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Das Geistliche Wort | 13.03.2022 | 08:40 Uhr

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Heimat

Guten Morgen!

Ich weiß es noch ganz genau. Es war am Anfang meiner Tätigkeit als Hochschulseelsorger an der Uni in Aachen.

Meine Sekretärin rief mich: „Können Sie mal eben kommen?“ Ich ging an den Eingang der Hochschulgemeinde und traf dort auf Stanley. Sein schwarzer Anzug war zerknautscht, darunter trug er ein knitteriges dünnes schwarzes T-Shirt. Mitten im Oktober, draußen war es weniger golden als grau und nass. Ein kleiner Koffer stand neben ihm. Nicht größer als Handgepäck. Stanley kam gerade aus Frankfurt, vom Flughafen. Er sei heute früh aus Nigeria gelandet und brauche jetzt ein Zimmer. Die Absprache mit einem Vermieter war schief gelaufen. Stanley verstand die Welt nicht mehr. Er hatte doch aus seinem Heimatort in Nigeria alles richtig vorbereitet. Jetzt war er da und das Semester startete in wenigen Tagen – und er hatte kein Zimmer. Hier, weit weg von seiner Familie und seiner Heimat, wusste er nicht weiter. Immerhin – er setzte seine Hoffnung auf die Hochschulgemeinde.

Musik 1: Judy Bailey, Home

Für Stanley haben wir damals in unserer Hochschulgemeinde einen Notschlafplatz eingerichtet. Eine Kollegin brachte ihm am nächsten Tag eine Regen- und Winterjacke von ihrem Mann mit. Wir halfen ihm bei der Einschreibung, suchten ein Zimmer für ihn, gingen mit ihm einkaufen. So war Stanley bei uns gestrandet und begrüßte uns jeden Morgen mit einem strahlenden Lächeln, bis er sein Zimmer beziehen konnte. Er taute auf, erzählt von seiner Frau, seinen Kindern. Er erzählte wie sein ganzes Dorf ihn unterstützte, dass er hier in Deutschland Bergbau studieren könne. Er würde seine Familie erst in vier Jahren wiedersehen, wenn er seinen Master habe. Und jedes Mal zeigte er uns Fotos auf seinem Handy, mit Stolz. Fotos von seiner Familie, seinen Kindern. Fotos von allen, die er für eine Ewigkeit zurückgelassen hatte.

In den drei Jahren, in denen ich jetzt in der Hochschulgemeinde als Seelsorger arbeite, passiert so etwas immer wieder: Zu Beginn eines Semesters stehen Studierende bei uns in der Türe und suchen Hilfe, weil der Start an einer der Hochschulen in der Stadt nicht geklappt hat. Und in aller materiellen Not steht dahinter immer ein Thema: Heimat. Egal von welchem Kontinent sie kommen, sie merken schmerzlich, dass der Aufbruch zum Studium in Deutschland auch ein Zurücklassen und ein Verlassen von Vertrautem bedeutet. Sie sind fern der eigenen Heimat.

Musik 2: Heimat, Herbert Grönemeyer

In all diesen Begegnungen mit den Studierenden, die bei der Hochschulgemeinde stranden, habe ich für mich selber gemerkt: Dieses Gefühl von Heimat habe ich für mich irgendwie verloren. Es gibt keinen Ort den ich meine Heimat nenne. In den vergangenen 20 Jahren bin ich 13 Mal umgezogen. Mit gepackten Koffern und Kisten ging es von meinen Eltern weg, ins Ausland, ins Studium, in längere Praktika, an Einsatzorte. Immer war es ein neues Abenteuer. An einem Einsatzort fragte mich jemand einmal, ob ich mich hier denn jetzt „Zuhause fühlen“ würde. Ich antwortete: „Das kann ich so nicht sagen. Ich habe eine Wohnung und eine Arbeit, aber – mein Zuhause hat keinen festen Ort.“

Es hört sich für andere vielleicht seltsam an, aber ich kann mein Zuhause oder meine Heimat nicht an einem Ort festmachen. Heimat ist ein Gefühl, so hat es Herbert Grönemeyer gerade gesungen. Ja, da bin ich ganz bei ihm: Heimat ist ein Gefühl! Und das heißt für mein Verständnis von Heimat: Heimat ist, wo ich mit Menschen zusammen bin, die mir wichtig sind. Heimat ist aber nicht mehr mein altes Kinderzimmer, der Schulhof meiner Kindheit und Jugend oder auch meine alte Uni. Meine Heimat ist transportabel und mehr ein Gefühl der Verbundenheit.

