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Kirche in WDR 5 | 04.11.2021 | 06:55 Uhr

Mit Geduld und Spucke

Guten Morgen.

Da ist einer, der ist taub und stammelt. Jesus nimmt ihn beiseite, legt ihm die Finger in die Ohren und berührt dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickt er zum Himmel auf, seufzt und sagt zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffnen sich die Ohren des Mannes, seine Zunge wird von ihrer Fessel befreit, und er kann richtig reden. (Die Bibel, Markus 7)

 

Hören und Reden haben nicht allein was mit dem Trommelfell, den Stimmbändern und dem Zungenmuskel zu tun. Das muss man sich klarmachen, wenn man diese zauberhafte alte Bibelgeschichte richtig hören will. Ich kann taub sein, obwohl ich ein scharfes Gehör habe, und ich kann stumm sein, obwohl ich eine kräftige Stimme habe. In Deutschland gibt es ungefähr 80.000 Menschen, die gehörlos sind, also jeder Tausendste. Sie möchten nicht taubstumm genannt werden, weil sie nicht taub sind und auch nicht stumm. Mit Gebärdensprache können sie gut reden und verstehen. Sie können sagen, was sie empfinden und was sie wollen. Überspitzt könnte man sogar behaupten: Weil sie nicht jeden Blödsinn hören müssen, sind sie weniger taub als manche Zeitgenossen, die sich den lieben langen Tag die Ohren mit Dummheiten volldröhnen.

 

Ich mag die Bibelgeschichte so, weil meine Zunge auch von der Fessel befreit wurde. Es war im fünften Schuljahr. Und mein Heiler brauchte dazu ebenfalls Geduld und Spucke. Das war mein Lehrer Herr Pankauke. Und vielleicht hat auch er dabei geseufzt. Jedenfalls hat Herr Pankauke mir die Hauptrolle in dem Theaterstück gegeben, das wir vor der ganzen Schule aufgeführt haben. Ich kann mich noch erinnern. Als er sagte „Silke, du.“. Ich dachte, ich höre nicht recht. Ich war die Kleinste aus der Klasse und viel zu schüchtern, um vorn zu stehen, vor den ganzen Leuten. Dass ich mal schüchtern war, das glaubt heute kein Mensch mehr. Und das liegt eben an Herrn Pankauke, weil er meine Zunge befreit hat.

 

Manchmal passiert es sogar, da wird jemand, der nicht hören kann, selbst für einen Moment zum Heiler. Lucas zum Beispiel ist taubblind. Er sieht nicht, er hört nicht. Die beiden Hauptzugänge zur Welt, zumal in Zeiten von Smartphone, Tablet und Videokonferenz, sind ihm verschlossen. „Wenn man Lucas fragt, was ihn glücklich macht, listet er auf: Fahrradfahren, auf dem Tandem gemeinsam mit seiner Mutter an der Ostsee. Rudern - am liebsten im Sommer auf dem See, mit Mitschülern und Erziehern im Boot, im Winter in der Halle im Wasserbecken. Theaterspielen, das letzte Stück des Schülertheaters: Emil und die Detektive. Das wöchentliche Schwimmen im Schulpool.“ (1)

 

Was Lucas sagt, macht mich nachdenklich: Wie wäre es, wenn ich selbst nicht nur den Augen und Ohren vertrauen würde, sondern auch den anderen Sinnen? Die Welt ist mehr als das, was ich sehe und höre. Sie ist mehr als die Worte, mit denen ich sie beschreibe. Und auch Gott ist mehr als das, was ich sehe und höre, und auch mehr als die Worte, mit denen ich ihn beschreibe. Er ist in der Gewissheit, dass ich geborgen und geliebt bin.

 

Lucas lehrt mich, dass das, was aus dem Smartphone zu uns dringt, nicht die ganze Wirklichkeit ist. Mir öffnet Lucas mit dem, was er auflistet, einen neuen Blick auf den Sinn des Lebens. Das ist heilsam.

 

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Münster.

 

 

(1) https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/taubblindheit-kommunizieren-wahrnehmung-1.4991228?reduced=true (letzter Abruf 08.10.2021)

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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