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Das Geistliche Wort | 15.08.2021 | 08:40 Uhr

Mariä Himmelfahrt - Gott will uns mit Leib und Seele

Guten Morgen!

Es war ein Paukenschlag gestern vor 71 Jahren. Papst Pius XII. kündigte das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel an. Damit stand der katholischen Kirche eine sogenannte „unfehlbare Lehrentscheidung“ des Papstes ins Haus. Eine Sensation! Und das zum ersten Mal. Denn erst 1870, auf dem Ersten Vatikanischen Konzil, war die Unfehlbarkeit des Papstes definiert worden und kam jetzt zum Zuge. Und so wurde am 1. November 1950 feierlich von Papst Pius XII. verkündet:

Sprecher:

„Wir verkünden, erklären und definieren es als ein von Gott geoffenbartes Dogma, dass die Unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“

Musik I: Giovanni Palestrina, Offertorium aus der Missa “Assumpta est Maria”

Auch wenn von einer Himmelfahrt Mariens in der Bibel nicht die Rede ist, handelt es sich doch um eine uralte, bereits auf das fünfte Jahrhundert zurückgehende Glaubensüberzeugung – übrigens nicht nur bei Katholiken, sondern auch bei orthodoxen Christen.

Und so war es wohl kein Zufall, dass der Papst gerade im Jahr 1950 dieses Dogma verkündete: Der Zweite Weltkrieg mit seinen unbeschreiblichen Verwüstungen lag gerade einmal fünf Jahre zurück. Ein Gemetzel, das alles in allem wohl sechzig Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Und kaum war dieses Inferno überwunden, trat der materielle Wiederaufbau in den Vordergrund, und auch die militärische Aufrüstung von West und Ost stand auf der Tagesordnung. Wohl auch gegen diesen Wahnsinn richtete die katholische Kirche ihre Botschaft von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Es ging der Kirche mit dieser Botschaft darum, deutlich zu zeigen: Der Mensch als ganzer besitzt einen Wert, der mehr ist als das, was sich jemand leisten kann; eine Würde, die nicht einmal von Krieg, Gewalt und Tod außer Kraft gesetzt werden kann. Und: Der Mensch ist von seinem Wesen her bei Gott zuhause. Dort gehört er hin! Deshalb macht selbst der Tod den Menschen zu keinem Nichts. Vor Gott hat er Bestand – und zwar für immer. Gott garantiert, dass kein Mensch vergessen wird. Und diejenigen, die heute das Fest der Himmelfahrt Mariens feiern, halten diese Vorstellung lebendig.

Als katholischem Priester leuchtet mir diese Begründung des Festes ein. Allerdings verstehe ich auch eine gewisse Skepsis mancher Mitchristen: Wurde da nicht ein wenig „zu viel des Guten“ über Maria gesagt? Und warum gerade Maria? Von ihrem Tod wissen wir doch eigentlich nichts, selbst das Evangelium verliert darüber keinen Ton.

Dagegen hat die christliche Tradition schon sehr früh Maria groß herausgestellt. Und so verwundert es nicht, dass sie in der Frömmigkeitsgeschichte des Christentums eine bedeutende Rolle spielt: Sie, die Mutter Jesu, wird nicht nur schon sehr früh als Gottesgebärerin bildlich dargestellt. Sie erscheint auch in den geradezu überschwänglich klingenden Liedern und Gebeten der Kirche durch die Jahrhunderte. Dabei ist ein Aspekt sehr wichtig: Schon sehr früh wird unterstellt: Sie ist diejenige, die Gottes Nähe mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele auskosten darf. D.h., schon jetzt ist sie am Ziel ihrer Wünsche angelangt: Sie ist an Gottes Seite.

So betrachtet, wirkt sie herausgehoben aus dieser Welt und damit weltfern oder gar weltfremd. Mir kommt es dann so vor, als ob Maria verehrt wird wie eine erfolgreiche Sportlerin, die allein aber auf dem Siegertreppchen steht, gefeiert wird und von Gott die Goldmedaille empfängt. Dann aber lässt sie alle anderen hinter sich, ist ihnen quasi davongelaufen

Ich frage mich daher: Geht es bei der Himmelfahrt Mariens wirklich nur um den uneinholbaren Vorsprung der Einen, die sich abgesetzt hat und der Welt mit all ihrem Leid den Rücken zugewandt hat? Ist sie diejenige, die – wie es in Marienliedern heißt – „strahlend glänzt“ wie der sonnenbeschienene Mond, aber nichts mehr mit den Menschen auf dieser Welt zu tun hat? Oder welche Rolle kann Maria auch heute noch in der Geschichte der Christenheit – gar der Menschheit spielen, gerade dann wenn sie bei Gott gedacht wird?

 

Musik II: Anton Bruckner, Tota pulchra es Maria

 

Um Marias Rolle besser zu verstehen, hat mir eine jüdische Weisheit geholfen. Folgende Geschichte wird erzählt: Da ist ein gerechter und rechtschaffender Rabbi. Nach seinem Tod darf er sogleich ins Paradies eintreten. Aber –zum Erstaunen der Engel im Himmel – lehnt er den unmittelbaren Zugang ab. Denn vorher möchte er gewiss sein, dass seine Schüler und die Mit-Rabbiner ebenfalls Einlass ins Reich Gottes finden. Aber nicht genug. Er geht schließlich sogar so weit, dass er nicht nur alle Juden, sondern sogar die Heiden im Himmel wissen möchte, bevor er selber dort eintritt. Der Engel an der Pforte des Paradieses ist überfordert und kann ihm das nicht zusichern. Immerhin muss erst noch der Messias auf die Welt kommen, so die jüdische Vorstellung. Erst dann wird man sehen, wer alles in den Himmel kommt. Und so wartet der gerechte und rechtschaffende Rabbi vor den Toren des Himmels und betet für die Erlösung der Mit-Rabbiner, seiner Schüler, der Juden, der Heiden, ja, aller Menschen. Und es heißt, er habe das Himmelreich immer noch nicht betreten, sondern würde immer noch weiter beten: bis zur Ankunft des Messias.

Was für ein Charakter – dieser Rabbi! Ein Mann ohne Eigennützigkeit, ohne Eigeninteressen, ohne ein Leben auf Kosten anderer. Er, der selbst schon das Ziel des irdischen Lebens erreicht haben könnte, den Eintritt ins Himmelreich, er hat einen Blick für die anderen: Er geht buchstäblich darin auf, selbstvergessen Ausschau nach denen zu halten, mit denen er zusammen das Paradies auskosten will. Ich verstehe das Motiv des Rabbis: Seine Freude wäre ja unvollkommen, wenn er bereits in den Raum der Vollendung eintreten würde, während alle anderen Menschen noch belastet sind von den unterschiedlichsten Lasten des Lebens. Mit einem isolierten Glück gibt sich der gerechte und rechtschaffende Rabbi nicht zufrieden – weil er vielleicht ahnt, dass wahre Glückseligkeit nie nur alleine zu genießen ist. Und daher verzichtet er auf den sofortigen Genuss des Paradieses.

Und genau in diese Richtung geht für mich auch die Bedeutung von „Mariä Himmelfahrt“. Marias Dienst ist dem des Rabbis vor der Himmelspforte durchaus ähnlich: Es geht nicht um den eigenen Vorteil, es geht immer um die Sorge für die anderen!

