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Das Geistliche Wort | 03.10.2021 | 08:40 Uhr

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Erntedank

Autor: Heute wird landauf landab Erntedank gefeiert. Dann ist der Altar reich geschmückt und zeigt uns, was in den Gärten und auf den Feldern gewachsen ist. Da fällt der Blick auf all die Früchte, den Mais, die Sonnenblumen, die prallen Ähren. Jedes Korn gibt Grund zu danken. Und im Gottesdienst werden bestimmt ein paar Klassiker angestimmt. Paul Gerhardts „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“ zum Beispiel oder „Wir pflügen und wir streuen“ von Matthias Claudius. Oder dieser Klassiker hier aus den 60er Jahren:

 

Musik 1: Danke für diesen guten Morgen

Text und Komposition: Martin Gotthard Schneider; Chor: ERF-Studiochor; Leitung: Gerhard Schnitter; Album: Die Wunschlieder; Label: ERF Medien 2006; LC: unbekannt

 

Autor: Menschen, die ihr Leben gesünder, glücklicher, reicher, intensiver und erfüllter leben, verbindet etwas sehr Einfaches: sie sind dankbar! So hat es auch der Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton gesehen. Er sagt:

 

Sprecher: Der Prüfstein für das Glück ist die Dankbarkeit.

 

Autor: Aber wann sind Menschen dankbar? Danke ich, wenn es mir gut geht, wenn alles glatt läuft und ich darum leicht reden habe?

Ich habe etwas anderes beobachtet: Wenn Menschen danken, dann spielt das Schwere und Dunkle meistens eine Rolle. Paradoxerweise gehört es zum Dank dazu.

Gedankt wird, wenn eine Schwierigkeit überwunden wurde. Wenn ein Dunkel gewichen ist, das einmal ein Leben überschattet hat. Wenn ein Unheil, das als Möglichkeit im Raum stand, nicht eingetreten ist, sondern abgewendet wurde.

Wenn ich im Auto auf der Landstraße buchstäblich noch einmal die Kurve kriege. Wenn eine Operation gelingt. Wenn die Angebetete Ja und nicht Nein sagt. Wenn der Coronatest negativ ausfällt. Zumal im Ausland.

Viele Menschen sind vor allem dann dankbar, wenn sie Bewahrung erlebt haben. Wenn jemand verschont wurde. Wenn sich das Leben erstaunlicherweise trotzdem durchgesetzt hat. Es hätte ja auch ganz anders kommen können.

           

Musik 2: Oceans

Titel: Oceans (Where Feet May Fail); Interpret: Hillsong UNITED; Album: Zion (Deluxe Edition); Text und Musik: Joel Houston, Matt Crocker & Salomon Ligthelm; Label: 2013 Hillsong Music and Resources LLC: LC: unbekannt

 

Autor: Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts arbeitete etwa die Hälfte aller Menschen in Deutschland in der Landwirtschaft. Heute soll es in unsere Großstädten Kinder geben, die glauben, dass eine Kuh lila ist und dass die Milch aus dem Lebensmittelgeschäft kommt.

Das Erntedankfest erinnert mich daran, vor welche Herausforderungen und Schwierigkeiten sich ein Landwirt gestellt sieht. Ich stelle mir vor, wie heute ein Landwirt im Gottesdienst oder in einer Talk-Show davon erzählt:

Von der Geduld, die aufgebracht, von der Knochenarbeit, die investiert werden muss, ehe dann im Sommer und Frühherbst die Ernte eingefahren werden kann. Ein Weinbauer würde uns vielleicht daran erinnern, wieviel Zeit verstreicht, ehe wir einen Wein von guter Qualität genießen können.

Ein 8 Stunden Tag fünf Tage die Woche? Von wegen. Die Arbeit auf dem Hof und auf den Feldern, das ist oft „rock around the clock“, und zwar 7 Tage die Woche.

