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Das Geistliche Wort | 01.07.2018 | 08:35 Uhr

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Ob die Liebe bleibt?

Autor: Guten Morgen. Ob die Liebe bleibt? Meine erste Liebe hat sich ziemlich schnell aufgelöst. Das war in der Grundschule. Alle Jungs in der Klasse waren in sie verliebt, in die eine, die schönste. Und wir alle versuchten, ihr es irgendwie zu zeigen. Einer machte es auf die ruppige Art. Er zog ihr in den Pausen immer an den Haaren. Das fanden wir anderen Jungs zunächst beeindruckend, wir trauten uns nämlich nicht, ihr so nahe zu kommen. Bis ich meine Chance darin suchte, es auf die ritterliche Art zu machen. Ich trat dem Haarezieher in den Weg und sagte mit all der mir zur Verfügung stehenden Energie: Lass das sein! Der sagte dann nur etwas verächtlich zu mir: Pass mal auf; wir treffen uns nach der Schule.

Als der Unterricht vorbei war, bin ich dann ziemlich schnell aus der Klasse geflutscht – ich weiß nicht, wie er das gemacht hat – aber der Haarezieher stand schon vor mir auf dem Schulhof. Wir haben uns dann sage und schreibe eine Stunde lang gekloppt. Eine zeitlang hatten wir richtig viel Publikum bei unserer Schlägerei. Nur die Schöne, um die es eigentlich ging, die war auf und davon. Der Haarezieher war am Ende stärker. Er ließ erst von mir ab, als ich keinen erkennbaren Widerstand mehr leistete. Ich trottete nach Hause. Meine Mutter fragte mich, wo ich denn so lange geblieben wäre – und warum ich so … so zerfleddert aussähe! Ich hab irgendetwas vor mich hin genuschelt, aber vor allem hatte ich meine erste Liebe verloren, denn die Schöne aus unserer Klasse hatte sich ja mit keinem Deut um mich gekümmert – komisch, dass ich mich noch so genau daran erinnere.

Musik: R. Galliano W. Marsalis, Track 1, La Foule,

Autor: Es muss schon bald danach gewesen sein – da hab ich meine zweite Liebe gefunden - und das ist sie bis heute geblieben: die Musik. Mit 9 Jahren hab ich begonnen, Trompete zu spielen. Vorher schon hatte ich ein uraltes Horn bei einem Großonkel auf dem Fensterbrett stehen gesehen. Dieses funkelnde, laute und manchmal ganz zarte Instrument hat mich magisch angezogen. Erst in einem Bläserkreis unserer Kirchengemeinde, später dann in ganz verschiedenen Ensembles lernte ich sie richtig kennen – meine Trompete. Wie sie schmettern und strahlen kann – und wie sie sich ins Ohr einschleicht – so leise und sanft: zunächst bekommt es fast keiner mit, dass da noch ein neuer Ton hinzukommt. Aber dann – dann wird sie unüberhörbar.

Musik: W. Marsalis, The Essential, Track 16, Haydn,

Autor: Diese zweite Liebe hat mich dann auch zu meiner großen Liebe geführt. Als die mich das erste Mal sah – so hat sie mir später erzählt – hat sie nur gedacht: was ist das denn für ein Penner, kommt hier mit `ner Fluppe die Treppe hoch, sein Mantel sieht aus wie ein alter Sack – und dann noch diese ungewaschenen Haare.

Und ich dachte zur selben Zeit: hm, hübsches Mädchen, aber noch ein bisschen zu jung. Das ist bei ihr bis heute so: man hält sie immer noch für jünger, als sie wirklich ist. Auf jeden Fall hat es noch eine ganze Zeit gebraucht, bis wir uns das erste Mal zu zweit verabredet haben. Sie spielte Orgel – ich Trompete – das hat gut harmoniert. Damals vor fast 40 Jahren.

