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Das Geistliche Wort | 10.10.2021 | 08:40 Uhr

Maria - vertraut und doch fremd

Der Oktobermonat ist in der katholischen Frömmigkeit in besonderer Weise der Verehrung der Gottesmutter gewidmet. Heute Morgen möchte ich gern mit Ihnen Maria, die Gottesmutter anschauen, diese so vertraute und zugleich doch auch fremde Gestalt der Bibel. Ich bin Schwester Ancilla Röttger aus dem Klarissenkloster in Münster.

Musik1: ( „Dilectus Meus“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“)

Unzählige Marienbilder zeigen die Gottesmutter in unterschiedlichsten Situationen und Kompositionen:  oft sehen wir sie in zeitgenössischen Räumen des jeweiligen Malers – etwa in einem der mittelalterlichen Wohnhöfe zur Zeit Giottos oder im bürgerlichen Wohnraum einer wohlhabenden Niederländerin des 17. Jahrhundert. Bilder dafür, dass Gott Maria in ihrer für die so konkreten Lebensalltäglichkeit aufsucht, in ihrem Zu-Hause; sie boten den Menschen jener Zeit eine Möglichkeit der Identifikation. Was Maria als Mutter erlebt, ist vielfach zu Motiven geronnen, die zu jeder Zeit Trost und Schutz zum Ausdruck bringen, wie das Motiv der Pieta, die Mutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß, die im Mittelalter für viele Frauen ein Trostbild war. Oder die Schutzmantelmadonna: Geborgensein gerade auch für die Armen und Kleinen - das vermittelte schon seit dem 13. Jahrhundert die Schutzmantelmadonna: bergend breitet sie ihren Mantel über alle aus, die bei ihr Hilfe suchen.

Das alles ist Maria und noch viel mehr.

Maria mit dem Kind in einem Raum, der für den Betrachter Alltag vermittelt. Maria versteht meine Alltagssorgen, weil sie sie selbst gelebt hat. Und wenn mein Weg mühsam und hart wird, kann es ein Trost sein, auf die Mutter Jesu zu schauen, die diesen Weg kennt.

Musik2: ( „Ich Var Zuo Dir Maria Rein“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“)

Marias besonderer Weg beginnt mit dem Erscheinen des Engels – wie der Evangelist Lukas in der Verkündigungsszene (Lk 1,26-38) beschreibt: Der Engel tritt bei ihr ein. Eine überwältigende Erfahrung: im Engel trifft sie die geheimnisvolle Gegenwart des lebendigen Gottes – und Maria erschrickt bei seinem Gruß. Warum? Wann immer im Alten Testament ein Engel sich zeigt, vibriert der überwältigende Schrecken der Macht Gottes in der Luft, denn – wie Gott selbst im Buch Exodus (Ex 20,21) sagt: im Engel ist sein Name gegenwärtig. Dort heißt es: widersetz dich ihm nicht. Er würde es nicht ertragen.

Ein solch machtvolles Wesen tritt plötzlich bei Maria ein, und sie erschrickt. Aber: nicht über ihn, sondern über seine Anrede, die sie nicht versteht. Maria begegnet mir hier als eine junge Frau, die aus ihrem eigenen gelebten Gebet heraus offensichtlich den Schrecken Gottes kennt. Und zugleich kennt sie seine Verheißungen. Sie flieht nicht, sondern hält stand. Auch von der strahlenden Erscheinung lässt sie sich nicht blenden, sondern fragt ganz nüchtern nach, wie das denn geschehen soll, was der Engel ihr da ankündigt. Ob es eine wirkliche Erklärung für sie ist, dass Heiliger Geist über sie kommen wird und das Kind in ihr aus der Kraft des Höchsten gezeugt werden soll? (Lk 1,35). Vielleicht ermutigt sie der Hinweis auf ihre Verwandte Elisabeth. Die hat noch im Alter einen Sohn empfangen, obwohl sie als unfruchtbar galt. Sie weiß gewiss nicht mehr als zuvor. Doch sie versteht, dass es ein Sprung des Vertrauens da hinein ist, dass Gott das Unmögliche möglich macht. Und sie überlässt sich diesem Plan, der sie übersteigt, und sagt schlicht: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Und sie nimmt diese Zusage für Gottes Wirken bis zum Ende nicht zurück. Sie ist bereit, auch wenn sie in jeder Situation neu lernen muss, was es bedeutet, sich zu überlassen.

Musik 3: ( „O Splendidissima Gemma“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“)

 „Dann verließ sie der Engel“, heißt es im Lukasevangelium. Das heißt: Maria bleibt allein zurück mit all diesen unvorstellbaren Verheißungen.

Kenne ich das in etwas abgeschwächter Form nicht auch? Da widerfährt mir zutiefst Großartiges, und ich kann es niemandem erzählen, weil es in seiner Dimension den Alltag weit übersteigt. Zurück bleibt der Alltag, der mit diesem geheimnisvollen Wissen weiter gelebt werden will.

Nirgends steht, dass Maria sich Josef hätte anvertrauen können. Sie macht sich auf den Weg zu Elisabeth und dort, in der Begegnung mit einer anderen Frau, die ein ähnliches Wunder in sich erfahren hat, erfährt sie mit ihrem Geheimnis Annahme und Ermutigung.

Maria hält die Ungewissheit aus, ob Josef zu ihr steht, auch wenn er nicht versteht. Doch auch Josef scheint ein Mensch zu sein, der Erfahrungen mit den Weisungen und den Verheißungen Gottes hat. Ein Traum genügt, um ihn auf den Weg mit Maria zu bringen.

Musik 4: ( „Veri Floris Sub Figura“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“)

Im zweiten Kapitel seines Evangeliums berichtet Lukas von der Geburt Jesu in Bethlehem. Maria hat als hochschwangere Frau einen mühsamen Weg hinter sich von Nazareth nach Bethlehem, als sie schließlich in einer Herberge der Armut ihren Sohn zur Welt bringt: War es ein Stall, war es eine Höhle? Darüber schweigt die Bibel. Was aber klar ist: da ist nichts als ein Futtertrog, in den sie ihr Kind legen kann. Unwillkürlich denke ich an eine junge Frau, die mir von dem Glück erzählt, das Kind nach der Geburt nicht mehr in sich, sondern auf sich zu spüren. Wie unvergleichlich für sie dieses Gefühl des Mutterseins war und ist. Gott, der Meister des Unmöglichen, hat bis jetzt an Maria erfüllt, was er ihr durch den Engel sagen ließ.

Carlo Carretto gehört zu den Kleinen Brüdern von Charles de Foucault und verbrachte eine lange Zeit in der Wüste. Eines Abends, als er allein unterwegs war, begann er ein Gespräch mit Maria. Er wollte sie besser verstehen[1]. Bis dahin waren ihm Formen der Marienverehrung fremd geblieben. In der Nacht, als er vor einem Wüstensturm Zuflucht in einer Grotte gefunden hatte, saß er dort zwischen dicht gedrängt liegenden Schafen und dachte an Maria, die im Stall ihr Kind gebar. Und plötzlich versteht er:

Sprecher:

Der Gott jenseits aller Dinge und allen Begreifens ist Mensch geworden, die Furcht hat sich in linden Trost verwandelt, aus der Unzugänglichkeit wurde Umarmung. Der Ferne ist nahe gekommen, Gott wurde Sohn.

Begreift ihr, wie umwälzend das ist?

Es hat sich ereignet, dass eine Frau in aller Wahrheit sagen konnte: „Mein Gott, mein Sohn.“ Jetzt habe ich keine Angst mehr. Wenn Gott dieses kleine Kind ist, auf Stroh gebettet im Stall, macht mir Gott keine Angst mehr.“[2]

Und im Blick auf Maria sieht Carlo Carretto ihren großen Mut und dass sie standgehalten hat unter der Last dieses grenzenlosen Geheimnisses.

Welch eine Zerreißprobe für diese junge Frau, die nicht nur das Glück ihres ersten Kindes erlebt, sondern zugleich in diesem Kind Unvorstellbares erahnt. Da kommen die Hirten und erzählen, was die Engel ihnen an großen Geschehnissen verkündet haben. Und Maria hält es aus. Was sie nicht begreifen kann, das bewahrt sie in ihrem Herzen. Sie bewegt es dort, so dass es dort reifen kann, bis sie es vielleicht verstehen wird.

Musik 5: ( „Dilectus Meus“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“)

Die Bibel verbirgt die zwölf Jahre des gemeinsamen Lebens in Nazareth vor der Öffentlichkeit. In ihnen zieht Maria ihren Sohn heran, unauffällig und treu. Lukas berichtet von dem Ereignis in Jerusalem, als Jesus zwölf Jahre alt ist (Lk 2,41-51). Bei der Rückreise von einer Wallfahrt nach Jerusalem bleibt Jesus in Jerusalem zurück und die Eltern merken erst am Abend, dass er nicht dort ist, wo er sein sollte. Es ist Abend, aber Josef und Maria brechen sofort auf, um in Jerusalem nach ihrem Sohn zu suchen. Drei Tage lang voller Sorge und Unruhe suchen sie nach ihm und finden ihn schließlich im Tempel, wo er mitten unter den Lehrern sitzt, ihnen zuhört und Fragen stellt. Nach drei Tagen und drei Nächten sorgenvoller Suche ist verständlich, dass Maria spontan vorwurfsvoll fragt: „Wie konntest du uns das antun?“ – Und die Antwort Jesu stellt sie in genau die Herausforderung, die schon ihr ganzes Leben durchzieht: loslassen und Gott überlassen. Und wieder bewahrt sie alles in ihrem Herzen, bis es ausgereift ist und sie es versteht.

