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Das Geistliche Wort | 29.01.2017 | 08:35 Uhr

„Wasser – Quelle des Lebens“

Guten Morgen!

Le Mans, eine Stadt im Norden Frankreichs. Gerne fahre ich als Priester des Erzbistums Paderborn dorthin. Le Mans und Paderborn verbindet nämlich die älteste Städtepartnerschaft Europas! Und das hängt mit Bischof Liborius zusammen, dessen Reliquien, also seine sterblichen Überreste, im Mittelalter nach Paderborn kamen und der seitdem hier verehrt wird. Liborius war Bischof von Le Mans und gilt wie einer sein Vorgänger, Julian von Le Mans, als Heiliger. Dieser Bischof Julian wird heute in Le Mans gefeiert, denn er ist der Bistumspatron von Le Mans, so wie Liborius Bistumspatron in Paderborn ist.

Am Vorabend der jährlichen Gedenkfeier dieses Bischofs gibt es ein ungewohntes Schauspiel: Eine Prozession von jungen und alten Menschen bewegt sich in der Dunkelheit durch die kleinen malerischen Gassen mit ihren alten Fachwerkhäusern. Nur Fackeln erhellen den Weg zur Kathedrale von Le Mans. Ganz wichtig: Das Kopfreliquiar des Heiligen wird bei der Prozession mitgeführt, zu seinen Ehren und natürlich auch zur Ehre der Stadt.

Musik I: Henry Purcell: Marsch & Fanfare

Wer war dieser Mann, der an diesem Wochenende in Le Mans mit einem Fest geehrt wird? Trotz der Städtepartnerschaft zwischen Paderborn und Le Mans ist er hier in Westfalen jedenfalls nicht sehr bekannt.

Es heißt: Julian sei der erste Bischof von Le Mans gewesen, der Stadt an der Sarthe. Von 301 bis 348 hat er das dortige Bistum geleitet. Damit gehört er zu den Bischöfen, die noch das Ende der Christenverfolgung im römischen Reich erlebt haben aber auch den Religionsfrieden. Sie konnten unter Kaiser Konstantin im Frieden mit dem Staat ihren bischöflichen Aufgaben nachkommen. Das war damals in erster Linie die Verkündigung der frohen Botschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der gestorben und vom Tod auferstanden war. In einer immer noch heidnischen Umwelt war das eine spektakuläre Botschaft. Vor allem auf dem Land hatte sich der Glaube an die alten römischen und germanischen Götter erhalten. Das muss damals eine ziemliche Pionierarbeit gewesen sein.

Die Missionstätigkeit des Bischof Julian ist jedenfalls der Hintergrund für eine Reihe von Legenden, die von ihm erzählt werden. Auch wenn Legenden nicht historische Ereignisse beschreiben, zeigen sie doch etwas auf von den Glaubensvorstellungen der Menschen. So wird zum Beispiel folgendes erzählt: Als Julian in die Stadt Le Mans als junger Bischof einzog, herrschte dort gerade eine Dürreperiode. Wochenlang hatte es nicht geregnet und alle Flüsse und Bäche waren versiegt. Da soll Julian beim Betreten der Stadt mit seinem Bischofsstab dreimal auf die Erde geklopft haben und sogleich sei dort eine Quelle entsprungen. Sie wird noch heute in Le Mans gezeigt. So spendete Julian damals der noch heidnischen Bevölkerung lebensnotwendiges Wasser. Dieses Wunder charakterisiert den Bischof als Wohltäter der Menschen. Noch weitere menschenfreundliche Wunder werden von ihm erzählt. So soll er einen Blinden geheilt oder ein Kind aus der Umschlingung einer Schlange befreit haben. Mehrere Totenerweckungen werden von ihm berichtet ebenso wie die Befreiung von Gefangen. Das wichtigste Wunder aber bleibt wohl das mit dem Wasser.

Musik II: Smetana, Die Moldau

Wasser schenkt Leben. Menschen können Hunger viel länger aushalten als Durst. Menschen, Tiere und Pflanzen sterben ohne Wasser. Gut, dass wir in Deutschland genug Wasser haben. Wann immer ich will, öffne ich meinen Wasserhahn und das Wasser fließt heraus, und zwar in bester Qualität. So selbstverständlich ist mir der Wasserreichtum, dass ich damit nicht sparen muss. Ich kann es für Verrichtungen benutzen, für die ich eigentlich gar kein gutes Trinkwasser brauche. Ich kann damit mein Auto waschen, die Toilettenspülung benutzen, den Boden schrubben.

