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Kirche in WDR 5 | 23.11.2022 | 06:55 Uhr

Abschiedsrituale

Ich habe das Bild noch genau vor Augen, als wäre es gestern gewesen: Ich hatte in meiner Tätigkeit als Polizeiseelsorger eine Trauerfeier für einen Polizeibeamten zu leiten, der mit 60 Jahren plötzlich gestorben war. Er hinterließ eine Ehefrau und zwei erwachsene Kinder. Die Anteilnahme war riesig; nur ein Teil der Trauergäste passte in die Kirche. Darin und auf dem Kirchplatz hatten sich einige Hundert Beamte und Beamtinnen versammelt, die meisten in Uniform. Schon das war ein beeindruckender Anblick, der mir Tränen in die Augen trieb. Dazu kamen natürlich Angehörige, Freunde und Bekannte des Verstorbenen.

Die Familie wollte bei der Beisetzung auf dem Friedhof unter sich sein. Deshalb war für alle anderen vorher in der Trauerfeier Gelegenheit, sich zu verabschieden. Als kleines Ritual der Verabschiedung gab es für alle Anwesenden die Möglichkeit, ein Teelicht anzuzünden und dieses neben das Bild des Verstorbenen auf die Altarstufen zu stellen. So wie Trauergäste sonst auf dem Friedhof vor dem Grab des oder der Verstorbenen einen Moment innehalten, so geschah das hier vor der Urne und dem Foto. In einer endlos scheinenden Prozession kamen die Menschen nach vorne, blieben mit einem brennenden Teelicht in der Hand vor der Urne stehen, verbeugten sich und stellten es dann auf die Stufe. Schließlich brannten ein paar Hundert kleine Kerzen dort und tauchten die Kirche in ein warmes, gelbes Licht. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Weil jedes einzelne dieser kleinen Lichter für eine Person stand, die mit dem Verstorbenen verbunden war. Jedes einzelne Licht drückte aus: „Du warst mir wichtig. Du fehlst.“ Wenn ich sehe, dass eine so große Gemeinschaft hinter einem Menschen steht, dann berührt mich das. – Ich bin überzeugt: Diese Anteilnahme tat der Familie des Verstorbenen gut. Dass so viele Kolleginnen und Kollegen zur Trauerfeier kamen, zeigte nämlich, dass der Ehemann und Vater auch im Kollegenkreis geschätzt und beliebt war.

Und umgekehrt: Auch für die vielen Polizisten und Polizistinnen und andere Bekannte war die Feier wichtig. Denn sie konnten mit eigenen Augen an der Urne sehen, dass der Kollege nicht mehr lebte, und es so besser begreifen. Mit dem Anzünden der Kerze hatten sie etwas in der Hand und konnten also was tun. Das hilft ein wenig gegen das Gefühl der Ohnmacht angesichts des Todes. Manche berührten bei dieser Gelegenheit auch die Urne oder streichelten sie sanft.

Ich finde Rituale wichtig, gerade bei Beerdigungen. Sie helfen zu begreifen, was kaum zu begreifen ist: dass ein Mensch einfach nicht mehr da ist. Dass ich loslassen muss. Rituale können mich aus meiner Ohnmacht herausholen. Denn ich kann etwas tun und bin nicht zur Passivität verurteilt. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Ich kann einen Brief schreiben und ihn ins Grab werfen. Oder einen anderen Gegenstand, der mich mit dem oder der Verstorbenen verbindet: ein Kartenspiel, eine Schachtel Zigaretten zum Beispiel. Mit so einem Ritual wird mir nochmal deutlich: der Verstorbene gehörte zu meinem Leben, ich hatte eine Beziehung zu ihm. Und die ist jetzt so nicht mehr möglich. Endgültig. Für immer.

Ich erlebe außerdem immer wieder, dass es den Angehörigen gut tut, wenn sie von anderen getragen sind in diesen schweren Stunden, wenn sie also nicht allein sind. Dass zu einer Beerdigung Freunde und Freundinnen kommen, Bekannte, Kollegen und Kolleginnen, das zeigt den engsten Angehörigen, dass der verstorbene Mensch auch für andere wichtig war. Dass auch andere ihn gemocht, geliebt haben. Und das tut gut.

Nein, Beerdigungen sind nicht schön. Ich gehe ungern dahin, aber ich gehe, wenn ich die Angehörigen kenne. Weil ich ihre Trauer mittragen möchte. Und weil ich Teil der Gemeinschaft sein möchte, die den oder die Verstorbene loslässt. Nur für eine Zeitspanne übrigens. Denn ich bin überzeugt, nach meinem Tod bin ich wieder mit ihnen zusammen dort im Himmel.

Herzlich grüßt Pastoralreferent Martin Dautzenberg.




































































































Jesus überspielt seine Wunden nicht. Er tut nicht so, als sei alles in Ordnung. Doch bevor er ihnen seine Wunden zeigt, sagt er: „Friede!“ Vielleicht sagt er dieses weitende Wort „Friede“ zugleich sich selbst und den anderen. Er öffnet sich, er zeigt sich. So haben auch die anderen die Chance, sich zu öffnen, genauer hinzusehen, sich der Realität ihrer eigenen Wunden und ihres eigenen Anteils an der gemeinsamen Geschichte zu stellen.

Den Weg zum anderen finde ich nur durch die enge Tür meines eigenen Lebens. Nur wenn ich mich selbst gut wahrnehme, kann ich auch andere gut wahrnehmen. In dem Maße wie ich mich selbst verstehe, lerne ich zugleich, andere zu verstehen.

Dank der ruhigen Begegnung mit den Wunden Jesu und ihrem eigenen Anteil freuen sich die Jünger, Jesus wiederzusehen. Und zur Bekräftigung sagt Jesus noch einmal: „Friede mit euch!“ (Vgl. Joh 20,19-21)





























Max Frisch prägt in einem seiner Tagebücher für diese Haltung ein treffendes Bild: Dem anderen die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen ins Gesicht schlagen, sondern wie einen Mantel hinhalten – zum Anziehen!

So können Wunden zu Erkennungszeichen und zu Verbindungszeichen einer innigen Beziehung werden – genau in dem Maß, wie es ein Wachsen in gegenseitiger Sensibilität und Achtung gibt!

Gott, je klarer ich mich selbst erkenne, desto klarer erkenne ich die anderen. Und je tiefer ich mich selbst verstehen lerne, desto tiefer lerne ich die anderen verstehen. In der Bibel lese ich: „Liebe den anderen, denn er ist wie du.“[1] Hilf mir, gerade in belastenden Situationen anderen verbunden zu bleiben. So kann ich wachsen – mit ihnen gemeinsam.

Aus Aachen grüßt Sie

Spiritual Georg Lauscher

[1] Übersetzung nach Martin Buber

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