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Das Geistliche Wort | 12.09.2021 | 08:40 Uhr

Vertrauen wagen

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

Der Sommer 2021 wird vielen von uns mit schrecklichen Bildern in Erinnerung bleiben. Ich denke vor allem an die Flutkatastrophe in unserem Land und an die Fluchtszenen in Afghanistan. Als Bischof von Essen habe ich die Flutgebiete in meinem Bistum besucht im märkischen Sauerland. Und als Militärbischof kenne ich die Situation in Afghanistan, wo ich mehre Male deutsche Soldatinnen und Soldaten während ihres Einsatzes besucht habe. Bis heute haben sich mir Bilder von hier wie dort eingeprägt, die mich zutiefst bewegt haben. Und mich bewegt die Frage: Wie kann ich, wie kann unsere Gesellschaft darauf reagieren?

Am 14./ 15. Juli kommt es zu unvorstellbaren Regenfällen und einer traumatisierenden Situation für die Menschen im Ahrtal, Märkischen Sauerland und Hagen, um nur einige Orte dieser Katastrophe zu nennen. Innerhalb weniger Stunden schwellen kleinste Bäche zu großen und reißenden Flüssen an. Von den Bergen und Hängen herunter stürzende Regen- und Geröllmassen überschwemmen Straßen und Häuser. Menschen werden innerhalb weniger Stunden obdachlos. Chaos und Leid sind unvorstellbar – mit mindestens 183 Toten in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz, zerstörten Ortschaften, unterbrochenen Verkehrssysteme, Menschen ohne Wasser und Stromversorgung!

Schnell greift eine riesige Hilfsbereitschaft vieler Menschen: Polizei und Feuerwehr, die Krankenhäuser, die Caritas und Diakonie und viele andere Hilfsorganisationen vor Ort arbeiten mit der betroffenen Bevölkerung und vielen, vielen anderen bis zur Erschöpfung, um zu retten, was zu retten ist. Die Aufräumarbeiten in den überschwemmten Häusern, das Bergen der Toten und Verletzten, das Beseitigen der ungeheuren Massen an Geröll, Müll, Schutt, Schlamm und der ausgetretenen Giftstoffe dauern lange und werden noch viel Zeit brauchen. Was für viele private Wohnungen und Häuser gilt, gilt auch für öffentliche Gebäude, für Schulen, Kindergärten und Kirchen, aber auch für kleine und mittelständische Betriebe, die große Industrie und andere Unternehmen.

Ein unvorstellbares Chaos für die Opfer der Flutkatastrophe. Aber was sich hier mitten im Leid zeigt und auch bewährt, ist das Vertrauen auf die Hilfe anderer. Fast keiner ist allein und wird auch nicht alleingelassen mit seinen großen Nöten. Mögen auch die einen oder anderen bisher nicht die Hilfe erfahren haben, die nötig ist, so ist doch viel Gutes geschehen, um Menschen aus diesem Abgrund von Not und Verzweiflung herauszuholen. Dafür ist Unzähligen zu danken.

Ich selber bin in den Tagen nach der Flutkatastrophe in der am stärksten betroffenen Region des Bistums Essen, im Märkischen Sauerland, unterwegs gewesen. Allen, mit denen ich spreche, steht bei den Gesprächen nicht nur der Schrecken, sondern auch die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Viele sprechen aber auch von der so großen Hilfsbereitschaft und danken. Mein Gedanke in diesem Moment: Wie gut ist es doch, in der Schwäche auf die Kraft anderer vertrauen zu können. Bei einem langen Telefonat mit der Witwe eines bei der Katastrophe ertrunkenen Feuerwehrmanns, bewegt mich ihr Vertrauen auf Gott. Mich berührt sehr, wie sie erzählt: Ihr Mann habe, wie viele andere Feuerwehrleute auch, gerne und selbstverständlich solche Dienste getan, einfach um zu helfen. Das stimmt, denke ich! Von solchem Einsatz leben wir alle!

Gleichzeitig denke ich an die größeren Zusammenhänge, konkret an den Klimawandel. Dabei ist es wichtig, die Ursachen solcher Katastrophen besser zu verstehen und zu bearbeiten. Und das geht nur durch ungeschminktes Schauen auf die Fakten. Fachleute wissen: Ohne die massive Begrenzung des Austritts von Treibhausgasen werden sich viele Auswirkungen des Klimawandels drastisch verschärfen und immer stärkere Extremwetterereignisse unser Leben bestimmen. Es gibt deutliche Alarmsignale, die sich nicht leugnen lassen. Von niemandem! Mir geht es darum: Indizien und Fakten haben stets ein Einspruchsrecht, das nicht per se relativiert oder infrage gestellt werden darf. Wir alle haben bereits erlebt, welche Folgen es hat, wenn dieses Einspruchsrecht übergangen wird und in Politik und Gesellschaft „alternative Fakten“ die Entscheidungsgrundlage bilden. Dann nämlich wird Vertrauen verspielt!