Musik, Marsalis, The Essential, Track 10, Vivaldi , 1. Satz,

Autor: Nun bin ich mit der Organistin von damals schon über 30 Jahre verheiratet. Wir haben viel zusammen erlebt. Vor allem: uns wurden drei Kinder geschenkt. Aber im letzten Jahr ist eine andere junge Dame in unser Leben getreten. Sie ist jetzt 9 Monate alt. Unsere erste Enkelin. Ich wusste bis dahin nicht, mit welcher Wucht sich die Liebe in meinem Leben noch einmal melden würde. Diese Liebe bezieht nun immer mehr Menschen mit ein.

Was ist aber die Liebe? Der Theologe Eberhard Jüngel hat sie so beschrieben:

Sprecher: „(Sie ist das) Ereignis einer inmitten noch so großer und mit Recht noch so großer Selbstbezogenheit immer noch größeren Selbstlosigkeit“ (1)

Autor: Wenn ich diese Worte auf meine kleine Lebens- und Liebesgeschichten beziehe, dann bedeuten sie: ich habe das Recht, mich selbst in Szene zu setzen, mich selbst zu lieben. Das beginnt mit der Schulhof-Geschichte: da wollte ich der Ritter sein; das geht weiter, wenn ich mein Instrument spiele – und dann noch ein so lautes, wie die Trompete – da präsentiere ich mich; und das hört nicht auf, wenn ich die Partnerin finde, die mich mein Leben lang begleitet. Aber die Liebe macht, dass ich in all meinen Aktionen eigentlich nicht mich selbst, sondern mein Gegenüber suche. Das will die Liebe doch: den anderen finden – und das Wunderbare ist: wenn ich Resonanz finde, wenn das geliebte Wesen mich wieder liebt und ich mich dabei auf wundersame Weise selbst los werde, dann finde ich mich auf einmal ganz neu wieder. Und davon werden immer mehr Menschen angesteckt. Die Liebe bezieht immer mehr mit ein, denn sie will nicht alleine bleiben.

Musik: Haydn, 3.Satz, dto.

Autor: Als Christ glaube ich, dass die Liebe ihren Grund in Gott hat. „Gott ist die Liebe“ – so heißt es in der Bibel (1. Joh. 4, 16). Gott ist nämlich in sich selbst reich an Beziehung. Als Jesus, der Mensch, der uns Gottes Wesen gezeigt hat, am Kreuz hingerichtet worden ist, als von Liebe keine Spur mehr zu sehen war, als am Ende keiner mehr für ihn da war und Jesus sich selbst von Gott verlassen fühlte, da war Gott nicht verschwunden. Sein himmlischer Vater hat ihn nicht allein gelassen. Gott, der Schöpfer allen Lebens, hat seinen Sohn so sehr geliebt, dass er ihn aus dem Tod herausgeholt hat.

Aber mehr noch: diese Leben schenkende Liebe Gottes, die belebt nicht nur seinen Sohn. Diese Liebe fließt über – sie erreicht die Menschen. Diese Liebe erreicht zunächst die Leute, die weggelaufen waren, die vor Angst nicht mehr vor und zurück wussten. Aber jetzt, jetzt, als sie wissen, dass Gott seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, jetzt merken sie: er schenkt uns noch einmal ganz neue Möglichkeiten. Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Und sie erzählen davon, so begeistert, dass sie andere Leute mit diesen Geschichten anstecken – bis heute. Diese kraftvolle Liebe, diese liebevolle Energie, der „Heiligen Geist“ macht, dass es die Kirche gibt – eine Gemeinschaft von Menschen, die von Gottes Liebe leben, von ihr erzählen, sie weitergeben.

