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Das Geistliche Wort | 01.11.2021 | 08:40 Uhr

Zeugnis vom Glück

„Glück gehabt!“ – das war mein erster Gedanke, als mich vor ein paar Wochen fast ein Auto angefahren hätte. Ich ging bei Grün über die Ampel, aber der Fahrer sah mich wohl nicht die Straße überqueren. Im allerletzten Moment bremste der Fahrer und ich konnte einen Schritt zurückspringen. Das hätte böse ausgehen können. Nochmal Glück gehabt.

Oder hatte es doch nicht viel mit ‚Glück‘ zu tun? Einige würden es Zufall nennen, andere mir vielleicht einen aufmerksamen Schutzengel zusprechen. Egal wie: Ich bin jedenfalls froh, dass es so ausgegangen ist, wie es ausgegangen ist.

Glück gehabt – weil Unglück knapp vermieden werden konnte.

Macht mich das aber zu einem glücklicheren Menschen im Leben, liebe Hörerinnen und Hörer? – Guten Morgen! Ich bin Pfarrer Andreas Möhlig aus Aachen.

Musik I: Giovanni Pelosi – „Oh happy day“

„Was ist Glück?“

Einige würden, wie ich eben auch, dann etwas als Glück bezeichnen, wenn man größeren Schaden gerade noch abwenden konnte, z.B. einen Verkehrsunfall.

Andere bezeichnen vielleicht eine unverhoffte Überraschung so, einen Zufallstreffer, den man einfach nicht erwartet hat, z.B. den Lotto-Jackpot zu knacken oder in einer Großstadt eine bezahlbare Wohnung zu finden. Gerade beim Glücksverständnis liegt heute aber oft noch eine antike Vorstellung zu Grunde oder sogar Aberglaube: Rosa Ferkel, Schornsteinfeger oder andere Gegenstände sollen einem dazu verhelfen, schwierige Situationen gut zu meistern. Sie gelten als Glücksbringer. Für die Einen fällt dann das Glück vom Himmel, für die Anderen gilt einfach immer Murphys Gesetz: „Anything that can go wrong will go wrong.” – „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Und ich ergänze: Der Rest ist eben Glücksache.

Dann gibt es noch eine ganz andere Art von Glück, die ich wirklich tief in mir spüren kann. Für mich war dieses Gefühl da, als mir eines meiner Patenkinder kurz nach der Geburt in die Arme gelegt wurde. In diesem Moment war ich ein durch und durch glücklicher Mensch. Ein neugeborenes Kind in den Armen halten zu können ist ein tolles Gefühl. Auch wenn mein Patenkind jetzt schon in die Schule geht und wir uns leider gar nicht so häufig sehen, wie ich es mir wünschen würde, dieses Glücksgefühl von damals begleitet mich immer noch.

Der Duden definiert das etwas nüchterner: Glück ist eine „angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet (…)“ bzw. ein „Zustand der inneren (…) Hochstimmung“.[1]

Was also ist Glück? – Auf diese Frage gibt es vermutlich so viele Antworten, wie es Menschen gibt.

Musik II: Bobby McFerrin – „Don’t worry be happy“

Heute, am 1. November ist ein katholischer Feiertag: „Allerheiligen“. Dafür gibt es in einigen Bundesländern in Deutschland und den Nachbarländern sogar frei, wie hier in Nordrhein Westfalen. „Glück gehabt“ hier zu wohnen. Neben Karfreitag zählt Allerheiligen hier zu den sogenannten „stillen Feiertagen“. An diesem Tag dürfen – zumindest zeitweise – keine öffentlichen Tanzveranstaltungen stattfinden. Auch laute Musik ist verboten. Das sind Regelungen, die Jahr für Jahr auch immer wieder diskutiert werden, ob sie noch zeitgemäß sind.

Dabei ist das Allerheiligen-Fest zunächst einmal ein freudiger Tag. Denn es geht um so viele Frauen und Männer, die durch ihr Leben in ihrer jeweiligen Zeit versucht haben, diese Welt ein Stück besser zu machen.

Ich mag diesen Tag, denn ich mag die Heiligen. Nicht nur die, die durch einen formalen Akt von der Kirche heiliggesprochen wurden. Sondern ich mag vor allen Dingen, dass diese Frauen und Männer so unterschiedlich und vielfältig waren. Kein Lebenslauf dieser Heiligen gleicht dem anderen. Und vielleicht haben auch die Heiligen sich in ihrem Leben die Frage gestellt: „Was ist Glück?“ und: „Bin ich ein glücklicher Mensch?“

So manche, die als Heilige verehrt werden, konnten Unglück nicht ganz abwenden. Manche sind sogar sehr jung gestorben, wie die heilige Therese von Lisieux im Alter von nur 24 Jahren. Andere sind umgekommen durch Christenverfolgungen im Römischen Reich oder in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, wie Maximilian Kolbe zum Beispiel.

