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Das Geistliche Wort | 06.05.2018 | 08:35 Uhr

„Zurück zu den Ursprüngen?!“

Guten Morgen!

Unterwegs im Auto. Ich bin mal wieder spät dran und muss dringend noch zu einem Termin. Ausgerechnet jetzt: Vor mir fährt ein blauer Kleinwagen, in einem so langsamen Tempo, dass ich ungeduldig werde. Der hält sich penetrant an die Geschwindigkeitsbegrenzung, ja seine Geschwindigkeit liegt sogar noch darunter. Kann der nicht mal eben etwas aufs Gaspedal drücken? Da hat jemand wohl viel Zeit. Blöd, Innenstadt, überholen geht auch nicht! An der nächsten roten Ampel kommen wir zum Stehen. Ich würde gern mal sehen, wer da am Steuer sitzt. Den Fahrer kann ich aber nicht erkennen. Stattdessen fällt mir etwas anderes auf: Am Heck des Kleinwagens ist gut sichtbar das Symbol eines Fisches geklebt, in knalligen Regenbogenfarben: zwei gekrümmte Linien, die sich links berühren und rechts überschneiden. So ein Symbol habe ich schon öfter an Autos gesehen. Man könnte meinen, bei dem Autofahrer handelt es sich um das Mitglied eines Anglervereins – wie ruhig und entspannt der fährt. Als Theologe weiß ich natürlich: Der Fisch hat eine andere Bedeutung: Das ist ein uraltes Erkennungszeichen, es geht zurück auf die frühen Christen in der Antike. Das Symbol stammt ursprünglich aus einer Zeit, als es noch keine großen Kirchen gab, keine Institutionen oder gewachsenen Strukturen. Erst vor einigen Jahrzehnten wurde es wiederentdeckt.

Die Ampel wird grün, die Kolonne fährt weiter. Warum klebt jemand dieses Symbol auf sein Auto?, frage ich mich. Warum outet er sich als Christ? Und: Woran erkennt man eigentlich, wenn Menschen sich von bestimmten Überzeugungen leiten lassen? Unterscheiden sie sich irgendwie von ihren Mitmenschen? Würde ich das bei dem Fahrer vor mir auch merken, dass er Christ ist, abgesehen von dem Zeichen auf dem Heck seines Autos?

- Musik -

Ich fahre dem blauen Kleinwagen mit dem Fischsymbol auf dem Heck weiter hinterher. Jetzt kommt eine längere, kurvenreiche Landstraße, immer noch keine Möglichkeit zum Überholen. Offenbar haben wir beide auch noch den gleichen Weg. Ich bleibe gedanklich an dem Fisch als dem Erkennungszeichen der Christen hängen. In der antiken Welt war das ein Geheimzeichen. Damals herrschten die Römer über nahezu alle Länder rund um das Mittelmeer. Sie glaubten an viele Götter. Die Götter waren durch Tempel, Statuen und große Feste überall präsent. Sie spielten im gesellschaftlichen Leben eine große Rolle und sollten zur Wahrung des staatlichen Friedens von allen verehrt werden. Solange die Bevölkerung das tat, waren die Römer in Fragen der Religion weitgehend tolerant.

Hier aber lag der Knackpunkt für die Christen, die sich im ersten Jahrhundert als kleine Gruppen in den Städten des Römischen Reiches bildeten. Sie wollten im Staat nicht sonderlich auffallen und blieben eher verborgen. Das Fischsymbol half ihnen allerdings dabei, sich untereinander als Anhänger dieser neuen, jungen Religion zu erkennen zu geben. Es reichte, wenn jemand eine gekrümmte Linie auf den Boden zeichnete. Eine Person ergänzte die andere Linie, und schon war klar: Du gehörst auch dazu. Der Fisch als Geheimzeichen war dabei bewusst ausgewählt worden: Die fünf Buchstaben des griechischen Wortes für „Fisch“ stehen für die Anfangsbuchstaben der wichtigsten Glaubensaussagen der Christen. Das ist also wie eine Abkürzung. Das heißt so viel wie: „Ich glaube an Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser der Welt.“ Ein einfaches Glaubensbekenntnis, das man sich durch den Fisch gut merken konnte. Ein genialer Einfall.

- Musik -

Die frühen Christen erkannten sich am Geheimzeichen des Fisches. Sie lebten inmitten der Gesellschaft. Ihre Mitglieder übten weitgehend normale Berufe aus. Auch wenn sie im Verborgenen leben wollten, fielen sie dennoch auf. Ihr Glaube unterschied sich doch zu deutlich von den anderen Religionen der antiken Welt: Die Christen glaubten nur an einen Gott, die Verehrung mehrerer Götter lehnten sie kategorisch ab. Ihr Glauben handelt von einem Gott, der selbst Mensch geworden war, allerdings wie ein Verbrecher hingerichtet wurde. Das war für die römische Glaubenswelt unvorstellbar. Schließlich war der Christengott vom Tod auferstanden – auch das für die Römer unglaublich. Hinzu kam damals noch Folgendes: Diese Christenleute machten vieles nicht mit, was in der antiken Gesellschaft angesagt war: Sie feierten die zahlreichen Feste nicht mit: wegen der Götterverehrung.

