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Das Geistliche Wort | 19.01.2014 | 08:40 Uhr

„Ich sehe was, was du nicht siehst“

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist …!“

Sie kennen vielleicht noch das Spiel aus Kindertagen. Ein Mitspieler fasst etwas ins Auge und nennt nach und nach dessen Eigenschaften, zum Beispiel: „… und das ist gelb!“; „… und dass ist rund!“ „… und das ist weit weg!“. Alle anderen müssen dann raten, was das wohl sei. Irgendwann kommt einer schließlich drauf: „Na klar, das ist die Sonne!“ Das Geheimnis des Spiels liegt im Informationsgefälle unter den Teilnehmern. Und wer als erster das Rätsel löst, darf sich den nächsten Gegenstand aussuchen und das Ganze fängt von vorne an.

Mich erinnert dieses Kinderspiel sehr stark an das Auftreten Johannes des Täufers am Jordan. Dort sieht er zum ersten Mal Jesus aber er sieht anderes an ihm als die vielen Menschen, die auch mit ihm dort waren, und er sieht zugleich mehr in ihm als andere.

Im Johannes-Evangelium, das am heutigen Sonntag in der Heiligen Messe vorgetragen wird, heißt es dazu (Joh 1, 29-34):

Sprecher:

„Tags darauf sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war.

Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen.

Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.

Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.

Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.“

Ich sehe was, was du nicht siehst: … und das ist das Lamm Gottes, … und das ist der Sohn Gottes.

Musik I

Knapp und prägnant ist das Zeugnis des Johannes.

Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt. … Er ist der Sohn Gottes.

Hier kommt Gott nicht mit Gewalt in die Welt, sondern in aller Niedrigkeit, schwach und hilflos wie ein Lamm. So bekämpft er die Sünde auch nicht, sondern er erträgt sie. Johannes sieht in dem unscheinbaren Jesus am Jordan eben mehr, als nur einen der vielen Taufbewerber. Ich sehe was, was du nicht siehst.

Es wird deutlich, dass es der Auftrag des Johannes ist, die Menschen auf diesen Gott hinzuweisen, sie mit ihm bekanntzumachen, ihnen die Augen zu öffnen, für das, was er, Johannes, selbst schon sieht – aber die anderen noch nicht.

Johannes ist ganz dafür da, auf Jesus zu verweisen und den Menschen sozusagen ein Helfer zum Sehen zu sein, eine Hilfestellung zum bewussteren Wahrnehmen, wie bei dem Kinderspiel: Ich sehe was, was du nicht siehst.

Nicht erst das Kinderspiel macht deutlich, wie blind unsere Augen manchmal sind und wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Sehen und wirklich wahrnehmen sind zwei verschiedene Sachen. Und daher braucht es eine neue Sensibilität, eine Art Wahrnehmungsschule.

In vielen Gemeinden, Klöstern oder Volkshochschulen leiten heute geistliche Lehrerinnen und Lehrer dazu an, wieder bewusst wahrzunehmen, was denn gerade ist:

Wie sitze ich in diesem Moment auf dem Stuhl?

Welchen Kontakt haben meine Füße zum Boden, der mich trägt?

Wie nehme ich meinen Atem war und welche anderen Geräusche dringen an mein Ohr?

Diese und andere Übungen versuchen meine persönliche Aufmerksamkeit zu erhöhen für das, was ist.

Ja, gerade in Zeiten der Hektik und der Überbeanspruchung von Leib und Seele sind mir entsprechende Meditationsübungen sehr hilfreich. Ich selber habe damit gute Erfahrungen gemacht. Mehr noch: Vielfach gelingt es eben durch sie, eine neue Aufmerksamkeit zu entwickeln, eine Aufmerksamkeit auch über Verborgenes, die staunen lässt.

