#
Aktuelles

Beiträge auf: wdr5 

katholisch

Das Geistliche Wort | 06.06.2021 | 08:40 Uhr

Gott blick auf Dich und nimmt Dich wahr

Guten Morgen!

Endlich wieder etwas mehr Normalität! Wer wünscht sich das nicht in diesen Zeiten der Covid-19-Pandemie. Ich erfahre das besonders bei meinen Studierenden an der Katholischen Hochschule in Paderborn, wo ich Religionspädagogik lehre.

Die Studierenden wünschen sich wieder mehr Normalität gerade für ihren Studienalltag. Seit drei Semestern finden alle Lehrveranstaltungen nur digital als Videokonferenzen statt. Natürlich ermöglichen die Videokonferenzen, dass wir überhaupt miteinander in Kontakt kommen und uns über die digitale Kamera sehen können. Ich weiß aber, dass die Studierenden die direkte persönliche Begegnung und den gemeinsamen Austausch vor Ort in der Hochschule vermissen. Bei den Videokonferenzen bleibt der Kontakt auf einen kleinen Ausschnitt begrenzt: Zu sehen ist nur der Kopf, ein Teil des Oberkörpers und ein Hintergrund bzw. ein Hintergrundeffekt meines Gegenübers. In Sachen Hintergrundeffekte beobachte ich bei den Studierenden übrigens, dass sie äußerst kreativ sind und sich selbst inszenieren: Vor Bücherregalen oder Landschaftsbildern und manchmal auch am Strand unter Palmen. Mir kommt es so vor, als ob die Auswahl des Hintergrundbildes momentan eine der wenigen Möglichkeiten ist, um sich ein wenig von den anderen zu unterscheiden und auf sich aufmerksam zu machen. Ja mehr noch: Als ob die Sehnsucht nach der Normalität sich Bahn bricht, endlich mal wieder woanders sein zu können, zu reisen und Kontakte zu pflegen.

Möglicherweise verbinden die Studierenden mit ihrer Selbstinszenierung aber auch einfach den Wunsch, gesehen zu werden, wahrgenommen zu werden. Wo bei Präsenzveranstaltungen schnell mal reagiert wird auf einen Wortbeitrag oder einfach nur auf ein cooles Outfit, fehlen bei der digitalen Kommunikation irgendwie die Spontanität und auch das Emotionale. Das sagen mir meine Studierenden. Social distance ist eben vielschichtig. Daher höre ich aus den Worten der Studierenden auch den Wunsch, gesehen zu werden – ganz real und auch auf einer tieferen, existentiellen Ebene.

Ich vermute: Hinter dem Wunsch gesehen zu werden verbirgt sich sogar eine Sehnsucht, die alle Menschen miteinander verbindet!

Musik I: Bonnie Tyler. Prager Philharmoniker. Karl Jenkins, Against all odds

Begegnung und Kommunikation beginnt wesentlich dadurch, dass wir sehen und gesehen werden. Und beides ist nicht bloß ein äußerer Vorgang: Wer sieht und wer angesehen wird, der wird auch innerlich emotional berührt. Wenn ich zum Beispiel spüre, dass jemand mich wohlwollend ansieht, dass ich mich als ganze Person wahrgenommen und zugleich angenommen fühle, dann ist dies letztlich eine beglückende Erfahrung.

Ganz zufällig bin ich Zeugin einer solchen Erfahrung des Angesehen-werdens auf dem Paderborner Wochenmarkt geworden: Es ist Samstagvormittag und vor dem Blumenstand warten – ganz Corona-conform – zahlreiche Menschen mit dem nötigen Sicherheitsabstand. Sobald der freundliche Blumenverkäufer eine Kundin bzw. einen Kunden bedient hat, tritt der oder die Nächste einen Schritt vor hin zum Blumenstand, um einzukaufen. So geht dies eine ganze Weile und Schritt für Schritt nähere auch ich mich dem Stand. Doch plötzlich stockt die gewohnte Bewegung der Warteschlange. Eine junge Frau ist die nächste Kundin am Blumenstand, doch sie bewegt sich nicht; macht keinen weiteren Schritt hin auf den Stand zu. Der freundliche Blumenverkäufer hat die Lage sofort erkannt: „Sie sind jetzt dran“, ruft er. „Kommen Sie ruhig näher heran.“ Die Frau steht jetzt direkt am Stand und vor ihr ein buntes Blumenmeer. „Haben Sie Tulpen?“, fragt sie den Verkäufer. Alle Umstehenden, die nicht so genau auf die Frau geschaut haben, überrascht diese Frage. Denn nahezu alle Eimer des Blumenstandes sind prall gefüllt – mit Tulpen. „Ja“, sagt der Verkäufer, „wir haben Tulpen.“ „Welche Farbe haben die Tulpen?“, fragt die Frau weiter. „Gelb, rot, weiß und rosa haben wir heute.“ Und wieder die Frau: „Welche Farbe würden Sie nehmen?“ Der Verkäufer: „Ich würde die roten nehmen.“ „Gut“, sagt die Frau, „dann nehme ich die roten.“