In anderen Ländern ist das nicht so. Manche Menschen in Afrika müssen weit laufen, bis sie zu einer Quelle oder Wasserstelle kommen. Und häufig ist das Wasser dann noch dreckig und Ursache schwerer Krankheiten. Nicht überall gibt es genug Wasser. Mangelndes Wasser kann sogar zu Konflikten führen. In Israel und Palästina ist mir das bewusst geworden. Während einer Reise dorthin habe ich selbst gesehen wie die Israelis für sich genug Wasser aus dem Jordan schöpfen konnten, dem einzigen Fluss des Landes. Sie bewässerten das Land, wogegen die Palästinenser und auch die umliegenden Staaten das Nachsehen hatten. Ob es dort wie an vielen anderen Stellen in der Welt einmal Frieden geben wird hängt auch davon ab, ob das saubere Wasser gerecht in der Welt verteilt wird. Hilfsorganisationen warnen heute schon davor: Der Mangel an Wasser kann zukünftig zum Kriegsgrund werden. Denn leider gibt es ja keinen zweiten Bischof Julian, der mit seinem Hirtenstab in den Notgebieten der Welt eine Wasserquelle aus dem Boden entspringen lässt.

Musik III: Smetana, Die Moldau

Weil das Wasser ein so wichtiges und ein für uns Menschen lebensnotwendiges Element ist, wundert es mich nicht, dass es auch zum Bild werden kann für die Zuwendung Gottes zu den Menschen, ja für Gott selbst. So sagt der Gott Israels, im Buch Jeremia von sich selbst (vgl. Jer 2,13): „Mich, den Quell des lebendigen Wassers haben sie verlassen und sich Zisternen gegraben, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.“

Was damit gemeint ist, lässt sich heute noch nachvollziehen: Lebendiges Wasser, das ist frisches, reines Quellwasser, eine Kostbarkeit, vor allem in der Wüste oder in einem heißen Land wie Israel. Zisternenwasser dagegen ist abgestanden, oft faul und dreckig. Und die Zisternen sind häufig noch dazu rissig. Sie halten das Wasser nicht, sondern lassen es im Boden versickern. Dann sitzt der Mensch im wahrsten Sinn des Wortes auf dem Trockenen. Das Wort aus dem Jeremiabuch meint mit dem Bild von der selbstgegrabenen Zisterne: Menschen, die sich einen eigenen Ersatz für Gott geschaffen haben gleichen den Zisternenbauern, die das lebendige, frische Quellwasser eingetauscht haben gegen minderwertiges Zisternenwasser. Und wie leicht zerrinnt der Gottesersatz, so leicht wie das Wasser aus der rissigen Zisterne verrinnt.

Das Bild vom Wasser für Gott findet übrigens seine Fortsetzung in der Verkündigung Jesu. Als er auf seinen Wanderungen durch das Heilige Land einmal in Sichem, am Jakobsbrunnen Halt macht, sagt er einer Frau, die noch nicht einmal zum jüdischen Volk gehört (Joh 4,13f): „Wer von diesem (Brunnen-)Wasser trinkt, wird wieder Durst haben. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben. Vielmehr wird dieses Wasser in ihm zur Quelle des ewigen Lebens.“ Ja, Jesus sagt von sich dasselbe wie Gott im Jeremiabuch: „Ich bin das lebendige Wasser. Wer zu mir kommt, wird nie mehr dürsten.“ Jesus unterstreicht damit seinen Anspruch nicht nur gegenüber der heidnischen Frau, sondern gegenüber allen Menschen: Er ist der Einzige, der den Lebensdurst des Menschen wirklich löschen kann.

