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Kirche in WDR 5 | 01.02.2022 | 06:55 Uhr

Musik in den Ohren

Vor acht Jahren bin ich in den Ruhestand gegangen. Und zu Beginn meines Ruhestandes schenkte mir unser Kantor eine private Orgelführung. Was eine Orgel alles hergibt an Klang und Geschichte! Nach einem Vorspiel erklärte er mir die Funktion der Pfeifen. Je nach Länge der Pfeife reicht die Klangpalette von ganz hoch bis ganz tief. Für den höchsten Ton genügt ein winziges Pfeifchen, und damit experimentierte der Organist. Er drückte auf die letzte Taste des oberen Manuals. Ich hörte gar nichts, auch als er den Tastendruck mehrmals wiederholte. Nun war ich neugierig geworden. „Die letzten Tasten“, sagte er, „weit außen lösen die höchsten Töne aus. Du bist schon älter, in deinem Alter hörst du die Töne gar nicht. Sie sind nur für ganz junge Ohren geeignet.“ Meine Taubheit war natürlich und entsprach meinem Alter. Die hohen Frequenzbereiche werden meinem alt gewordenen Gehör für immer verschlossen bleiben. Dafür hörte ich intensiv das Abschlussgeschenk des Organisten, eine Fuge von Bach. Mit Händen und Füßen tanzte er über die Tastaturen und der Klang wurde ein besonderes Erlebnis.

Bis zu dieser Erklärung der Orgel meinte ich, für mein Alter gut zu hören. Dagegen hinterfragte das Experiment des Kantors meine Sicherheit. Vielleicht bildete ich mir das gute Hören nur ein und es stimmte nicht so, wie ich es mir vorstellte. Auf jeden Fall träumte ich in der Nacht von verschlossenen Ohren, die eine Fee durch einen Zauberschlüssel öffnen konnte. Mit dem festen Vorsatz, mir endlich nach Jahren das Ohrenschmalz entfernen zu lassen, wachte ich auf. Für die Müllentsorgung der Ohren bekam ich schnell einen Termin bei der Ohrenärztin. Mit einem Stäbchen ging sie in meine Ohren und tatsächlich entfernte sie zwei dicke Pfropfen. Die Ärztin zeigte sie mir demonstrativ mit der Bitte, doch regelmäßig zur Reinigung meiner Ohren vorbeizukommen. Ironisch kommentierte sie, ich müsse eigentlich schon gar nichts mehr gehört haben. Danach machte sie mit mir einen Hörtest. Er bestätigte meine Orgelerfahrung. Die hohen Töne blieben mir verschlossen. „Sie sind an der Grenze einer Schwerhörigkeit, die Ihrem Alter entspricht. Aber wir müssen noch nichts unternehmen. Das Hörgerät kann warten.“ Sie zeigte mir Kurven auf einer Grafik, die deutlich nach unten zeigten.

Schon die nicht gehörten Töne der Orgel hatten mich nachdenken lassen. Die Ohrenärztin bestätigte meinen Verdacht. Mein Gehör war gealtert. Wenn jedoch die Ohren altern, altert der ganze Körper. Mein Altwerden lässt sich nicht mehr verdrängen. Wahrscheinlich hatte ich schon vieles überhört, und die höchsten Orgeltöne waren nicht das Problem. Manche Feinheiten in einigen Gesprächen waren einfach zu hoch für mich. Vielleicht spricht Gott auch manchmal zu hoch und zu leise, um ihn zu hören. Denn Gott redet nicht in der Lautstärke des Sturms und des Erdbebens. Er spricht ganz leise, er flüstert in hohen Tönen wie einst zum Propheten Elija.

Offene Ohren wünscht Ihnen heute Albert Damblon aus Mönchengladbach.

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