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Kirche in WDR 5 | 25.11.2022 | 06:55 Uhr

Kraftorte

Vor ein paar Wochen habe ich einen Kraftraum besucht. Nein, kein Fitnessstudio. Dieser Kraftraum hatte die nur Größe eines Klassenzimmers und war spärlich beleuchtet. Der Boden war mit Sand bedeckt, an den vier Wänden Fototapeten in kräftigen Farben, die die vier Elemente abbildeten: Erde, Wasser, Feuer, Luft. Es gab ein paar Hocker zum sitzen und Videowürfel mit wechselnden Fotos. Im Hintergrund leise Musik.

Dieser Kraftraum befindet sich in einem Ausbildungszentrum der Polizei NRW. Als Polizeiseelsorger hatte ich eine Gruppe von Beamtinnen und Beamten dorthin begleitet. Polizistinnen und Polizisten sind durch ihren Beruf oft stark belastet, körperlich und psychisch. Um sie für ihren Dienst zu stärken, wurde dieser Kraftraum eingerichtet. Es geht darum, hier über eigene Kraftquellen nachzudenken und sie zu aktivieren. Ich denke ja: jede und jeder braucht Rückzugsorte, Oasen, eben Krafträume.

Trotzdem bleibe ich noch einmal bei dem Kraftraum im Ausbildungszentrum der Polizei. Die Videoinstallationen dort zeigen Fotos mit Stichworten, die mich zum Nachdenken bringen und Träume und Assoziationen auslösen. Eine Fotoserie zeigt verschiedene körperliche oder sportliche Aktivitäten wie zum Beispiel: Wellenreiten, Joggen, Wandern, Wasserskifahren, Mountainbiken. Das triggert mich an: Wenn ich meinen Körper in Bewegung bringe, Herz und Kreislauf fordere, bis der Puls rast, dann tut mir das gut. Denn ich spüre intensiv, dass ich lebe, dass ich mich belasten kann. Wie schön fühlt sich danach die Erschöpfung an! Ich gebe zu, meistens geht es etwas langsamer zu, beim Wandern, oder wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Und auch dabei spüre ich das Leben, atme tief durch, merke, wie die Luft meine Lunge füllt. Und rieche jetzt im Herbst den würzigen, etwas modrigen Duft der verwelkten Blätter. Bewegung und Natur sind für mich Energiequellen. Und der Bildraum erinnert mich an all das.

Eine andere Installation in dem Kraftraum der Polizei steht unter dem Thema „Beziehungen“. Paare sieht man dort und Gruppen von Menschen, die sich anschauen und miteinander reden. Und wieder löst das Assoziationen aus, die mir klar machen, wie existenziell wichtig Beziehungen für mich sind: Wenn ich spüre, dass ich geliebt werde von meiner Partnerin, von meinen Kindern, dann macht mich das stark, und ich merke: Ich bin wertvoll. Und von Verwandten, Freunden und Kolleginnen gemocht und geschätzt zu werden, auch das gibt mir Energie zum Leben. Ich muss mich nur daran erinnern.

Schließlich gibt es in diesem Raum eine Fotoserie zu Spiritualität. Und das hat mich echt überrascht! Polizei ist ja keine christliche Organisation, und dennoch scheint den Verantwortlichen Spiritualität eine Kraftquelle für den Alltag zu sein. „Beten“ steht z.B. auf dem Foto, das eine einzelne Person zeigt.

Ich sehe diese Bilder als Einladung, über den eigenen Glauben, die eigene Spiritualität nachzudenken. Und diese als Energie, als Oase zu entdecken.

Wenn ich darüber nachdenke, welche dieser Kraftquellen die wichtigste ist, höre ich mich sagen: Für mich als Seelsorger wird das ja wohl die Spiritualität, der christliche Glaube sein. Aber, wenn ich ehrlich bin: Nein. Kann ich so nicht sagen. Meine Energietankstellen im Alltag sind wohl mehr die anderen Erfahrungen: bedingungslos geliebt werden, Natur erfahren, Leben spüren.

Allerdings ist es ja vielleicht so: Mein Glaube gehört zu allem dazu: als Klammer oder als Rahmen. Weil Menschen mich lieben, weil ich in der Natur Leben spüre, weil ich mich selbst lebendig fühle, deshalb glaube ich: Dahinter steckt Gott, der die Welt geschaffen hat, der uns Menschen Gutes will. Und deshalb bin ich ihm schließlich dankbar, denn für mich sind Leben und Liebe seine Geschenke.

So fühle ich mich auch von Gott geliebt. Er ist sozusagen der Kraftraum hinter den anderen Krafträumen. Welches ist denn Ihr Kraftraum?

Herzliche Grüße aus Hattingen: Martin Dautzenberg, Polizeiseelsorger




































































































Jesus überspielt seine Wunden nicht. Er tut nicht so, als sei alles in Ordnung. Doch bevor er ihnen seine Wunden zeigt, sagt er: „Friede!“ Vielleicht sagt er dieses weitende Wort „Friede“ zugleich sich selbst und den anderen. Er öffnet sich, er zeigt sich. So haben auch die anderen die Chance, sich zu öffnen, genauer hinzusehen, sich der Realität ihrer eigenen Wunden und ihres eigenen Anteils an der gemeinsamen Geschichte zu stellen.

Den Weg zum anderen finde ich nur durch die enge Tür meines eigenen Lebens. Nur wenn ich mich selbst gut wahrnehme, kann ich auch andere gut wahrnehmen. In dem Maße wie ich mich selbst verstehe, lerne ich zugleich, andere zu verstehen.

Dank der ruhigen Begegnung mit den Wunden Jesu und ihrem eigenen Anteil freuen sich die Jünger, Jesus wiederzusehen. Und zur Bekräftigung sagt Jesus noch einmal: „Friede mit euch!“ (Vgl. Joh 20,19-21)





























Max Frisch prägt in einem seiner Tagebücher für diese Haltung ein treffendes Bild: Dem anderen die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen ins Gesicht schlagen, sondern wie einen Mantel hinhalten – zum Anziehen!

So können Wunden zu Erkennungszeichen und zu Verbindungszeichen einer innigen Beziehung werden – genau in dem Maß, wie es ein Wachsen in gegenseitiger Sensibilität und Achtung gibt!

Gott, je klarer ich mich selbst erkenne, desto klarer erkenne ich die anderen. Und je tiefer ich mich selbst verstehen lerne, desto tiefer lerne ich die anderen verstehen. In der Bibel lese ich: „Liebe den anderen, denn er ist wie du.“[1] Hilf mir, gerade in belastenden Situationen anderen verbunden zu bleiben. So kann ich wachsen – mit ihnen gemeinsam.

Aus Aachen grüßt Sie

Spiritual Georg Lauscher

[1] Übersetzung nach Martin Buber

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