Es gilt dagegen die Wirklichkeit zu sehen, wie sie wirklich ist. Erst faktenbezogen lassen sich Positionen finden, um Zukunft positiv zu gestalten. Darauf vertraue ich, gerade in den Katastrophen des Lebens.

Darin besteht auch eine Aufgabe für die Kirche und alle religiös bestimmten Menschen, zusammen mit allen zivilgesellschaftlichen Akteuren in unserem Land: Vertrauen darf nicht enttäuscht werden, wenn Not und Leid die Menschen bedrängen. Hier gilt es, solidarisch zu sein im Kleinen wie im Großen:

Denn für die Zukunft unserer Welt und unseres Miteinanders tragen wir alle individuell und gesellschaftlich Verantwortung. So ist es z.B. unumgänglich, tiefgreifende und zugleich gerechte ordnungspolitische Maßnahmen für die Bekämpfung des Klimawandels auf den Weg zu bringen. Und dazu kann jede und jeder einen Beitrag leisten: Angefangen vom Umdenken im Konsumverhalten bis hin zum Handeln nach den Maßstäben einer größeren Nachhaltigkeit.

Dabei ist für mich die biblisch motivierte Aufforderung zur „Bewahrung der Schöpfung“ ausschlaggebend. Hier finden sich religiöse Leitgedanken, die alle verstehen können. Gerade weil es um Gerechtigkeit geht zwischen den Generationen und weltweit. Als Christen müssen wir daher immer an der Seite der Benachteiligten und Schutzbedürftigen stehen. Denn Schöpfungsverantwortung ist nie nur eine ökologische, sondern immer auch eine soziale Verantwortung, die Klima- und Umweltschutz mit Gemeinwohl und Nachhaltigkeit verbindet.

Ich bin überzeugt: Vertrauen in unsere Gesellschaft und unser Gemeinwesen bewährt sich in der Bewältigung von großen Katastrophen, wie der Flutkatastrophe im Juli. Dabei ist und bleibt das Gleichgewicht der Schöpfung fragil. Und gerade deswegen müssen wir als Kirche Anwältin der Armen, Schwachen und Benachteiligten und Fürsprecherin für Gottes bedrohte Schöpfung sein. Es geht um Vertrauen in eine nachhaltige Zukunft.

Dieser Sommer wird aber auch wegen anderer Bilder in Erinnerung bleiben. Und zwar wegen der Bilder aus Afghanistan. Die Einnahme des gesamten Landes durch die Taliban innerhalb weniger Wochen nach dem Abzug der ausländischen Truppen und die damit einhergehenden Ängste und existenziellen Nöte der Menschen verdichten sich für mich in einem grauenhaften Bild: Menschen hängen sich in Kabul an startende Flugzeuge und stürzen in den Tod. Sie wollen mitgenommen werden, um nicht der Rachsucht der Eroberer und Sieger anheim zu fallen. All‘ das in einem Land, das schon seit langem ausgeplündert, mit Krieg überzogen und von Zerstörung gekennzeichnet ist.

Mich machen diese Bilder sprachlos. Ich muss an meine Besuche in Afghanistan denken als Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr in den vergangenen Jahren. Soldatinnen und Soldaten habe ich mehrfach getroffen, mit ihnen Gottesdienst gefeiert. Dabei waren mir immer besonders auch deren Familien im Sinn, Zuhause – hier bei uns –, ihre Freunde und Menschen, mit denen sie leben. Darüber hinaus bleiben mir die vielen Frauen und Männer Afghanistans dort vor Ort im Gedächtnis, die meine Wege kreuzten. Ich hatte achtungsvolle Begegnungen mit muslimischen Autoritäten.

