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Das Geistliche Wort | 15.05.2022 | 08:40 Uhr

Das gespielte Leid - Die Passionsspiele von Oberammergau

Guten Morgen!

Gestern Abend war Premiere der Passionsspiele in Oberammergau. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, wie schon beim letzten Mal 2010, bei der ersten Aufführung dabei zu sein. Und ich habe mit dem Regisseur der Inszenierung, Christian Stückl, reden können.

Die Passionsspiele haben eine lange Tradition. 1633 hatte das Dorf ein Gelübde gemacht: Wenn es von der Pest verschont bliebe, würden die Bewohner alle 10 Jahre die Passion Jesu aufführen, oder, wie es damals hieß, ein“ Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus.“ Seitdem ist niemand mehr in Oberammergau an der Pest gestorben.


Musik I: Ouvertüre, Solisten, Chor und Orchester der Passionsspiele Oberammergau


Zunächst ist die Passion auf dem Friedhof bei der Kirche aufgeführt worden. Über 200 Jahre lang.

Aber als im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen aus aller Welt das Spiel sehen wollten, hat die Dorfgemeinde ein großes Passionstheater erbaut.

2020 wäre es wieder so weit gewesen, aber dann hat Corona eine Verschiebung erforderlich gemacht.

Jetzt, zwei Jahre später, konnte das große Spiel wieder beginnen.

Bis Anfang Oktober wird es fünf Aufführungen in der Woche geben, jeweils über fünf Stunden.

Hunderte Mitwirkende bevölkern die große Bühne, etwa beim monumentalen Einzug Jesu in Jerusalem.

Die umfangreiche Musik mit Chor, Orchester und Solisten, macht immerhin ein Drittel der Inszenierung aus und gibt dem Ganzen den Charakter eines Oratoriums.

Zwischen den Szenen weisen stehende Bilder mit lebenden Personen auf alttestamentliche Ereignisse hin, die das Geschehen deuten. Zum Beispiel wird Jesu Opfertod am Kreuz verglichen mit dem Opfer, das Abraham darbringen soll, nämlich seinen Sohn Isaak.

Schon zum vierten Mal ist Christian Stückl Regisseur der Passionsspiele.

Der 61jährige ist von klein auf mit dem heiligen Spiel vertraut.


O-Ton:

„Ich bin als kleiner Junge, habe ich zuhause einen Kaiphas gehabt, habe zuhause einen Herodes gehabt, also Opa und Vater waren voll im Passionsspiel involviert. Mich hat das völlig fasziniert. Mich hat das am Anfang gar nicht religiös fasziniert, sondern einfach als Event, als Theater, als das Mitkriegen, wie Jesus ans Kreuz genagelt wird, wie der Esel über die Bühne geht, dass es in der Kantine Würstl gibt. Ich bin irgendwie ganz früh in dieses Passionsspiel, in diese Texte mit hinein.“


Aber es ist für Regisseur Christian Stückl nicht bloß reine Kindheitserinnerung, sondern auch ernste Auseinandersetzung:


O-Ton:

„Ich bin dann später in einen Streit geraten. Also in unserem Dorf wurde sehr stark gestritten um die richtige Form, und ich hab dann irgendwie so mit 14, 15 angefangen, mich tatsächlich auch selber damit zu beschäftigen, was die richtige Form ist. Und ich glaube, es gibt viele verschiedene Punkte, warum es mich ans Passionsspiel zieht. Also, ich finde es wahnsinnig wichtig, wahnsinnig spannend, die Auseinandersetzung mit Jesus. Du merkst, Du kommst nie ans Ende. Du kannst alle zehn Jahre lang wieder frisch anfangen. Du denkst irgendwie, was ist der Hauptpunkt, den man erzählen kann. Man kommt mit alten Bildern in Kontakt, die man zum Teil auch falsch findet, man kommt mit Antijudaismus in Berührung. Es ist ein sozialer Event für uns, der dann alle Menschen beschäftigt. Also, es gibt gar nicht unbedingt den Punkt, wo ich sagen kann, das bedeutet es für mich, sondern ich finde es einfach ein großes Geschenk, dieses Spiel machen zu dürfen.“


MUSIK II: „Der Einzug in Jerusalem“, Solisten, Chor und Orchester der Passionsspiele Oberammergau


Die Leidensgeschichte Jesu ist zwar bekannt: der Einzug Jesu in die Heilige Stadt Jerusalem auf dem Rücken einer Esels, bejubelt vom Volk, das schon einige Tage später seine Hinrichtung fordern wird, das letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern am Abend vor seinem Leiden, seine Angst vor dem Tod und das einsame Gebet mit dem Vater, der Verrat durch Judas für einen Lohn von dreißig Silberlingen, die Verurteilung durch Pontius Pilatus, der schwere Gang nach Golgota mit dem Kreuz auf den Schultern, die Kreuzigung draußen vor der Stadt, sein Sterben am Kreuz und seine Bestattung in einem Steingrab.

