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Das Geistliche Wort | 18.04.2021 | 08:40 Uhr

"Im finsteren Tal" - Trauer in Zeiten der Pandemie

O-Ton: „Ich durfte nicht in sein Zimmer. Ich durfte auch nicht an sein Bett. Ich hätte lediglich auf der Intensivstation vor der Scheibe stehen dürfen und das Sterben aus der Position heraus begleiten dürfen. Das war für mich ein unvorstellbarer Gedanke.“

 

Autor: So Ulrike Peters. Als sie das erzählt, läuft es mir kalt den Rücken runter. Ihr Vater war an Corona erkrankt, er starb auf der Intensivstation, und sie konnte nicht bei ihm sein. „Wie kann das sein, dass ein Mensch so sterben muss?“ Diese Frage lässt sie bis heute nicht los. Heute wird in ganz Deutschland an die Verstorbenen der Pandemie gedacht. In Berlin findet eine staatliche Trauerfeier statt. Der Bundespräsident wird sprechen. Angehörige werden zu Wort kommen. Ich finde es gut, dass wir mitten in dieser Krise einmal innehalten und an die Menschen denken, die wir durch diese schreckliche Krankheit verloren haben. In den zurückliegenden Monaten waren die an und mit Covid-19 Verstorbenen oft nur Zahlen in Statistiken. Ich möchte, dass aus den Zahlen wieder Menschen werden: Menschen, an die wir uns erinnern und um die wir trauern können.

Einen verstorbenen Menschen lernen wir heute kennen: Hans Hermann Peters, den Vater von Ulrike Peters.

 

O-Ton 1: Mein Vater war immer ein sehr korrekter Mensch, er war sehr arbeitsam, hat aber auch da sehr stark drauf geachtet, dass man sich an Regeln des Arbeitslebens zu halten hat. und dass man dann, wenn man denn krank sein sollte und nicht arbeiten konnte, wirklich einen triftigen Grund haben musste, nicht arbeiten zu können, sprich wirklich krank sein.

 

Autor: Mit großem Respekt vor seiner beruflichen Lebensleistung erzählt

mir Frau Peters von ihrem verstorbenen Vater. Wie die Familie damals aus Norddeutschland ins Ruhrgebiet kam, wegen der Arbeit, die es hier gab. Wie sich ihr Vater hochgearbeitet hat zum Meister an der Duisburger Kupferhütte. Dankbar ist sie ihm für die Werte, die er ihr mitgegeben hat und für die Möglichkeiten, die er ihr eröffnet hat.

In seinem 92-Jahre langen Leben war Hans Hermann Peters nur ganz selten krank. Fast bis zu seinem Tod hat er noch in seinem eigenen Haus gewohnt. Doch dann bekommt er starke Knie-Probleme, mitten in der Corona-Krise.

 

Musik 1: Miles Davis, Time after time

Titel: Time after time: Album: Love songs, Interpret: Miles Davis, Komponist: R. Hyman, Text: C. Lauper, Verlag: unbekannt, Label: Columbia, LC-Nr.: 00162, EAN: 0149338910.


Autor: Nach langem Überlegen mit seiner Familie entschließt sich Herr Peters zu einer Knie-Operation. Die OP verläuft gut, doch auf der Reha-Station liegt er auf einem Zimmer mit einem Mitpatienten, der positiv auf Covid-19 getestet wird.

Die Quarantäne-Zeit will Hans Hermann Peters in seinen eigenen vier Wänden verbringen. Nach ein paar Tagen dort zeigt auch er Symptome und wird positiv getestet. Er kommt wieder ins Krankenhaus. Dort verschlechtert sich sein Zustand rapide. Besuche sind nicht mehr möglich. Am Anfang kann die Tochter mit ihrem Vater wenigstens noch am Telefon sprechen, doch auch das ist bald nicht mehr möglich.

 

O-Ton 2: Dann hatte der Arzt mir gesagt: In den nächsten 1-2 Stunden wird ihr Vater dann sterben. Ich habe dann natürlich gefragt, ob ich ins Krankenhaus kommen dürfte, zu ihm kommen dürfte. Das war in der Form, wie ich mir das vorgestellt habe, nicht möglich.