Ist doch verrückt: die Frau ist blind und doch spürt sie, dass sie wahrgenommen wird. Ich finde das Beispiel mit der blinden Frau so klasse, weil es beim Wahrnehmen und Wahrgenommen werden eben um mehr geht als um das Sehen und Gesehen werden. Die deutsche Sprache drückt das wunderbar aus: Es geht um das Ansehen, das ein Mensch genießt.

Der aufmerksame Blumenverkäufer hatte sofort bemerkt, dass die junge Frau blind ist. Und durch seine ruhige und zugleich freundliche Art der Kommunikation hat sich die Frau, obwohl sie ihn nicht mit ihren eigenen Augen sehen konnte, dennoch von ihm gesehen gefühlt. Sie hat sich von ihm wertgeschätzt und in diesem Sinne auch als angesehen erlebt.

Es ist eine beglückende – eben eine emotionale Erfahrung, wahrgenommen zu werden, angesehen zu werden, und dadurch wortwörtlich Ansehen zu haben.

Musik II: Aretha Franklin, Respect

Sehen und gesehen werden hat etwas mit Ansehen zu tun – und das in vielfältiger Hinsicht. Und diese beglückende Erfahrung des Angesehen Werdens und des Ansehen Genießens lässt sich auch mit Gott in Verbindung bringen.

Christinnen und Christen glauben nämlich daran, dass Gott auf uns Menschen blickt; dass er auf jeden und jede einzelne blickt und uns auf diese Weise als Menschen wahrnimmt und auch annimmt.

Dabei muss ich gleich kritisch anmerken: Für viele Generationen ist die christliche Vorstellung eines Gottes, der auf den Menschen und sein Tun schaut, eher mit Angst als mit Zuversicht verbunden. Sie haben wahrscheinlich eine christlich-religiöse Erziehung erlebt, die mit einem strengen Aufpasser-Gott drohte: „Ein Auge ist´s, das alles sieht auch wenn’s in dunkler Nacht geschieht.“ Diese quälende Vorstellung eines Auges, das alles beobachtet und jedes Handeln und Denken durchschaut, wurde pädagogisch missbraucht und nutzbar gemacht, um Menschen einzuschüchtern. Sogar in der Bibel gibt es Texte, die so etwas nahe legen. Beispielweise Psalm 139. Eigentlich thematisiert der Psalm das Angeschaut-werden von Gott als Lobpreis. Zugleich kann er auch als Bedrohung missverstanden werden: „Herr, du siehst mich und durchschaust mich, ob ich sitze oder stehe, du weißt es.“ Ob es schön ist, so von Gott durchschaut zu werden? Zum Glück hat diese Vorstellung eines übermächtigen, strengen und strafenden Gottes für die meisten Menschen heute an Bedeutung verloren. Und als Religionspädagogin würde ich sagen: Christliche Erziehung hat heute die Vermittlung eines Gottesbildes zum Ziel, das den Menschen Zuversicht und Trost vermittelt. Wenn Menschen heute davon erzählen, dass sie sich von Gott umfassend angeschaut fühlen, so verbinden sie damit die Erfahrung, gerade keine Angst mehr haben zu müssen. Im Gegenteil: Sie fühlen sich beschützt.