Zutiefst berührt bin ich von den afghanischen Frauen und ihren Kindern, die unvorstellbar dankbar sind für die medizinische und pflegerische Hilfe, die sie empfangen durch deutsche Ärztinnen unter den Soldatinnen. Dann sind jene Männer und Frauen unvergesslich, die sich für ein moderneres Land einsetzen trotz und mit ihrer eigenen Tradition: Es geht konkret darum, die Rechte aller Menschen mehr und mehr zu achten und die Bildung von Mädchen und Frauen zu fördern, auch, um eine wachsende Unabhängigkeit von Ideologien und religiösem Fanatismus zu erreichen.

Und nun diese erschreckenden Bilder. Für mich eine bittere Niederlage eines fast 20-jährigen Einsatzes für Frieden und Sicherheit. Wie viel Vertrauen wurde in eine bessere Zukunft gesetzt und was ist daraus geworden?

Vertrauen spielt eine sehr wichtige Rolle für das Zusammenleben mit vielen Menschen, gerade in den globalen Verhältnissen unserer Zeit. Es geht um die Verlässlichkeit der miteinander agierenden Partnerinnen und Partner, in den unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen. Es geht um Fragen von Konsens und Konflikt, von Gerechtigkeit und Recht, von Gesellschaftsstruktur und Lebensformen. Um in einer vielperspektivischen Welt wie heute zu leben, sind viele Lernprozesse nötig. Gerade wenn die Rechte von Minderheiten beschnitten werden, wenn Wahlsysteme zum Zwecke der Stabilisierung eigener Macht verändert, wenn die Unabhängigkeit der Justiz bedroht und wenn die Medien und die freie Meinungsäußerung unter Aufsicht gestellt werden, dann ist der Weg nicht mehr weit, den Gegner zum Feind des Volkes zu erklären und sich zugleich als die einzig wahren Repräsentanten des Volkswillens darzustellen. Wohin das führt, haben wir im Laufe der Geschichte immer wieder gesehen: Am Ende bleiben Leid und Zerstörung, wie in Afghanistan.

Mögen in Afghanistan auch andere Kulturen herrschen und politische Systeme prägend sein als bei uns: Es bleibt doch die Aufgabe, die unveräußerlichen Grundrechte der Menschen dort zu verwirklichen und zu stärken. Der Mensch als freie, gleiche und mit unverfügbarer Würde ausgestattete Person darf nicht unterdrückt werden! Es ist nicht einfach, hier entschieden und zugleich kultursensibel vorzugehen, aber es gehört zu einer der großen Aufgaben unserer Gesellschaft und gerade auch der Kirchen, für die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen als Person einzutreten. Denn diese Würde kommt letztlich von Gott. Dazu braucht es neben dem Recht auch eine Moral, die sich durch Anständigkeit, Uneigennützigkeit, Wahrhaftigkeit und Tugenden auszeichnet. Es braucht Respekt vor Andersdenkenden, Aufgeschlossenheit für die Argumente des politischen Gegners, Kompromissorientierung und Geduld in Konflikten.

Der unbedingte Respekt vor der Würde eines jeden Menschen mit seinen unveräußerlichen Rechten bringt für uns Christen das Evangelium Christi am deutlichsten zum Ausdruck – auch und gerade in seiner politischen Dimension: Das Evangelium Christi steht für die Freiheit eines jeden Menschen. Diese Freiheit zu verwirklichen, muss Ziel einer lebendigen Gesellschaft sein und muss in eine politische Kultur und in Institutionen eingebettet sein. Angesichts solcher Gewaltorgien wie in Afghanistan müssen wir alles tun, damit die verfolgten Menschen dort Vertrauen haben können, sogar als bedrohte Flüchtlinge eine neue Heimat zu erhalten, um die eigenen unveräußerlichen Rechte leben zu können – und zwar universal.

Wenn es um die Einhaltung und Verwirklichung der Menschenrechte geht, stehen wir alle weltweit vor einer der größten Aufgaben. Und das betrifft auch uns hier in Deutschland. Es geht um das Schaffen von Vertrauen gegenüber den Menschen, die bei uns in der Flutkatastrophe alles verloren haben, wie auch gegenüber den Menschen in Afghanistan. Gerade als Christen stehen wir in der Verantwortung, Vertrauen nicht zu enttäuschen, damit Zusammenleben in der Nachbarschaft, wie in der gesamten Welt gelingen kann. Mir hilft dabei die Überzeugung, dass jeder Mensch als Geschöpf Gottes eine unverlierbare Würde hat. Dafür lohnt jeder Einsatz, jede Mühe und auch jedes Gebet.

Nachdenklich, aber mit dem Vertrauen auf Gottes Gegenwart in dieser so unvollkommenen Welt grüßt Sie

Ihr

Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen

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