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Hörmal | 29.08.2021 | 07:45 Uhr

Sich zurücknehmen

Ich schätze den Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354-430) – seit meiner Studienzeit. Aber jetzt bin ich auf ein Zitat gestoßen, da dachte ich: Ist der etwa zynisch? Naja, er äußert sich sehr eigenwillig über den Heiligen Johannes den Täufer, dessen Todestag die katholische Kirche heute begeht.

Johannes ist jener charismatische Wanderprediger in der Wüste Juda, zu dem Tausende strömten, wie es in der Bibel steht und der einem anderen den Vortritt gelassen hat. Das finde ich grundsympathisch. Denn es gibt sie ja auch heute noch, Menschen, die anderen den Vortritt lassen, indem sie sich zurücknehmen: auf der Autobahn beim Einfädeln zum Beispiel oder beim Einsteigen in die Bahn. Und meine Beobachtung: In der Regel geht es mit Rücksicht aller sogar schneller, als wenn sich einzelne vordrängeln und damit andere ausbremsen. Ein Hoch also auf diejenigen, die sich im entscheidenden Moment zurücknehmen können.

Deren Schutzpatron ist, wenn man so will, der Heilige Johannes. Von ihm heißt es im Neuen Testament, als er sich mit Jesus vergleicht (Joh 3,30): „Er [Jesus] muss wachsen, ich aber geringer werden.“ Klar, Johannes lässt Jesus den Vortritt, damit dessen Werk beginnen kann. Und er selbst nimmt sich dafür zurück und macht damit Jesus und seinen Anhängern Platz.

Nun muss zu Johannes aber noch was gesagt werden. Johannes wurde laut Bibel enthauptet, weil er gewettert hatte gegen König Herodes und dessen Ehebruch mit der Frau seines Bruders. Die Kritik war aus Sicht der jüdischen Gesetze zwar ok, ärgerte aber den König Herodes und vor allem seine Geliebte. Und so wurde Johannes bei der erst besten Gelegenheit einen Kopf kürzer gemacht (vgl. Mk 6,14-29 par.).

Und es war der Heilige Augustinus, der diesen geköpften Johannes vor Augen hatte, als er seine ganz eigene Ausführung schrieb zu dem Satz: „Er muss wachsen, ich aber geringer werden.“ Augustinus verstand das nämlich so: Jesus wurde gekreuzigt und damit höher gehängt am Holz des Kreuzes, als ob er wachsen würde. Und Johannes wurde dagegen enthauptet und damit kürzer, eben geringer gemacht. Klingt ganz schön makaber, ja zynisch, wenn man sich beide Hinrichtungsarten einmal plastisch vorstellt.

Aber Augustinus ist kein Zyniker. Er wäre nicht der große christliche Gelehrte, wenn er nicht noch eine tiefere Deutung geben würde. Augustinus fragt, als er über den Satz vom Wachsen und Geringer-Werden nachdenkt[1]: Mensch, worauf willst du dir eigentlich etwas einbilden, dass du meinst, überhaupt den Vortritt zu haben? Alles, was du hast, hast du doch empfangen, von einem anderen her – letztlich von Gott. Und deswegen sagt Augustinus: Der Mensch soll in sich abnehmen, damit er in Gott zunehme.

Das deckt sich ein wenig mit einer Eingebung, die ein anderer Heiliger Johannes hatte: Johannes XXIII. Als der nämlich 1958 Papst wurde, konnte er anfangs nicht gut schlafen. Erst als ihm ein Engel zuflüsterte: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“[2], sei es ihm besser gegangen.

[1] Vgl.: Augustinus von Hippo, Tractatus in Evangelium Johannis. Vorträge über das Johannes-Evangelium (BKV), 14. Vortrag, Nr. 5.

[2] https://www.capital.de/karriere/nimm-dich-nicht-so-wichtig https://www.sueddeutsche.de/panorama/heiligsprechung-im-vatikan-johannes-xxiii-der-heilige-vater-der-herzen-1.1944006

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