So formuliert es beispielsweise die 1954 geborene Schriftstellerin und Büchnerpreisträgerin Sybille Lewitscharoff in einem Interview. Auf die Frage, ob der Gott ihrer Kindheit kein warnender, drohender und strafender war, antwortet sie: „Überhaupt nicht. Gott sieht dich, er kommt und packt dich – und so wurde ich nie eingeschüchtert.“[1]

Der zugewandte Blick Gottes wird hier erlebt als etwas Freundliches und Hilfsbereites. Vielleicht ist er sogar wie ein Funken Hoffnung, dass es noch etwas Anderes gibt als die eine Welt, in der wir gerade leben …

Musik III: Billy Joel. Band, Just the way you are

Die Vorstellung, dass Gott auf mich blickt und ich mich auf diese Weise von ihm gehalten weiß, ist für mich ein schöner, ein wichtiger, ein beruhigender Gedanke. Bei dem Apostel Paulus finde ich einen Gedanken, der das unterstreicht. Paulus schreibt einmal an die Gemeinde in Korinth (1 Kor 13,12): „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“

Ich verstehe das so: Paulus kennt die harte Realität des Lebens. Er weiß um die menschliche Begrenztheit und die damit verbundene Vorläufigkeit allen Sehens, Ansehens und Erkennens. Doch trotz aller Fragwürdigkeit des Sehens und Erkennens hat er eine Hoffnung, dass alles Stückwerk des Erkennens einmal aufgehoben sein wird, dass es einmal ein vollkommenes Sehen und Erkennen geben wird. Davon ist er überzeugt. Daran glaubt er. Und Paulus weiß, dass er diesen Glauben nicht aus sich selbst heraus gefunden hat, sondern dass ihm dieser Glaube selbst noch einmal geschenkt worden ist. Und gerade weil er ihm geschenkt worden ist, bleibt er auch bestehen; allen menschlichen Begrenztheiten, allem Stückwerk, allen Zweifeln, Enttäuschungen und Rätselhaftigkeiten zum Trotz.

Für mich ist dieser Gedanke sehr tröstlich! Und er bewirkt auch eine Veränderung in meiner Wahrnehmung, wie ich auf die Welt und auf andere Menschen schaue: Weil menschliches Leben immer ambivalent, also vieldeutig und vielschichtig ist und ich nie alles erkennen kann, hoffe ich darauf, dass immer auch noch mehr möglich ist. Wenn nämlich Gott alles sieht und wohlwollend ist, warum sollte ich es dann nicht auch sein, auch wenn ich nicht alles sehe? Warum sollte ich mir einen liebenden, einen barmherzigen, eben den wohlwollenden Blick Gottes nicht zu Eigen machen? Was wäre da nicht alles zukünftig möglich, jetzt schon in dieser Welt und endgültig bei Gott?

Musik IV: Bonnie Tyler. Prager Philharmoniker. Karl Jenkins, Against all odds

Gott blickt auf Sie und mich, auf jeden Menschen und nimmt ihn wahr, verleiht ihm Ansehen. In diesem Vertrauen von Gott angeschaut zu werden, kann sich alles ändern: Getragen zu sein, gehalten zu sein, in allen guten Tagen und auch über Abgründe hinweg.

Ein engagierter Pfarrer und Seelsorger, den ich noch aus meiner Jugendarbeitszeit kenne, hat in diesem Jahr eine kleine Textsammlung veröffentlicht. Den folgenden Text habe ich dort entdeckt. Er ist für mich ein Schlüsseltext, der sehr schön beschreibt, welche Wirkung der liebende Blick Gottes auf uns Menschen haben kann:

Und weil Gott dich ansieht,

„…bist du keine Nummer,

musst du nicht mehr kämpfen,

hast du Heimat im Leben.

Denn er sagt zu dir:

‚Fürchte dich nicht,

ich bin bei dir alle Tage

bis ans Ende der Welt.‘“[2]

 

Für mich ist das ein Trost nicht nur in Zeiten der Pandemie mit Distanz und Videobotschaften.

Ich wünsche Ihnen diese beglückende Erfahrung Gesehen zu werden!

Ihre Bergit Peters aus Paderborn.

Musik V: Celine Dion, Because you loved me


[1] „Dies ist keine Wunschvorstellung, Schätzle“. Spiegel-Gespräch. Sybille Lewitscharoff und Najem Wali im Gespräch mit Romain Leick, in: Der Spiegel Nr.19, (2018), 126-130, hier 126.

[2] Ullrich Auffenberg, Kopf hoch…sonst siehst du die Sterne nicht, Paderborn 2021, 132.

katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen