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Das Geistliche Wort | 07.07.2024 | 08:40 Uhr

„Das ist doch nur der Zimmermann…“

Guten Morgen!

Zuhause, das ist ein Wort, das bei mir sofort viele Bilder und Emotionen auslöst.

Für mich sind die meisten davon positiv. Zuhause steht für unbeschwerte Kindheit, für eine Zeit, in der alles noch einfach war und ich mir noch nicht viele Sorgen machen musste. Nach so einem Zuhause sehne ich mich gerne zurück. Denn zu Hause, das sind meine Wurzeln, das ist der saarländische Dialekt, mit dem ich aufgewachsen bin und der manchmal immer noch durchkommt, das ist das gute Essen „dehämm“, das ist wie der heimatliche Hafen, in den ich immer wieder gerne zurückkehre, um aufzutanken. Zuhause ist Zuflucht und Vertrautheit.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Zuhause ist auch die Welt, die mir zunächst einmal vorgegeben war, in die ich hineingeboren wurde, ohne Einfluss darauf gehabt zu haben. Niemand hat mich gefragt, ob es mir passt oder nicht, so zu leben. Aber diese Frage, ob mir das passt und welche eigenen Ziele und Träume ich habe, die kam natürlich irgendwann. Und damit begann der allmähliche Abschied, die Loslösung von Zuhause. Um zu verstehen, was ich selbst eigentlich will und wer ich bin, brauchte ich Freiheit und Abstand. Das war und ist für mich manchmal auch schmerzhaft gewesen. Aber es gehört zum Erwachsenwerden einfach dazu.

Leider funktioniert das nicht immer. Manchmal wird diese Entwicklung erschwert, Freiheiten unnötig eingeschränkt durch Eltern oder Familie. Dann kann das Zuhause zu einem Gefängnis, manchmal sogar zu einem Ort der Bedrohung werden. Und dann muss es irgendwann einmal zum Bruch kommen, sozusagen zum Ausbruch.

Es gibt unzählige berühmte Geschichten darüber, wie Menschen sich aus ihrem Zuhause lösen. Mir fällt als erstes Harry Potter ein, der aus dem Haus seines Onkels und seiner Tante fliehen musste – sonst wäre er nie ein Zauberer geworden. Aber es gibt auch andere Helden. Forrest Gump zum Beispiel aus dem gleichnamigen Kinofilm. Auch er verlässt sein Zuhause, lernt dabei mehr oder weniger die ganze Welt kennen, kommt allerdings auch immer wieder zurück, ins Haus seiner Mutter. Es ist und bleibt sein Ankerpunkt, sein sicherer Hafen.

Musik 1: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), Comptine d’un autre été, l’aprés-midi


Wie auch immer man das eigene Zuhause sieht – ob gute oder schlechte Erinnerungen überwiegen – es ist selten ein Ort, der einen kalt lässt. Das Zuhause prägt, in welcher Form auch immer, denn ich kann meine Wurzeln nicht abschneiden. Das gilt für jeden Menschen – sogar für Jesus, den Sohn Gottes. Davon erzählt ein Abschnitt aus dem Markusevangelium, der heute in den katholischen Gottesdiensten verlesen wird. Für mich ist es einer der bemerkenswertesten Texte der Bibel. Da heißt es (Mk 6,1b-6):

Sprecher:

In jener Zeit kam Jesus in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach.

Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?

Und sie nahmen Anstoß an ihm.

Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.

Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben.

Und Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort.

Musik 2: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), Comptine d’un autre été, l’aprés-midi


Ich liebe diesen Text über Jesus, der nach Hause kommt in seine Heimat und nicht angenommen wird. In dieser Situation ist er mir ganz nahe. Er teilt das volle menschliche Leben mit mir. Er muss mit Dingen umgehen, mit denen ich auch umgehen muss. Zum Beispiel, eine Familie zu haben, die er sich nicht ausgesucht hat. Das zeigt mir die menschliche Seite Jesu – auch wenn er Gottes Sohn ist.

Und so begegnet er seiner Verwandtschaft, vielleicht auch ehemaligen Nachbarn, die ihn noch von früher kennen. Und für diese – zumindest für die meisten von ihnen – bleibt er offenbar einfach immer nur der Jesus von nebenan, einer von ihnen, ganz egal, welche klugen Worte er jetzt spricht, ganz egal, welche erstaunlichen Dinge er jetzt tut. Man kann es sich richtig vorstellen: Das ist doch nur der Zimmermann! Und es klingt der Vorwurf mit: Was hat der uns schon zu sagen? Wie kommt er überhaupt dazu, uns belehren zu wollen?