In einem Vortrag am Tag vor ihrem Tod, erzählt die evangelische Theologin Dorothee Sölle vom wunderbaren neuen Sehen:

Sprecherin:

„Es ist eine über vierzig Jahre zurückliegende Erinnerung, wie mein ältester Sohn mit fünf Jahren die Zahlen lernte. Er ging auf der Aachener Straße in Köln, einer riesigen, viel befahrenen Straße, blieb stehen und bewegte sich nicht. Und ich, ungeduldige Mutter, die ich bin, zupfte an ihm und sagte: “Komm doch, was ist denn?“ Da sagte er: “Mama, sieh doch mal, sieh doch mal, diese wundervolle 537 [Sprich: fünfhundertundsiebenunddreißig].“ Er sprach ganz langsam, weil er es gerade gelernt hatte, wie man Zahlen spricht. Und ich sah sie zum ersten Mal auf einem blauen Schild, die Zahl 537, und ich sah plötzlich, wie schön sie war und wie wunderbar das, was das Kind erlebte, war.“

Musik II

Ich sehe was, was du nicht siehst… und das ist wunderbar und ich möchte Dir helfen, dies auch zu sehen.

Genau das, scheint mir der Auftrag der Christen von heute zu sein:

Wie Johannes der Täufer damals die Menschen auf Gott hinwies, ist es an den Christen von heute, andere Menschen zu Gott zu führen, ihnen die Augen zu öffnen für seine verborgene Gegenwart in dieser Welt.

Manchmal sind die eigenen Augen dafür noch wie mit Blindheit geschlagen. Aber als Christen dürfen wir doch darauf vertrauen, dass uns der Geist geschenkt ist, der sehend macht: Seht, da ist Gott, wo beispielsweise die Treue zwischen Menschen trotz allem Auf und Ab tatsächlich gelingt.

Seht, da ist Gott, wo es gelingt einander zu verzeihen und ein wirklich neuer Anfang möglich wird.

Seht, da ist Gott, wo Kranke und Sterbende nicht allein gelassen werden.

Seht, da ist Gott, wo nicht unbedingt die Interessen einzelner durchgesetzt werden und auch Schwache zum Zuge kommen.

Selber besser zu sehen und auch anderen zu helfen Gott in dieser Welt wahrzunehmen, das ist doch eine spannende Herausforderung für jeden Christen?!

Musik III

Wer anderen helfen will, mehr wahrzunehmen, der muss selbst zunächst mehr sehen. Was aber, wenn es heißt: Ich sehe was, was du nicht siehst und merke, dass du es gar nicht sehen willst!

Je verschlossener der Blick für die Wirklichkeit ist – umso mehr gilt es Augen zu öffnen! Das war und ist immer eine Aufgabe der Propheten gewesen, wie Johannes der Täufer einer war. Es geht darum ist es, die Menschen auf die Missstände und die Ungerechtigkeiten in ihrer Welt aufmerksam zu machen. Ich glaube, es bedarf heute mehr denn je einer solchen neuen Aufmerksamkeit! Es braucht Augenöffner in Gestalt neuer Propheten.

Papst Franziskus ist für mich so einer. Er beeindruckt viele Menschen gerade mit seiner prophetischen Rede.Er will die Kirche und die Welt verändern, wenn er auf die Insel Lampedusa reist und dort den verantwortlichen Europäern ins Gewissen redet. Aber nicht nur auf die Flüchtlingsproblematik, sondern auf jede Form von Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit macht der neue Papst aufmerksam und sucht Verbündete im friedlichen Kampf für eine bessere Zukunft.

Vielleicht können wir das Kinderspiel im Sinne einer neuen Prophetie verändern und sagen: Ich sehe was, was du auch siehst, und das wollen wir gemeinsam verändern, weil es so nicht weitergehen kann.

In Detmold zum Beispiel engagieren sich Frauen und Männer in einer ökumenischen Initiative zur Gestaltung sogenannter „Ordnungsamtsbestattungen“:

Die Kommune ist gesetzlich dazu verpflichtet eine Beerdigung anzuordnen, falls kein Angehöriger oder niemand anderes diese Aufgabe übernimmt.

