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Das Geistliche Wort | 13.11.2016 | 08:35 Uhr

„Da berühren sich Himmel und Erde“

Guten Morgen!

Terror in Paris! Eine Stadt im Ausnahmezustand. Die Erinnerung daran wird am heutigen Tag wieder allgegenwärtig sein: die Erinnerung an jene schrecklichen Ereignisse, die die französische Hauptstadt vor genau einem Jahr heimgesucht haben. Am Abend des 13. November 2015, als die deutsche Fußballnationalmannschaft gerade ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich bestritt, nahmen drei schwer bewaffnete Terroristen hunderte Besucher im Pariser Konzertsaal „Bataclan“ als Geisel. Während eines Rockkonzerts feuerten sie mit Sturmgewehren um sich und warfen Handgranaten ins Publikum. An diesem Abend wurden im „Bataclan“ 89 Menschen ermordet. Bei Angriffen ihrer Komplizen auf Cafés und Restaurants in der Nachbarschaft starben 39 weitere Menschen. Die Detonationen des Anschlags waren während der Fernsehübertragung des Länderspiels zu hören. Ganz Frankreich stand unter Schock, und sicherlich fragten sich viele: Wie umgehen mit diesem unmenschlichen, barbarischen Akt?

Eine besonders bewegende Antwort auf die unfassbare Tragödie von Paris ging damals um die Welt. An jenem 13. November sah der französische Journalist Antoine Leiris seine Frau zum letzten Mal. Sie gehörte zu den Opfern im Konzertsaal des „Bataclan“. In einem offenen Brief, den er auf Facebook postete, wandte sich der junge Witwer und Vater eines kleinen Kindes an die Terroristen. Seine Botschaft verbindet die Poesie eines Liebesbriefs mit einer trotzigen Entschlossenheit. Der Brief ist gewissermaßen eine doppelte „Liebeserklärung“: an seine getötete Ehefrau und Mutter seines Sohnes, und an die Menschen, an das Leben:

Sprecher:

„Am Freitagabend habt Ihr mir das Leben eines außergewöhnlichen Menschen geraubt, die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass, den bekommt Ihr nicht. Ich weiß nicht, wer Ihr seid, und ich will es auch gar nicht wissen, denn Ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den Ihr so blind mordet, Euch nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann hat jede Kugel im Leib meiner Frau auch sein Herz verletzt. Deshalb nein, ich werde Euch jetzt nicht das Geschenk machen, Euch zu hassen. Sicher, Ihr habt es genau darauf angelegt – doch auf diesen Hass mit Wut zu antworten, das hieße, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus Euch das gemacht hat, was Ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit für meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe der, der ich war.“

Musik I:

Vor einigen Monaten ist ein kleines Buch von Antoine Leiris erschienen. Darin schildert er ehrlich und ergreifend den Alltag zwischen Vater und Sohn. Und er stellt dem Terror und der Gewalt eine hoffnungsvolle Botschaft entgegen. Das Buch trägt diese Botschaft im Titel: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“.

Der 13. November 2015 hat nicht nur in Frankreich das gesellschaftliche und politische Klima nachhaltig verändert. Auch in Deutschland fühlen sich viele Menschen vom Terrorismus bedroht und haben Angst vor weiteren Terrorattacken. Einige Anschläge konnten gerade noch verhindert werden. Angesichts der vielen Flüchtlinge, die hierzulande eine neue Heimat suchen, wird diskutiert über Integration, die Aufnahmebereitschaft unseres Landes oder sogar über Flüchtlingsobergrenzen. Auf der einen Seite zeigt sich die Zivilgesellschaft von ihrer besten Seite: Unzählige engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit, helfen dort, wo sie können, um den Neuankömmlingen einen besseren Start zu ermöglichen. Auf der anderen Seite gibt es auch Unsicherheit und Ungewissheit. Nicht wenige Menschen beschleicht das Gefühl, dass in diesem Land gerade etwas aus dem Ruder läuft. Damit verbinden sich nicht selten auch Vorbehalte gegenüber Muslimen oder dem Islam im Allgemeinen. In diesem Klima finden populistische Parolen leicht Gehör, mancherorts bricht sich ganz konkret der Hass gegenüber Flüchtlingen Bahn. Die Gesellschaft wirkt zunehmend polarisiert.

Musik II:

Auch wenn die Gesellschaft zunehmend polarisiert wirkt, bei meiner Arbeit habe ich etwas anderes erlebt. Ich arbeite an der Kommende Dortmund, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn. Die Kommende Dortmund bietet Bildungsveranstaltungen zu sozialen und politischen Themen für Jugendliche und Erwachsene an. Als ich vor einiger Zeit an unserem schwarzen Brett vorbeiging, fielen mir zwei kleine handgeschriebene Zettel auf, die jemand dort angepinnt hatte, neben den anderen Mitteilungen und Info-Blättern. Auf dem einen Zettel war ein großes Herz gemalt. Innendrin stand „Dortmund“. Aber es ging offenbar nicht um die Liebe zum BVB. Links von dem Herzen war ein islamischer Halbmond gezeichnet und rechts ein christliches Kreuz. Daneben hing ein weiterer Zettel, auf dem in Großbuchstaben das Wort „DANKE“ geschrieben war, gefolgt von mehreren Unterschriften mit kurdisch klingenden Namen. Sofort war mir klar, von wem die beiden Zettel kamen. Seit etwa einem Jahr leben 20 männliche Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak auf dem Gelände der Kommende in Dortmund, untergebracht in einem ehemaligen Jugendhaus. Die 20 jungen Männer sind Teil eines Integrationsprojekts für Menschen aus Kriegsgebieten. Sie bekommen Hilfestellung beim Umgang mit den Behörden oder bei anderen Alltagsproblemen. Dazu gehören auch kulturelle Angebote wie ein Besuch im Konzerthaus Dortmund oder bei einem HipHop-Festival in Essen. Oft begegne ich ihnen auf den Fluren der Kommende. Die beiden Zettel am schwarzen Brett stammen also von den jungen Syrern und Irakern. Ihre kleine Dankesbotschaft hat meine Arbeitskollegen und mich sehr berührt. Und ich fühlte mich erinnert an ein bekanntes, modernes Kirchenlied, dessen Text geradezu für die gegenwärtige Zeit geschrieben zu sein scheint. Das Lied heißt „Da berühren sich Himmel und Erde“ und zeigt auf, wie ein friedvolles und versöhntes Zusammenleben zwischen den Menschen aussehen kann.