 

Dann ist da die Abhängigkeit von Wind und Wetter. Und seit einigen Jahren kommt spürbar der Klimawandel dazu. Dann sind die Sommer heiß. Und die Böden trocken. Was mich fasziniert ist, dass es in und trotz aller Unwägbarkeiten, aller Herausforderungen und Schwierigkeiten eine geradezu menschheitliche Erfahrung gibt. Eine Erfahrung, die als Auslöser hinter dem Erntedankfest steht und überall auf der Welt, zu allen Zeiten und in allen Zonen, als Grund zum Feiern dient: die Erfahrung, dass wir die Ernte und mit ihr das tägliche Brot oder den täglichen Reis oder den täglichen Maniok nicht unserer Leistung allein zu verdanken haben. Schärfer formuliert, überhaupt nicht uns selbst, sondern jemand ganz Anderem. Niemand hat das für mich einfacher, klarer und schöner zum Ausdruck gebracht als Matthias Claudius:

 

Musik 3: Wir pflügen und wir streuen

Text: Matthias Claudius; Komposition: unbekannt; Chor: Das Solistenensemble; Leitung: Gerhard Schnitter; Album: Matthias Claudius und seine Zeitgenossen | Am Himmel hell und klar; Label: hänssler-music; LC: 07224

 

Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein,

er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein

und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot.

Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.

 

Autor: Der Choral gehört zu den Klassikern am Erntedankfest: „Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.“ Die Arbeit in der Landwirtschaft ist unerlässlich. Auch unsere technischen Möglichkeiten können wir ausreizen bis zum geht nicht mehr. Trotzdem bleibt gerade da, wo es um das tägliche Brot geht, ein Rest, ein Mehr, ein Geheimnis. Und auf diesen Rest, auf diese Mehr, auf dieses Geheimnis konzentriert sich das Erntedankfest, in dem Bewusstsein, dass eben davon letztlich alles abhängt.

 

Musik 4: Summertime
Titel: Summertime; Interpret: Chris Botti; Album: Impressions; Label: Columbia Records; LC: 00162

Autor: Die Weisheit in der Antike gilt als Urform der Philosophie. In der gesamten antiken Welt begegnen uns Zeugnisse dieser geistigen Bewegung. Sie versucht, durch Beobachtung zu Einsichten zu kommen über die Ordnung, die in der Welt und im menschlichen Leben am Werk ist.

Die alten Griechen haben die Welt als Kosmos bezeichnet, was soviel wie Schmuck und Zierde bedeutet. Dadurch haben sie ihr Staunen darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Welt eine Ordnung zugrunde liegt, die menschlicherseits als geordnet, als schön und sinnvoll empfunden und verstanden werden kann. Im Alten Testament kann die Ordnung, die in der Welt begegnet, gerade dadurch als Ordnung erkannt werden, dass sie sich gezielt auf den Menschen und sein Wohl bezieht.

 

Sprecher:

Herr, mein Gott, wie groß bist du!

Majestätische Pracht ist dein Festgewand, helles Licht umhüllt dich wie einen Mantel.

Du spannst den Himmel aus wie ein Zeltdach.

 

Die Erde hast du auf ein festes Fundament gegründet,

damit sie für alle Zeiten nicht wankt.

Vom Himmel lässt du Regen auf die Berge niedergehen,

die Erde saugt ihn auf und wird fruchtbar.

 

Autor: So lautet Psalm 104 in der Übersetzung „Hoffnung für alle“. Und jetzt derselbe Psalm weiter in der Übersetzung Martin Luthers:

 

Sprecher

Du lässest Gras wachsen für das Vieh

und Saat zu Nutz den Menschen,

dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

dass der Wein erfreue des Menschen Herz

und sein Antlitz schön werde vom Öl

und das Brot des Menschen Herz stärke.

 

Autor: Seit Jahr und Tag wird dieser Psalm an Erntedank gesprochen. Das alte Gebet preist die Lebendigkeit und den Sinn des Lebens. Hier wird der Bogen geschlagen von der lichthaften Transzendenz Gottes zu einem Menschen, dem aufgeht, dass sich Gott ihm durch die Ordnung in der Welt zuwendet. Seinem Körper durch das tägliche Brot. Seiner Seele durch die Schönheit und den Duft des Öls. Seinem Geist durch die erfreuende Wirkung des Weins.