Anders – und für mich schwer nachzuvollziehen – ist dagegen das, was ich medial erlebe: Heimat wird zu einem politisch schillernden Begriff! Da ist die Rede von: Heimatliebe, Heimattreue, Heimatverbundenheit, Heimatschutz. Und dahinter stecken dann nicht selten versteckte Ambitionen: Heimat, die ich liebe, muss ich auch schützen – ganz real mit Waffen und Grenzzäunen nicht bloß mit der Kraft der Erinnerung. Es klingt paradox: Menschen, die auf der Flucht sind, Heimat verlassen haben und eine neue suchen, fordern das Heimatgefühl anderer heraus, die Angst davor haben, ihre Heimat durch Fremde zu verlieren. Dabei finde ich es erstaunlich: Heimatsuchende lösen bei den einen Unsicherheit und Verlustangst aus und bei anderen Hilfsbereitschaft und Zuwendung. Aber egal, wie man auf die Heimatsuchenden und Flüchtlinge reagiert: alle Beteiligten haben irgendeine Idee von „Heimat“

Musik 3: Hometown glory, Adele

Heimat in der jüdisch-christlichen Tradition ist von Anfang an nicht etwas Statisches gewesen, sondern etwas Mobiles. Auch wenn das Wort Heimat nur 5 Mal in der Bibel vorkommt – was bei der Vielzahl von biblischen Geschichten, in denen es um Heimat geht, erstaunlich ist. Die Bibel beginnt mit einer Zahl von Geschichten rund um den Heimatverlust: Der Rauswurf aus dem Paradies für Adam und Eva, der Verlust der Heimat auf der Arche Noah, die vielen Berichte von Krieg und Exil des Volkes Israel in Ägypten und Babylon, 40 Jahre rastlose Wüstenwanderung und auch die Berichte, wie Jesus seine Heimat hinter sich lässt und die letzten drei Jahre seines Lebens wandernd lebt.

Daneben stehen die Geschichten, die eine Sehnsucht nach Heimat beschreiben, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, in ein Land zu ziehen, „in dem Milch und Honig fließen“. Oder Jerusalem: Es wird sehnsuchtsvoll als Ziel des Lebens beschrieben. Es gibt auch die Vertröstung auf eine ewige Heimat nach dem Tod.

Eine Symbolfigur für die Frage nach Heimat ist mir vor allem der Mensch Abraham geworden. In der Bibel spricht Gott zu ihm und sagt (Genesis 12,1-5):

Sprecherin: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen. Da ging Abram, wie der HERR ihm gesagt hatte, und mit ihm ging auch Lot. Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er von Haran auszog. Abram nahm seine Frau Sarai mit, seinen Neffen Lot und alle ihre Habe, die sie erworben hatten, und alle, die sie in Haran hinzugewonnen hatten. Sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen.“

Musik 4: Home, Dotan

Abraham, der seine Heimat verlassen hat und aufgebrochen ist, hat noch Glück gehabt. Er kann ja seine ganze Familie mitnehmen. Klar, er ist auch Nomade, ihm ist das Herumziehen und die Suche nach neuen Rastplätzen für das Vieh vertraut. Die Geschichte sagt aber noch mehr: Abraham ist ein Leben lang nicht sesshaft: Auch mit 75 ist er noch unterwegs und das heißt doch von der Natur und den Jahreszeiten abhängig. Das ist hartes Überlebenstraining neben all den anderen Verlusten von Land, Sprach- und Kulturraum und auch des weiteren sozialen Gefüges wie der Stammeszugehörigkeit. Abraham verlässt all das, was in dem hebräischen Wort für Heimat mitklingt: den Ort eigener Identität und den Ort von Sicherheit. Abraham gibt das alles auf, um seine Geschichte neu zu erkennen, um eine neue Identität zu finden. Was bedeutet das? Er wird entdecken, worauf er sich verlassen und wem er vertrauen kann. Er wird lernen, seinen Gott und seine Familie neu zu erkennen, die ihn begleiten. Er wird neu lernen, wer er ist und was seine Talente sind. So geht er auf Neues zu und erkennt, dass das Neue auch seine Stärke sein kann. Auch das klingt wieder paradox: Das Neue, das Fremde wird ihm zur Heimat. Das Stabile ist für Ihn der Prozess, das, was ihn hält ist das eigene Loslassen.