Einige sind sehr bekannt und ihre Gedenktage sind immer noch in weiten Teilen unserer Gesellschaft verankert und mit Bräuchen verbunden, wie zum Beispiel das Gedenken an den Heiligen Nikolaus oder St. Martin. Andere dagegen sind eher unbekannte Heilige.

Aber all diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie haben durch ihr Leben etwas von Gott durchscheinen lassen, so wie buntes Fensterglas das Licht der Sonne zum Leuchten bringt. Damit haben sie einen Gott bezeugt, der das große Glück für die Menschen möchte. Und so haben sie selber ein Zeugnis vom Glück gegeben.

Musik III: Pharell Williams – „Happy“

Am heutigen Fest Allerheiligen werden in den Gottesdiensten der katholischen Kirche die Seligpreisungen Jesu aus der Bibel vorgelesen.

Das sind kurze Merksätze, die Jesus in der sogenannten Bergpredigt den Menschen verkündet hat. „Selig sind, die…“ – und dann folgen verschiedene Menschen, die benachteiligt sind. Und genau denen spricht Jesus dann etwas Gutes zu: den Armen, den Trauernden, den Verfolgten und solchen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. All diese Menschen werden „selig“ genannt.

„Selig“ – das ist ein sehr christliches Wort und kommt heute in unserer Sprache nur noch im religiösen Kontext vor. Man kann es auch anders übersetzen, nämlich mit „glücklich“. Denn die Seligpreisungen Jesu sind – nach meinem Verständnis – nichts anderes als acht Ratschläge zum Glücklichsein. Aber Vorsicht: Es ist kein Glück, das ich bekomme, weil mir ein Glücksbringer dazu verhilft. Überhaupt geht es darin nicht um das persönliche Glück und Wohlergehen, sondern um so viel mehr.

Aber worum geht es nun genau in den Seligpreisungen als Ratschläge zum Glücklichsein?

Hören wir einmal genau auf diesen Text (Mt 5,3f):

Sprecher:

„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

Was für ein Paukenschlag! Glücklich, die arm sind; glücklich, die Trauernden. Aber das muss doch in den Ohren der Menschen von damals nach Spott und Hohn geklungen haben. Und so klingt es beim ersten Hören auch heute noch.

Da gab und gibt es Menschen, die nicht genügend Auskommen haben, um sich selber und ihre Familie über Wasser halten zu können. Ich denke zum Beispiel heute an die Menschen, die es in ihrer Selbstständigkeit nicht durch den Lockdown der Corona-Pandemie geschafft haben und vor den Scherben ihrer Existenz stehen. Oder, die Angehörige und Freunde verloren haben.

Und zu solchen Menschen sagt Jesus: „Ihr seid glücklich“?

Auch der zweite Halbsatz ist da nicht besser: „denn euch gehört das Himmelreich“ und „ihr werdet getröstet werden.“ Trost und Vertröstung können nah beieinander liegen und Vertröstung hat immer auch etwas Zynisches.

Wenn die Seligpreisungen also wirklich eine gute, eine glückliche Nachricht für die zuhörenden Menschen sein sollen, dann frage ich mich, wer denn die Armen und die Trauernden sind, von denen Jesus da spricht. Was ist mit Armut und Traurigkeit wohl gemeint? Vielleicht ist die Armut, von der hier die Rede ist, gar nicht von meinem fehlenden Haben und Vermögen bestimmt. Wie wäre es, wenn Armut verstanden würde als Anspruchslosigkeit, weil ich nicht alles alleine aus mir selbst heraus zu schaffen vermag? Dann hieße das: Glücklich bin ich, wenn ich realisiert habe, dass ich nicht alles alleine und aus eigener Kraft erreichen kann und muss. Denn dann werde ich offen für alles Gute, das man mir zukommen lässt. Dann kann ich mich wirklich glücklich schätzen, weil ich erkannt habe, dass – aus christlicher Sicht – letztlich Gott mit am Werk ist und mir so vieles im Leben schenkt. Und genau das verändert meinen Blick auf mein Leben: Als Beschenkter kann ich bescheiden und dankbar werden. Ich muss gar nicht auf Profit und Anerkennung schauen, sondern darauf, was für mich wirklich wichtig ist in meinem Leben.