Maria geht ihren Weg in einem ständigen Empfangen und wieder Loslassen. Sie lernt auf dem Glaubensweg, um im nächsten Schritt das Erlernte schon wieder loszulassen, da von Moment zu Moment ihr Ja-Wort des Anfangs eingeholt wird.

Auf diesem Weg des Lernens erfährt sie von ihrem Sohn immer wieder Formen der Zurückweisung. Der Evangelist Johannes erzählt von der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12), wie Maria dem Bräutigam, dem der Wein ausgegangen ist, aus der Verlegenheit helfen will. Sie bittet Jesus, dass er eingreift, und muss die Antwort hören, dass nicht sie, sondern ein anderer sein Tun bestimmt. Im Markus-Evangelium lese ich vom Unverständnis seiner Familie (Mk 2,31.31-35), die ihn für verrückt erklärt. Maria sagt nichts, aber sie steht draußen. Jesus bleibt drinnen. Sie hält auch diese Form der Einsamkeit aus. Bis schließlich ihr mühsamer Glaubensweg unter das Kreuz führt. Maria bleibt bei ihrem Sohn in dieser Situation größten Leids. Sie hält stand unterm Kreuz, und Jesus weist sie noch einmal weiter an den Jünger, der dort mit ihr steht.

Die Pieta, das Bild der Mutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß, schließt diesen langen Weg, auf dem Maria Jesus gefolgt ist, und lässt reifen, was sie in so vielen Situationen ins Herz aufgenommen und dort bewahrt hat.

Musik 6: (Ave Mers Sterne Gotes Muioter“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“)

Im ersten Teil in seinem Gedichtzyklus „das Stunden-Buch“ schreibt Rainer Maria Rilke ein Gebet an die Gottesmutter:

Sprecher:

Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen,

du Dämmernde, aus der der Morgen stieg.

Wir holen aus den alten Farbenschalen

die gleichen Striche und die gleichen Strahlen,

mit denen dich der Heilige verschwieg.

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände;

So dass schon tausend Mauern um dich stehn.

Denn dich verhüllen unsre frommen Hände,

sooft dich unsre Herzen offen sehn.[3]

All die vielen Marienbilder – sei es in Bildern, die mit Farben und Pinsel gemalt sind oder mit Worten – sie zeichnen genau den Anteil, den der Maler in seinem eigenen Herzen als Zugang zu dieser Frau des Glaubens erfährt. Sie zeichnen und zugleich verbergen sie, was Maria ausmacht. Was auch immer fromme Hände an Verehrungsbildern aufbauen: Sie sind doch nur wie Mauern, die um ihre wahre Gestalt stehen, und verstellen mehr als sie sichtbar machen.

Rilke nennt Maria: „Du Dämmernde“. In der Liturgie der Kirche wird sie manchmal auch die Morgenröte genannt, die die Sonne, den Morgen ankündigt. Sie weist in allem über sich selbst hinaus auf ihren Sohn, der als Morgen des Lebens aus ihr aufsteigt.

Maria begleitet mich auf meinen Alltagswegen als die große Glaubende, die in den kleinen Schritten des alltäglichen Lebens immer wieder auf der Suche bleibt nach ihrem Sohn, nach Gott.

Musik7 ( „Ich Var Zuo Dir Maria Rein“ aus: Benjamin Bagby „Krone Und Schleier“):

Maria kann uns Mut machen, unsre Augen von unseren offenen Herzen lenken zu lassen, ohne festzuhalten, was uns gegeben wird. In immer neuen Schritten von Loslassen zu Loslassen weiterzugehen, bis das Leben des Lebendigen Gottes uns ganz umfängt. Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Sr. Ancilla Röttger aus dem Klarissenkonvent am Dom in Münster.

[1] Carlo Carretto, Gib mir deinen Glauben. Gespräche mit Maria von Nazareth, Freiburg i.Br. 1980. [2] Ebd. S. 41.

[3] Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Frankfurt a. Main 1986, S. 200.

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