 

Autor: Ulrike Peters durfte nicht ins Zimmer und nicht ans Bett ihres Vaters. Sie hätte lediglich auf Abstand, hinter einer Scheibe stehen dürfen. Als ob man das Sterben des Vaters im Fernsehen anschauen muss. So kommt es Frau Peters damals vor. Ich kann gut verstehen, dass Sie sich dieser Erfahrung nicht aussetzen wollte. Und ich kann ihren Schmerz nachempfinden. So vieles, was sie ihrem Vater noch gerne gesagt hätte! So viele Fragen, die ihr damals durch den Kopf und das Herz gingen! Vor allen Dingen die eine Frage: Wieso muss ein Mensch so sterben?“

 

Musik 2: Brad Mehldau: Blackbird

Titel: Blackbird; Album: 10 years solo live, Disc 1, Interpret: Brad Mehldau, Komposition/Text: J. Lennon/P. McCartney, Verlag: unbekannt, Label: Nonesuch, LC: 0286, EAN: 7559795075.

 

Autor: „Wie kann das sein, dass ein Mensch so sterben muss?“ Die Fragen, die Ulrike Peters in unserem Gespräch stellt, berühren mich sehr. Genauso beschäftigt mich, was sie mir von der Trauer um ihren Vater erzählt. Eigentlich, sagt sie, hat die Trauer um ihren Vater schon mit der Diagnose Covid-19 begonnen. Sein Tod hat ihre Trauer dann nur noch bestätigt. Und diese Trauer war eine ganz andere als unter normalen Bedingungen. Wie es ist, unter den sogenannten AHA-Bedingungen mit Abstandhalten und Mundschutztragen eine Trauerfeier mitzumachen, auch das hat Frau Peters am eigenen Leibe erlebt.

 

O-Ton 3: „Also meine Gedanken während der Trauerfeier, die gingen schon immer wieder in die Richtung: Wen musste ich ausladen? Klappt das auch alles so? Wie wird das jetzt, wenn wir zum Grab gehen? Halten die Trauergäste Abstand? Also man kann sich nicht so richtig auf die Trauerfeier in der Kirche einlassen. Ich konnte das jedenfalls nicht.

 

Autor: Am Grab sich nicht umarmen können, das war schlimm. Und auch dass man nach der Trauerfeier nicht mehr bei Kaffee und Kuchen zusammenkommen konnte.

Das hätte ihrem Vater überhaupt nicht gefallen. Doch eine Sache war auch gut: Gerade weil nur so wenige Trauergäste da sein durften, konnte man den einzelnen besser und länger wahrnehmen.

 

Musik 3: Michael Garrick Trio, Bailero

Titel: Bailero; Album: Parting is such, Interpret: The Michael Garrick Trio, Komponist: Traditional, Arranged: Michael Garrick, Verlag: MCPS/PRS London, Label: Jazz Academy, LC-Nr.: unbekannt bzw. Nicht vorhanden, Bestell-Nr.: JAZA3.

 

Autor: Die Corona-Krise ist auch eine Krise der Trauer. Das wird mir bewusst, wenn ich von Ulrike Peters Erfahrungen höre. Als Pfarrer frage ich mich, ob wir als Kirche im vergangenen Jahr genug dafür getan haben, dass Menschen, wenigstens so gut es geht, trauern können. Ulrike Peters ist Mitglied im Presbyterium, also im Vorstand einer evangelischen Gemeinde. Sie hätte sich mehr Engagement von der Kirche bei der Bewältigung der allgemeinen Trauer-Krise gewünscht.

 

O-Ton 5: Ansonsten fand ich beispielsweise, dass die Kirche sehr oft von ihren Videogottesdiensten gesprochen hat. Ich hab sehr wenig darüber gehört, dass sie über Corona-Tote gesprochen hat und dass man an die denken sollte oder dass es Gedenkfeiern geben könnte für die Corona-Opfer und natürlich auch für die Angehörigen. Das hab ich eigentlich kaum gehört, muss ich sagen. Vielleicht hab ich auch nicht gut genug zugehört, aber es ist zu mir nicht so richtig durchgedrungen.