Maria hat das übrigens schon auf Erden unter Beweis gestellt: Sie hat sich dem Anruf Gottes gestellt und war bereit, die Mutter Jesu zu werden. Sie hat sich zurückgenommen und ließ sich darauf ein, für Gott da zu sein, indem sie Jesus, den Sohn Gottes, gebar, ihn aufzog, um ihn schließlich frei zu lassen, seinen Weg zu gehen. Aus den Darstellungen im Neuen Testament lässt sich ablesen, was das heißt: Als Mutter mitansehen, wie der eigene Sohn verkannt und verachtet wird, wie er leidet und schließlich brutal hingerichtet wird. Sie steht unter dem Kreuz und ist einfach da in Leid und Not – bis zum Ende.

Diese Bereitschaft, sich zurückzunehmen für ihren Sohn, und diese tiefe, vertraute Nähe zu ihrem Sohn bis in den Tod, nahmen die Christinnen und Christen schon früh zum Anlass, um zu sagen, dass Maria nach ihrem eigenen Tod auch weiter bei ihrem Sohn ist, ganz nah und vertraut.

Mehr noch: Durch diese Nähe verstanden viele Christinnen und Christen Maria auch als Fürsprecherin bei Gott und zwar für alle Menschen - ohne Ansehen der Person. Sie ist es – so die Vorstellung –, die sich wie eine gute Mutter geduldig die Bitten, Nöte und Sorgen all derer anhört, die sie anrufen. Und: Sie gibt das weiter und bekräftigt es, was die Menschen zu allen Zeiten bewegt und beschäftigt. Damit ist sie gewissermaßen der lebendige, ja der direkte Draht zu Gottes Ohr.

Für den heutigen Zeitgenossen wirkt diese Vermittlerrolle Mariens etwas antiquiert: Warum sich nicht gleich unmittelbar an Gott wenden? Ich für meinen Teil kann da nur sagen: Mir tut die Vorstellung gut, dass es einen Menschen gibt, der sich bereits in Gottes Nähe befindet und sich meine menschlichen Gedanken und Gefühle, meine Anliegen und Sorgen zu eigen macht. Und so nimmt Maria mich mit zu Gott und bewahrt sich ihre menschliche Sensibilität und ihren Blick für all das, was nottut. Damit ist sie für mich eine Hoffnungsgestalt, an der ich sogar ablesen kann, was auf mich – und schließlich einmal auf alle Menschen zukommen wird. Denn, so frage ich mich: Wäre Maria ohne uns Menschen wirklich schon am Ziel ihres Weges? Ich vermute, sie hätte, vor die Wahl gestellt, genau so reagiert wie der legendäre Rabbi im Wartestand, der für alle Menschen gebetet hat.

 

Musik III: Marc-Antoine Charpentier, Sinfonia aus der Missa "Assumpta est Maria"

 

Wenn Maria nach katholischem Verständnis schon bei Gott ist, dann ist sie gewissermaßen auch die Vorläuferin des menschlichen Weges; und sie ist zugleich Türöffnerin und Platzanweiserin am Zielpunkt dieses Weges. An diese ihre Rollen erinnert mich eine Gedichtzeile von Christine Lavant, einer österreichischen Schriftstellerin des letzten Jahrhunderts. Sie schreibt:

Sprecherin:

„Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn wir zu schwach sind, um hinauf zu kommen.“[1]

Genau in dieser Haltung sehe ich Maria: Sie kniet gewissermaßen nieder, um uns Menschen den Weg zu Gott zu ebnen. Denn aus eigener Kraft – das weiß ich aus meiner Lebenserfahrung – kann ich mir den Himmel nicht erobern. Der Alltag erwartet zu viel anderes von mir und hält mich dauerhaft auf Trab. Und doch bin ich mir sicher: Ich werde im Himmel erwartet. Ich darf eintreten – aber nicht als Einzelkämpfer, sondern als Mensch, der auch alle anderen im Blick hat. Denn der Himmel ist nicht nur für die scheinbar Frommen da. Er steht offen für alle.

Und ich stelle mir vor, wie Maria am Eingangstor des Himmels kniet und dadurch zum Ausdruck bringt: Gott wird sich an jeder und an jedem freuen, der sich nach ihm sehnt.