 

Auch heute, im Jahr 2021 hilft mir dieser alte, spirituelle Blick. Er hilft mir, Einsicht zu gewinnen in die Zusammenhänge der Welt, in das, was sie im Innersten zusammenhält. Ohne diesen Blick käme mein Verstand nur zu etwas, was der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel „eine schlechte Unendlichkeit“ genannt hat. Das ist mir zu wenig. Ich möchte nicht nur verstehen, wie die Natur, in der und von der ich lebe, entstanden ist, sondern auch, warum und wozu.

John C. Polkinghome ist Teilchenphysiker an der Universität Cambridge und anglikanischer Pfarrer. Im Blick auf den alten Streit von Glaube und Vernunft, Theologie und Naturwissenschaft schreibt er:

 

Sprecher: An Gott im Zeitalter der Naturwissenschaften zu glauben bedeutet die Gewissheit zu haben, dass hinter der Geschichte des Universums ein Gedanke und eine Absicht stehen, und dass der Eine, dessen verborgene Gegenwart sich darin ausdrückt, unser Anbetung wert und der Grund unserer Hoffnung ist.

Zitat: John C. Polkinghome, An Gott glauben im Zeitalter der Naturwissenschaften S. 10

 

Autor: Und auch der Begründer der Quantenmechanik denkt in diese Richtung. Am Ende eines langen Forscherlebens kommt Werner Heisenberg zu dem Schluss:

 

Sprecher: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.

Zitiert nach Matthias Matussek, Das katholische Abenteuer. Eine Provokation, München, 3. Aufl, 2011, S. 96).

 

Musik 5: What a wonderful world

Titel: What a Wonderful World; Interpret: Chris Botti & Mark Knopfler; Album: Impressions; Komponist: Bob Thiele & George David Weiss; Label: Label: Columbia Records; LC: 00162

 

Autor: Versteht sich das Danken von selbst? Geht es uns leicht und oft über die Lippen? Die Statistik zeigt, dass auf ein Lob vier Tadel kommen. Einmal sagen wir „Danke“ gegenüber vier Mal, wo wir etwas auszusetzen haben. Dank versus Kritik. Spielstand: 1 zu 4. Im Wettkampf wäre das eine glatte Niederlage. Bei uns hingegen soll es geradezu ein Volkssport sein, nicht zu danken. Sondern im Gegenteil, sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe zu machen und herauszufiltern, wo der Haken ist. Fehler aufzuzeigen und Mängel zu benennen, darin sollen wir in Deutschland sogar Weltmeister sein.

 

In den USA ist es eine gute Tradition, dass beim großen Thanksgiving-Essen alle etwas auflisten, wofür sie dankbar sind. Auch für mich ist das Erntedankfest eine Einladung, den Spieß einmal umzudrehen und mir ins Bewusstsein zu rufen, wofür es sich lohnt, dankbar zu sein und danke zu sagen. Wofür danken? Wofür kann ich ganz persönlich dankbar sein?

 

Ich habe einen Weg zurückgelegt auf einer Straße, die ich gar nicht gebaut habe und trotzdem befahren darf. Vielleicht bin ich mit dem Fahrrad gekommen. Dazu gehören einigermaßen gesunden Knochen. Manchmal vergesse ich das einfach. Und denke erst wieder daran, wenn sie brechen.

In aller Regel haben wir genug zu essen, ein Dach über dem Kopf. Die meisten haben eine Familie, Freunde. Wir dürfen in den Kindergarten, in die Schule oder zur Arbeit gehen. Und der Müll, den ich herausgestellt habe, wird tatsächlich abgeholt.

Vielleicht fällt uns heute morgen auch ein: nicht nur wofür, sondern auch wem wir danken können: Unserer Partnerin, unserem Partner, unserer Ärztin, unserem Kollegen, unserer Chefin oder auch unserem Bäcker, den Bauern und Marktstandbetreibern, den Frauen und Männern, die uns liefern, was wir im Internet bestellt haben.

 

Sprecher: Der Prüfstein für das Glück ist die Dankbarkeit.

