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Das Geistliche Wort | 27.11.2022 | 08:40 Uhr

Advent lernen im Museum

Vorsicht Kunst!

Das sag ich besser gleich zu Anfang, denn ich möchte Sie heute gerne mitnehmen ins Museum. Ich liebe das Kunstmuseum Kolumba in Köln. Der Clou dieses Museums ist der: hier wird alte Kunst mit neuer Kunst zusammengebracht. Es entsteht eine ganz eigene Gegenwartskunst. Dieses Zusammenspiel lohnt sich wirklich. Mir jedenfalls hat die Ausstellung die Augen geöffnet und zwar für den Advent, der ja heute beginnt. Haben Sie Lust auf Kunst? Ich nehme Sie sehr gerne mit in die Ausstellung.


Musik I: Modest Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, Promenade

Die Ausstellung im Museum Kolumba steht unter dem Motto: „Making being here enough.“ Das lässt sich einfach so übersetzten: „Dafür sorgen, dass hier zu sein genügt.“ Es klingt wie eine Aufforderung: Sei einfach da, sei präsent. Aber wenn doch da zu sein genügt, warum muss ich mich darum kümmern und sorgen? Mich hat der Titel bereits angesprochen und so habe ich mich vor ein paar Wochen schon auf den Weg nach Köln gemacht.

Ich komme in Kolumba an und betrete den Innenhof des Museums. Da steht da eine ganz einfache Skulptur: ein dünner, rot lackierter Pfahl aus Stahl. Ganz einfach und wie zufällig an irgendeiner Stelle dieses Innenhofs platziert. Eine Landmarke, ein Markierungspunkt, denke ich. Was das hier wohl soll? Es scheint ja etwas besonders zu sein, dass genau dieser Ort markiert ist. Ich setze mich auf einen der Stühle, die im Innenhof stehen, um einfach meinen Gedanken nachzugehen, ganz nach dem Titel: „Dafür sorgen, dass hier zu sein genügt.“

Als ich später etwas recherchiere über dieses Kunstwerk, finde ich heraus: Diese Skulptur hat der Künstler Lutz Fritsch geschaffen, der in Köln lebt. Sie trägt den Titel: „An Ort und Stelle.“ Bereits seit den 1970er Jahren gestaltet Fritsch Skulpturen, die ganz minimalistisch und ohne unmittelbaren Bezug zum Ort oder zur Umgebung aufgestellt werden. Für mich sehen sie alle aus wie Nadeln auf einer Landkarte, die etwas markieren. Aber was?

Von dieser Skulptur geht irgendwie eine Wirkung aus. Sie markiert nichts, verweist auf nichts Anderes, sondern steht für sich selbst. So verstehe ich auch den Titel: „An Ort und Stelle“. Ich musste über mich selbst schmunzeln: Ich war doch hier, um die ganze Ausstellung zu besichtigen, aber nun genügt es mir wirklich nur an Ort und Stelle zu sein, hier in diesem Innenhof.

Und ich muss zugeben: Ein bisschen wundere ich mich auch über mich selbst, dass mir das im Innenhof des Museums passiert und nicht in einer Kirche. Das könnte man ja von mir als Priester erwarten. Aber nein. Für den frommen Part meines Tages war ich ja kurz vorher im Kölner Dom. Für mich eigentlich ein Ritual, wenn ich mal in dieser Stadt bin: Einmal kurz den Dom besuchen. Interessant allerdings: Im Dom bin ich nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Dort war es mir mal wieder zu unruhig, zu trubelig. Der Dom wirkt wie eine Mischung aus Bahnhofshalle und überlaufendem Touristenhotspot. Ich habe dort keinen Ort gefunden, um zu verweilen. Der Dom war für mich eher ein Durchgangsort, wo ich mich von der Masse an Touristen einmal um den Dreikönigsschrein treiben lasse bis mich der Dom an seinem Hauptportal wieder ausspukt. Das hat mich letztlich nicht berührt. Wie anders dagegen meine Erfahrung im Museum Kolumba.