Aber die Evangelisten schildern übereinstimmend: Das Kreuz hat nicht das letzte Wort über diesen Jesus. Gott hat ihn nicht im Tod gelassen, sondern von den Toten auferweckt.

Wie gesagt, die Leidensgeschichte, die in Oberammergau aufgeführt wird, ist weitgehend bekannt. Aber schon die vier Evangelien setzen unterschiedliche Akzente.

Und so ist es für Cristian Stückl nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Selbstverständlichkeit, sich immer wieder neu zu fragen: In welche konkrete Situation hinein spielen wir die Passion? Was sehe ich heute anders als bei der letzten Aufführung 2010?


O-Ton:

„Für mich ist in der ganzen Auseinandersetzung, hat sich schon ein bisl so der Blickwinkel auf Jesus verändert, also dass ich gesagt hab: Ist es so wichtig, dass er den Sabbat geschändet hat? Ist es so wichtig, dass er religiöse Traditionen übertreten hat? Oder ist es viel mehr wichtig, dass er sich an den Rand der Gesellschaft begibt, dass er bei den Armen ist, dass er ein Friedenskämpfer ist? Also ich hab das Gefühl gehabt, ich hab vieles rausgenommen, was ein religiöser Disput ist und hab mehr versucht, die sozialen Seiten eines Jesus zu zeigen, und dass er wirklich an Ecken der Gesellschaft hingeht.“


MUSIK III: „Musik zum Auftritt des Hohen Rates“, Solisten, Chor und Orchester der Passionsspiele Oberammergau


Natürlich steht Jesus im Mittelpunkt der Geschichte. Sein Leben für die Menschen, seine Botschaft vom Reich Gottes, das schon mitten unter uns ist, seine Nähe zu denen am Rande, den Armen und Kranken, sein unerschütterliches Vertrauen zu Gott, dem Vater im Himmel, seine Konsequenz, die ihm die Gegnerschaft der religiösen Autoritäten seiner Zeit eingebracht hat, seine Hingabe, mit der er im Letzten Abendmahl sich selbst in Brot und Wein den Jüngern geschenkt hat, seine Verbundenheit mit Gott, die auch am Kreuz nicht zerstört werden konnte.

Und Gott hat seinem Sohn die Treue gehalten, im Tod und über den Tod hinaus. In der Auferstehung, am Ostermorgen, hat Gott ihn bestätigt. Der Tod hat nicht das letzte Wort über einen Menschen. Der Tod hat Jesus nicht widerlegt. Jesus lebt. Und seine Botschaft auch.

Regisseur Christian Stückl:


O-Ton:

„Man ist eigentlich total mit Jesus beschäftigt. Man ist total mit Jesus beschäftigt. Aber um den Jesus sind ja Menschen rum. Also Petrus, Johannes, Judas, Maria, Magdalena. Um den Jesus sind Menschen rum. Und natürlich kann man in diesen Figuren seine eigenen Fragen mehr formulieren als bei Jesus. Also wenn man eigene Fragen an den Glauben hat, dann kann man das einen Apostel oder irgendjemand anders eher fragen lassen. Also deswegen interessieren mich beim Theater alle Figuren. Man hat natürlich auch Figuren, die so eingefahren sind, dass wir ... Wir haben so einen klaren Blick auf Pilatus und diesen Blick muss man immer wieder aufbrechen. Ich glaub, Theater ist irgendwas, wo man sich mit vielen Menschen beschäftigt. Aber das Zentrum bleibt Jesus.“


MUSIK IV: „Isaaks Opfer“, Solisten,Chor und Orchester der Passionsspiele Oberammergau


Was macht die Darstellung der Passion mit den Schaupielern? Christian Stückl meint dazu:


O-Ton:

„Mit jedem was Anderes. Da hab ich einen Schauspieler, so einen ganz jungen noch, der war vor zwei Jahren richtig schlecht. Jetzt merk ich, wie er gewachsen ist. Er ist total gewachsen. Plötzlich merkt er auch selber, dass er besser ist. Den interessiert einfach jetzt erst einmal, wie bring ich die Figur auf die Bühne. Man kann das, glaube ich, gar nicht sagen, was macht‘s mit dem Jesusdarsteller, was macht‘s mit der Mariendarstellerin. Also, ich kann das nicht beurteilen. Es macht mit jedem was. Aber mit jedem was Anderes.“


Wer sich auf Jesus einlässt, der geht anders aus der Begegnung mit ihm heraus.