Jesus kann tun, was er will, er kommt aus der alten kindlichen Rolle nicht heraus. Und kommt daher auch nicht an. Diese Erfahrung triggert ihn offenbar so sehr, dass er an seine Grenzen stößt, denn: „Er konnte dort keine Machttat tun“, so heißt es jedenfalls im Evangelium.

Ich finde das bemerkenswert. Es ist hier nicht das einzige und erste Mal, dass Jesus Ablehnung erfährt. Im Markusevangelium wird vorher schon berichtet, dass Menschen Anstoß an ihm nahmen. Die Schriftgelehrten zum Beispiel kritisieren ihn (Mk 2,16): Er isst mit Sündern und Zöllnern. Oder sie bemängeln, dass seine Jünger am Sabbat Ähren abreißen, was doch verboten ist (Mk 2,24). Immer kann Jesus souverän damit umgehen, lässt sich nicht verunsichern.

Aber hier, in seiner Heimat, bremst ihn die Ablehnung durch seine Verwandten plötzlich aus. Hier kann er nichts mehr tun. Vielleicht schmerzt es mehr, von den eigenen Verwandten verkannt zu werden als von anderen Menschen – und seien diese noch so mächtig wie die Schriftgelehrten.

Musik 3: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), La valse d’Amélie (Version piano)


Keine Frage: Was einen Menschen prägt, hängt ganz stark ab vom eigenen zu Hause. Was einen Menschen ausmacht, das entscheidet sich nicht zuletzt in den frühen Kinderjahren und durch das engste Umfeld. Und die Auseinandersetzung damit, was einem von Kindesbeinen an mitgegeben wurde, ist ja ein langer und oft auch dramatischer Prozess des Erwachsenwerdens: Ich sage nur Pubertät und Emanzipation. Aber beides ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung und gehört natürlich zum Leben dazu.

Nur steht leider nichts darüber in der Bibel, wie Jesus da so durchgekommen ist. Aber eins steht sicher fest: Auseinandersetzungen in der Familie sind viel intimer und deshalb oft viel schmerzhafter als die Auseinandersetzung mit den Normen, die Staat, Gesellschaft oder Religion vorgeben. Aber wie schmerzhaft ist es erst dann, wenn man sich als erwachsener Mensch vor seiner Familie rechtfertigen muss, weil man so, wie man ist, abgelehnt wird?

Und so, vermute ich, wird Jesus die Ablehnung zu Hause viel mehr getroffen haben als die Ablehnung durch die Schriftgelehrten. Ich stelle mir vor, dass sich Jesus vor der Ablehnung durch die Mehrheit seiner Verwandten plötzlich wieder wie der kleine Junge vorkam, der er einmal war. Wie der, den die anderen offenbar immer noch in ihm sehen – völlig die Tatsache ignorierend, dass er inzwischen erwachsen und damit auch ein anderer geworden ist. Dass er einen Lebensweg beschritten hat, der ihn vom Leben eines Zimmermanns in Nazareth weggeführt hat und ein machtvoller Prediger werden ließ. Dass er ein anderer geworden ist und deshalb natürlich anders redet und handelt als er es früher getan hat.

Stattdessen behandeln ihn seine Angehörigen so, als ob es keine Entwicklung, keine Veränderung gegeben hat. Ich vermute einmal: Diese Ignoranz trifft ihn mitten ins Herz. Sie kränkt ihn, da bin ich mir ziemlich sicher, und zwar so sehr, dass es ihm unmöglich ist, Machttaten zu vollbringen. Dort, wo man ihn nicht kennt, da kann er es.

Musik 4: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), La valse d’Amélie (Version piano)


Die Erzählung von der Ablehnung Jesu in seiner Heimat hat eine Vorgeschichte. Schon vor der Begebenheit, von der das heutige Evangelium erzählt, gibt es andere Hinweise, dass Jesus und seine Familie sich voneinander entfremden.

Einmal heißt es im Markusevangelium (vgl. Mk 3,20f): „Er ist nicht bei Sinnen.“ Und deshalb wollen seine Angehörigen ihn sogar mit Gewalt aus einer Menschenmenge herausholen. Auch das zeigt ja schon: Sie können überhaupt nicht umgehen mit dem, was Jesus tut und sagt, halten es für eine absolute Verrücktheit, wollen ihn zum Schweigen bringen, ihn vor der Öffentlichkeit verbergen. Vielleicht haben sie ja auch Angst davor, ihren eigenen guten Ruf zu verlieren?