 

Autor: Erinnern Sie sich? Der Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton konnte sich keine schlimmere Situation vorstellen: Da empfindet jemand eine tiefe Dankbarkeit, hat aber keine Ahnung, wem er danken soll. Christinnen und Christen glauben, dass hinter all dem, was es heute an Dankenswertem aufzulisten gibt, noch einmal jemand ganz anderes steht. Das Geheimnis, das wir Gott nennen und das sich in der Ordnung der Welt – wie gebrochen auch immer – spiegelt.

Nicht nur in allem, was unserem seelischen und geistigen, sondern auch in alledem, was unserem leiblichen Wohl dient, begegnet uns die liebevolle Fürsorge eines Gottes, den wir Vater nennen dürfen. Ich kann mein Leben nicht denken ohne ein Netz der Verbundenheit. Und dieses Netz der Verbundenheit halte ich dem mit Dank und Bitte hin, dem ich glaube alles Wesentliche zu verdanken. Ja, eigentlich begreife ich mein ganzes Sein als ein Verdankt-Sein.

 

Musik 5: What a wonderful world (Chris Botti; instrumental)

 

Sprecher (overvoice):

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.

Und nichts ist verwerflich,

was mit Danksagung empfangen wird.

Denn es wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet.

 

Autor: Was der Apostel Paulus hier seinem Schüler Timotheus an der Wiege des Christentums schreibt, ist zugleich der Text, den die Kirche als Predigtimpuls, als Denk- und Handlungsanstoß für den heutigen Tag mit auf den Weg gibt. Paulus spricht von zwei Herzensbewegungen. Von der Herzensbewegung Gottes zu uns, die sich darin zeigt, dass die Schöpfung eine Wohltat ist, die meinem Körper, meiner Seele und meinem Geist auf die Sprünge helfen kann. Und umgekehrt von unserer Herzensbewegung zu Gott, die darin zum Ausdruck kommt, dass wir nach oben hin offen sind und nicht aufhören, zu hoffen, zu suchen und zwischendurch auch einmal zu finden.

Diese zwei Herzensbewegungen treffen sich in einem Wort. In dem Wort: Danke! In der Danksagung wird das Gute, das ich empfange, zum Segen und eröffnet einen neuen Spielraum, in dem ich auch weitergeben kann, was ich selber empfangen habe.

 

Könnte es sein, dass unser Leben, unser persönliches Leben, unser familiäres Leben, aber auch die Art und Weise, wie wir zur Landwirtschaft und zur Natur stehen, - könnte es sein, dass alles das unter ein neues Vorzeichen kommt, wenn wir wieder anfangen, für unsere Mahlzeiten zu danken?

Versuchen wir einen Augenblick, uns einen Menschen vorzustellen, für den es absolut überflüssig geworden ist, um das tägliche Brot zu bitten und für das tägliche Brot zu danken. Einen Menschen, für den das Ende seiner eigenen Möglichkeiten zugleich das Ende der Welt ist. In meinen Augen ist das eine Horrorvorstellung.

 

Demgegenüber lädt mich das Erntedankfest dazu ein, am heilen Ursprung der Dinge festzuhalten, ihn sichtbar zu machen und mein Leben darauf einzustellen. Dann spüre ich auch inmitten des Unheils der Welt: Diese Welt ist gut geschaffen. Also kann sie auch gut werden.

Wenn ich mich so auf das Gute besinne, das mir passiert, erweitert sich mein Horizont. Ich nehme Abstand vom Negativen und Lähmenden, vom Schweren und Dunklen und sage Ja zum Leben. Und wer weiß: Vielleicht kann ich ja sogar im Wettkampf zwischen Dank und Kritik, Lob und Nörgelei die 1:4-Niederlage noch drehen. Indem ich immer wieder mal innehalte und Gott dankbar bin.

 

Mit den besten Wünschen für diesen besonderen Tag und für die vor Ihnen liegende Woche verabschiedet sich: Roland Hosselmann, Pfarrer in und aus Lippstadt.

 

Musik 5: What a wonderful world (Chris Botti; instrumental)

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

 

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