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Kirche in WDR 5 | 01.04.2022 | 06:55 Uhr

Spuren im Sand

Seit der Barockzeit war es üblich, dass der Papst bei öffentlichen Auftritten nicht zu Fuß ging, sondern auf einem prächtigen hölzernen Thron von 12 Männern durch die Menschenmenge getragen wurde. Man muss sich das bildlich vorstellen: wie ein antiker Herrscher - ein Schauspiel des päpstlichen Machtanspruchs. Auch Papst Johannes XXIII. ließ dieses Zeremoniell nach seiner Wahl 1958 noch über sich ergehen. Aber er hatte seinen eigenen Kommentar dazu: „Wieder einmal werde ich getragen, emporgehoben von den Trägern. Vor mehr als siebzig Jahren wurde ich ... auf den Schultern meines Vaters getragen ... Das Geheimnis aller Dinge ist, sich von Gott tragen zu lassen und so ihn zu den anderen zu tragen.“[1]

Das ist ein starkes Wort: sich von Gott tragen lassen. Bei diesen Worten denke ich unwillkürlich an die bekannte Erzählung von den Spuren im Sand: Ein Mensch schaut auf sein Leben zurück wie auf einen Weg am Strand. Immer sieht er zwei Fußspuren im Sand nebeneinander: seine eigenen, und diejenigen Gottes, der ihn begleitet hat. Nur an den Stellen, wo sein Leben unerträglich war, da geht nur eine Spur den Strand entlang. „Gott, wo warst du in dieser Zeit, wo es für mich am schwersten war?“. Und Gott antwortet: „Wo du nur eine Spur siehst – da habe ich dich getragen“.

Mir gefällt diese Geschichte. Aber ich kann mir nicht helfen. Wenn ich sie höre, dann möchte ich auch leise Widersprüche anmelden. Ist es immer so, dass Gott mich trägt, wenn es am schwersten ist? Vor dem Hintergrund der viele biblischen Erzählungen könnte ich mir eine ganze Anzahl unterschiedlicher Antworten Gottes auf die Frage „Wo warst du denn?“ vorstellen. In meiner Vorstellung könnte Gott sagen: „Ein Stück habe ich dich allein gehen lassen“. Oder auch: „Ein Stück weit war ich nicht neben dir, sondern ging dir voraus, und du warst in meinen Fußspuren“. Oder Gott könnte sagen: „Da, wo nur eine Fußspur zu sehen ist – da hast du mich getragen“. Dass Gott sich tragen lässt, dass Gott sich bringen lässt, auch das ist Teil
der biblischen Gottesbilder. Gott geht mit, er trägt, er schleppt sich mit mir ab, aber manchmal ist er auch darauf angewiesen, dass ich mich mit ihm abschleppe, dass ich ihn in meine Welt hineintrage. Manchmal gehe ich auf Gottes Wegen und folge ihm nach, manchmal geht er mir nach.

Auch im Neuen Testament gibt es dieses Bekenntnis. So heißt es in der Apostelgeschichte: „Der Gott dieses Volkes Israel hat unsere Väter erwählt und das Volk in der Fremde erhöht, in Ägypten; und mit hoch erhobenem Arm führte er sie von dort heraus. Und vierzig Jahre trug er sie in der Wüste“ (Apg 13,18). Auch das ist noch einmal ein Aspekt: nicht nur ich werde getragen, Gott trägt und er-trägt das ganze Gottesvolk. Ich denke, in der Hoffnung, dass sich das Volk durch das Getragen werden und Ertragen werden langsam verändert.

Ich trage und werde getragen. Durch das Tragen verändern sich die Dinge.

In den Worten von Johannes XXIII: „Das Geheimnis aller Dinge ist, sich von Gott tragen zu lassen und so ihn zu den anderen zu tragen“. Das ist noch einmal ein Aspekt: wenn Gott mich trägt, dann bestimmt er auch den Weg, wo es hingehen soll. Will ich das immer? Vielleicht führen die Fußspuren im Sand dann auch einmal vom Strand weg und in die Stadt hinein, wo ich dann gar nicht mehr mit Gott allein bin, wer weiß?

Heute will ich versuchen, mich tragen zu lassen und bin gespannt, wohin ich komme.

Gute Wege wünscht Ihnen Egbert Ballhorn aus Dortmund.


[1] (Erinnerung Roncallis am 04.11.58, Vorträge von L. Capovilla, zit. nach: Peter Hebblethwaite, Johannes XXIII. Das Leben des Angelo Roncalli, Benzinger 1991, 26)

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