Und nur wenige Verse später im Markusevangelium verweigert Jesus die Begegnung mit seiner Mutter und seinen Brüdern – das liest sich für mich fast wie eine Retourkutsche. Er erklärt es mit dem Hinweis (Mk 3, 35): „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Mit anderen Worten: Jesus hat für sich schon eine andere Familie ausgemacht.

Musik 5: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), La valse d’Amélie (Version piano)


So, wie Jesus also neue Familienbande ausmacht, ist es eigentlich kein Wunder, dass er zu Hause in Nazareth nicht mit offenen Armen empfangen wird. Denn Jesus hat inzwischen eine andere Familie, der er sich zugehörig fühlt. Er sieht sie in jenen Frauen und Männern, die ihm zuhören, ihm glauben und ihm nachfolgen. Noch wichtiger dürfte für ihn jedoch Gott selbst sein, den er ja Vater nennt – zu dem er also ebenfalls eine familiäre Beziehung hat.

Diese einzigartige Gottesbeziehung muss es schon vor seinem öffentlichen Auftreten gegeben haben. Da spricht er als Kind schon davon, im Tempel Gottes sein zu müssen, weil es das Haus seines Vaters ist (vgl. Lk 2,49). Ich stelle mir vor, dass Jesus die Nähe zu Gott so stark gespürt hat, dass es für ihn keinen anderen Vater mehr geben konnte. Jesus fühlte, dachte und lebte voll und ganz als Sohn dieses Vaters ihm Himmel, ließ sich ganz davon bestimmen – und das entfremdete ihn von seiner Familie in Nazareth. Umgekehrt muss das für seine Familie natürlich schwer zu verstehen und zu akzeptieren gewesen sein.

Und dennoch: Jesus, der Sohn Gottes, bleibt voll und ganz Mensch. Und deshalb beeinflusst ihn die Ablehnung seiner Angehörigen aus Nazareth, mehr noch, er leidet darunter. Auch er will akzeptiert werden von den Menschen, bei denen er aufgewachsen ist. Und als er mehrheitlich nicht akzeptiert wird, fühlt er sich machtlos. Er geht seinen Weg weiter, lehrt in den benachbarten Dörfern, wo er sein darf, wie und wer er ist.

Musik 6: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), La maison


Wie schon gesagt: Ich fühle mich Jesus sehr nahe aufgrund seiner menschlichen Erfahrung, die er mit seiner Familie und seinen Angehörigen gemacht hat. Denn auch ich kann davon erzählen, dass ich zu Hause immer noch manchmal in die Rolle des Kindes gerate, das ich einmal war. Ich kehre gerne in den vertrauten heimatlichen Hafen zurück. Aber ich erlebe dort auch, wie die eigenständige Persönlichkeit, zu der ich doch geworden bin, schnell an Konturen verliert. Also die Person, die sich weiterentwickelt hat und inzwischen auf eigenen Füßen steht – mit eigenen Zielen, Haltungen, Meinungen, Ideen. Und mit einer eigenen Geschichte, die weit über die Kindheit hinausgewachsen ist.

Auch wenn es meine Familie und meine Verwandten nicht so meinen: So etwas trifft mich in meinem Selbstverständnis. Ich fühle mich unwohl in den Situationen, in denen ich plötzlich wieder als „das Kind“ gesehen werde. Und ich fühle mich ohnmächtig – so wie Jesus, auch wenn ich zum Glück keine „Machttaten“ zu vollbringen habe wie er.

Allerdings finde ich in ihm einen wichtigen Verbündeten für solche Erfahrungen. Denn Jesus ist da für mich wie ein Bruder, der mir zur Seite steht auf dem Weg zu mir selbst. Er bestärkt mich immer wieder neu, ich selbst zu bleiben. Das ist eine Facette, die neu für mich ist: Jesus ist weniger der Sohn Gottes, der Messias, der Wundertäter, der Lehrer, der weit über mir thront. Er ist wahrer Mensch, der diesen Weg auch gegangen ist und ähnliche Kämpfe ausgefochten hat, wie ich sie kenne, Niederlagen inklusive. Und das gilt nicht nur für mich: Jesus steht als Bruder allen zur Seite, die ihre Ziele und Träume leben wollen und dafür kämpfen – auch gegen Widerstände.

Ich bin Einzelkind, habe keine Geschwister, habe also auch keinen großen Bruder. Aber vielleicht habe ich ihn mit Jesus ja doch. Diese geschwisterliche Erfahrung wünsche ich allen, die sich auf ihrem Lebensweg von den vielfältigsten Rollen emanzipieren müssen.


Ihre Claudia Nieser aus Paderborn


Musik 7: Yann Tiersen, Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie), La maison




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