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Das Geistliche Wort | 10.04.2022 | 08:40 Uhr

Jerusalem: Schicksalsort Jesu und der drei Weltreligionen


Es gibt wohl keine andere Stadt, die derart mit den unterschiedlichsten Erfahrungen verbunden ist wie die Stadt Jerusalem. Sehnsuchtsort, Ziel einer Pilgerreise, aber auch Schauplatz von Krieg und Zerstörung. Es gibt derart viele Ansichten und Meinungen über diese Stadt, dass sich manch einer fragt, ob es diese Stadt eigentlich wirklich gibt. Ist sie nicht vielmehr das Spiegelbild unserer Projektionen und Zerrspiegel unserer Aggressionen?

Eine wunderbare Geschichte, die Schalom Ben-Chorin in seinem Buch über Jerusalem berichtet, illustriert dies:

Sprecher:Hugo Bergmann, Professor der Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem, erzählte einmal, daß er in New York mit einem Liftboy im Hotel ins Gespräch kam. Der Junge fragte den Gast, woher er käme. Bergmann antwortete wahrheitsgetreu: „Aus Jerusalem“. Der Junge mußte lachen: „Das ist ein Witz, Jerusalem liegt ja im Himmel“. Erst als Bergmann dem Jungen seinen Paß vorwies, in welchem Jerusalem als Wohnort angegeben war, ließ sich der Junge überzeugen, küßte dem Professor ergriffen die Hand und stammelte: „Dann sind Sie ein Engel, Herr!“[1]

Jerusalem: die Stadt, in der die Engel wohnen? In Wirklichkeit wohnen dort eher ganz normale Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen, auf den Markt gehen, im Café sich treffen, ins Kino gehen.

Musik 1: Giora Feidman und Ensemble, Dibbuk- Chavelle

Was ist schon normal in einer Stadt, die seit Jahrhunderten von den verschiedensten Völker erobert wurde, die einst den prächtigsten Tempel im ganzen römischen Reich hatte und der dann auf immer zerstört wurde? Die Steine Jerusalems können darüber unzählige Geschichten erzählen. Wer alles schon auf ihnen gegangen, auf ihnen herumgetrampelt ist, sie als Wurfsteine benutzt hat, als Bausteine für Häuser und Tempel. Diese Steine trotzen der Hitze wie der Kälte, überstanden Kriege und Verwüstungen. Sie sind immer noch da. Jeder, der nach Jerusalem kommt, empfindet etwas Besonderes, wenn er mit diesen Steinen in Berührung kommt. Der deutsche Lyriker Hans Magnus Enzensberger hat darüber ein Gedicht geschrieben: „In Jerusalem“:

Sprecher: „Mitten auf dem Weg / dieser hundsgewöhnliche Stein, /den jeder haben will, / Gott weiß warum. Alt sieht er aus, / und mit jedem Pilger, / der auf in tritt / ihn betastet, küßt / sich den Kopf daran blutig schlägt / wird er speckiger.
Er stört den Verkehr, / Karren, Koffer und Polizisten / aber aus dem Weg schaffen / kann ihn niemand. /Er ist schon zu lange da, / seit ewigen Zeiten. Er ist heilig. Niemand weiß / wozu er gut ist. Schön / kann man ihn nicht nennen. / Auch einer wie ich, / der ihn nicht brauchen kann, / ist darüber gestolpert.“[2]

Jedem, der diese Stadt betritt, widerfährt etwas Besonderes, außergewöhnliches. Es ist so, als würde man in dem Moment, wenn man durch die Tore Jerusalems schreitet, zu einem Bestandteil von etwas Außergewöhnlichem. Christen feiern heute Palmsonntag und erinnern an den Einzug Jesu in Jerusalem. Dieses Bild ist bekannt: Jesus reitet auf einem Esel in die Stadt ein, Menschen legen ihre Kleider zum Empfang aus und streuen Zweige auf den Weg. Dies ist aber keineswegs ein Triumphzug, hier zieht kein Herrscher auf seinem Streitwagen ein, umgeben von Soldaten und Leibgarden. Es sind ganz gewöhnliche Menschen, die vielleicht zufällig gerade da anwesend waren, die mit Neugier das Geschehen betrachten. Einen ganz nüchternen Blick wirft der Theologe Romano Guardini in seinem Buch über Jesus auf diese Leute:

Sprecher: „Es ist eben Volk, wie es in den Werkstätten, in den Läden und auf der Straße lebt. Unsereiner ist es. Menschenwirklichkeit, Durchschnitt, der weder das Pathos der Herrlichkeit noch das des Elends hat“.[3]

Musik 2: Giora Feidman und Ensemble, Let‘s be happy

Jesu Weg nach Jerusalem ist sein Lebensweg:
Dreißig Jahre hatte der Nazarener im Verborgenen gelebt, dann ist er drei Jahre durch die Lande gezogen, hat gepredigt, mit den Menschen gesprochen, hat die Kranken geheilt. Nun ist er nach Jerusalem aufgebrochen. Er weiß, dass sich nun alles entscheidet. In dieser Stadt wird sich zeigen, was es mit ihm auf sich hat. Wie eine reife Frucht bricht nun der Kern seines Lebens auf. Wie werden die Menschen ihn aufnehmen, werden sie seine Botschaft verstehen, werden sie begreifen, wer er ist?

Das ist die entscheidende Frage, so wie sie im Evangelium des Matthäus überliefert wird (Mt 21, 10): „Als er in Jerusalem einzog, erbebte die ganze Stadt und man fragte: Wer ist dieser?“

„Wer ist dieser?“ Die natürlichste und die zugleich schwierigste Frage der Welt. Wer ist dieser andere? Und: wer bin ich angesichts dieses Gegenübers? Und diese Frage zieht sich durch diese Tage in Jerusalem. Seinen Jüngern offenbart er sich beim Abendmahl, im Verrat wird er identifiziert durch den Kuss eines Jüngers. Pilatus befragt ihn, wer er sei, mit welcher Vollmacht er spreche. Petrus verleugnet ihn, er kenne ihn nicht. Und die mit ihm gekreuzigt werden, fragen, wer er sei.

In dem Moment, als Jesus Jerusalem betritt, entrollt sich das Geschehen unabänderlich. Hosianna und Kreuzigung, Gemeinschaft und Verrat, unabänderlich Verhör und Folter, Demütigung und Kreuzigung. Diese Stadt wird zum Schicksalsort für das Leben Jesu. Wie im Zeitraffer kommt in diesen Tagen alles zusammen, ballt sich, türmt sich auf. In dieser Stadt wird er zur Kenntlichkeit geformt. Die Frage. „Wer ist dieser“, wird ihrer letzten Antwort zugeführt.

Und dass sich dies alles in dieser Stadt abspielt, ist kein Zufall, keine Laune des Schicksals. Sondern nur in Jerusalem konnte sich das alles erfüllen, was in der Schrift verheißen wurde. Denn nach uralter Tradition befindet sich an diesem heiligen Ort die Grabhöhle Adams und der Verschlussstein der Sintflut. Auf dem Berg bereitete – so die Überlieferung – Abraham das Opfer seines Sohnes Isaak vor. Das Messer hatte er schon erhoben, bis ein Engel ihm in den Arm fiel. Jesus muss hingegen das Opfer bis zur letzten Konsequenz durchleiden.