Musik II: Modest Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, Promenade

Hier draußen, im Innenhof des Museums Kolumba saß ich wirklich lange und beobachte diese rote Landmarke von Lutz Fritsch. Und vielleicht ist es typisch für mich als Theologe. Die rote Farbe der Landmarke erinnert mich an eine Begebenheit aus dem Alten Testament, an die Erzählung vom brennenden Dornbusch (Ex 3). Das war auch eine Landmarke, aber eine aus Flammen. Mose steht fasziniert davor, weil der Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt. Diese unerwartete Erscheinung weckte die Aufmerksamkeit. Mose ging näher heran. Und er bekam einen entscheidenden Hinweis. „Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst ist heiliger Boden.“ Gegenwart an Ort und Stelle. Die Aufmerksamkeit ist hergestellt. Jetzt kann es an Ort und Stelle noch tiefer gehen. In der Bibel wird weitererzählt, dass sich an genau diesem Ort Gott zu erkennen gibt, als „Ich bin der: ICH BIN DA!“ Gott selbst zeigt sich im Hier und Jetzt als gegenwärtig. Und so ist es für mich auch hier im Museumsinnenhof mit dem roten Pfahl. Ich bin bei mir und ahne, dass auch hier mein Gott bei mir sein könnte. Ich finde bemerkenswert: Moses hatte die Erfahrung von der Gegenwart Gottes im brennenden Dornbusch in der Wüste gemacht und nicht in irgendeinem Heiligtum. Und mir geht eine Gegenwartserfahrung auf hier im Innenhof des Museums und nicht im Dom. Ich würde sagen: Gott kann sich zeigen wann und wo er will. Es liegt bei ihm. Ich kann bestenfalls nur Sorge dafür tragen, das hier zu sein genügt.

Musik III: Modest Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, Promenade

Ich bin dann doch noch im Museum Kolumba weiter in die Ausstellung gegangen. Denn: Mit dieser Erfahrung und den Gedanken zur Landmarke „An Ort und Stelle“ hatte ich einen wichtigen Schlüssel, um mir noch andere Objekte anzusehen. Gleich im Treppenhaus hängt das Bild, das der Ausstellung das Thema gegeben hat: „Making being here enough“, „Dafür sorgen, dass hier zu sein genügt.“ Es stammt von der amerikanischen Künstlerin Roni Horn. Gleich zweimal hat sie den Titel in grünen, roten, gelben Buchstaben vor schwarzem Hintergrund auf die Leinwand geschrieben. Es wirkt so auf mich, als wollte es fragen: Muss man denn alles zweimal sagen? Ich denke ja. Diese Botschaft kann nicht oft genug wiederholen werden, wenn es darum geht, sich seine eigene Präsenz bewusst zu machen. Das Bild von Roni Horn hängt – wie gesagt – im Treppenhaus. Eigentlich ist das in der Ausstellung kein Ort zum Verweilen. Und doch unterbricht es den raschen Gang auf der Treppe. Die Treppe ist nur ein Durchgangsort. Roni Horns Bild stellt in dieser Position alles unter das Motto: „Dafür sorgen, dass hier zu sein genügt.“ Es wirkt wie ein Apell der mich selbst anfragt im Durchgang: „Was tust du dafür, dass hier zu sein genügt?“

Mit der Frage stehe ich nun im nächsten Ausstellungsraum. Und was soll ich Ihnen sagen? Hier in der Mitte stehen zwei Gefäße, die leer sind. Das eine Gefäß ist eine sogenannte Pyxis. Das ist ein kleines Aufbewahrungsgefäß für das gewandelte Brot aus der Heiligen Messe, also für den Leib Christi, wie wir Katholik:innen sagen. Es handelt sich bei einer Pyxis also um eine Art sakrale Tupperdose, um es salopp auszudrücken. Auf der Pyxis ist ein Bild zu erkennen. Es zeigt das leere Grab Christi, also den Moment nach der Auferstehung an Ostern. Für mich ist das leere Grab ein Hinweis dafür, dass Gott unverfügbar ist. Wir haben nichts in der Hand, was Gott an einen Ort bindet. Wir können ihn nicht festhalten. Das wird noch deutlicher durch das zweite Gefäß im Museumsraum: eine Monstranz, also ein Schaugefäß, in dem dieses gewandelte Stück Brot der Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Aber auch die Monstranz ist leer! Das heißt: Hier sieht man, dass man nichts sieht. Vielleicht ist ja gerade diese Leere ein Platzhalter, dass hier etwas sein könnte? Religiös gesprochen: Vielleicht ist der abwesende Gott durch seine Abwesenheit anwesend? Wichtig bleibt doch: Gott zeichnet sich dadurch aus, dass er abwesend scheint, und so ist Gott auch nicht zu beweisen und vor allen Dingen nur bedingt darstellbar. Die Leere mit zwei „e“ stellt ihn vielleicht am sichersten dar. Und gleichzeitig geht es auch bei diesen beiden leeren sakralen Kunstgegenständen darum: „Dafür zu sorgen, dass hier zu sein genügt.“ Und sei es nur am Ort der Leere.