Musik IV: Giovanni Palestrina, Gloria aus der Missa “Assumpta est Maria”

 Noch ein letzter Gedanke zum heutigen Hochfest „Mariä Himmelfahrt“: Eine alte Legende erzählt, dass fromme Christen eines Tages den Sarg Marias öffneten und darin nicht den Leichnam fanden, sondern frische, duftende Blumen und Kräuter. Daher rührt übrigens auch der bis heute mancherorts übliche Brauch des Krautbindens und der Kräutersegnung an Mariä Himmelfahrt.

Der katholische Priester und Dichter Wilhelm Wilms (1930-2002) hat dieses Motiv übrigens aufgegriffen in einem modernen Musical auf Maria und dann anschaulich und doppeldeutig so formuliert: „Maria ist verduftet.“[2]

Die Botschaft ist: Wer auf Gott hin gelebt hat, erlebt sein irdisches Ende nicht als Vernichtung und Untergang, sondern als ein blühendes Neu-Werden, als Verwandlung. Er lebt sogar noch in dem, wo man – von außen gesehen – nur toten Staub erwarten würde.

Genau das feiern katholische Christen schließlich heute, an diesem Fest – mitten im Sommer. Sie feiern das Vertrauen: Dieses Lebendig-Bleiben in Gott ist nicht auf Maria beschränkt. Zugesagt ist es allen Menschen. Alle haben eine Perspektive: Dabei-Sein in der Nähe Gottes - also das, was wir Himmel nennen. Was heute im Blick auf Maria gesagt wird, ist eine Verheißung für alle Menschen zu allen Zeiten. Es ist das Ziel des Lebens. Um das zu erreichen, ist mir Maria auch eine Hilfe: Sie hat sich nämlich auf Gott eingelassen und hält sich offen für das, was er ihr zudenkt, zutraut und auch zumutet. Und das möchte ich auch für mich: eine bleibende Offenheit, für das, was Gott mir zudenkt, zutraut und auch zumutet. Das hört sich dramatisch an, vielleicht zu Schicksal ergeben und wird vielen religiös skeptischen Zeitgenossen aufstoßen. Allerdings fasziniert mich die Haltung der Verfügbarkeit Marias: Einmal nämlich, spricht sie selbst davon, wer Gott für sie ist und was er für sie getan hat. Sie eröffnet keinen dogmatischen Traktat. Vielmehr spricht sie ganz einfach in einer besonderen Form – nämlich in einem Lobgebet, einer Art von Gedicht. Sie sagt (Lk 1,46): „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“ Das ganze Gebet ist das sogenannte „Magnificat“, das bis heute zum offiziellen Abendgebet der Kirche, gehört. Es ist mir sehr vertraut, weil ich es als Priester Tag für Tag bete. Ich erahne in diesem Gebet, welche Freude und welches Glück es ist, mit Gott so eng verbunden zu sein, ja auf Du und Du mit ihm zu stehen - wie Maria. Denn sie sagt bescheiden (Lk 1,48): „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“ und fährt - zugleich wertgeschätzt – fort (Lk 1,49): „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.“ Solch ein Von Gott wertgeschätzt sein, findet eben seine Erfüllung bei ihm im Himmel – zusammen mit Maria und allen Menschen. Daran erinnert heute Mariä Himmelfahrt.

Aus Paderborn grüßt Sie herzlich Michael Menke-Peitzmeyer.

Musik V: Antonio Vivaldi, Magnificat (g-moll)


[1] Christine Lavant: „Es riecht nach Schnee“, aus: Hafner, Fabjan und Moser, Doris (Hrsg.), Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte [= Werke in vier Bänden, Bd. 1] Göttingen 2014.

[2] Ave Eva oder der Fall Maria: ein Singspiel von Wilhelm Willms und Peter Janssens, Peter Janssens Musik Verlag, 1974.

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