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Hörmal | 10.06.2019 | 07:45 Uhr

Wo ist Gott?

Heute geht es mir um die Frage: Wo ist Gott? Und das hat zunächst nichts mit Pfingstmontag zu tun. Es geht um den 10 Juni vor 75 Jahren.

Heute genau vor 75 Jahren wurden nämlich zwei Massaker von Deutschen SS-Soldaten während des Zweiten Weltkriegs verübt, Verbrechen gegen damals geltendes humanitäres Völkerrecht.

Das eine Massaker geschah in Frankreich, in dem kleinen Ort Oradour-sur-Glane. Es war das größte Massaker des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa: SS-Soldaten hatten ein ganzes Dorf niedergebrannt, Männer erschossen, Frauen, Kinder, sogar Babys in einer Kirche zusammengetrieben und die Kirche angezündet und zum Einsturz gebracht. Weit über 600 Menschen kamen in Oradour zu Tode, offenbar als Vergeltungsschlag. Das gesamte Dorf wurde verdächtigt, Widerstand zu unterstützen gegen die deutsche Besatzungsmacht. Noch heute kann man die Ruinen der alten Stadt sehen – ein Mahnmal gegen Kriegsverbrechen.

Das zweite Massaker geschah am selben Tag gut zweitausend Kilometer weiter östlich in Griechenland im Ort Distomon. Mit unvorstellbarer Brutalität wurden hier über 200 Menschen auch von SS-Soldaten erschossen oder auf offener Straße verstümmelt und erschlagen, ebenfalls als Vergeltungsschlag wegen angeblicher Unterstützung von Partisanen. Die Brutalität ist kaum vorstellbar und sollte die Bevölkerung abschrecken. Heute gehört Distomon zu einem der etwa einhundert sogenannten Märtyrerdörfer in Griechenland, die ebenfalls an die Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnern. 75 Jahre ist das auf den Tag genau her.

Damals waren die Täter Deutsche. Heute töten andere. Massaker werden noch immer verübt – ob in Syrien, in der Zentralafrikanischen Republik oder außerhalb von Kriegen etwa in amerikanischen Schulen und Verwaltungsbehörden. Was tun da Menschen einander an? Und: Wo ist da Gott?

Als Priester spreche ich oft über die Gegenwart Gottes. Gerade an Pfingsten predige ich davon: Gott ist bei den Menschen durch seinen Heiligen Geist, so wie er es schon im Alten Testament gesagt hat: Ich bin da!

Ja, aber wo war er denn dann vor 75 Jahren in Oradour sur Glan oder in Distomon?

Die Frage hat auch den jüdischen Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel beschäftigt. Er war Überlebender des Holocaust im KZ Buchenwald. Die Frage „Wo ist Gott?“ zieht sich durch sein gesamtes literarisches Werk. In seinem Buch „Die Nacht“[1] – quasi eine Autobiographie – gibt er eine Antwort auf diese Frage. Er beschreibt, wie er im KZ Augenzeuge einer Hinrichtung von drei Verurteilten wurde, die an einem Sabotageakt beteiligt gewesen sein sollen. Einer der drei war ein Kind, das am Galgen nicht sofort starb, sondern über eine halbe Stunde mit dem Tod rang. Die Mitgefangenen mussten an den drei Gehängten vorbeiziehen. Da stellte einer der Mitgefangenen genau diese Frage: „Wo ist Gott?“ Und die Antwort von Elie Wiesel: „Ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo er ist? Dort - dort hängt er, am Galgen ...‘“[2]

Zugegeben: diese Gedanken sind etwas schwer für einen Pfingstmontag, der den meisten von uns einen freien Tag beschert hat. Aber das Gedenken an einen Tag wie vor 75 Jahren hat nicht frei, nur weil Feiertag ist. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben bleibt. Und damit auch jene Frage: Wo ist Gott?

Er ist da – und er leidet immer noch mit den Menschen mit.


[1] Elie Wiesel, Die Nacht. Erinnerungen und Zeugnis, Herder Freiburg 2008. [2] Ebd., S. 94.

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