 

Autor: Ich wünsche Frau Peters und allen Trauernden, dass am heutigen bundesweiten Gedenk-Tag für die Verstorbenen der Pandemie ganz viel Anteilnahme zu ihnen durchdringt. Dieser Sonntag ist im Kirchenjahr der sogenannte Hirtensonntag. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück“. Diese Worte aus Psalm 23 stehen heute im Mittelpunkt. Gott als der gute Hirte. Wie hat sie Gott im letzten Jahr erlebt – als Trauernde? Das möchte ich von Ulrike Peters wissen.

 

O-Ton 7: Eigentlich stellt man ja fast immer die Frage: Warum? Warum müssen wir Corona erleben? Warum müssen wir diese Pandemie erleben? Warum sterben so viele Menschen daran und natürlich auch die Frage „Warum sterben gerade die alten Menschen daran?“. Was macht die Sinnhaftigkeit der ganzen Pandemie aus? Das hört sich wahrscheinlich alles so naiv an, was ich sage, aber man denkt schon: Warum konnte mein Schöpfer über mir das nicht verhindern? Also da ist auch schon manchmal Wut dabei, muss ich sagen.

 

Autor: Als Seelsorger kann ich die Wut und die Fragen gut verstehen. Viele Trauernde werden das ähnlich empfinden. Beantworten kann ich sie leider nicht. Ich kann immer wieder nur dazu einladen, mit der Wut und den Fragen nicht bei sich selber zu bleiben, sondern sie Gott an den Kopf zu werfen und ans Herz zu legen. Im Gespräch mit Gott beim Beten erlebe ich manchmal, dass sich meine Gedanken sortieren, ich ruhiger werde und neue Ideen bekomme. Eine neue Idee hatte auch der Kirchenvorstand, in dem Ulrike Peters mitarbeitet. Im Namen der Kirchengemeinde hat er eine Traueranzeige in den Zeitungen geschaltet. Eine Traueranzeige für alle Menschen, die während der Pandemie gestorben sind.

 

O-Ton 6: Mit der Todesanzeige verbinde ich natürlich eine Form der Anteilnahme, die öffentlich ist und die, weil sie ja in der Gemeinde formuliert worden ist, auch mal die Gemeindemitglieder oder die Angehörigen der Toten, die in der Gemeinde verstorben sind, anspricht. Das ist nicht so ganz allgemein. Also ich hab das als sehr positiv empfunden, hätte mir das Ganze natürlich schon um einiges früher gewünscht.

 

Musik 2: Brad Mehldau: Blackbird

 

Autor: Öffentliche Anteilnahme! Todesanzeigen, Kerzen und Gedenkgottesdienste sind keine leeren Rituale. Menschen spüren dadurch, dass man ihren Schmerz und ihren Verlust anerkennt. Auf ihrer Wanderung durch dieses finstere Tal namens Corona-Krise sind die Trauernden nicht alleine unterwegs. Unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Gebete begleiten sie. In diesem Sinne hat die öffentliche Anteilnahme des heutigen Tages etwas Staatstragendes, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn was unseren Staat trägt, sind nicht nur Gesetze und Zahlen. Mitgefühl und Barmherzigkeit halten unser Land zusammen. Ich bete zu Gott, dass wir uns in Zukunft daran erinnern werden. Auch dann, wenn diese Pandemie hoffentlich schon Geschichte ist.

 

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Peter Krogull von der Evangelischen Kirche in Düsseldorf.

 

Musik 4: Laura Marling, Hope we meet again

Titel: Hope we meet again; Album: Song for our daughter, Interpretin: Laura Marling, Komponistin: L. Marling, Text: L. Marling, Verlag: unbekannt, Label: Chrysalis Records, Bestell-Nr. BRRC002, LC-Nr.: unbekannt, ASIN : B087R9NHVG, EAN: 5060516095254.

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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