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Kirche in WDR 5 | 20.01.2022 | 06:55 Uhr

Der Stein am Main

Guten Morgen!

Heute möchte ich von einem Ort in Frankfurt am Main erzählen, der vermutlich nur in wenigen Reiseführern steht. Trotzdem gehört er zu einem sehr beliebten Fotomotiv, wie ich selbst immer wieder beobachten konnte! Denn während meines Promotionsstudiums kam ich dort fast täglich mit meinem Rad vorbei. Direkt am Main, auf halber Strecke zwischen Offenbach und Frankfurt-City, steht ein rötlicher Stein. Auf ihm strahlt in goldenen Buchstaben nur ein Wort auf: ICH. Da sich auf der Rückseite vier Stufen befinden, kommt man ruck zuck auf das Denkmal und kann sich dort in allen möglichen Posen porträtieren lassen.

Sie können sich wahrscheinlich leicht vorstellen, was da besonders an schönen Sommertagen los ist. Menschen mit gezückten Handy-Kameras suchen die perfekte Fotoperspektive: mal von vorne oder besser schräg von der Seite oder doch von unten? Die Personen auf dem Stein sind natürlich auch ziemlich in Action: schließlich möchten sie sich noch einmal durchs Haar streifen, die Brille richten und natürlich das breiteste Grinsen aufsetzen. Mir ging das Ganze ziemlich schnell auf die Nerven. Nicht nur weil ich mit meinem Rad ständig ausweichen musste, sondern weil mir als Theologe sofort die ganze Latte an Kulturkritik in den Kopf kam: „Ist ja typisch, der Tanz ums goldene Ich, sich selbst inszenieren - tja das wollen sie doch alle! Wo bleibt denn bitte das viel wichtigere WIR?“

Nun bekam ich auch immer mal wieder Besuch von Freunden aus der Heimat. Natürlich gehörte es zu den Highlights, am Main entlang zu spazieren. Und sie können bestimmt schon erahnen, was passierte: Natürlich wollten die auch alle auf diesen ICH-Stein! Jetzt stand ich da auf einmal mit dem Handy in der Hand und suchte die beste Perspektive - inmitten klingender Radfahrer*innen. Und schlimmer noch: Da ich keine Spaßbremse sein wollte, stand ich auch schon wenig später auf meinem ganz persönlichen ICH-Thron.

Doch jetzt passierte etwas für mich Erstaunliches: Eine ganz neue Perspektive tat sich auf. Jetzt hatte ich einen viel besseren Eindruck von dem ganzen Gewimmel um mich herum. Plötzlich sah ich viel mehr! Auf einmal konnte ich meine Freunde spielerisch leicht gleichzeitig wahrnehmen. Die anderen wurden nicht durch mein übergroßes Ego verschluckt, sondern kamen auf ganz neue Weise in den Blick. Offensichtlich hatte ich mich kräftig getäuscht in meinem Urteil!

Was lerne ich nun aus dieser Erfahrung? Kurz und knapp formuliert: Wer für sich selbst sorgt, behält den Überblick und kann auch viel besser für andere da sein!

Gut, so neu ist das jetzt nicht. Aber das Erlebnis auf dem Stein am Main hat mir das mal so ganz anders vor Augen geführt. Und so kann meine Kulturkritik heute mal pausieren. Denn mein Glaube will mir ja nichts anderes sagen: Gott liebt mich, genau mich - wie im Übrigen jeden anderen Menschen auch.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls heute einen guten Blick auf sich und ihre Mitmenschen. Vielleicht begegnet Ihnen ja sogar ein passendes Fotomotiv. Wenn nicht, dann ganz bestimmt bei ihrem nächsten Besuch in Frankfurt am Main.

Ihr Pastor Simon Schwamborn aus Lippstadt

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