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Das Geistliche Wort | 27.02.2022 | 08:40 Uhr

Schöpferische Aussicht

Es ist immer wieder bewegend, wenn bei einer Trauung sich das Brautpaar das „Ja“-Wort gibt. Alle sind mucksmäuschenstill und aufmerksam. Und nicht selten entlädt sich die Spannung mit einem anschließenden Applaus. Ich weiß das, weil ich als Priester
immer wieder Trauungen halte. Manchmal kommt es auch vor, dass die Brautleute sich sogar noch etwas sehr Persönliches dabei sagen. Und davon möchte ich heute erzählen – nicht weil es mich angerührt hat, sondern weil da etwas sehr Wichtiges für das Zusammenleben überhaupt deutlich geworden ist. Guten Morgen!

Musik I: Richard Wagner: Brautchor aus Lohengrin (Cathedral Wedding song für Orgel)

Beim Traugespräch mit dem Brautpaar wurde ich bereits nervös: Braut und Bräutigam wollten sich in der Kirche nicht nur das Ja-Wort sagen, sondern sie wollten dazu auch noch etwas ganz Persönliches frei formulieren. Ich dachte bloß: „Was wird das wohl?“ – Wir hatten uns bereits zu mehreren Gesprächen getroffen und kannten uns daher etwas. Beide hatte ich als hoch kreative Persönlichkeiten erlebt, die bestimmt ausdrucksstarke Worte finden würden. Grundsätzlich habe ich auch nichts dagegen. Aber trotzdem: Man weiß ja nie. Und ich habe mir in meiner Vorstellung schon ausgemalt, wie peinlich so eine gut gemeinte Aktion werden kann. – Dann war es so weit: Bei der Hochzeit fing die Braut an, zu ihrem Bräutigam zu sprechen. Und was soll ich sagen: Es war überhaupt nicht peinlich. Im Gegenteil: Alle hörten gespannt zu, sodass man die berühmte Nadel hätte fallen hören können. Ihre Worte waren nicht nur ernst, sondern mit der Vielfalt ihrer Beschreibungen brachte sie die Festgemeinde sogar zum Lachen. Ein Wort, das mir in Erinnerung geblieben ist, lautete „Frittenfinancier“. – Zugegeben: Das Wort klingt ungewöhnlich – vor allem bei einer Hochzeit. Und doch war es eine von vielen liebevollen und zugleich augenzwinkernden Wendungen, die in dieser Feier zur Sprache kamen.

Zunächst klingt so ein Wort wie „Financier“ im Zusammenhang mit „Fritten“ für mich irritierend, maßlos übertrieben und einseitig. Als ob es hier vordergründig darum geht, dass der Bräutigam den Imbiss bezahlt und damit nur nützlich ist, um satt zu werden; früher hätte man gesagt: der Mann ist der Ernährer. Aber dahinter steckte doch etwas ganz anderes. Mit diesem Wort vom „Frittenfinancier“ brachte die Braut zum Ausdruck: Auch scheinbar völlig banale Situationen, die sie bisher gemeinsam erlebt haben, waren für sie kostbare Erlebnisse. Selbst Alltägliches wird schön, weil ich es mit dir erleben kann. Und ich habe in diesem Wort sogar Dankbarkeit gehört: Die Braut hatte etwas erkannt und ausgesprochen, das andere wahrscheinlich schnell übersehen, weil sie es für selbstverständlich halten. Und auch deshalb ist dieses Wort bei mir hängen geblieben, denn darin kommt eine bestimmte Sichtweise zum Ausdruck, die nicht selbstverständlich ist. Es ist die Sichtweise auf das Gute im anderen Menschen – und zwar nicht nur bei den Menschen, die ich liebe. Es ist ein grundsätzlicher Blick der wohlwollenden Aufmerksamkeit für jede und jeden.

Musik II: Júníus Meyvant, Ain’t gonna let you drown

Der wohlwollende Blick auf andere. Mir fällt im Alltag diese Sichtweise nicht leicht, die bei anderen besonders das Gute erkennt und würdigt: Oft sehe ich eher die Fehler bei anderen Menschen. Genau diesen Blick beschreibt Jesus, wenn er darüber spricht, wie Menschen sich immer wieder gegenseitig wahrnehmen. Im Evangelium fragt er einmal: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41). – Ich verstehe diese Aussage so, dass es hier nicht nur darum geht, die Fehler meines Gegenübers zu sehen, also dessen Splitter im Auge. Und es geht auch nicht nur darum, den Balken zu erkennen, der für meine Fehler steht. So eine Selbstreflexion ist natürlich auch wichtig. Aber es geht grundsätzlich um die gesamte Sicht: Der Balken im eigenen Auge verengt nämlich den Blick auf den anderen. Es geht um einen freien, unverstellten Blick: Was erkenne ich wohl, wenn ich freie Sicht hätte? Eine Sicht, die keine Fehler sucht, sondern im Gegenteil: Gutes sucht – und findet. – Das klingt vielleicht nach einem oberflächlichen Optimismus nach dem Motto: „Du musst nur positiv denken, dann wird es auch gut.“ Das wäre letztlich Schönfärberei, die ich nicht meine. Die Sichtweise, die ich meine, geht stattdessen vielmehr von einer Frage aus: „Was sehe ich Gutes in meinem Gegenüber?“