Natürlich, ich kann mir die Passion unbeteiligt anschauen, so wie ich die Evangelien unberührt lesen kann oder eine Passionsmusik, etwa die großen Passionen von Bach, unberührt hören kann. Aber ich kann mich auch auf das Geschehen einlassen und mich fragen: Wo bist du denn, Gott, in der Geschichte? Wo kommst du vor?

Wenn ich mich auf das Spiel der Passion einlasse, dann kann ich Jesus auch heute begegnen, gerade in seinem Leid. Dann kann ich seine Nähe spüren und die Zusage: Das habe ich auch für Dich getan! Jesus hilft mir, anders zu leben, bewusster, intensiver, voll Gottvertrauen. Und das gilt nicht nur für den Einzelnen, das gilt auch für das Zusammenleben der Menschen.


O-Ton:

„Ich glaub, das ist ‘ne einzigartige Geschichte. Bei uns ist es ja so, ich kann als Regisseur mir die Schauspieler gar nicht aussuchen, sondern alle, die Interesse haben und bestimmte Regeln erfüllen, also die dort geboren sind oder seit 20 Jahren dort leben, dürfen mitspielen, ganz egal, aus welcher sozialen Schicht sie kommen, ganz egal, was für ‘nen Bildungshintergrund sie haben, alle dürfen eigentlich mitspielen. Bis hin zu dem, dass also die Kinder der Flüchtlinge ... Die Flüchtlinge selber müssen zwar 20 Jahre warten, aber alle Kinder sind dabei. Wir haben Kinder dabei, die nur Englisch reden, weil sie Deutsch noch nicht richtig gelernt haben. Und dass diese Menschen alle gemeinsam in den Garderoben sitzen, generationsübergreifend in den Garderoben, das ist ein Wahnsinn, das ist ein richtiges Geschenk, dass das alle machen wollen und dass da alle dabei sein wollen. Das macht mit der Dorfgemeinschaft auf jeden Fall was. Das verschwindet nach dem Passionsspiel auch wieder bis zu einem gewissen Grad, aber ich glaube, so im Bewusstsein, man kennt sich generationsübergreifend, man ist sich ganz nah, für ein Jahr ist man ständig in Proben, in Aufführungen beieinander, das macht auf jeden Fall mit der Gesellschaft.“


Was hier bei den Oberammergauer Festspielen erlebt wird, das hat eine viel größere Bedeutung. Ich bin davon überzeugt: Wenn Menschen gemeinsam auf Jesus schauen, wenn sie so zu leben versuchen, wie er gelebt hat, dann verändert das ihr Zusammenleben. Dann gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren und die Macht der Gewalt oder der Einfluss des Geldes. Dann gilt die unbedingte Liebe, für die er gelebt hat und für die er gestorben ist. Dann gilt seine Zuwendung zu denen am Rand, den Kleinen und den Schwachen. Dann gilt seine Botschaft vom Frieden Gottes über alle Grenzen hinweg und gegen jeden Krieg.


MUSIK V: „Musik zur Kreuzabnahme“, Solisten, Chor und Orchester der Passionsspiele Oberammergau


Christian Stückl ist Regisseur mit Leib und Seele.


O-Ton:

„Es ist absolut Theater. Wir machen da Theater. Ich verwehr mich auch immer, zu sagen, das ist was anderes als Theater. Es gibt manche, so grade konservative Kreise, die sagen, das ist kein Theater, das ist Gottesdienst. Dann sag ich: Nein, das ist es nicht. Wir spielen absolut Theater. Wir machen ... Mit den Mitteln des Theaters erzählen wir diese Geschichte. Aber wenn der Inhalt, das, was Jesus will, wenn du das Evangelium nicht willst, dann brauchst du die Geschichte nicht machen. Natürlich ist das eigentlich der Hauptpunkt, das mich schon interessiert, was steckt da religiös alles dahinter.“

Das gespielte Leid! Oberammergau ist ein Spiel. Und gewiss auch ein Geschäft. Aber ein Spiel und ein Geschäft, das mich fragt: Was bedeutet dieser Jesus für mich? Und auch wenn Sie noch nie bei den Passionspielen in Oberammergau waren und auch nicht vorhaben, jemals dahinzufahren. Die Frage lohnt allemal: Wer ist dieser Jesus für mich?

Peter Dückers aus Aachen.

MUSIK VI: „Passahmal“, Solisten, Chor und Orchester der Passionsspiele Oberammergau

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