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Das Geistliche Wort | 22.11.2020 | 08:40 Uhr

Beethoven und Glauben

Autor: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist beeindruckend, wie Menschen aus schweren Lebensumständen herauskommen. Wie Menschen in großer Not unglaublich Fähigkeiten und Kräfte entwickeln können. Und dabei spielt auch der Glauben eine nicht zu unterschätzende Rolle.  

 

Heute ist Totensonntag. Der Tag steht auch für Auferstehung und Hoffnung. Und ich möchte von einem Menschen erzählen. Und zwar von einem, der den Weg aus der Finsternis zum Licht zum eigenen Lebensbekenntnis gemacht hat. Ein einsamer Mann in vielfacher Hinsicht, aber einer, der Weltruhm erlangt hat.

 

Musik 1: Auftakt Beethovens 5. Symphonie, Dadada-daaaaaa!

Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie, 1. Satz „Allegro von brio“, Track 1, Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman (1997) / Arte Nova Classics LC 03480

 

Autor: Genau: Ludwig van Beethoven. Vor 250 Jahren wurde er geboren. Beethoven war kein Kirchenmusiker, so wie Johann Sebastian Bach. Und doch, Beethoven war – was noch wenig erforscht ist – ein erstaunlich religiöser Mensch.

 

O-Ton (Beikircher 3/0:36): Er hat seine Mama sehr geliebt und war zeitlebens dankbar dafür, dass es ihm vergönnt war, sie beim Sterben in den Tod begleiten zu können. Ich glaube, das war auch ein intensives, religiöses Erlebnis für ihn. Ich glaube, Gott gefunden, wenn man so direkt fragt, hat er da, und wie er das Heiligenstädter Testament geschrieben hat.

 

Autor: erzählt Konrad Beikircher, der Kabarettist ist aus Selbststudium und Leidenschaft zum Beethoven-Experte geworden. Das „Heiligenstädter Testament“ schreibt Beethoven in einer seiner großen Lebenskrisen. Als er spürt, dass er taub wird und den Kontakt zu den Menschen verliert. Er spielt sogar mit dem Gedanken,

 

O-Ton (Beikircher 3/1:11): dass er am liebsten seinem Leben ein Ende bereiten möchte. Aber: „Ich gehöre der Kunst, ich gehöre nicht mir selbst!“ Das sind schon Sätze, glaube ich, die ohne Gott gefunden zu haben, jemand so nicht schreiben kann.

 

Musik 2: Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie, 1. Satz „Allegro von brio“ (Track 1, 4.48-4.56 anschl. weiter unter Text), Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman (1997) / Arte Nova Classics LC 03480

 

Autor: Religion ist lebenswichtig, wie ein tägliches Lebensmittel. Für Beethoven sogar ein Überlebensmittel. Dabei macht auch Beethoven die Erfahrung, dass einen der Glaube an Gott nicht über die dunklen Täler des Lebens hinwegträgt, aber hindurch.

 

O-Ton (Kaftan 1/16.26): Gestärkt durch den Glauben? Ja, absolut! Ich glaube, das war Beethoven absolut. Gestärkt durch das Wort. (…) und dass dann quasi vom Dunklen in Licht zu bewältigen, das ist ja ein Urthema bei Beethoven, nicht nur in der Missa Solemnis, in der 9., sondern allein auch die 5. ist auch so ein Stück, wo wir eine Reise durch die Farbwelt von ganz, ganz Dunkel in ganz, ganz Hell erleben.

 

Autor: erzählt Dirk Kaftan, Dirigent des Bonner Beethoven-Orchesters. „Ich habe mit Musik mein Leiden in Hoffnung verwandelt.“ Das schrieb sich Beethoven selbst ins Stammbuch, in sein Konversationsheft, in dem er für sich zentrale Gedanken sammelte.

 

Musik 3: Musik: Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie, 2. Satz „Andante con moto“ (Track 2, 0.00-0.20, kurz vorher und anschl. weiter unter Text), Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman (1997) / Arte Nova Classics LC 03480

 

Autor: Es war die Musik, die ja auch gerade mir in der evangelischen Tradition im Gottesdienst so viel Zuspruch, Trost und Horizont gibt, die Beethoven am Leben hielt. Das Musizieren, vor allem das Komponieren gaben ihm die Kraft zu leben – trotz allem. Beethoven-Forscher sagen: Wo andere Menschen Morphium nahmen, nahm Beethoven die Feder und schöpfte Musik.