Genauso bei der zweiten Seligpreisung: „Glücklich die Trauernden… .“ Das heißt für mich erst einmal nicht: Ich muss trauern, um glücklich zu werden, sondern, dass ich Gefühle zulassen darf. Warum soll ich nicht um jemanden trauern dürfen, den ich verloren habe? Das tut weh, klar. Aber es zeigt mir doch, welchen Wert dieser Mensch für mich gehabt hat und dass er oder sie mir fehlt. Und wer das schon gespürt hat, der kann fähig werden mitzufühlen und mitzuleiden mit anderen. Die Flutkatastrophe in meiner Heimat an der Ahr und auch in meinen Kirchengemeinden in der Aachener Voreifel hat mir das wieder deutlich gezeigt: Menschen haben dort ihr Zuhause verloren. Eine meiner Kirchen stand zwei Meter unter Wasser. Und so viele Menschen haben mitgefühlt und geholfen aufzuräumen und wieder aufzubauen. Was für ein Glück, solche Menschen um sich zu wissen! Mich erinnern diese Menschen wieder an die Heiligen, derer heute gedacht wird. Heilige lassen etwas von Gott durchscheinen, der das Glück der Menschen will.

Musik IV: Pink & Willow Sage hart – „Colour me in sunshine“

 

Die Seligpreisungen Jesu, die heute in katholischen Gottesdiensten zum Fest Allerheiligen vorgelesen werden, gehen aber noch weiter (Mt 5,6):

Sprecher:

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

Auch hier bin ich zunächst stutzig: Was heißt eigentlich Gerechtigkeit? Was umgekehrt ungerecht ist, das weiß wohl jeder. Denn jeder und jede wurde schon einmal ungerecht behandelt: von den Eltern oder den Geschwistern, von der Lehrerin oder dem Chef. Aber weiß ich dadurch umgekehrt automatisch, was gerecht ist?

Auch Jesus gibt darauf mit seiner Seligpreisung keine Antwort. Interessant ist allerdings, dass er bewusst nicht sagt: „Glücklich sind, die gerecht sind…“, sondern: „glücklich sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“.

Also: Wenn ich Hunger und Durst habe, dann weiß ich, es fehlt mir etwas und zwar etwas wichtiges. Und ich sehne mich danach.

So soll es auch bei dem Gedanken an die Gerechtigkeit sein. Auch danach kann ich hungern und dürsten, danach kann ich mich sehnen. Und wenn Gerechtigkeit auch nur eine Vision ist, ein Traum den Menschen haben. Ich denke da zum Beispiel an Martin Luther King, der vor über 50 Jahren als amerikanischer Bürgerrechtler einen Traum von einer sozialen Gerechtigkeit hatte.

Oder die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die ihre Stimme für eine Klimagerechtigkeit erhebt, bei der der Mensch mehr Rücksicht auf die Natur nimmt.

Oder schließlich die Vertreterinnen und Vertreter der Weltgesundheitsorganisation, die sich für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe stark machen.

Alle diese Personen haben eines gemeinsam: Sie spüren diesen Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit.

Und sie spüren vielleicht auch, dass Gerechtigkeit immer mit Beziehung zu anderen Menschen zu tun hat. Denn gerecht bin ich nie für mich alleine, sondern immer im Verhältnis zu einem oder einer anderen. Und genau so spricht die Bibel von Gerechtigkeit. Gerechtigkeit soll die Beziehung zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander auszeichnen.

Wenn ich in diesem Sinne Hunger und Durst nach Gerechtigkeit spüre, dann hat das immer mit meinen Beziehungen zu tun. Und ich darf mich wirklich glücklich nennen, für jede Beziehung, die mich berührt. Wie war doch noch die Vorstellung von den Heiligen: Sie lassen etwas von Gott durscheinen, der das Glück des Menschen will – und auch das geht nur durch Beziehung.

Musik V: Fats Domino – „When the saints go marching in“

Glücklich, die arm sind, die trauern, die sich nach Gerechtigkeit und damit nach Beziehung sehnen. Diese Zusage gilt doch allen, die noch offen sind, um etwas zu empfangen und sich von anderen her berühren lassen, so wie es all die Heiligen waren, die heute verehrt werden.

Einen schönen und glücklichen Feiertag wünscht Ihnen Pfarrer Andreas Möhlig aus Aachen.

Musik VI: Edwin R. Hawkins – ”Oh happy day”


[1] https://www.duden.de/suchen/dudenonline/glück

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