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Das Geistliche Wort | 07.03.2021 | 08:40 Uhr

Wer Hoffnung hat, lebt anders



„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ – Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört. Aber stimmt er eigentlich? Er ist ja irgendwie auch zutreffend, aber hat manchmal einen negativen, verzweifelnden Beigeschmack. Ich habe einen Ort kennengelernt, wo Hoffnung nicht zuletzt stirbt, sondern wo sie blüht. Es ist ein Ort, wo Menschen in schwierigen, scheinbar hoffnungslosen Lebenssituationen aufgefangen werden, wo sie wieder Hoffnung schöpfen und neue Wege und Orientierung finden für ein sinnvolles Leben. Dieser Ort heißt: „Hof der Hoffnung“, auf Portugiesisch: „Fazenda da Esperanza“. Davon möchte ich heute erzählen. Guten Morgen!

Die „Fazenda da Esperanza“, der „Hof der Hoffnung“. Hier leben junge Menschen zusammen, die drogen- oder alkoholabhängig sind. Sie wollen gemeinsam von ihren Süchten loskommen. Die Idee zu diesen „Höfen der Hoffnung“ stammt aus Brasilien. Ein deutscher Franziskaner, der Anfang der 1980er Jahre als Pfarrer in der Nähe von Sao Paulo arbeitet, wird von drogenabhängigen Jugendlichen um Hilfe gebeten. Er nimmt die Jugendlichen bei sich in seinem Pfarrhaus auf. Dort leben sie zusammen, lesen regelmäßig in der Bibel, als eine Art Leitfaden für den Alltag, und sie sprechen über die Erfahrungen, die sie damit machen. Es entwickelt sich eine Freundschaft. Mit der Zeit kommen die Jugendlichen von den Drogen weg, finden in ein geregeltes Leben zurück und können sogar einer normalen Arbeit nachgehen. Aus dieser Wohngemeinschaft im Pfarrhaus entsteht 1983 die erste „Fazenda“, der erste „Hof der Hoffnung“. In den folgenden Jahren werden weitere Höfe gegründet. Mittlerweile gibt es weltweit insgesamt 125 solcher Höfe: vor allem in Brasilien in Lateinamerika, in Afrika und auf den Philippinen, aber auch in Europa.

Die jungen Menschen, die auf einer „Fazenda da Esperanza“ leben, unterziehen sich einer besonderen Art von Therapie. Die unterscheidet sich sehr von anderen klassischen Therapien oder Jugendhilfeeinrichtungen. Die Therapie heißt „Rekuperation“. Das Wort kommt aus dem Portugiesischen und bedeutet ursprünglich „sich wieder finden, gewinnen“. Die Betroffenen werden nicht als Klienten oder Patienten bezeichnet, sondern als „Rekuperanten“. Sie entscheiden sich freiwillig, für ein Jahr auf der Fazenda mitzuleben und während dieser Zeit auf Alkohol, Zigaretten, Fernsehen, Internet und Smartphone zu verzichten. Das ist radikal, aber auch notwendig. Wer sich darauf einlässt, entdeckt schnell eine große Freiheit. Die Rekuperanten können ihre Süchte und die oft damit verbundenen Depressionen in einem stabilen familiären und gemeinschaftlichen Umfeld in den Griff bekommen, ja zum Teil sogar heilen. Damit eröffnet sich eine neue Lebensqualität: ihnen wird ein neues Vertrauen zum Leben ermöglicht. Die „Fazenda da Esperanza“ ist für viele ein Ort der Lebensfindung. Die Rückfallquote ist sehr gering, weil die Rekuperanten auch nach der Zeit auf der Fazenda weiterhin unterstützt werden und ihr freundschaftlich verbunden bleiben.

In Deutschland gibt es sieben „Höfe der Hoffnung“. Einer davon ist die Frauen-Fazenda in Hellefeld im Sauerland.

Hellefeld ist ein kleiner Ort südlich von Arnsberg, umringt von Wiesen und Wäldern. Am Ortsrand befindet sich seit 2012 die Frauen-Fazenda von Hellefeld. Derzeit leben zwölf Bewohnerinnen dort, drei von ihnen machen eine „Rekuperation“. Mit Michaela, der Leiterin der Fazenda, habe ich ein Video-Interview geführt. Ein Besuch war wegen der Corona-Pandemie leider nicht möglich. Michaela lebt hier seit Anfang an. Sie erzählt mir von den Frauen und Mädchen, die sich an sie wenden. Warum sie hierher kommen oder welche Vergangenheit sie mitbringen, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, so Michaela:

O-Ton Michaela (Nr. 1):

„Wir haben eigentlich nur eine einzige Bedingung, die wir an diejenigen stellen, die zu uns kommen möchten, und zwar ist das der eigene Wille und der Wunsch, seinem Leben eine andere Richtung zu geben.“

Viele der Bewerberinnen stecken in Situationen, wo sie nicht mehr weiter wissen, und haben die Sehnsucht, aus ihrer momentanen Hoffnungslosigkeit heraus etwas anderes zu finden.

O-Ton Michaela (Nr. 2):

„Es sind viele auch schon, die Therapien hinter sich haben und immer wieder rückfällig werden. Und viele sagen auch, ich probiere mal was ganz anderes aus, obwohl ich nicht verstehe, auf was ich mich da einlasse. Aber ich gebe mir nochmal eine Chance.“

Sagt Michaela, die Leiterin der Fazenda. Und es klingt wie eine letzte Hoffnung für die Frauen, die hierher kommen.