Musik 3: Giora Feidman und Ensemble, A Dudele

Jesu Opfer in Jerusalem geschah in aller Öffentlichkeit. Neugierige und Schaulustige säumten zweifellos diesen letzten Weg Jesu. Maler haben in den Jahrhunderten immer wieder gerade diese Menge am Rande des Kreuzwegs mit eindringlichen Gesichtern und Gesten dargestellt. Oft haben sie dabei ihre jeweiligen Zeitgenossen in dieses vergangene Geschehen hinein gefügt. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen: wir sind es selbst, die da am Wegesrand stehen, glotzen und gucken, mit dem Nachbarn redend, hindeutend auf das da sich Ereignende. Aber wir dürfen uns nicht täuschen. Das sind dieselben Menschen, die ein paar Tage vorher diesem Mann noch Zweige auf den Weg gelegt haben. Es sind keine absolut bösen Menschen, die nun bei der Kreuzigung johlen und ausspucken, genauso wie es keine absolut guten Menschen waren, die ihm vorher zugejubelt haben. Es ist vielmehr so, dass im Menschen alles enthalten ist, alle Gefühle, Emotionen und Aversionen. Sie werden abgerufen durch äußere Reize wie innere Erlebnisse. Die Frage „Wer ist dieser“ richtet sich nämlich in Wahrheit auch auf uns selbst: „Wer bin ich“. Wie reagiere ich im Angesicht des Elends eines anderen, was empfinde ich, wenn ich jemanden leiden sehe, was unternehme ich, um Unrecht zu verhindern, was trage ich dazu bei, dass Menschen zueinander finden und sich verstehen?

Was sich da vor zweitausend Jahren in Jerusalem abspielte, ist daher von bestürzender Aktualität. Bin ich nur Zuschauer, bleibe in Distanz, gehe gleichgültig meinen Alltagsgeschäften nach oder nehme ich Anteil, mische mich ein, stelle mich?

Jerusalem ist gerade deshalb mehr als eine Stadt wie viele andere, eine Ansammlung von Menschen, ein Treffpunkt der Fremden und Reisenden. Jerusalem war und ist immer auch Mittelpunkt unserer Gefühle und Hoffnungen. „Der Nabel der Welt“, wurde in Jerusalem vermutet, Jerusalem ist Spiegel unserer Menschlichkeit. Was sich dort ereignet, geht uns an. Im Mittelalter hatten alle Karten Jerusalem zum Mittelpunkt. Das war nicht nur geografisch gemeint, sondern bedeutete: hier entscheidet sich das, was die Menschen angeht, was unsere Welt angeht.

Musik 4: Giora Feidman und Ensemble, And the Angels sing

Jerusalem ist aber auch seit Jahrhunderten heftig umkämpft. Jeder möchte sich dort repräsentiert sehen. Die drei Religionen, die sich auf Abraham berufen, Judentum, Christentum und Islam beanspruchen Orte, Gebäude und Plätze in dieser Stadt für sich.

Die Überreste des Tempels stehen einen Steinwurf entfernt neben der Grabeskirche und auf ihnen erbaut ist der Felsendom, von wo aus nach islamischer Überlieferung Mohammed entrückt wurde. Es ist so, als wäre hier jeder Stein aufgeladen mit heiliger Erinnerung. Hier glüht alles und kann daher auch schnell zum Feuer des Zwistes und des Krieges entzünden.

Wie soll man damit umgehen, dass hier derart unterschiedliche Religionen und Konfessionen aufeinandertreffen, sich kritisch beäugen und belauern? Und dies ausgerechnet in der Stadt, die ihren Namen als „Stadt des Friedens“ erklärt. In einer Stadt, in der unterbrochen die verschiedenen Religionen laut zum Gebet aufrufen.

Als 1972 eine neue Glocke auf dem Zionsberg in der Benediktiner-Abtei „Dormitio Mariä“ eingeweiht werden sollte, bat der damalige Abt Laurentius Klein einen jüdischen Gelehrten, den eingangs zitierten Schalom Ben – Chorin die Worte zur Weihe zu sprechen. Das war nun sehr ungewöhnlich: ein Jude spricht zur einer kirchlichen Feier. Aber Abt Laurentius hatte auf den „Dreiklang Jerusalems“ hingewiesen:

Sprecher: „Das Schofar-Widderhorn der Juden, die Glocken der Christen und der Muezzin der Mohammedaner, der die Gläubigen zum Gottesdienst ruft“.