Musik III: (Strophe 1 des Liedes)

„Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, … da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“ Wege verlassen, neu beginnen, Frieden finden … Nach den schlimmen Erfahrungen in ihren Heimatländern ist es für jungen Männer hier wirklich ein Neubeginn. Dazu gehört für sie aber auch: ein friedliches und herzliches Miteinander zwischen Muslimen und Christen.

Die nächste Strophe des Kirchenliedes lautet: „Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken und neu beginnen, … da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns …“

Musik IV: (Zweite Strophe)

Das hört sich sehr pathetisch an. Aber ein solches Geschenk konnte ich neulich tatsächlich erleben. An der Kommende Dortmund werden regelmäßig Projektwochen für Schülerinnen und Schüler veranstaltet, zum Thema „Globalisierung“. Zu den Programmpunkten einer solchen Woche gehören auch die Ursachen und Folgen von Flucht und Migration. Dieses Mal war einer der Flüchtlinge aus dem Integrationsprojekt eingeladen. Als er anfing, von seinen Erlebnissen zu berichten, wurde es ganz still in der sonst sehr lebhaften Schulklasse Auf Deutsch erzählte der junge Mann von seiner Kindheit in Syrien, von seinen Hoffnungen, Träumen und Ängsten. Wegen des Bürgerkriegs musste er seine Heimat verlassen und er begab sich auf eine lange und gefährliche Reise ins Ungewisse. Über das Mittelmeer gelangte er schließlich nach Deutschland. Die Lehrerin sagte hinterher: So aufmerksam hätten ihre Schüler noch nie zugehört, so beeindruckt seien sie gewesen. Sie vermutete: Die bekannten, aber auch anonymen Bilder aus den Fernsehnachrichten hätten plötzlich ein konkretes Gesicht bekommen. Und nach dieser Begegnung hätten manche Schülerinnen und Schüler ihre Sichtweise auf das Thema Flucht und Migration deutlich verändert. Statt Ablehnung – Verständnis, statt Angst – Mitgefühl.

Musik V: (Dritte Strophe)

„Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen, … da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“ Heute wird ganz Frankreich innehalten. Viele Menschen werden der Opfer des Pariser Attentats gedenken und sich um die Angehörigen kümmern. Viele werden sich wieder fragen: Was kann ich gegen die Gewalt unternehmen? Für mich stellt sich die Frage so: Was kann ich dem Hass, der Unsicherheit und der Angst vor der Bedrohung durch den Terrorismus entgegensetzen? Für mich fängt es ganz klein an, in kleinen Momenten, wo sich gewissermaßen Himmel und Erde berühren, wo ein Stück Himmel in meinem Alltag durchscheint. Es liegt an mir. Die politische Lage kann ich selbst nicht ändern. Aber ich kann derjenige sein, der den ersten Schritt macht, ohne auf mein Gegenüber zu warten. Das zeigt sich darin, wenn ich ganz bewusst auf Menschen zugehe, die mir zunächst fremd sind. Wenn ich ihnen Verständnis und Vertrauen entgegenbringe, Interesse an ihrem Leben zeige, Momente der Freude mit ihnen teile. Und merke, wie ich selbst bereichert werde. Solche Erfahrungen durfte ich mit Flüchtlingen oft machen. Eine besonders starke Erfahrung war letztes Weihnachten in meiner Familie. Wir hatten fünf syrische Kurden zu Gast und verbrachten den Heiligabend gemeinsam, mit Bescherung, Abendessen und Gesellschaftsspielen. An diesem Abend fühlten sich nicht nur die Syrer beschenkt, sondern ich fühlte mich vor allem beschenkt, nicht durch materielle Geschenke, sondern ich fühlte mich darin bestärkt, wie aus Begegnung etwas Neues, Wertvolles entstehen kann. Genau das ist für mich die Perspektive des Himmels, der die Erde berühren möchte. Und diese Perspektive möchte ich nicht mehr missen.

Musik VI:

Genau dies wünscht Ihnen Stefan Klug aus der Kommende Dortmund

**Zitiert nach: www.welt.de/politik/ausland/article149011422/Meinen-Hass-werdet-Ihr-nicht-bekommen.html (abgerufen am 14.09.2016).

Antoine Leiris, Meinen Hass bekommt ihr nicht, Blanvalet Verlag, München 2016.

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