Musik IV: Jan Gabarek, In Praise Of Dreams: If You Go Far Enough

Jesus kann den Lebensdurst löschen – so Jesu Selbstverständnis. Ich frage mich, wie ich diesen Gedanken gerade den Kindern in meiner Gemeinde vermitteln kann. In meiner Gemeinde machen wir Folgendes: Im Rahmen der Vorbereitung der Kinder auf die Erste Heilige Kommunion schenken wir ihnen ein kleines Fläschchen mit Weihwasser. Wir wollen in unserer Gemeinde damit auf einen alten Brauch aufmerksam machen und ihn nach Möglichkeit wieder beleben, wo er verloren gegangen ist. Früher war es nämlich in katholischen Familien üblich, geweihtes Wasser im Haus zu haben. Damit haben sich die Menschen am Morgen und Abend oder wenn sie das Haus verließen gesegnet. Der Gedanke dabei war: So will ich die Hilfe Gottes für den Tag und seinen Schutz in der Nacht erbeten. Gott soll eben immer bei mir sein.

Das haben wir den Kommunionkindern dann auch erklärt. Mehr noch: Das geweihte Wasser erinnert ja auch an die Taufe. Denn bei der Taufe wird ein Bund geschlossen zwischen Gott und dem Täufling. Die Kinder sollten sich vorstellen, dass Gott für sie da ist, wie Wasser zum Leben, von Anfang an. Wenn wir zum Beispiel eine Kirche betreten oder auch verlassen, soll das Bekreuzigen mit dem Weihwasser eine Erinnerung sein an diesen Bund. Und so schlagen wir den Kindern vor, beim Nehmen des Weihwassers nicht zu sagen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, sondern zu beten: „Gott, ich danke dir für meine Taufe!“ „Du bist für mich so wichtig wie frisches Wasser.“

Musik V: Jan Gabarek, In Praise Of Dreams: Cloud Of Unknowing

Erst wer um die Bedeutung des Wassers weiß und seine Notwendigkeit für das Leben, der versteht im übertragenen Sinne auch die Bedeutung der Taufe. Die Taufe ist das Geschenk der Nähe Gottes, ist Zeichen göttlicher Zuwendung und Gnade.

So gesehen bekommt die Legende von Julian von Le Mans und seinem Wasserwunder eine ganz andere Bedeutung. Es geht um die Verkündigung des Evangeliums in der heidnischen Welt. Bischof Julian hat den Menschen von Le Mans den Glauben an Jesus Christus gebracht. Und das war so wichtig, wie Wasser für Verdurstende. Das Wasser, das der Quelle in Le Mans bis heute entspringt ist Bild für die Taufe, für das Geschenk der Nähe Gottes, seiner Gnade.

Julian hat zahlreichen Menschen die Taufe gespendet. Wie es in der Legende heißt zuerst dem sogenannten Defensor der Stadt, nach heutigem Sprachgebrauch dem Bürgermeister oder Stadtältesten. Ihm folgte dann die übrige Bevölkerung, so dass Le Mans zu einer christlichen Stadt wurde.

Wenn an diesem Sonntag Bischof Yves von Le Mans, der heutige Nachfolger von Julian in der Kathedrale der Stadt einen feierlichen Gottesdienst hält, wird wieder ein besonderes Lied zu seinen Ehren erklingen, das ich von meinen früheren Besuchen dort kenne. Mit dem Lied feiern die französischen Gläubigen ihren ersten Bischof und alle nachfolgenden Glaubensboten. Dieu soit béni pour les pères de notre foi – Gott sei gelobt für die Väter (und Mütter) unseres Glaubens. Verbunden ist damit ein besonderer Auftrag: Heute, so heißt es nämlich sinngemäß in diesem Lied weiter, ist es unsere Aufgabe, ihr Werk fortzusetzen. Nicht nur die Bischöfe und die hauptamtlichen Verkünder und Verkünderinnen des Evangeliums haben die Berufung die Botschaft des Evangeliums weiterzugeben, sondern alle Christen und Christinnen. „Geht in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, so fordert Jesus seine Jünger auf (Mt 28,19). Der Ruf gilt bis heute. Ich bin mir sicher: Dem trockenen Boden einer säkularisierten Welt können auch heute noch viele Quellen geistlichen Lebens entspringen.

Musik VI: Jan Gabarek, In Praise Of Dreams: In Praise Of Dreams

Ich bin Pfarrer Heinz-Josef Löckmann aus Unna und wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

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