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Choralandacht | 19.12.2020 | 07:50 Uhr

„Auf, auf ihr Christen alle“ (eg 536)

Musik 1: Auf, auf ihr Christen alle (eg 536), Komponist: Thomas Selle, Johann Caspar Bachofen, Texter: Johann Rist; Album: Mit allen Sinnen erleben, Interpret: Chor und Bläser der Hochschule für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche von Westfalen, Leitung: Hildebrand Haake, Verlag: Verlagsgemeinschaft für das Evangelische Gesangbuch (RWL), LC-Nr.: unbekannt, Label: unbekannt, Best.-Nr.: Luther-Verlag 1006-7, EAN: unbekannt. 

 

Sprecher (overvoice): Auf, auf, ihr Christen alle, eur König kommt heran! Empfanget ihn mit Schalle, den großen Wundermann. Ihr Christen, geht herfür, lasst uns vor allen Dingen ihm Hosianna singen mit heiliger Begier.

 

Autor: Es war eine Massenveranstaltung, wie es sie heute in Corona-Zeiten nicht geben dürfte: Die Ankunft von Jesus Christus in Jerusalem. Er reitet auf einem Esel in die Stadt. Die Leute legen ihre Umhänge und Zweige von Palmen auf die Straße, damit der Esel sich nicht die Hufe schmutzig macht. Die Masse jubelt und ruft Hosianna. Ein Ereignis, das niemand verpassen will. Wie der Triumphzug eines römischen Kaisers nach gewonnener Schlacht. Plant dieser Jesus den Umsturz? Kommt er auf den Thron? Viele setzen große Hoffnungen auf ihn. Oder sie suchen einfach dieses besondere Gefühl: das Gefühl, zu den Erfolgreichen zu gehören.

 

Musik 1: Auf, auf ihr Christen alle (eg 536)

 

Sprecher (overvoice): Auf, ihr betrübten Herzen, der König ist gar nah; hinweg all Angst und Schmerzen, der Helfer ist schon da.

 

Autor: Die Menschen, die dieses Lied zuerst gesungen haben, erwarteten kaum noch etwas Gutes von Heerführern und Staatslenkern. Als der Pastor und Poet Johann Rist 1651 das Lied veröffentlicht, ist der dreißigjährige Krieg gerade einmal 3 Jahre vorüber. Der Westfälische Friede soll eine Epoche von Grausamkeit und Leid beenden. Doch in Wedel, nördlich von Hamburg, tobt der Krieg weiter. Die Gemeinde, in der Johann Rist den Menschen predigt, steht unter der Herrschaft des dänischen Königs, und der kämpft noch gegen die Könige Skandinaviens.

Johann Rist besingt einen anderen König. Der ist auf keinem Schlachtfeld zu finden.

 

Musik 1: Auf, auf ihr Christen alle (eg 536) 

 

Sprecher (overvoice): Seht, wie so mancher Ort hochtröstlich ist zu nennen, da wir ihn finden können in Nachtmahl, Tauf und Wort.

 

Autor: Diesen König finde ich bis heute in den Sakramenten, in der Taufe und im Abendmahl, ich erfahre seine Nähe in seinem Wort, wie es in der Bibel steht und wie es auch Johann Rist Sonntag für Sonntag von seiner Kanzel gepredigt hat.

Johann Rist ließ nie eines seiner Lieder in der eigenen Kirche singen. Dazu war zu bescheiden. Dabei war er als Dichter in seiner Zeit durchaus dem heute viel bekannteren Paul Gerhardt ebenbürtig. Er schrieb Theaterstücke, die sich immer wieder mit der Sehnsucht nach Frieden befassen. Für seine Poesie wurde er sogar geadelt.

Doch er nahm es dankbar an, dass Thomas Selle im nahe gelegenen Hamburg Melodien zu seinen Liedern schrieb. Jahrzehnte später vertonte der Schweizer Johann Caspar Bachofen dieses Lied, das zeitweise auch gerne zu der Melodie „Aus meines Herzens Grunde“ gesungen wurde.

 

Musik 2: Aus Meines Herzens Grunde (eg 443 instrumental) von CD: Klingendes Gesangbuch - Der gute Tag. Komponist: 16. Jh.; geistlich vor 1598, Texter: instrumental, Hersteller: Medienservice B. & A. Dietrich, EAN: 9783981031362

Sprecher (overvoice): Auf, auf, ihr Vielgeplagten, der König ist nicht fern. Seid fröhlich, ihr Verzagten, dort kommt der Morgenstern. Der Herr will in der Not mit reichem Trost euch speisen, er will euch Hilf erweisen, ja dämpfen gar den Tod.

 

Autor: Drei Jahrzehnte lang drangsalieren Soldaten die Bevölkerung, verlangen Nahrung und leben auf ihre Kosten. Und zu allem Unglück verwüstet im Jahr des Friedensschlusses ein schwerer Sturm die Dörfer. Kirchen stürzen ein und Krankheiten breiten sich aus. Die Menschen brauchen nicht nur körperliche Hilfe, sie brauchen eine Hoffnung über den schnellen Tod hinaus. Für Johann Rist kann nur Jesus Christus diese Hilfe ermöglichen. Dieser König verspricht Heilung für Körper und Geist.