Musik III: Adele, Make you feel my love

Es geht um eine neue Sichtweise, die in meinem Gegenüber das Gute sucht. Ich frage mich aber: „Kann ich bei anderen Menschen Gutes erkennen und auch würdigen?“ Um eine Antwort darauf zu geben, ist noch etwas Weiteres wichtig als nur eine barrierefreie Sicht ohne Splitter und Balken: Das Wissen nämlich darum, dass meine Sichtweise nie absolut frei und uneingeschränkt ist. Was meine ich damit? Die Schwierigkeit wird für mich beispielhaft an einem ausgestopften Löwen deutlich. So einen habe ich auf einem Foto gesehen: Der Löwe ist im schwedischen Schloss Gripsholm ausgestellt. Er stellt mittlerweile eine eigene kleine Attraktion dar. Denn: Das ausgestopfte Tier hat nur wenig Ähnlichkeit mit einem echten Löwen. Der Grund dafür ist folgender: Der Löwe gehörte König Fredrik I. von Schweden. Und als der Löwe starb, wollte ihn der König präparieren lassen, nur dass damals im frühen 18. Jahrhundert nicht sofort Präparatoren zur Stelle waren. Also fing der Löwe an zu verwesen, bis er endlich ausgestopft wurde. Außerdem hatte der Präparator noch nie einen echten Löwen gesehen und es gab auch noch keine Fotos. Gemalte Bilder waren sehr selten. Daher die große Unähnlichkeit zu einem echten Löwen. Das mag heute dazu führen, darüber zu lachen. – Mich macht dieses Bild vom präparierten Löwen eher nachdenklich. Er ist mehr der eigenwilligen Vorstellung des Präparators entsprungen als der Wirklichkeit – und das macht einen großen Unterschied aus.

Aber genau das beobachte ich auch bei meiner Wahrnehmung anderer Menschen: Weiß ich eigentlich wirklich, wie sie aussehen, wie sie denken und fühlen oder ist das nicht mehr meine Vorstellung von ihnen?

So, wie der Präparator seine Vorstellung vom Löwen hatte und danach den Löwen gebildet hat, so habe ich viel zu oft meine Vorstellung von anderen Menschen und beurteile sie danach. Dann blende ich schnell aus, was mir nicht passt und betone Schwächen und Stärken, so wie es mir recht ist. Dann fange ich an, Fehler bei anderen zu sehen oder Schlechtes schönzureden und übersehe umgekehrt das Gute. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied wenn ich auf den ausgestopften Löwen schaue und auf die Menschen, die mein gegenüber sind: Weil ich weiß, wie ein echter Löwe aussieht, fällt mir der Unterschied zum präparierten Löwen sofort auf. Bei meinen Vorstellungen von anderen Menschen lässt sich das schwieriger durchschauen, weil ich im Letzten nicht genau weiß, wie sie eigentlich sind. Genau deshalb finde ich es wichtig, mich immer wieder selbst daran zu erinnern, wie eingeschränkt meine eigene Sicht ist und wie unvollkommen viele eigene Vorstellungen von anderen Menschen sind, weil sie nicht das wahre Bild von ihnen sind.

Musik IV: Camille Saint-Saëns' "Karneval der Tiere", Der königliche Marsch des Löwen

Meine Sicht auf den anderen Menschen ist immer eingeschränkt. Das zu erkennen, ist allerdings nur der erste Schritt. Ich glaube, dass noch etwas anderes wichtig ist, um den anderen in den Blick zu nehmen und damit auch das Gute in ihm zu sehen: Es geht darum, die anderen Menschen als Mitmenschen anzuerkennen, weil ich ihnen verbunden bin. Damit meine ich keine Verbundenheit, die sich aus Familie, Freundschaft oder gemeinsamen Erlebnissen ergibt, sondern eine ganz grundsätzliche Verbundenheit. Aus meiner Sicht als Christ sind alle Menschen dadurch verbunden, dass sie nach Gottes Bild geschaffen sind. Und das hat eine wichtige Konsequenz: Weil Gott selbst ein Geheimnis ist, bleibt der Mensch als sein Ebenbild ebenfalls ein Geheimnis. Weil Gott nie ganz zu begreifen ist, kann ich auch die Menschen nie ganz begreifen. Das Bild, das ich mir dann von meinen Mitmenschen mache, bleibt letztlich immer nur eine Vorstellung, die hinter der eigentlichen Wirklichkeit zurückbleibt. Wichtig ist aber: Weil der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist, will und kennt Gott jeden Menschen. Bei Gott fallen Vorstellung und Wirklichkeit vom Menschen in eins. Dieser Glaube kommt in einem Kirchenlied zum Ausdruck: „Ein Danklied sei dem Herrn“. Da heißt es von Gott:

„Er ist’s, auf dessen Ruf wir in dies Leben kamen,

und was er rief und schuf, er kennt und nennt die Namen;

auf unserm Haupt ein jedes Haar,

er hat’s gezählt, er nimmt sein wahr.“[1]

In diesem Lied geht es nicht darum, Fehler unter die Lupe zu nehmen, sondern, wie unverstellt und gütig Gott den Menschen überhaupt wahrnimmt. Von da aus gesehen, ist es doch eine Herausforderung und Chance zu versuchen, andere Menschen als einzigartige Meisterwerke ihres Schöpfers wahrzunehmen. Und ich vermute, dann passiert folgendes: Schon diese Sichtweise, anderen Menschen Gutes zu unterstellen, verändert die Wirklichkeit: Meine, weil ich nicht nur auf Fehler fixiert bleibe und damit offener werde für eine größere Wirklichkeit. Und es verändert die Wirklichkeit für andere Menschen, weil sie vielleicht ermutigt werden, das Gute zu tun. Zugegeben: Das ist erstmal nur eine Vermutung. Aber wenn ich überlege, wie eine Perspektive, in der Schlechtes unterstellt wird, mich und andere lähmen kann, erscheint es mir plausibel, dass eine Sichtweise, die Gutes in den Blick nimmt auch Gutes ermöglicht. Ich glaube deshalb auch, dass eine Sichtweise, die Gutes sucht, nicht nur Gutes findet, sondern auch etwas Gutes hervorbringt. Das kann beispielsweise da deutlich werden, wo ich einem Menschen zutraue, dass er eine Herausforderung meistern wird oder eine schwere Zeit in seinem Leben bewältigen kann. Ich glaube, dass Gott seine Geschöpfe gut erschaffen hat und diese Schöpfung noch nicht abgeschlossen ist. Und ich glaube auch, dass Gott mit seinen Menschen zusammenwirkt. Und in dieser Sichtweise kann ich auf das Gute im Menschen setzen, ohne auszublenden, dass Menschen Fehler machen und sogar Böses tun. Im Gegenteil: In dieser Perspektive fällt es mir vielleicht sogar leichter, Fehler und Schwächen bei anderen und auch bei mir selbst zu entdecken, anzunehmen aber auch dagegen anzugehen. Wenn es doch aus der Sicht meines Glaubens Gott selbst ist, der jeden Menschen kennt, gütig wahrnimmt und sogar annimmt, wer bin ich, nicht zu versuchen, es ihm gleich zu tun? Damit bin ich wieder beim Splitter und beim Balken, von denen im Evangelium die Rede ist. Jesus macht mit seinen mahnenden Worten deutlich, wie wichtig es ist, die eigenen Wahrnehmungsbeschränkungen zu durchschauen. Wenn ich den eigenen Balken wahrnehme, ahne ich, dass die Wirklichkeit viel größer ist, als ich sie sehe und mir vorstelle. Dann kann ich sogar dort, wo mir zuerst Schlechtes auffällt, noch Gutes suchen und entdecken, weil ich hoffe, dass mein enger Blick es bisher einfach übersehen hat – bei mir selbst, wie beim anderen.

Musik V: Katie Melua, Fields of Gold

Ich komme noch einmal zurück auf meine Erfahrung mit dem Brautpaar und der rührenden Ansprache der Braut an den Bräutigam, die ihn als „Frittenfinancier“ bezeichnet hat. Die Braut hatte eine einzigartige Sichtweise auf ihren Bräutigam. Und für ein Brautpaar mag es als selbstverständlich erscheinen, dass sie sich verbunden fühlen – in einer einzigartigen Weise. Ich bin aber überzeugt: In einer bestimmten Sichtweise kann ich eine Verbundenheit mit allen Menschen entdecken und weiterentwickeln. Es geht nicht nur um bloße Optik. Da, wo ich Gutes bei anderen Menschen suche und ihnen Gutes zutraue, eröffne ich ihnen selbst Gutes zu wirken. Und ich glaube: So wirkt Gott als Schöpfer auch heute. – In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schöpferischen Blick für das Gute und einen gesegneten Sonntag.

Musik VI: Frances, Don’t worry about me

Manuel Klashörster, Vikar in Salzkotten.

[1] Guido Maria Dreves, Ein Danklied sei dem Herrn, in: Gotteslob, Katholisches Gebets- und Gesangbuch. Ausgabe fu?r das Erzbistum Paderborn, hrsg. v. d. (Erz-)Bischo?fen Deutschlands und O?sterreichs und dem Bischof von Bozen-Brixen, No?rdlingen 2013, Nr. 382, 3.

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