Sie weigerten sich, die mörderischen Gladiatorenkämpfe zu besuchen. In den Augen vieler Menschen verhielten sie sich sonderbar. Viel wusste man ja auch nicht über sie, aber man traute ihnen viel Schlechtes zu. So entstanden jede Menge Gerüchte über sie: sie würden Menschenfleisch essen und Menschenblut trinken. Aber ihr zurückgezogenes Leben machte auch neugierig. Wenn die Christen sich zum Beispiel versammelten, galten alle untereinander als Brüder und Schwestern, egal ob arm oder reich, Sklave oder Herr. Alle waren vor Gott gleich und wurden gleich behandelt. Die Idee der Caritas, lateinisch für „Nächstenliebe“, wurde hier geboren. So eine soziale Fürsorge kannte die antike Welt noch nicht. Die Christen waren nicht nur irgendein religiöser Kultverein, von denen es damals viele gab, sondern sie bildeten eine Art Lebensgemeinschaft. Sie trafen sich, aßen gemeinsam und feierten zusammen Gottesdienst in ihren Häusern. Nur wenn es um die Verehrung der römischen Götter ging, hatten die Christen ein Problem. Einige ließen sogar ihr Leben, um den fremden Göttern nicht zu opfern.

All dies beeindruckte andere Menschen. Viele schlossen sich den Christen an. Historiker haben herausgefunden: Das Wachstum der frühchristlichen Gemeinden erklärt sich nicht durch ein organisiertes Missionsprogramm oder durch massenwirksame Auftritte. Nein, das geschah vor allem über einzelne Leute, die ihre Überzeugung im Alltag lebten, und über die Kontakte zu Nachbarn, Freundinnen oder Kollegen. Aus dieser kleinen, aber stetig wachsenden Gruppe wurde im Laufe von Jahrhunderten eine Weltreligion. Aber sind die Anfänge dieser Gruppe heute noch von Bedeutung? Was ist das Vermächtnis dieser frühen Christen?

- Musik -

Der blaue Kleinwagen ist immer noch vor mir und damit auch das Fischsymbol auf seinem Heck. Was wäre wohl, wenn die frühen Christen heute lebten? Würden sie Menschen immer noch durch ihren Lebensstil überzeugen? Heute sind die Lebens- und Glaubensbedingungen natürlich ganz andere. Es gibt Religionsfreiheit. Hierzulande müssen sich die Christinnen und Christen also nicht mehr absondern oder verstecken, sondern sie sind selbstverständlich Teil der Gesellschaft. Sie brauchen auch keine Geheimsymbole mehr, um sich untereinander zu erkennen zu geben. Aber die Frage der Glaubwürdigkeit stellt sich für mich heute wie damals. Stimmen Worte und Handeln überein? Merkt man das, wenn jemand zu seinen Überzeugungen steht? Hat das Folgen für den Alltag, wie damals vor fast 2000 Jahren?

Die besondere Atmosphäre, die das Leben der frühen Christen ausmachte, habe ich einmal nachempfinden können. Als ich noch in Münster lebte, haben wir mit einigen Studierenden regelmäßige Abendessen für Obdachlose und Menschen am Rand der Gesellschaft organisiert. Zuerst wurde gemeinsam gekocht, dann gegessen. Das Essen war aber nicht das Entscheidende. Wichtiger waren die Momente der Gemeinschaft, der Offenheit und des respektvollen Miteinanders. Sich Zeit nehmen, zuhören, Interesse zeigen, nachfragen – auch dann, wenn manche Gäste besonders viel zu erzählen hatten. Mich erfüllten die Begegnungen und Erfahrungen dieser Abende jedes Mal mit großer Freude und Dankbarkeit. So stelle ich mir das Beispiel und die Erfahrung der frühen Christen vor.

- Musik -

Seit einer halben Ewigkeit fahre ich dem blauen Auto schon hinterher. Aber gleich habe ich endlich das Ziel erreicht und ich werde meinen Termin pünktlich wahrnehmen können. Durch die vielen Gedanken ist die Zeit schnell vergangen. Das Fischsymbol auf dem Heck des Kleinwagens – Erkennungszeichen der Christen – heißt eigentlich: Für etwas einstehen, das mir als Christ wichtig ist im Leben. Den Blick auf andere Menschen richten, sich für sie einsetzen, ganz konkret. Das war den frühen Christen damals ein wichtiges Anliegen und steht den Christen bis heute gut an.

Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt: Wer sitzt da vor mir im Auto mit diesem Fischsymbol? Als die Ampel vor uns auf Rot springt, fährt das Auto links auf die Abbiegespur. Die Chance für mich: Ich fahre weiter geradeaus langsam an dem Wagen vorbei. Ich schaue hinüber und sehe eine Fahrerin. Sie blickt kurz zur Seite und lächelt mich an. Dann ist der Moment schon vorbei, ich fahre weiter und sehe im Rückspiegel nur noch, wie der Wagen abbiegt. Gerne hätte ich mich mal mit dieser Frau unterhalten. Ich würde ihr von meinen Fragen und Gedanken erzählen, die mir während der Fahrt durch den Kopf gegangen sind. Was würde sie wohl dazu sagen? Ob es ihr wirklich ernst ist mit dem Christentum? Vielleicht würde sie mir erzählen, was dieser Fisch hinten auf ihrem Auto für sie bedeutet, welche Erfahrungen sie damit verbindet. Ich würde ihr dann von meinen Erfahrungen berichten. Wer weiß – vielleicht täte es uns beiden gut, über unsere Erfahrungen als Christen einmal zu sprechen…

Einen schönen und erholsamen Sonntag wünscht Ihnen Stefan Klug aus Paderborn.

- Musik -

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