Konkret: Abraham lernt kulturelle und sprachliche Vielfalt kennen, Haltungen, neue Wertvorstellungen, Lebensdeutungen und Glaubensrichtungen. Er lernt darin seine Positionen neu zu finden, das Eigene zu überdenken, das Neue mit Abstand zu betrachten und es vielleicht auch schätzen zu lernen. Er übernimmt Verantwortung für die, die er liebt und vertraut mehr und mehr auf Gott, der ihn begleitet. Was ihm dabei Stärke und Hoffnung gibt, das ist besonders der Segen Gottes. Die Zusage darin, dass er Gutes finden wird und eine offene Zukunft hat. In ihm wächst das Wissen, niemals alleine zu sein.

Ich kann nur sagen: In meiner eigenen Erfahrung und Prägung von Heimat ist dies wichtig geworden: Heimat ist Verbundenheit und ist Beziehung mit Menschen, mit Gott und mit mir selber. Heimat bedeutet auch meine eigenen Grenzen kennenzulernen und in mir eine Heimat zu finden, wenn ich neu erkenne was ich gut kann und wer ich bin. Heimat ist nicht statisch sondern dynamisch: Heimat wird immer. Meine Heimat ist mobil, immer quasi im Rucksack dabei. Denn auf meinem Lebensweg lerne ich immer wieder Neues kennen, was mich natürlich auch prägt und verändert. Meine Heimat wird damit auch immer größer und bunter durch alle Beziehungen und Erfahrungen. Und – wenn es stimmt, was über Abraham in der Bibel gesagt wird – dann wird er und jeder, der sich so auf Gott verlässt, zum Segen.

Noch ein weiterer Gedanke zur Heimatsuche Abrahams. An einer anderen Stelle im Alten Testament heißt es (Genesis 15,5-6):

Sprecherin: "In jenen Tagen führte der Herr Abram hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Und er glaubte dem Herrn und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an."

Abraham wird für viele Generationen von Menschen jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens eine Symbolfigur und ein Vorbild für Aufbruch in etwas Neues und Unbekanntes. Er wird aber auch zum Vorbild für ein Vertrauen, dass durch den Sprach- und Kulturverlust trägt und die Trennung vom Ursprung erträgt. Solches Vertrauen kann auch ein Segen sein. Und diesen Segen können Menschen erfahren, die solches Vertrauen wagen.

Wenn Heimat mobil ist und Beziehung wird, dann kann sie ein Segen sein. So habe ich es zumindest erleben dürfen.

Musik 5: Dreams, Pentatonix

Ich komme noch einmal zurück zu Stanley, dem Studenten aus Nigeria, der plötzlich bei mir in der Hochschulseelsorge in Aachen vor der Tür stand. Er hatte nur den zerknitterten Anzug und einen Handgepäckkoffer dabei. Bei jeder Begegnung zeigte er mir aber die Bilder von seiner Heimat auf seinem Handy. Bilder, wie seine Kinder größer wurden, wie seine Frau das Zuhause gestaltete, wie seine Eltern ihn grüßten. Diese Bilder die von einer Heimat in weiter Ferne, von einem anderen Kontinent erzählen, lösten viele Geschichten in ihm aus. Wie er aufgewachsen war. Woher er kommt. Wer er ist.

Damit verbindet er bis heute Fragen, warum wir in Deutschland nach unseren Regeln leben, warum wir auf eine bestimmte Art und Weise sprechen, warum wir auf unsere Art mit dem Leben umgehen. Immer bringt er dies in Verbindung mit seinen Erfahrungen aus einer fernen Heimat. Er will verstehen, nicht nur mit dem Kopf. Er fragt auch, wie wir uns dabei fühlen. Warum uns etwas wichtig ist. Stanley baut Brücken zwischen seinen Erfahrungen und unseren Antworten, er baut auch Brücken in mir zwischen meinen Erfahrungen, Haltungen und den Momenten meiner Geschichte.

Die Begegnungen geben mir aber auch das Gefühl, dass Aufbruch und Neues spannend und wichtig sind. Dass ich darin erfahren durfte, wie die gemachten Erfahrungen für mich und in meinem Leben mit anderen ein Segen sein konnten. Und genau das wünsche ich ihm auch. Dass er hier nicht einfach nur studiert, sondern, wenn er in einigen Semestern wieder nach Hause zurückkehrt, er mit allem was er hier erfahren hat, ein Segen sein kann für seine Nachkommen und alle mit denen er verbunden ist.

Musik 6: True colors (rehearsal), Phil Collins

Einen segensreichen Sonntag wünscht Ihnen Matthias Fritz aus Aachen

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