Und Schalom Ben-Chorin griff diesen Gedanken auf und las im hebräischen Original und in deutscher Übersetzung die Worte Salomos zur Tempelweihe in Jerusalem vor:

Sprecher: „Auch wenn ein Fremder […] aus fernem Lande kommt um deines Namens willen – denn sie werden hören von deinem großen Namen und von deiner mächtigen Hand und deinem ausgestreckten Arm - , wenn er kommt, um zu diesem Haus zu beten, so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und alles tun, auf daß alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen, damit auch sie dich fürchten wie dein Volk Israel“.[4]

Christen, Juden und Moslems waren bei dieser Feier zugegen – wie Schalom Ben-Chorin in seinen Erinnerungen berichtet – und neben ihm saß der moslemische Schlüsselbewahrer der Grabeskirche. Denn Kalif Omar Ibn Katthab hatte 637 per Dekret verfügt, dass die Schlüssel zur Grabeskirche von einer islamischen Familie zu hüten sei. Und dies geschieht jeden Morgen nach demselben Zeremoniell, wie der gegenwärtige Inhaber der Schlüsselgewalt, Wajeeh Nusibeh, erzählt:

Sprecher: Jeden Morgen um vier wird die Kirche geöffnet. Um 19.30 Uhr wird sie geschlossen […] Jeden Morgen, wenn wir zur Kirche kommen, öffnen wir das untere der beiden alten Schlösser. Dann öffnet sich eine Luke und ein griechischer, katholischer oder armenischer Mönch gibt uns eine Leiter, mit deren Hilfe wir das oberste Schloss erreichen und die Kirche öffnen. Wir öffnen für jeden Menschen, alle sind willkommen.“[5]

Ein wunderbares Bild: der eine öffnet das eine Schloss, eine Leiter wird von einem anderen heruntergereicht und das nächste Schloss öffnet sich. Dann geht das Tor auf, jeder kann nun eintreten. Jeder ist willkommen.

Musik 5: Giora Feidman und Ensemble, La Fiesta

Wer durch ein Tor eintritt, verbindet damit Hoffnungen und Wünsche. Er sammelt sich, schreitet voller Erwartung durch einen Bogen hindurch. Was bisher zugesperrt war, ist nun sichtbar. Wo bisher kein Eingang war, da können nun alle passieren und heimisch werden. Genau dies ist die Vision des himmlischen Jerusalems, mit dem das letzte Buch der Bibel schließt, die Offenbarung des Hl. Johannes. Es ist dies die Vision eines immerwährenden Friedens, nach dem wir uns alle sehnen:

Sprecher: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen […] Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Throne her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“.[6]

Musik 6: Giora Feidman und Ensemble, Jerusalem of Gold – Oseh Shalom

Liebe Hörerinnen und Hörer, gehen Sie heute durch diesen Palmsonntag und verschwenden Sie doch einen Gedanken an diese Stadt Jerusalem, die „Stadt des Friedens“. Frieden brauchen wir in dieser Zeit einmal mehr.

Aus Köln grüßt Sie Domkapitular Dominik Meiering


[1] Schalom Ben-Chorin, Ich lebe in Jerusalem. Darmstadt 2019, S. 18-19.

[2] Birgit Lermen/Verena Lenzen (Hrsg.), „es stand / Jerusalem um uns“. Jerusalem in Gedichten des 20. und 21. Jahrhunderts, Mönchengladbach 2016, S. 132.

[3] Romano Guardini, Der Herr. Würzburg 1964, S. 370. [4] Schalom Ben-Chorin, a.a.O., S. 94–95.

[5] https://www.deutschlandfunkkultur.de/grabeskirche-in-jerusalem-der-herr-der-schluessel-100.html. [6] Offb 21,1-4

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