 

Musik 4: Musik: Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie, 2. Satz „Andante con moto“ (Track 2)

 

Autor: Der Bonner Generalmusikdirektor Dirk Kaftan blickt selbst auf ein zermürbendes Jahr zurück. Sein eigener Traum von einem grandiosen Beethovenjahr mit großen Konzerten ist durch Corona ins Wasser gefallen. Er hat in dieser für ihn großen Krise – und das gilt ja für ganz viele Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen und Musiker – Beethoven noch einmal neu entdeckt:

 

O-Ton (Kaftan 1/5:47): Wenn man jetzt mal Beethovens Werk sieht, dann ist mir das auch ein Wunder, wie dieses Werk die größten Krisen unserer Zeit überstehen konnte und von Menschen immer gebraucht und neu entdeckt wurde. Sagen wir, wir befinden uns jetzt in einer Krise. Und wie sollen wir daraus kommen? Viele Menschen sind verzweifelt, viele Menschen haben Fragen, viele stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Dann ist diese Geschichte, die so ein Künstler geschaffen hat, der jetzt 250 Jahre alt ist, wo man sagen müsste, Mensch, den hätten wir auch vergessen können. Diese Geschichte macht erst einmal große Hoffnung.


Autor: Allerdings, Hoffnung gibt es bei Beethoven nicht, ohne dass man auch in die Dissonanzen, also in die Missklänge des Lebens eintaucht. Durch die Dunkelheit ans Licht heißt eben: Ich verdränge oder überspiele nicht das, was im Leben schiefläuft, meinen Schmerz, meine Ohnmacht. Ich halte das aus, stelle mich dem und entwickle daraus neue Kraft. Eben nicht über das dunkle Tal hinweg, sondern hindurch.  So wie es in einem der persönlichsten Gebete der Bibel anklingt, Psalm 23:

 

Sprecherin: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

 

Musik 5: Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 14 („Mondscheinsonate“), Alfredo Perl, aus „Pianissimo“. ARTE NOVA Classics, Track 1

Autor: Beethoven ist katholisch getauft. Man weiß nicht viel übers seine Religionspraxis. Manche sagen, Musik sei für ihn zu einer Art Ersatzreligion geworden. Das ist aber nicht richtig. Sicher ist nur, er hat jede Form von kirchlicher Bevormundung abgelehnt und schon zu Bonner Zeiten die konfessionellen Grenzen weit hinter sich gelassen.

 

Aber Beethoven hat gebetet, hat in größter Not viel Zuspruch aus dem Glauben geschöpft, auch aus evangelischer Frömmigkeit. In seiner Hausbibliothek stand das Buch „Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres“. Ein Werk des frommen lutherischen Theologen Christoph Christian Sturm. Ganze Passagen, die Beethoven wohl wichtig waren, sind per Hand angestrichen:

 

Sprecher: „Gelassen will ich mich also allen Veränderungen unterwerfen und nur auf deine unwandelbare Güte, o Gott, mein ganzes Vertrauen setzen. Sey mein Fels, mein Licht, ewig meine Zuversicht.“

 

Autor: Als Beethoven diese Verse markiert, hat er gerade einen heftigen Streit mit seiner Familie. Er, dem Familie und Freunde so am Herzen liegen, weil er selbst weder Frau noch Kinder hat. Beethoven findet Trost in den Worten des evangelischen Theologen Sturm. Aber nicht nur dort:

 

O-Ton (Ronge 2/2:45): Wir wissen, und das finde ich fast interessanter als den Sturm, dass Beethoven die „Ansichten von Religion und Kirchenthum“ von Ignaz Aurelius Feßler gelesen hat, der ein sehr interessanter Mann war, Feßler war katholischer Priester und ist dann zum Protestantismus übergetreten.

 

Autor: erklärt Julia Ronge, Leiterin der Sammlung im Beethovenhaus in Bonn. Feßler propagiert Martin Luthers Vorstellung von der Kirche als „Priestertum aller Gläubigen“, also, dass vor Gott alle Menschen, zumindest alle Getauften, gleich sind. Das gefiel Beethoven sehr.

 

Die Musikwissenschaftlerin Ronge hat bei ihren Forschungen zu Beethoven noch andere spannende religiöse Spuren entdeckt. Es geht dabei um ein Requiem, um eine Totenmesse. Mozart hat eine bedeutende geschrieben. Beethoven hat auch an einer gearbeitet. Nur ist die nie erschienen. Auch weil Beethoven anderes zu tun hatte, was für ihn wohl auch finanziell lukrativer war …

 

O-Ton (Ronge 4/5:08): … aber ganz Wien wusste von diesem Requiem-Projekt und er wird immer wieder darauf angesprochen; und interessanterweise denken die Zeitgenossen das Gleiche wie wir heute: Wenn Beethoven ein Requiem geschrieben hätte, dann wäre das bestimmt was Pompöses geworden mit viel Posaunen, wo seine Gesprächspartner sagen: Requiem! Da kommt der Teufel aus der Hölle! – Und er antwortet ganz gegenteilig, er sagt nämlich: Nein! Requiem? Seine Vorstellung ist eher etwas Sanftes, ein freundliches Gedenken an den Toten, überhaupt nichts mit Hölle, Posaunen und Trompeten, ´was Freundliches, was Liebevolles, eine nette Erinnerung an den Verstorbenen und deswegen hätte ich das gerne gehabt, dieses Requiem, weil es so gar nicht unserem Klischee von Beethoven entspricht. 

 

Autor: Ludwig van Beethoven entspricht keinem Klischee. Auch in der Religion nicht. Anders glauben als es die Menschen von einem erwarten – Macht das nicht gerade Glauben aus? Nicht nachbeten, was andere glauben. Sondern selbst nach Gott spüren und was Gott einem sagen möchte.

