sich uns im Brot, er selber verschenkt sich, damit wir – gestärkt durch dieses Brot des Lebens – Kraft finden für unser Leben als Christen in der Welt von heute, gerade auch da wo wir leben, wohnen und arbeiten. Gott kommt ganz nah zu den Menschen, verschenkt sich, damit auch wir, als beschenkte uns weiterschenken: Denk daran, du bist ein Jünger Jesu Christi, und er will auch durch dich die Welt und das Leben gestalten. Dabei bist du nicht allein, sondern Teil einer großen Gemeinschaft. Auch diese Gemeinschaft wird erfahrbar wenn in den Prozessionen heute hunderte und tausende durch die Städte und Dörfer ziehen und gemeinsam beten, singen und Jesus folgen, dem Brot des Lebens.

Egal wo Sie auch sind und vielleicht heute einer Fronleichnamsprozession begegnen oder sogar mit ihr mitziehen: Im Bild der Prozession zeigt sich, Gott wendet sich dem Menschen zu, ganz konkret, ganz nah.

Musik 5

Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Fronleichnamstag! Ihr Domdechant aus Köln, Robert Kleine

* Edith Stein, Gesammelte Werke VII, 136f.

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