Musik IV: Modest Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, Promenade

Zwei Leere Gefäße als Hinweis auf die Anwesenheit Gottes in der Abwesenheit. Klingt komisch ist aber so. Bemerkenswert ist auch, was noch in dem Museumsraum mit den beiden leeren sakralen Gefäßen gezeigt wird. Sie sind umgeben von Postkarten des Künstlers Lutz Fritsch. Eben jenes Künstlers, der auch schon die rote Landmarke im Innenhof des Museums gestaltet hat. Auf die Fotoseite der Postkarten hat Fritsch mit einer roten senkrechten Linie, scheinbar willkürlich wiederum rote Landmarken gesetzt. Jede einzelne Karte erzählt mir, dass es an allen noch so verschiedenen Orten auf der Welt möglich ist, diese Erfahrung zu machen: „an Ort und Stelle“ zu sein. Die Erfahrung, hier zu sein, also präsent zu sein, ist überall möglich. Und wie ein Ausrufezeichen tragen alle diese Postkarten von Lutz Fritsch auch einen Titel: „Postkarten lügen nicht.“

In der Idee des Künstlers stimmt das ja auch. An allen Orten geht es darum, ins Hier und Jetzt zu kommen. Alle gesetzten Landmarken markieren einen beliebigen Ort, an dem das Hier und Jetzt verortet ist. Und ich würde noch einen Schritt weitergehen: Es geht darum, dass an jedem beliebigen Ort, an dem ich bin, ich mir bewusst mach kann: Hier und jetzt bist du präsent. Plötzlich fallen mir weitere Orte ein, an denen es mir genügte, einfach da zu sein: Da ist noch aus dem letzten Urlaub die Erinnerung an den Blick auf das offene Meer. Oder mein Lieblingsort am See, wo ich stundenlang saß und das Wasser beobachtete. Es gibt verschiedene Klöster, die für mich wichtig geworden sind, Orte die mich in die Tiefe des Gebets und der Kontemplation geführt haben. Das sind aber auch verschiedene Küchentische mit guten und tiefen Gesprächen, mit leckerem Essen und tollen Freundinnen und Freunden.

Mir selbst kommt da auch noch eine Postkarte in den Sinn. Es ist eine Postkarte die mich schon lange begleitet und die ich gerne zu den Postkarten von Lutz Fritsch dazustellen würde, denn sie hat auch mit der Erfahrung von Präsenz zu tun und mit der Möglichkeit Gott zu erfahren. Es ist eine Weihnachtspostkarte. Darauf klebt ein Spiegel und darunter steht der Satz: „Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegengehen.“ Dieser Satz stammt von Bernhard von Clairvaux, einem Mönch des 12. Jahrhunderts. Der gesamte Text aus dem hier zitiert ist lautet:

„Du musst nicht über Meere reisen, musst keine Wolken durchstoßen und du musst nicht die Alpen überqueren. Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit. Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegengehen.“

Musik V: Modest Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, Promenade

„Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegengehen.“ Das meint für mich Advent. Und der hat für mich im Museum Kolumba begonnen. Denn ich suche Gott an den unterschiedlichsten Orten. An den scheinbar offensichtlichsten Orten finde ich ihn manchmal gar nicht, wie im Kölner Dom. Dann aber plötzlich hier im Museum. Und dafür brauchte es diesmal eigentlich nur eine rote Landmarke und den einen Satz: „Dafür zu sorgen, dass hier zu sein genügt.“ Präsenz als Erfahrung meiner selbst und vielleicht auch als Erfahrung Gottes in mir. Im Museum Kolumba habe ich das mal wieder verstanden. Ich habe den Impuls bekommen: wo sind Orte, die mich motivieren einfach „an Ort und Stelle“ zu sein. Wo komme ich zu mir selbst? Dabei genügt es dafür zu sorgen einfach hier zu sein. Denn das ist für mich der tiefere Sinn des Advents. Es braucht einen Ort zum Ankommen. Und das fängt bei mir an. Bei mir selbst ankommen. Und dann, kann ich meinem Gott auch bei mir selbst begegnen. Wie gesagt, das ist nicht machbar. Gott bleibt unverfügbar. Gleichzeitig vertraue ich darauf, dass Gott so viel Lust auf Begegnung hat, dass er jede und jeden immer wieder ganz kreativ zu sich selbst und damit auch in die Begegnung mit ihm lockt. Die Orte dafür sind so vielfältig wie wir Menschen.

Musik VI: Modest Mussorgskij: Bilder einer Ausstellung, Promenade

Wo auch immer. Hier zu sein genügt – und eine Haltung, die mit dem Hier und jetzt rechnet sorgt schon dafür. Eine gute Zeit im Advent wünscht Ihnen Stefan Wiesel aus Essen.

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