In den meisten Fällen kommt dann nur eine anonyme Beisetzung ohne Gedenkfeier in Frage. Ehrenamtliche aus der katholischen wie der evangelischen Gemeinde haben dies gesehen und überlegt, was hier zu tun ist.

Sie gestalten nun vierteljährlich eine Gedenkfeier und bestatten die Urnen der Verstorbenen gemeinsam in einem dafür vorgesehenen Gräberfeld.

Ein Kunstwerk aus Cortenstahl wurde auf dem Friedhof aufgestellt. Es heißt Gedenk-Mal. Hier wird genau dieser Menschen gedacht, um deren Beerdigung sich niemand kümmert. Ihre Namen könnte niemand mehr wahrnehmen, ständen sie nicht jeweils auf einem kleinen weißen Fähnchen, das an einem Seil im Zentrum des Kunstwerkes befestigt ist. Der Name eines Menschen darf doch nicht einfach in Vergessenheit geraten.

Ich bin bei einem solchen Beerdigungsgottesdienst dabei gewesen. Schaut man dabei in die Gesichter der Menschen, die zu den regelmäßigen Bestattungen kommen, stellt man schnell fest, dass einige die Verstorbenen gekannt haben, Nachbarn, alte Freundinnen, Arbeitskollegen oder weitläufige Verwandte.

Sie haben die Namen der Verstorbenen in einer Anzeige der Zeitung gelesen, die zur Gedenkfeier von den ehrenamtlichen Helfern geschaltet war. Sie sind froh, auf dem Friedhof einen öffentlichen Ort zu haben, um von verstorbenen Bekannten gebührend Abschied nehmen zu können.

Inzwischen unterstützen viele andere Menschen die Initiatoren bei diesem alten christlichen Werk der Barmherzigkeit, Tote würdevoll zu bestatten. Die Gebete, die Musik und die gesprochenen Worte helfen den Versammelten dabei, diese Abschiede zu verarbeiten und sich der Verstorbenen zu erinnern. Die Mitglieder der Initiative bemühen sich für die Gedenkfeier jedes Mal etwas aus dem Leben der Verstorbenen herauszufinden und sind oft ganz erstaunt, wie anrührend das ist, was sie so erfahren. Auch hier sehen sie etwas, was andere vielleicht so noch gar nicht wahrgenommen haben. Ich sehe was, was du nicht siehst …

Dann wird beim Gedenkgottesdienst von modebewussten und ordnungsliebenden Menschen erzählt, von besonderen Vorlieben und von der Freude am Leben. Zu hören ist jedes Mal auch von Einsamkeit und zerstörten Beziehungen. Nicht wenige der Verstorbenen haben Gewalt erlebt und Probleme mit Alkohol und Drogen gehabt. Normales und Besonderes ist zu hören, wie das Leben eben so ist, mit seinem Auf und Ab.

Musik IV

Auch wenn Johannes der Täufer das Kinderspiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ wahrscheinlich nicht kannte, machte er die Menschen damals aber mit Jesus bekannt, öffnete ihnen die Augen: Er ist der Sohn Gottes.

Solche prophetischen Menschen wie Johannes braucht es auch heute.

Menschen, die schon mehr sehen, aus dem Glauben heraus, dass Gott mitten im Alltag gegenwärtig ist. Es braucht Menschen, die anderen die Augen öffnen für diese Welt. Und es braucht Menschen, die die Probleme dieser Welt und der Kirche sehen und positiv verändern wollen.

Ich sehe was, was du nicht siehst – komm, lass uns die Welt verändern.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen aus Detmold

Ihr Pfarrer Christian Ritterbach.

Siehe Johannes 1,29-34

Dorothee Sölle, zitiert nach: Publik Forum EXTRA, Eine feurige Wolke in der Nacht, S.34

siehe www.gedenk-mal.name

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