Johann Rist bezeugt das mit Rat und Tat seiner Gemeinde. Neben Theologie hat er auch Medizin studiert. In seinem Garten pflanzt er Kräuter und mixt sie in seinem Haus zusammen. Wie manch andere Pfarrer seiner Zeit, betrachtet er die Sorge um die leibliche Gesundheit seiner Gemeinde als Teil seines Berufes.

Er entwickelt eigene Heilmittel und kümmert sich besonders um die, die es sich nicht leisten können, eine Arztrechnung zu bezahlen.

 

Musik 2: Aus Meines Herzens Grunde (eg 443 instrumental Orgel+Trompete)

 

Sprecher (overvoice): Frischauf in Gott, ihr Armen, der König sorgt für euch; er will durch sein Erbarmen euch machen groß und reich. Der an das Tier gedacht, der wird auch euch ernähren; was Menschen nur begehren, das steht in seiner Macht.

Autor: Die praktische Fürsorge für den Mitmenschen betrachtet Rist nicht als eigenen Verdienst. Es ist Jesus Christus, der die Kraft gibt, für Leib und Seele zu sorgen.

Der an das Tier gedacht, der wird auch euch ernähren.

Mit dieser Liedzeile erinnert er an Gedanken von Jesus, geschildert im Matthäus-Evangelium:

 

Sprecher(in): Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

(Mt 6, 26.28-29)

 

Autor: In seinem Garten lässt Johann Rist vielfältige Blumen gedeihen. Sie erinnern ihn daran, dass er selbst die Hilfe Gottes erfahren hat. Als der Feldherr Wallenstein seinen Studienort Rostock belagert, wird Rist von der Pest befallen. Er beschreibt später, dass er durch Gottes Güte und den Fleiß eines sehr erfahrenen Arztes wieder gesund wurde. Er bedankt sich, indem er zu Weihnachten als Student eine Predigt hält. Er nimmt eine Blume aus dem Garten mit auf die Kanzel. Sie blüht trotz der Winterzeit und so zeigt er sie als Symbol für seine Genesung.

Diesen Brauch setzt er später als Pastor in seiner Gemeinde fort. In der Weihnachtszeit schmückt er seine Kirche mit zahlreichen Blüten. Nach der Neujahrspredigt schenkt er sie dann seiner Gemeinde als Zeichen für die Hoffnung auf ein gutes Jahr.

 

Musik 1: Auf, auf ihr Christen alle (eg 536) 

 

Sprecher (overvoice): So lauft mit schnellen Schritten, den König zu besehn, dieweil er kommt geritten stark, herrlich, sanft und schön. Nun tretet all heran, den Heiland zu begrüßen, der alles Kreuz versüßen und uns erlösen kann.

 

Autor: Johann Rist veröffentlicht dieses Lied in seinem Buch „Sabbahtische Seelenlust“. Das Buch bietet zu jedem Sonntagsevangelium eine seiner Dichtungen. Unser Lied „Auf, auf Ihr Christen alle“, eröffnet die Reihe. Rist dichtet damals „Auf, auf Ihr Reichsgenossen!“. Die Verse illustrieren das Evangelium zum ersten Advent: Den Einzug Jesu in Jerusalem.

Dies ist eine Geschichte, die nicht nur im Advent erzählt wird. Auch vor Ostern wird an sie erinnert. Eine große Menschenmenge begrüßt Jesus mit Palmzweigen. Auf einem Esel reitet er in die Stadt. Dennoch führt sein Weg ans Kreuz.

Durch dieses Leiden am Kreuz teilt Jesus das Schicksal vieler Menschen, die ebenfalls Leid erlitten haben. Jesus kann „alles Kreuz versüßen“ so dichtet Johann Rist, und damit spricht er schon die österliche Hoffnung auf die Auferstehung Jesu an. Das Leid hat nicht das letzte Wort. So wird sein Adventslied zu einem umfassenden Glaubensbekenntnis.

 

Musik 1: Auf, auf ihr Christen alle (eg 536)

 

Sprecher (overvoice): Nun, Herr, du gibst uns reichlich, wirst selbst doch arm und schwach; du liebest unvergleichlich, du jagst den Sündern nach. Drum wolln wir all in ein die Stimmen hoch erschwingen, dir Hosianna singen und ewig dankbar sein.

 

 

Quellenangaben:

 

1. Johann Rist’s Leben und Dichten. Johann Rist und seine Zeit. Aus den Quellen dargestellt von Theodor Hansen. Halle 1872. xvi u. 368 S. 8. Nachtrag in der Zeitschrift für deutsche Philologie, 5, 442. https://www.projekt-gutenberg.org/rist/dichdram/chap002.html

zuletzt abgerufen am 03.10.2020

 

2. Sabbahtische Seelenlust.Stern, Lüneburg 1651. 

https://daten.digitale-sammlungen.de/0006/bsb00063162/images/index.html?id=00063162&groesser=&fip=yztswyztseayaxdsydsdasxsyztsw&no=4&seite=6

zuletzt abgerufen am 03.10.2020

 

3. Johann Rist https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Rist zuletzt abgerufen am 03.10.2020

 

4. Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, Band 2, Calwer, Stuttgart, 1990. Johann Rist (1607-1667), S. 44-74.

 

5. Johann Anselm Steiger, "O Ewigkeit, du Donnerwort": zum 400. Geburtstag des Pastors, Dichters und Arztes Johann Rist, Deutsches Pfarrerblatt, Jahrgang: 2007, Band: 107, Heft: 3, Seiten: 128-133

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

 

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