Was solch eine Hoffnung auf eine letzte Chance bedeutet, verstehe ich, als Michaela von Emilia erzählt, der jüngsten Bewohnerin. Emilia ist 15 Jahre alt und lebt seit einem halben Jahr auf der Fazenda. Sie hatte vorher extreme Magersucht und erhofft sich einen neuen Ausweg durch das Leben in der Gemeinschaft. Mittlerweile geht es Emilia viel besser. Was ihr hilft, ist das alltägliche Leben mit einem geregelten, strukturierten Tagesablauf. Der Tag beginnt morgens um 7:00 Uhr, meist mit einem gemeinsamen Gebet. Nach dem Frühstück gehen die Bewohnerinnen ihrer Arbeit nach. Auf der Fazenda gibt es einen Hofladen, für den die Frauen und Mädchen verschiedene Produkte anfertigen und dort verkaufen: Holz- und Handarbeitsartikel, Lebensmittel wie Marmelade oder Honig, und Produkte von anderen Fazendas aus der ganzen Welt. Nach dem Abendessen sprechen die Bewohnerinnen nocheinmal gemeinsam über den Tag, und es werden Brettspiele gespielt oder Lieder gesungen. Auch wenn sich mit der Corona-Pandemie das Leben auf der Fazenda sehr verändert hat, der Hofladen und das Hofcafé geschlossen sind: der klar strukturierte Tag, die Möglichkeit des Sprechens miteinander sind wichtige Stützen und lassen die Hoffnung auf ein anderes Leben konkret werden.

So berichtet Michaela von dem besonderen Lebensstil auf der Fazenda: Es geht darum im Vertrauen auf Gott leben zu lernen. Darauf vertrauen, von Gott das geschenkt zu bekommen, was man zum Leben braucht. Das klingt erstmal ziemlich weltfremd. Sich auf Gott zu verlassen, kann das klappen? Michaela sagt ja:

O-Ton Michaela (Nr. 3):

„Wenn du deinen Teil tust, zu 100 Prozent das tust, was du kannst, und es ist 1 Prozent, dann gibt Gott 99 dazu. Und ich glaube, das ist komplett unser Leben, was wir hier haben, dass wir einfach arbeiten und versuchen zu tun was wir können, und der Rest kommt wirklich von oben.“

Michaela erzählt, dass sie auf der Fazenda genau diese Erfahrung machen. Die Bewohnerinnen erhalten viele Spenden, zum Beispiel von Lebensmittelläden oder Bäckereien. Manchmal völlig überraschend, aus heiterem Himmel. Aber auch Menschen in ganz Deutschland unterstützen die Fazendas. Man mag diesen Lebensstil naiv nennen, aber es scheint zu funktionieren. Das hat für Michaela viel mit Hoffnung zu tun. Was es bedeutet, aus der Hoffnung zu leben, das verbindet sie konkret mit ihrem christlichen Glauben und ihrem Gottesbild:

O-Ton Michaela (Nr. 4):

„Ich glaube auch, dass diese Hoffnung, dass am Ende alles gut wird, total wichtig ist. Und dass es da einen Gott gibt, der uns unendlich liebt und der mich seine ganz persönliche Liebe für mich erfahren lassen möcht.“

Die Fazenda ist ein besonderer Ort gelebter Hoffnung. Das habe ich persönlich auch erfahren dürfen. Ich habe einige Tage auf einer anderen Fazenda als die im Sauerland mitgelebt, das war in der Nähe von Berlin. Auch dieser Ort liegt abgeschieden. Die Stille, die Herzlichkeit und Offenheit der Bewohner, das einfache Leben in der Gemeinschaft – all dies hat mich sehr angerührt. Vor allem aber, dass es hier Menschen gibt, die kein großes Aufheben um sich selbst machen, sondern für diejenigen da sind, die Hilfe brauchen. Durch die Begegnung mit der Fazenda und ihren Bewohnern denke ich: Hoffnung stirbt hier nicht zuletzt, sondern Hoffnung wird hier gelebt. Denn ich habe von den Menschen auf der Fazenda erfahren, was es konkret bedeutet, aus einer Hoffnung heraus zu leben: Neu anfangen zu können, nach vorne zu schauen, gerade nach schwierigen, scheinbar hoffnungslosen Zeiten im Leben. Sich dabei von Gott begleitet zu fühlen und andere Menschen an seiner Seite zu haben. Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sondern: Hoffnung zu haben ist ein Antrieb zu Lebensmut und Zuversicht. Und ich würde ganz allgemein und grundsätzlich sagen: Das betrifft letztlich alle Menschen. Jeder Mensch, der Zukunft gestalten will, lebt aus Hoffnung heraus. Und die Fazendas, die „Höfe der Hoffnung“, sind da für mich ein Beispiel, dass die Hoffnung ein so starker Antrieb sein kann, das eigene Leben zu verändern. Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt. Es muss besser heißen: „Wer Hoffnung hat, lebt anders.“ Dabei geht es nicht um Vertröstung auf ein fernes Jenseits, sondern um das Vertrauen darauf, dass sich schon im Hier und Jetzt die Dinge zum Positiven wenden können.

Kommen Sie gut und behütet durch die Pandemie. Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Stefan Klug aus Paderborn.

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