Musik: Marsalis, The Essential, Track 9,

Autor: Wenn in der Bibel von Liebe gesprochen wird, dann ist das keine anstrengende und schwierige Sache. Auch wenn von der Feindesliebe die Rede ist. Man hört zwar immer wieder: „Feindesliebe, das ist unmöglich, das geht gar nicht. Feinde lieben – das können vielleicht ein paar ganz ausgesuchte Superheilige. Aber so ein Normalmensch wie ich… der kann das, der braucht das auch nicht!“ Und damit ist die Geschichte erledigt?! Nein! Die Bibel redet nämlich völlig unsentimental von der Liebe. Im Alten Testament steht

Sprecher: Wenn du dem Rind oder dem Esel deines Feindes begegnest, die sich verirrt haben, so sollst du sie ihm wieder zu führen. Wenn du den Esel deines Widersachers unter seiner Last liegen siehst, so lass ihn ja nicht im Stich, sondern hilf mit ihm zusammen dem Tiere auf (2. Mose 23, 4f)

Autor: Liebe fängt damit an, den Leuten zu helfen, die gerade meine Hilfe benötigen. Das muss überhaupt nichts großartiges, spektakuläres sein. In der biblischen Zeit war es, dem Esel meines Feindes wieder auf die Beine zu helfen. Heute könnten wir die Autobatterie von dem Nachbarn wieder aufladen, dem ich nur schwer aufs Fell gucken kann. Harmlos? Ja – so fängt jede Liebe an.

Aber die Liebe bleibt nie harmlos – sie wirkt immer weiter, weil sie andere mit einbeziehen möchte. So wird die Liebe schließlich auch politisch. Auf einer Israel Reise ist mir bei einer christlichen Familie diese Haltung begegnet. Diese christlich – palästinensische Familie ist von jüdischen Siedlern oft angefeindet worden. Ihnen sind Bäume und Wege zum Grundstück mutwillig zerstört worden. In Briefen und seit Jahren andauernden Gerichtsprozessen ist ihnen immer wieder gesagt worden: Verlasst das Land, ihr habt hier nichts zu suchen. Auf dem Stein am Eingang ihres Grundstückes hat diese Familie einen denkwürdigen Satz geschrieben: We refuese to be enimies - Wir weigern uns, Feinde zu sein.

Musik: W. Marsalis ; R. Galliano, Track 9,

Autor: Ob die Liebe bleibt? Allzu oft habe ich in meinem persönlichen und beruflichen Umfeld erlebt, dass die Liebe nicht bleibt, dass sie verschwindet. Und der Blick in die Zeitung kann uns schon das Fürchten lehren – was die Liebe angeht.

Aber wenn Gott die Liebe ist, wenn seine Liebesgeschichte mit uns Menschen der geheime Herzschlag dieser Welt ist, dann bleibt die Liebe. Dann ist sie auf geheimnisvolle Weise immer da.

Wo ich sie entdecken kann? Da, wo Überraschendes geschieht. Die Liebe liebt nämlich die Überraschung. Sie hält den tristen Alltag aus, weil sie einen Sinn für das Unerwartete, Belebende hat. Diesen Sinn kann ich pflegen, üben. Zum Beispiel mit meiner Frau – wir haben so unterschiedliche Zeiten erlebt: leichte, unbeschwerte und ebenso anstrengende und nervenaufreibende. Vor allem als die Kinder kamen. Aber was für ein großes Geschenk sind sie - vor allem jetzt merke ich das, wenn sie wieder nachhause kommen – und dann noch mit unserem Enkelkind. Dann spüre ich die Liebe. Sie bleibt lebendig.

Und ich kann mir mit anderen darin Mut machen, dass die Liebe in der Welt bleibt: so wie die christlich– palästinensische Familie mit ihren vielen internationalen Freunden. So wie die vielen Gruppen überall auf der Welt, die sich von der hartnäckigen, phantasievollen Art eines Martin Luther King haben inspirieren lassen. Oder so wie in den unendlich vielen Gelegenheiten, wenn ein Nachbar dem anderen hilft, die Autobatterie zu laden.

Einen guten Sonntag wünscht Ihnen...

Musik: Richard Galliano, Piazolla for ever, Track 7, Improvisation sur „Libertango“

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Anmerkungen:

(1) Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, Tübingen 1986, 5. Auflage, S. 434

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