 

Musik 6: Ludwig van Beethoven: 9. Symphonie, Track 4, Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman (1997) / Arte Nova Classics, LC 03480.

 

Autor: „Freude, schöner Götterfunken: Alle Menschen werden Brüder!“ Beethovens 9. Symphonie lässt die Götterfunken geradezu strahlen. Beethoven hat den Text von Friedrich Schiller schon zu Bonner Zeiten geliebt. Er sprengt alle Grenzen von Konfessionen und Religionen. Er sprach Beethoven aus der Seele, sagt Konrad Beikircher.

 

O-Ton (Beikircher 2/3:43) Also, er war – wie soll man sagen – ein aufgeklärter Christ, den die Niederungen der Geistlichkeit nicht wirklich interessiert haben. Er hat darüber hinaus gedacht und war damit eigentlich auch in religiöser Hinsicht ein leuchtendes Beispiel, finde ich, dafür, was es bedeuten kann oder muss, Christ zu sein. Da ist mir Beethoven tatsächlich auch ein Vorbild: Der war nicht kleingeistig und nie kleinlich, schon gar nicht im Religiösen!

 

Autor: Evangelisch, katholisch – für Beethoven spielt das keine Rolle. Entscheidend ist die innere Haltung und dass Gott möchte, dass die Menschen trotz aller Krisen zusammenbleiben und zusammenhalten. Nächstenliebe sind vielleicht die schönsten Götterfunken!

 

Dabei darf man bei der weltberühmten „Ode an die Freude“ eines nicht vergessen, wünscht sich der Bonner Generalmusikdirektor Dirk Kaftan:

 

O-Ton (Kaftan 1/14.45): … dass der berühmte Chor nur ein ganz kleiner Teil der Symphonie ist. Und dass man, bis man zu diesem Chor kommt, einen großen Weg zurücklegen muss. Nämlich drei Sätze erleben, drei Sätze, die extremstes Dunkel durchschreiten, die extremstes Leid schildern, die auch extremste Unterdrückung zeichnen, die träumen von einer Idealwelt. Also, da erringt man sich diesen Chor am Ende.

 

Musik 7: Freude, schöner Götterfunken / Tochter aus Elysium / Wir betreten feuertrunken /Himmlische, dein Heiligtum!
Ludwig van Beethoven: 9. Symphonie, Track 5 (2.42-2.52), Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman (1997) / Arte Nova Classics, LC 03480.

O-Ton (Kaftan 1/15.16): Und ich finde es immer ganz schwierig, das loszulösen, quasi den Hymnus irgendwo zu spielen und zu sagen: Das ist jetzt Beethoven. Nein, dieser Hymnus funktioniert eben nur in Kombination mit diesem Weg aus dem Dunkel. Gerade dieser Anfang dieser 9. Symphonie, das ist so eine Ursuppe, so eine Masse auch an Grauen zum Teil, was da in der Musik kommt. Und mein Wunsch ist immer, dass man das einem Publikum, das jetzt nicht jeden Tag Beethoven hört, zu vermitteln, dass man sich auf diese innere Reise einlässt, bis dieser Götterfunken dann zu uns durchdringt, und dass man das auch als eine Art von Befreiung empfindet am Ende, aber man vergisst nicht, was man da erlebt hat.

 

Musik 8: Deine Zauber binden wieder / Was die Mode streng geteilt / Alle Menschen werden Brüder / Wo dein sanfter Flügel weilt.

Ludwig van Beethoven: 9. Symphonie, Track 5 (2.53-3.16), Tonhalle Orchester Zürich, David Zinman (1997) / Arte Nova Classics, LC 03480.

 

Autor: Zwei Dinge bei Beethoven sind mir auch für meinen Glauben wichtig: 1. Leben geht nicht ohne Widerstand. Es ist immer wieder neu ein Ringen um Erkenntnis und Verständnis, um Liebe und um Glück. Und 2. Ich brauche ein Ziel. Ansonsten ist alles Ringen vergeblich. Und dieses Ziel kann auch eine große Vision sein: „Alle Menschen werden Brüder“.

 

Und so glaube ich – auch wie Ludwig van Beethoven: Gott hat mit jedem von uns etwas vor in der Welt. Jede und jeder ist auf seine Art berufen! Es gibt so viel zu komponieren – nicht nur an Musik. Auch an Liebe, an Mitmenschlichkeit, an Vergebung. An Einsatz für Frieden, für mehr Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung. Träumen Sie ein wenig von Ihren Götterfunken und überlegen Sie mal, zu was Sie berufen sind. Sie werden ihren Ton finden! Da bin ich mir sicher, sagt Ihnen Ihr Joachim Gerhardt von der evangelischen Kirche in Bonn.

 

Musik 9: Massimo Farao Trio: "Ode to Joy", aus: Massimo Farao Trio: "The Classic Jazz Lounge", Azzurra Music (2006) / LC 22104.

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel



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